Hunter Biden und Tucker Carlson finden ihren gemeinsamen Gegner: Israel
Jahrelang standen sie politisch auf völlig verschiedenen Seiten. Nun finden Hunter Biden und Tucker Carlson ausgerechnet bei Israel zusammen. Dazu kommen unbelegte Behauptungen über angebliche israelische Hintermänner.

Es ist eine politische Begegnung, die noch vor wenigen Jahren kaum vorstellbar gewesen wäre. Tucker Carlson gehörte zu den bekanntesten Stimmen der amerikanischen Rechten und machte Hunter Biden über Jahre zu einem Symbol für Korruption, Machtmissbrauch und die Abgründe der Familie des damaligen Präsidenten Joe Biden. Hunter Biden wiederum war eines der bevorzugten Angriffsziele konservativer Medien.
Nun sitzen beide einander gegenüber und entdecken plötzlich erstaunlich viel Gemeinsamkeit.
Der gemeinsame Nenner heißt Benjamin Netanjahu. Und zunehmend auch Israel.
In einem rund zweistündigen Interview mit Carlson sprach Hunter Biden zunächst über seine Drogensucht, seine Vergangenheit und die Affäre um die Daten seines Laptops. Dann nahm das Gespräch eine Richtung, die weit über die persönlichen Skandale des ehemaligen Präsidentensohnes hinausging. Carlson behauptete, Personen aus Israel oder mit Verbindungen nach Israel hätten während der Laptop Affäre versucht, ihm Informationen zuzuspielen, wonach sich auf dem Computer Material über den Missbrauch Minderjähriger befunden habe.
Für diese Behauptung präsentierte Carlson während des Gesprächs keine öffentlich überprüfbaren Belege.
Das ist entscheidend.
Carlson sagte sinngemäß, diese Behauptungen seien damals von Israelis an ihn herangetragen worden. Er erklärte außerdem, einen Mitarbeiter zu einem Treffen mit einer Person geschickt zu haben, die angeblich Beziehungen zu Netanjahu gehabt habe. Daraus entwickelte Carlson eine noch weitreichendere Erzählung: In Washington hätten viele gewusst, wer hinter bestimmten Informationen stecke, aber wegen des politischen Drucks, Israel nicht zu kritisieren, sei stattdessen Russland verantwortlich gemacht worden.
Das ist eine enorme Anschuldigung.
Und bislang bleibt sie genau das: eine Anschuldigung ohne öffentlich vorgelegte Beweise.
Dass Carlson selbst einräumt, diese Geschichte während seiner Zeit bei Fox News nicht öffentlich erzählt zu haben, macht sie nicht belastbarer. Eine Behauptung wird nicht dadurch wahr, dass jemand Jahre später erklärt, er habe es schon damals gewusst.
Gerade bei Israel ist diese Art der Argumentation gefährlich. Aus einzelnen angeblichen Kontakten werden schnell diffuse Netzwerke. Aus einer Person mit angeblichen Beziehungen nach Israel werden plötzlich „die Israelis“. Und aus nicht belegten persönlichen Erfahrungen entsteht die Vorstellung, hinter einem der größten politischen Skandale der Vereinigten Staaten habe im Hintergrund Israel mitgemischt.
Genau solche Verkürzungen verdienen besondere Aufmerksamkeit.
Denn Kritik an Israel ist selbstverständlich nicht automatisch antisemitisch. Kritik an Benjamin Netanjahu ist es ebenfalls nicht. Israel ist eine Demokratie, seine Regierung kann kritisiert werden, auch scharf. Das geschieht jeden Tag in Israel selbst.
Aber zwischen Kritik an einer Regierung und der Behauptung, nicht näher bezeichnete Israelis hätten verdeckt eine amerikanische Schmutzkampagne betrieben, liegt ein erheblicher Unterschied.
Carlson lieferte für diese Behauptung nach dem vorliegenden Bericht keine Beweise.
Hunter Biden widersprach ihm nicht grundsätzlich. Stattdessen entwickelte sich zwischen beiden eine bemerkenswerte gegenseitige Bestätigung.
Biden erklärte Carlson ausdrücklich, dass er ihn nicht für einen Antisemiten halte. Dann folgte der Satz, der zum zentralen Moment des Gesprächs wurde. Wenn es antisemitisch sei, Benjamin Netanjahu als das personifizierte Böse zu bezeichnen, wisse er nicht mehr, was er den Menschen sagen solle.
Carlson stimmte der grundsätzlichen Argumentation zu und bezeichnete den Vorwurf, solche Kritik könne antisemitisch sein, als offensichtliche Lüge.
Damit entstand ein politisches Bild, das weit über die beiden Männer hinausweist.
Der Sohn eines ehemaligen demokratischen Präsidenten und eine der einflussreichsten Figuren der populistischen amerikanischen Rechten finden ausgerechnet bei der maximalen Dämonisierung des israelischen Ministerpräsidenten zueinander.
Man muss Benjamin Netanjahu nicht mögen, um den Unterschied zwischen politischer Kritik und der Bezeichnung eines demokratisch gewählten Regierungschefs als Verkörperung des Bösen zu erkennen.
Man darf auch fragen, warum ausgerechnet Israel inzwischen eine der wenigen politischen Fragen ist, bei denen Teile der radikalen Linken und der isolationistischen Rechten plötzlich dieselbe Sprache sprechen.
Denn die Entwicklung beschränkt sich längst nicht mehr auf Hunter Biden.
Carlson hat seine Angriffe auf Israel während der vergangenen Monate massiv verschärft. Bereits im Februar bezeichnete er Netanjahu in einem Interview als vollständig böse und zerstörerisch. Er behauptete außerdem, der israelische Ministerpräsident gefährde die Vereinigten Staaten und die Welt.
Später erklärte Carlson, Israel habe seine Moral verloren. Er verband diese Bewertung unter anderem mit den zivilen Opfern der Kriege gegen Hamas, Hisbollah und Iran.
Kritik an israelischer Kriegsführung gehört zur legitimen politischen Debatte. Problematisch wird es dort, wo aus Kritik immer wieder Erzählungen über einen übermächtigen israelischen Einfluss auf Washington werden.
Carlson hat wiederholt behauptet oder angedeutet, Israel beeinflusse amerikanische Entscheidungen in einem Umfang, der weit über normale Beziehungen zwischen Verbündeten hinausgehe. Im Zusammenhang mit dem Krieg gegen Iran stellte er die amerikanische Beteiligung als Krieg dar, den Israel gewollt und den die Vereinigten Staaten letztlich für Jerusalem geführt hätten.
Jetzt kommt eine weitere Geschichte hinzu: Israelis sollen hinter besonders schweren Behauptungen während der Hunter Biden Laptop Affäre gestanden haben.
Belege bleiben aus.
Das Muster wird trotzdem weitergetragen.
Gerade deshalb ist die Begegnung mit Hunter Biden bemerkenswert. Die beiden Männer kommen aus völlig unterschiedlichen politischen Welten. Carlson gehörte zu denjenigen, die Hunter Biden jahrelang öffentlich angriffen. Hunter Biden wiederum hatte Carlson und Fox News wegen verschiedener Behauptungen über seine Familie juristisch unter Druck gesetzt. Bereits 2023 forderten Bidens Anwälte Carlson zu einer Rücknahme angeblich falscher und verleumderischer Aussagen auf.
Dabei kannten sich beide sogar persönlich. Carlson erklärte früher selbst, Hunter Biden sei sein Nachbar gewesen und ihre Familien hätten sich gekannt. Bekannt wurde außerdem, dass Carlson Biden Jahre zuvor um Hilfe bei der Bewerbung seines Sohnes an der Georgetown University gebeten hatte.
Jetzt sitzen sie gemeinsam vor der Kamera und finden ausgerechnet beim Thema Israel zueinander.
Das sagt viel über die Verschiebungen innerhalb der amerikanischen Politik aus.
Antiisraelische Positionen waren lange vor allem mit dem progressiven Flügel der Demokratischen Partei verbunden. Dort wurden Boykottbewegungen, einseitige Schuldzuweisungen gegenüber Israel und zunehmend radikale Äußerungen gegen Zionismus besonders sichtbar.
Doch inzwischen wächst auf der amerikanischen Rechten ein anderer Strang.
Dort lautet die Argumentation nicht unbedingt „Free Palestine“. Sie kommt unter Begriffen wie „America First“, Ablehnung ausländischer Kriege und Kritik amerikanischer Militärhilfe daher. Das wäre für sich genommen eine legitime politische Position.
Doch bei einigen Akteuren wird daraus immer häufiger etwas anderes: Israel erscheint als manipulativer Staat, der Washington kontrolliere, Amerika in Kriege ziehe oder amerikanische Politiker zum Schweigen bringe.
An diesem Punkt verschwimmt die Grenze zwischen außenpolitischem Isolationismus und alten Verschwörungsmustern.
Carlsons neue Laptop Behauptung passt genau in dieses Problem.
Wenn tatsächlich israelische Personen versucht haben sollten, ihm falsche Informationen über Hunter Biden zuzuspielen, wäre das eine relevante journalistische Geschichte. Dann müsste Carlson Namen, Nachrichten, Dokumente oder andere überprüfbare Belege vorlegen.
Bis dahin bleibt eine Frage:
Warum wird aus angeblichen Kontakten einzelner Personen eine Geschichte über „die Israelis“?
Und warum findet eine solche unbelegte Erzählung in einem Gespräch statt, in dem wenige Minuten später der israelische Ministerpräsident als personifiziertes Böse bezeichnet wird?
Niemand muss Hunter Biden deshalb zum Antisemiten erklären. Auch Tucker Carlson hat das Recht, jede israelische Regierung abzulehnen.
Aber Kritik schützt nicht vor Kritik.
Wer Israel öffentlich schwerste verdeckte Einflussnahme vorwirft, trägt die Beweislast für diese Behauptung. Wer einen israelischen Regierungschef als Verkörperung des Bösen bezeichnet, muss damit rechnen, dass nach der politischen und sprachlichen Dimension einer solchen Dämonisierung gefragt wird.
Und wer behauptet, in Washington könne Israel kaum kritisiert werden, während er vor einem Millionenpublikum seit Monaten genau das tut, liefert unfreiwillig selbst ein Gegenargument zu seiner These.
Der bemerkenswerteste Teil dieses Interviews ist deshalb vielleicht gar nicht der einzelne Satz über Netanjahu.
Es ist die neue politische Allianz, die für einige Minuten sichtbar wurde.
Links und rechts müssen sich in Amerika offenbar nicht mehr bei vielen Dingen einig sein.
Bei einem Thema finden Teile beider Lager inzwischen erstaunlich schnell zusammen.
Israel.
Und je öfter dabei aus Kritik unbelegte Geschichten über geheime israelische Einflussnahme werden, desto weniger genügt die einfache Versicherung, das alles habe selbstverständlich nichts mit Antisemitismus zu tun.
Autor: Samuel Benning
Artikel veröffentlicht am: Dienstag, 11. August 2026