Irans Hormus-Blockade bringt den Irak an den Rand der Zahlungsunfähigkeit
Bagdad kann zahlreichen Staatsbediensteten ihre Juli-Gehälter nicht pünktlich zahlen. Während Teheran die Straße von Hormus als Waffe einsetzt, brechen dem ölreichen Nachbarland die Einnahmen weg.

Der Irak besitzt gewaltige Ölreserven, zählt zu den größten Förderstaaten der Welt und nimmt normalerweise jeden Monat Milliarden mit dem Verkauf seines Rohöls ein. Trotzdem warten zahlreiche Staatsbedienstete noch immer auf ihr Gehalt für Juli. Der Grund liegt nicht in einem Mangel an Öl, sondern darin, dass Bagdad einen Großteil davon nicht mehr zuverlässig aus dem Land bekommt. Irans Blockade der Straße von Hormus hat den wichtigsten irakischen Exportweg schwer getroffen und legt schonungslos offen, wie abhängig der Staat von einer einzigen Wasserstraße und einer einzigen Einnahmequelle geblieben ist.
Ein hochrangiger Beamter des irakischen Finanzministeriums warnte gegenüber der Zeitung „The National“, dass Gehälter künftig nicht mehr pünktlich ausgezahlt werden könnten, falls die Behinderung der Ölexporte anhält. Bezahlt werde dann, sobald wieder ausreichend Geld vorhanden sei. Intern werde sogar erwogen, Löhne, Renten und Sozialleistungen nur noch alle 45 Tage zu überweisen. Für Millionen Menschen, die auf staatliche Zahlungen angewiesen sind, wäre das keine technische Änderung im Haushaltsplan, sondern ein tiefer Einschnitt in den Alltag.
Der Staat benötigt nach Angaben des Finanzministeriums jeden Monat rund 6,5 Milliarden US-Dollar, um Gehälter, Renten und Sozialleistungen zu finanzieren. Hinzu kommen Zahlungen an Energiekonzerne, Ausgaben für Gas und Strom aus Iran sowie offene Verpflichtungen gegenüber Unternehmen, Landwirten und Gläubigern. Gleichzeitig brachen die monatlichen Öleinnahmen von rund 6,8 Milliarden US-Dollar im Februar auf nur noch etwa 2,3 Milliarden US-Dollar im Mai und Juni ein. Damit reicht das laufende Einkommen nicht annähernd aus, um die regelmäßigen Verpflichtungen des Staates zu erfüllen.
Die Exportzahlen zeigen das Ausmaß des Absturzes. Im Februar verkaufte der Irak noch etwa 100 Millionen Barrel Rohöl. Im Mai und Juni waren es jeweils nur rund 32,1 Millionen Barrel. Im Juli gelang eine leichte Erholung auf ungefähr 42 Millionen Barrel, doch auch dieser Wert liegt weit unter dem Stand vor der Krise. Rund 35,5 Millionen Barrel wurden über die südlichen Terminals ausgeführt, weitere sieben Millionen erreichten über die Türkei den Mittelmeerhafen Ceyhan.
Teherans Druck trifft ausgerechnet den Nachbarn
Die wirtschaftliche Notlage des Irak zeigt, wen Irans Machtkampf um die Straße von Hormus tatsächlich trifft. Teheran stellt die Behinderung des Schiffsverkehrs als Druckmittel gegen die Vereinigten Staaten und deren Verbündete dar. Doch der größte unmittelbare Verlierer ist eines der Länder, in denen Iran seit Jahren politischen, wirtschaftlichen und militärischen Einfluss ausübt.
Bagdad hatte auf eine Sonderbehandlung gehofft. Iran sagte nach irakischen Angaben zu, Tanker mit irakischem Öl passieren zu lassen. Doch nicht alle Schiffe erhielten tatsächlich eine sichere Durchfahrt. Hinzu kamen Angriffe auf Frachter und die allgemeine Gefahr für Besatzungen, Reedereien und Versicherer. Selbst wenn ein Schiff theoretisch fahren darf, bedeutet das noch lange nicht, dass Eigentümer, Seeleute und Käufer bereit sind, das Risiko einzugehen.
Der Irak wird dadurch zum Opfer einer iranischen Strategie, die angeblich westliche Gegner treffen soll. Das Regime in Teheran nimmt in Kauf, dass im Nachbarland Gehälter ausbleiben, staatliche Leistungen gefährdet werden und wirtschaftliche Fortschritte verloren gehen. Die viel beschworene Verbundenheit zwischen beiden Staaten endet dort, wo Iran die Straße von Hormus für seine eigenen politischen Ziele einsetzen kann.
Besonders entlarvend ist, dass Bagdad weiterhin Energie aus Iran einkauft und dafür bezahlen muss, während dieselbe iranische Politik die Haupteinnahmen des irakischen Staates abwürgt. Der Irak finanziert also weiterhin Lieferungen aus dem Nachbarland, obwohl Teherans Blockade verhindert, dass Bagdad sein eigenes Öl in ausreichender Menge verkaufen kann. Diese Abhängigkeit ist kein Ausdruck einer Partnerschaft auf Augenhöhe. Sie zeigt, wie wenig wirtschaftliche und politische Handlungsfreiheit der Irak trotz seiner Rohstoffvorkommen besitzt.
Das Land erzielt mindestens 90 Prozent seiner staatlichen Einnahmen aus dem Ölgeschäft. Vor dem Krieg verließ nach Angaben irakischer Stellen rund 80 Prozent des ausgeführten Rohöls das Land über die Straße von Hormus. Eine längere Sperrung trifft deshalb nicht nur einzelne Unternehmen. Sie trifft den gesamten Staatshaushalt, die Währungsreserven, die Versorgung der Bevölkerung und das Vertrauen in die Regierung.
Schon jetzt sinken die Devisenreserven. Ende Mai lagen sie bei rund 91 Milliarden US-Dollar und damit 6,3 Prozent niedriger als Ende des Vorjahres. Das verschafft Bagdad noch Zeit, löst aber das grundlegende Problem nicht. Ein Staat kann seine laufenden Ausgaben eine Weile aus Rücklagen bezahlen. Er kann jedoch nicht dauerhaft jeden Monat Milliarden mehr ausgeben, als er durch Exporte einnimmt.
Öl wird zu Schleuderpreisen angeboten
Wie verzweifelt die Lage inzwischen ist, zeigen die Preisnachlässe der staatlichen irakischen Ölvermarktungsgesellschaft SOMO. Um Käufer dazu zu bewegen, Tanker trotz der Gefahr nach Basra zu schicken, bot der Irak sein Rohöl für August mit Abschlägen von bis zu fast 30 US-Dollar je Barrel an. Für Basrah Medium lagen die Nachlässe je nach Ladezeit zwischen 25 und 27 US-Dollar, für Basrah Heavy zwischen 27,80 und 29,80 US-Dollar.
Ein Land, dessen Haushalt fast vollständig vom Öl abhängt, muss seinen wichtigsten Rohstoff damit weit unter dem üblichen Vergleichspreis verkaufen, nur damit überhaupt Schiffe kommen. Der Irak verliert doppelt. Er exportiert wesentlich weniger Öl und erhält für die wenigen riskanten Ladungen auch noch einen deutlich niedrigeren Preis.
Bagdad versucht nun, den Würgegriff von Hormus zu lockern. Der Irak und die Türkei haben ihr Abkommen über die Pipeline von Kirkuk zum türkischen Mittelmeerhafen Ceyhan um ein Jahr verlängert. Vorgesehen ist eine Mindestkapazität von 750.000 Barrel täglich. Vor dem Konflikt exportierte der Irak insgesamt etwa 3,5 Millionen Barrel pro Tag. Die türkische Strecke kann Hormus deshalb nicht vollständig ersetzen, sie bietet aber wenigstens einen Ausweg, der nicht von iranischer Kontrolle abhängig ist.
Allerdings besteht zwischen vertraglicher Kapazität und tatsächlicher Förderung ein großer Unterschied. Zuletzt flossen über die Strecke lediglich 40.000 bis 60.000 Barrel pro Tag. Zusätzliche Mengen sollen künftig aus Kirkuk und Basra herangeschafft werden. Dafür müssen Felder, Leitungen, Pumpstationen und Transportwege zuverlässig funktionieren. Die neue Vereinbarung ist daher eine dringend benötigte Lebensversicherung, aber noch keine schnelle Rettung.
Langfristig plant der Irak weitere Pipelines über die Türkei, Syrien und Jordanien. Für eine rund 700 Kilometer lange Verbindung von Basra nach Haditha wurden 1,5 Milliarden US-Dollar vorgesehen. Die Leitung soll später Anschlüsse zu den Häfen Ceyhan, Baniyas und Akaba ermöglichen. Doch solche Projekte benötigen Jahre, große Investitionen und politische Stabilität. Die Gehälter für Juli müssen heute bezahlt werden.
Die Krise zeigt deshalb nicht nur die Rücksichtslosigkeit des iranischen Vorgehens, sondern auch das Versagen irakischer Regierungen. Seit Jahrzehnten ist bekannt, dass nahezu der gesamte Staatshaushalt von Öleinnahmen abhängt und der wichtigste Exportweg durch eine leicht blockierbare Meerenge führt. Trotzdem wurden alternative Leitungen, wirtschaftliche Vielfalt und ein leistungsfähiger Privatsektor nicht entschlossen genug aufgebaut.
Nun tragen nicht die Verantwortlichen zuerst die Folgen. Es sind Lehrer, Verwaltungsangestellte, Polizisten, Rentner und Familien, die auf ihr Geld warten. Für sie ist die Straße von Hormus kein entferntes geopolitisches Thema. Sie entscheidet darüber, ob Miete, Lebensmittel und Medikamente bezahlt werden können.
Iran behauptet, mit der Blockade seine Gegner unter Druck zu setzen. Tatsächlich zeigt der Irak, dass Teherans Politik vor allem die Menschen der Region trifft. Ein Regime, das für seinen Machtkampf den wirtschaftlichen Zusammenbruch eines Nachbarlandes in Kauf nimmt, verteidigt weder regionale Interessen noch muslimische Solidarität. Es benutzt die gesamte Region als Geisel.
Autor: Redaktion
Artikel veröffentlicht am: Donnerstag, 6. August 2026