Wegen ihres Davidsterns angegriffen: Frau in Berlin mit Glasflasche verletzt
In Berlin-Mitte ist eine 43 Jahre alte Frau angegriffen worden, nachdem zwei Männer ihren Davidstern bemerkt hatten. Der Fall zeigt erneut, wie sichtbar und gewalttätig der Antisemitismus in der Hauptstadt geworden ist.

Der Ablauf ist so schlicht wie verstörend. Eine Frau geht nachts durch Berlin-Mitte, zwei Männer sehen ihren Davidstern, beleidigen sie antisemitisch und einer von ihnen greift sie mit einer zerbrochenen Glasflasche an. Genau so schildert es die Berliner Polizei für einen Vorfall auf der Torstraße in der Nacht vom 10. auf den 11. September.
Nach den bisherigen Erkenntnissen war die 43 Jahre alte Frau gegen 2.30 Uhr unterwegs, als sie von zwei bislang unbekannten Männern angesprochen wurde. Der Auslöser war demnach ausdrücklich der von ihr getragene Davidstern. Nach den antisemitischen Beleidigungen soll einer der beiden Täter mit einer zerbrochenen Glasflasche auf sie losgegangen sein. Die Frau wehrte den Angriff ab und erlitt dabei mehrere Schnittverletzungen an einer Hand. Rettungskräfte brachten sie zur weiteren Versorgung in ein Krankenhaus. Die Täter flohen. Der polizeiliche Staatsschutz des Landeskriminalamts übernahm die Ermittlungen.
Der Fall ist deshalb so deutlich, weil Motiv und Angriff hier eng zusammenfallen. Es geht nicht um eine nachträgliche Einordnung in irgendein allgemeines Klima. Die Frau wurde nach dem bisherigen Ermittlungsstand gerade deshalb zum Ziel, weil sie als Jüdin wahrgenommen wurde oder jedenfalls ein sichtbar jüdisches Symbol trug.
Berlin ist mit solchen Taten längst kein Einzelfall mehr. Die offizielle Statistik des Landes Berlin weist für 2025 insgesamt 2.268 antisemitische Straftaten aus. Das waren 24,3 Prozent mehr als im Vorjahr. 64 dieser Taten wurden als Gewaltdelikte eingestuft. Besonders auffällig ist, dass 1.485 Fälle dem Bereich ausländische Ideologie zugerechnet wurden. Der Anstieg hängt laut Senatsinnenverwaltung auch mit einer konsequenteren Anzeigenaufnahme zusammen, sowohl bei Nahost bezogenen Protesten als auch im Alltag und im digitalen Raum.
Auch die Berliner Generalstaatsanwaltschaft beschreibt die Lage als weiterhin alarmierend. Für 2025 wurden 820 Ermittlungsverfahren mit antisemitischem Hintergrund eingeleitet, nach 756 im Jahr zuvor. Seit dem Hamas-Massaker vom 7. Oktober 2023 werden antisemitische Delikte im Zusammenhang mit dem Nahostkonflikt zudem gesondert erfasst. Die Berliner Justiz spricht ausdrücklich von einem weiterhin hohen Niveau.
Der Angriff auf der Torstraße steht damit in einer Reihe ähnlicher Vorfälle. Im Juni wurde in Charlottenburg ein Mann, der mit Kippa und zwei Kindern unterwegs war, antisemitisch beleidigt, bespuckt und geschlagen. Im März wurde in Prenzlauer Berg ein Mann attackiert, nachdem er gesagt hatte, er schreibe auf Hebräisch. Im Mai wurde zudem das Holocaust-Mahnmal in Berlin-Mitte mit einem volksverhetzenden Schriftzug beschmiert. Die Formen unterscheiden sich, die Richtung nicht.
Gerade darin liegt das eigentliche Problem. Jüdische Symbole werden in Berlin für viele Menschen immer mehr zu einem Risiko im öffentlichen Raum. Ein Davidstern, eine Kippa oder hebräische Schrift reichen aus, um Aggression auszulösen. Der Schritt von der Beleidigung zur Gewalt ist dabei offenkundig klein.
Politisch brisant ist das auch deshalb, weil Berlin sich gern als offene, internationale und erinnerungsbewusste Metropole präsentiert. Gleichzeitig wächst die Zahl antisemitischer Taten, und die Gewalt trifft Menschen im Alltag, auf der Straße, vor den Augen anderer. Wer in Deutschlands Hauptstadt wegen einer Kette mit Davidstern mit einer Glasflasche attackiert wird, erlebt den Widerspruch zwischen offizieller Erinnerungskultur und realer Sicherheitslage auf brutal direkte Weise.
Die Ermittler suchen nun nach den Tätern. Noch gibt es keine Festnahmen und keine veröffentlichten Täterbeschreibungen. Für die strafrechtliche Aufarbeitung gilt die übliche Zurückhaltung, solange die Verdächtigen nicht identifiziert sind.
Am politischen und gesellschaftlichen Befund ändert das nichts.
Eine Frau wurde in Berlin nicht trotz, sondern wegen eines jüdischen Symbols angegriffen. Und genau das ist die Nachricht, die man nicht weichzeichnen sollte.
Autor: Redaktion
Artikel veröffentlicht am: Sonntag, 13. September 2026