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+++ Judenhass in Australien: Erst kommt die Gewalt, dann die digitale Meute+++ Europas nächste Falle führt über Ankara und Damaskus

Judenhass in Australien: Erst kommt die Gewalt, dann die digitale Meute


Ein Bericht an Australiens Antisemitismus-Kommission zeigt, wie reale Angriffe auf Juden den Hass im Netz befeuern. Nach Terror, Brandanschlägen und Verschwörungslügen wird sichtbar, wie aus Worten ein Klima der Bedrohung entsteht.

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Australien erlebt, was jüdische Gemeinden weltweit längst kennen: Antisemitismus endet nicht an der Straße, nicht am Tatort, nicht vor einer Synagoge und nicht nach einem Terrorangriff. Er wandert weiter. Er geht in die Kommentarspalten, in die Kurznachrichten, in die Memes, in die Verschwörungsgruppen, in die Plattformen, auf denen Täter zu Helden und Opfer zu Lügnern gemacht werden. Ein neuer Bericht an die Royal Commission on Antisemitism and Social Cohesion zeigt nun, wie eng reale Gewalt und digitaler Judenhass miteinander verbunden sind.

Das Tackling Hate Lab der Deakin University untersuchte anti-jüdischen Hass im australischen Netz für den Zeitraum von Oktober 2021 bis März 2026. Nach Angaben von ABC News stieg der Judenhass online nach dem Hamas-Massaker vom 7. Oktober 2023 scharf und anhaltend an. Nach dem Terroranschlag auf eine Chanukka-Veranstaltung am Bondi Beach in Sydney im Dezember, bei dem 15 Menschen ermordet wurden, kam es erneut zu einem Anstieg. Die Forscher beschreiben diesen Mechanismus als „spiral of hate“, als Spirale des Hasses: Gewalt erzeugt Aufmerksamkeit, Aufmerksamkeit schafft Gelegenheiten für Hetzer, und die Hetze verlängert den Angriff auf die jüdische Gemeinschaft.

Das ist der entscheidende Punkt. Ein Anschlag ist für Antisemiten nicht nur ein Verbrechen, das sie rechtfertigen oder feiern. Er wird zum Rohstoff ihrer Propaganda. Während Familien trauern, Verletzte operiert werden und Gemeinden unter Schock stehen, beginnen im Netz bereits die nächsten Angriffe. Da wird geleugnet, verdreht, verhöhnt. Aus Blut wird angeblich Ketchup, aus Überlebenden werden Schauspieler, aus Juden werden Drahtzieher ihrer eigenen Verfolgung. So funktioniert moderner Antisemitismus: Er greift nicht nur den Körper an, sondern auch die Wahrheit.

Die Forscher untersuchten besonders die Plattform X. Laut ABC ergab der Bericht, dass nach einem physischen Gewaltakt gegen die jüdische Gemeinschaft in den folgenden 24 Stunden durchschnittlich etwa 3,4 anti-jüdische Beiträge über dem erwarteten Ausgangswert lagen. Diese Zahl klingt auf den ersten Blick klein. Ihre Bedeutung liegt aber im Muster. Gewalt bleibt nicht offline. Sie bekommt digital ein Echo, und dieses Echo macht den nächsten Hass wahrscheinlicher.

Verschwörung als zweite Tat

Besonders deutlich wurde das nach dem Brandanschlag auf die orthodoxe Adass Israel Synagoge in Melbourne im Dezember 2024. Damals verbreitete sich auf X die falsche Behauptung, die jüdische Gemeinde habe das Feuer selbst inszeniert. Drei Verdächtige wurden später im Zusammenhang mit dem Brandanschlag festgenommen und angeklagt. Doch im Netz lebte die Lüge weiter. Der Bericht beschreibt, dass solche Verschwörungserzählungen anti-jüdischen Hass nicht nur begleiten, sondern ihn verlängern und verstärken.

Das ist kein Randproblem. Die alte antisemitische Erzählung, Juden würden heimlich Ereignisse steuern, Opferrollen erfinden oder öffentliche Empörung manipulieren, gehört seit Jahrhunderten zum Kern des Judenhasses. Heute braucht sie keine Flugblätter mehr. Sie braucht nur ein Bild, einen Hashtag, ein paar anonyme Konten und ein Publikum, das bereit ist, Juden grundsätzlich zu misstrauen.

Auch Überlebende des Bondi Beach Anschlags wurden nach australischen Medienberichten Ziel solcher Angriffe. Der Guardian berichtete, Arsen Ostrovsky, der bei dem Terroranschlag verletzt wurde, sei mit manipulierten Bildern und Behauptungen überzogen worden, die ihn als angeblichen „crisis actor“ darstellten. Während ein Mensch medizinisch behandelt wird, erklären andere seine Wunden zur Inszenierung. Viel klarer lässt sich die Entmenschlichung nicht zeigen.

Die Royal Commission hört derzeit Aussagen von Betroffenen, Experten, Plattformvertretern und Organisationen. Nach Angaben der Kommission gingen bis Ende Juni mehr als 20.000 Eingaben ein. ABC berichtete außerdem, dass selbst prominente jüdische Familien wie die Lowy-Familie massive Online-Angriffe erleben. Steven Lowy sprach von mehr als 15.000 feindseligen Online-Inhalten in einem Jahr, die einem Sicherheitsteam bekannt wurden. Doch es geht nicht nur um bekannte Namen. Jüdische Kinder, Schüler, Aktivisten, Autoren, Politiker und einfache Gemeindemitglieder berichten davon, dass Hass sie erreicht, sobald sie sichtbar jüdisch sind.

Plattformen dürfen sich nicht wegducken

Das Problem ist größer als einzelne Täter. Es betrifft Plattformen, Algorithmen, Meldewege und staatliche Regulierung. Die Kommission hörte, dass manche Plattformen kooperieren, andere kaum oder gar nicht. ABC berichtete, X Corp und Telegram hätten auf Informationsersuchen der Kommission nicht reagiert, während Meta, Google, TikTok und LinkedIn unter den Plattformen sind, die im Verfahren eine Rolle spielen. SBS fasste die Lage so zusammen: Australien befinde sich nach Einschätzung von Experten in einer besonders giftigen Phase des Online-Hasses.

Man muss dabei sorgfältig bleiben. Nicht jede Kritik an Israel ist Antisemitismus. Nicht jede politische Debatte über Gaza, Krieg, Regierungshandeln oder Diplomatie darf unterdrückt werden. Aber genau diese notwendige Unterscheidung wird von Antisemiten missbraucht. Sie verstecken alte Muster hinter politischer Sprache. Sie sprechen von „Israel“, meinen aber Juden. Sie sagen „Zionisten“, verwenden aber Bilder, Codes und Vorwürfe, die aus dem ältesten Judenhass stammen. Sie behaupten, nur Macht zu kritisieren, und landen doch bei jüdischer Weltverschwörung, Blutlügen, Holocaust-Verhöhnung oder der Leugnung jüdischen Leids.

Der australische Bericht macht sichtbar, was viele jüdische Gemeinden längst erleben: Online-Hass ist kein bloßer Lärm. Er ist kein harmloser Dreck am Rand der Meinungsfreiheit. Er bereitet Klima. Er liefert Ausreden. Er nimmt Hemmungen. Er macht Gewalt nachträglich plausibel und zukünftige Gewalt wahrscheinlicher. Wenn ein Brandanschlag sofort als jüdische Inszenierung umgedeutet wird, wenn ein Terroropfer als Schauspieler verhöhnt wird, wenn der Mord an Juden digitale Zustimmung erzeugt, dann ist die Grenze zwischen Tastatur und Tat längst dünn geworden.

Australien steht damit vor einer Aufgabe, die weit über Australien hinausweist. Eine offene Gesellschaft muss freie Rede schützen. Aber sie darf nicht so tun, als sei organisierter Judenhass nur eine unangenehme Meinung. Wenn Plattformen mit Empörung Geld verdienen, wenn Algorithmen Radikalisierung belohnen und wenn Verschwörungslügen schneller laufen als Korrekturen, dann wird die digitale Öffentlichkeit zur Waffe gegen Minderheiten.

Für Juden bedeutet das, dass ein Anschlag nie wirklich endet. Nach der Tat kommen die Bilder. Nach den Bildern kommen die Lügen. Nach den Lügen kommen die Drohungen. Und irgendwann behauptet jemand, man dürfe darüber nicht sprechen, weil es sonst angeblich nur der „Instrumentalisierung“ diene. Genau so wird jüdisches Leid zuerst angegriffen und dann zum Schweigen gebracht.

Autor: Redaktion

Artikel veröffentlicht am: Samstag, 4. Juli 2026

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