Hebron 1929: 67 Juden ermordet, bevor es den Staat Israel gab
Israel erinnert an das Massaker, das eine jahrhundertealte jüdische Gemeinde zerstörte. Das Verbrechen widerlegt die Behauptung, tödlicher Judenhass im Land sei erst durch die Gründung Israels entstanden.

Israel erinnert an diesem Wochenende, vom Abend des 31. Juli bis zum Abend des 1. August 2026, an das Massaker von Hebron. Am 24. August 1929 überfiel ein arabischer Mob die jüdischen Bewohner der Stadt. Innerhalb weniger Stunden wurden 67 Männer, Frauen und Kinder ermordet, zahlreiche weitere Menschen schwer verletzt, Häuser geplündert und Synagogen verwüstet. Der Staat Israel wurde erst fast 19 Jahre später gegründet.
Diese zeitliche Einordnung ist keine Nebensache. Sie trifft den Kern einer bis heute verbreiteten Geschichtserzählung, nach der tödlicher Judenhass im Land Israel erst als Reaktion auf die Staatsgründung von 1948, den Sechstagekrieg von 1967 oder die Politik späterer israelischer Regierungen entstanden sei. Als die Juden von Hebron ermordet wurden, gab es weder eine israelische Regierung noch eine israelische Armee. Es gab keine israelischen Kontrollpunkte, keine von Israel verwalteten Gebiete in Judäa und Samaria und keinen Ministerpräsidenten, dem die Täter ihre Gewalt hätten anlasten können.
Hebron stand unter britischer Mandatsherrschaft. Die jüdische Gemeinschaft der Stadt war keine neu gegründete politische Niederlassung, sondern Teil eines über Jahrhunderte gewachsenen jüdischen Lebens. Hebron zählt neben Jerusalem, Safed und Tiberias zu den vier heiligen Städten des Judentums. Dort befindet sich die Höhle Machpela, die nach jüdischer Überlieferung die Grabstätte der Erzväter und Erzmütter ist. Die Verbindung des jüdischen Volkes zu Hebron begann daher weder 1948 noch 1967. Sie reicht weit über den modernen Nahostkonflikt hinaus.
Religiöse Hetze bereitete den Morden den Weg
Dem Massaker gingen gezielt verbreitete Behauptungen voraus, Juden planten, die muslimischen Heiligtümer auf dem Tempelberg in Jerusalem zu übernehmen oder die Al-Aqsa-Moschee anzugreifen. Die Gerüchte erzeugten ein Klima religiöser Erregung, das sich nicht gegen eine bestimmte politische Entscheidung richtete, sondern Juden insgesamt zur angeblichen Gefahr für den Islam erklärte. Dasselbe Muster ist auch heute bekannt: Aus einer erfundenen Bedrohung heiliger Stätten wird ein Recht auf Gewalt abgeleitet, während die Opfer bereits vor dem ersten Angriff zu Schuldigen erklärt werden.
Am Morgen des 24. August 1929 drangen die Angreifer in das jüdische Viertel und in außerhalb gelegene jüdische Häuser ein. Der britische Untersuchungsbericht beschrieb später einen äußerst brutalen Angriff, bei dem mehr als 60 Juden, darunter zahlreiche Frauen und Kinder, ermordet und mehr als 50 weitere Menschen verwundet wurden. Synagogen wurden geschändet, Wohnungen geplündert und selbst ein jüdisches Krankenhaus angegriffen, das zuvor auch arabische Patienten behandelt hatte. Die britischen Sicherheitskräfte waren nicht in der Lage, die Bewohner wirksam zu schützen.
Unter den Opfern befanden sich 24 Studenten der Hebron-Jeschiwa. Es waren junge Männer, die zum Studium in die Stadt gekommen waren und keine bewaffnete politische Gruppe bildeten. Die Täter überfielen Familien in ihren Häusern, ermordeten Kinder, Geistliche, Händler und Studenten. Das Ziel war nicht die Durchsetzung einer begrenzten politischen Forderung, sondern die jüdische Gemeinschaft selbst.
Zur vollständigen Geschichte gehört, dass einzelne arabische Bewohner ihre jüdischen Nachbarn versteckten und dadurch Leben retteten. Hunderte Juden fanden während der Gewalt Schutz in arabischen Häusern. Diese Helfer bewiesen, dass niemand gezwungen war, sich dem Mob anzuschließen. Ihr Mut verdient Anerkennung, weil er die persönliche Verantwortung der Mörder und ihrer Unterstützer noch deutlicher macht: Einige Menschen entschieden sich für Menschlichkeit, andere für den Mord an ihren Nachbarn.
Nach dem Massaker brachten die britischen Behörden die Überlebenden aus Hebron fort. Damit wurde das jahrhundertealte jüdische Gemeindeleben in der Stadt vorübergehend beendet. Ein Teil der Bewohner kehrte 1931 zurück, doch während der arabischen Gewaltwelle von 1936 mussten die meisten Juden Hebron erneut verlassen. Erst nach dem Sechstagekrieg von 1967 entstand dort wieder eine dauerhafte jüdische Gemeinschaft.
Der Hass war da, bevor Israel sich verteidigen konnte
Das Massaker von Hebron widerlegt nicht jede Kritik an der heutigen israelischen Politik. Es bedeutet auch nicht, dass sämtliche politischen und territorialen Streitfragen des Nahostkonflikts auf Antisemitismus reduziert werden können. Es widerlegt jedoch eindeutig die Behauptung, antijüdische Gewalt im Land sei ausschließlich eine Folge israelischer Staatlichkeit oder militärischer Stärke.
Die Juden von Hebron hatten keinen eigenen Staat, der sie schützen konnte. Sie verfügten über keine Armee, die sich zwischen ihre Familien und die Angreifer stellte. Sie lebten unter der Herrschaft einer ausländischen Mandatsmacht und vertrauten vielfach darauf, dass ihre langjährigen Beziehungen zu arabischen Nachbarn sie vor einem Angriff bewahren würden. Viele konnten sich nicht vorstellen, dass Menschen, mit denen sie Handel getrieben und Tür an Tür gelebt hatten, sich an einem Pogrom beteiligen oder den Tätern den Weg freimachen würden.
Gerade darin liegt eine der bittersten Lehren von Hebron. Nachbarschaft, wirtschaftliche Beziehungen und persönliche Bekanntschaft genügten nicht, als religiöse Hetze Juden zur vermeintlichen Bedrohung erklärte. Die Täter benötigten keinen Staat Israel als Rechtfertigung. Es reichte die Behauptung, Juden planten einen Angriff auf muslimische Heiligtümer. Aus dem Gerücht wurde eine Erlaubnis zum Töten.
Diese Methode verschwand nach 1929 nicht. Bis heute verbreiten Hamas und andere islamistische Kräfte die Behauptung, Juden oder Israel wollten die Al-Aqsa-Moschee zerstören. Auch das Massaker vom 7. Oktober 2023 wurde von der Hamas unter einen Namen gestellt, der einen angeblichen Kampf um die Al-Aqsa-Moschee beschwor. Die politischen Verhältnisse haben sich seit 1929 grundlegend verändert, doch die religiöse Aufwiegelung folgt einem erschreckend vertrauten Muster: Erst wird eine jüdische Verschwörung erfunden, dann wird Gewalt als Verteidigung dargestellt.
Das israelische Außenministerium erinnerte zum Jahrestag daran, dass die mörderische Ideologie hinter dem Massaker nicht erst mit der Gründung Israels entstand. Diese Feststellung ist keine pauschale Anklage gegen Araber oder Muslime. Sie ist eine notwendige Korrektur einer Erzählung, die Judenhass immer erst dort beginnen lässt, wo Juden sich wehren. Wer die Geschichte auf diese Weise darstellt, macht aus den Tätern nachträglich Reagierende und aus den Opfern die angeblichen Verursacher ihrer eigenen Verfolgung.
Das diesjährige Gedenken wird zusätzlich vom Tod eines der letzten unmittelbaren Zeugen überschattet. Yitzhak Ben-Hebron starb im Mai 2026 im Alter von 100 Jahren. Er war vier Jahre alt, als die Angreifer kamen. Seine Mutter schob eine schwere Nähmaschine vor die Haustür, um den Mob aufzuhalten. Nach 1967 kehrte Ben-Hebron in die Gegend zurück und widmete einen großen Teil seines Lebens dem Wiederaufbau jüdischen Lebens in Hebron.
Mit dem Tod der letzten Zeitzeugen wächst die Gefahr, dass das Massaker aus dem öffentlichen Gedächtnis verschwindet oder politisch umgedeutet wird. Doch Hebron 1929 lässt sich nicht in die Vorstellung eines Konflikts pressen, der erst durch Israel ausgelöst worden sei. Die 67 Ermordeten waren keine Vertreter eines jüdischen Staates. Sie waren Angehörige einer alten Gemeinde, die als Juden angegriffen wurden.
Israel entstand auch aus der Erkenntnis, dass jüdische Sicherheit nicht dauerhaft vom guten Willen fremder Regierungen abhängig bleiben darf. Die Bewohner Hebrons erfuhren 1929, was geschieht, wenn der Schutz versagt und Juden keine ausreichende Möglichkeit besitzen, sich selbst zu verteidigen. Das Gedenken an sie ist deshalb nicht nur Erinnerung an ein historisches Verbrechen. Es erklärt, weshalb die Existenz eines wehrhaften jüdischen Staates für Israel keine verhandelbare politische Idee, sondern eine Frage des Überlebens ist.
Autor: Redaktion
Artikel veröffentlicht am: Freitag, 31. Juli 2026