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Torontoer Schulbehörde verklagt: Ex-Chefanwalt spricht von systemischem Antisemitismus


Ein früherer Spitzenjurist der größten Schulbehörde Kanadas erhebt schwere Vorwürfe. Im Zentrum stehen ein angeblich vergiftetes Arbeitsumfeld, Beschwerden jüdischer Eltern und alarmierende Zahlen zu Antisemitismus an Schulen.

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Die größte Schulbehörde Kanadas steht unter Druck. Paul Koven, früherer leitender Jurist der Toronto District School Board, hat seinen ehemaligen Arbeitgeber vor dem Ontario Superior Court of Justice verklagt. Der 59-Jährige, der jüdisch ist, spricht in seiner Klage von einem „vergifteten und systemisch antisemitischen Umfeld“. Die Vorwürfe sind bislang nicht gerichtlich bewiesen, doch sie treffen eine Institution, die schon seit Jahren wegen ihres Umgangs mit Antisemitismus in der Kritik steht.

Koven arbeitete zwischen 2019 und 2024 in mehreren Führungspositionen für die TDSB. Er war unter anderem Executive Officer, General Counsel und später Associate Director of Education für organisatorische Transformation und Rechenschaft. Vor seiner krankheitsbedingten Freistellung im Jahr 2024 war er nach eigener Darstellung der einzige jüdische Manager auf dieser Führungsebene. In der Klage macht er geltend, das Arbeitsumfeld habe ihn gesundheitlich belastet und letztlich zum Rücktritt gezwungen. Er spricht von konstruktiver Entlassung, Diskriminierung aufgrund seines Judentums und einer Verletzung seiner Rechte nach dem Human Rights Code.

Besonders schwer wiegt ein Vorwurf gegen Associate Director Leola Pon. Laut Klageschrift soll sie in den Jahren 2023 oder 2024 über einen Anwalt einer Innenstadtkanzlei gesagt haben, sie könne nicht für ihn bei einer juristischen Auszeichnung stimmen, weil ihr gesagt worden sei, er sei ein „Zionist“. Sollte diese Darstellung zutreffen, wäre das mehr als eine unbedachte Äußerung. Dann wäre „Zionist“ als Ausschlussmarke benutzt worden. Genau diese Entwicklung beschreiben jüdische Gemeinden seit dem 7. Oktober 2023 immer häufiger: Der Begriff wird nicht als politische Position behandelt, sondern als Stigma, mit dem jüdische Identität, Israelbezug und berufliche Bewertung miteinander vermischt werden.

Koven verweist in seiner Klage auch auf größere Probleme innerhalb der Schulbehörde. Dazu gehört nach seiner Darstellung der unzureichende Umgang mit dem Bericht „Affirming Jewish Identities and Addressing Antisemitism“. Hinzu kam eine Exkursion im September 2024, bei der Schüler pro-palästinensischen Parolen und antiisraelischen Slogans ausgesetzt worden sein sollen. Eltern jüdischer Schüler haben nach Angaben jüdischer Organisationen hunderte Beschwerden über die Reaktion der Schulbehörde auf Antisemitismus eingereicht. Die TDSB weist die Vorwürfe zurück. Juristisch muss der Fall geprüft werden. Politisch aber ist die Lage längst ernst.

Die Zahlen aus Kanada lassen kaum Raum für Beschwichtigung. Ein Regierungsbericht von 2025 über Antisemitismus an Schulen in Ontario kam zu dem Ergebnis, dass fast jeder sechste antisemitische Vorfall in Torontoer Schulen von einer Lehrkraft ausgegangen, von ihr gebilligt oder im Rahmen einer schulisch genehmigten Aktivität geschehen sein soll. Rund 30 Prozent der erfassten Vorfälle umfassten körperliche Formen von Antisemitismus, darunter Angriffe, Vandalismus und aggressive Gesten wie Halsabschneidebewegungen. Gesprochene Hetze, Beschimpfungen und Gewaltaufrufe gehörten ebenfalls zu den häufig dokumentierten Formen.

Noch brisanter: Nach Angaben aus dem Umfeld des Falls stellte der eigene Menschenrechtsbericht der TDSB fest, dass zwischen September und Dezember 2023 die Zahl antisemitischer Vorfälle um fast 2.000 Prozent höher lag als die Zahl islamfeindlicher Vorfälle. Das bedeutet nicht, andere Formen von Hass zu verharmlosen. Es bedeutet aber, dass jüdische Schüler und Mitarbeiter offenbar mit einer besonders massiven Bedrohungslage konfrontiert waren, während viele Institutionen weiter in der Sprache allgemeiner Vielfalt und Gleichbehandlung verharrten.

Genau hier liegt das Versagen. Eine Schulbehörde, die ständig von Inklusion, Antirassismus und sicheren Lernräumen spricht, muss beweisen, dass diese Begriffe auch für Juden gelten. Nicht nur am Holocaust-Gedenktag. Nicht nur in offiziellen Erklärungen. Sondern gerade dann, wenn Antisemitismus als Israelkritik getarnt auftritt, wenn jüdische Schüler für den Krieg in Gaza verantwortlich gemacht werden oder wenn „Zionist“ zum beruflichen oder sozialen Makel wird.

Der Fall Koven zeigt, wie tief das Problem inzwischen reicht. Es geht nicht nur um einzelne Schüler, einzelne Eltern oder einzelne Beschwerden. Wenn der frühere jüdische Chefanwalt einer Schulbehörde selbst ein systemisch antisemitisches Umfeld beschreibt, dann kann die Institution nicht so tun, als gehe es nur um Missverständnisse oder Einzelfälle. Sie muss erklären, welche Beschwerden eingingen, wie sie bearbeitet wurden, welche Konsequenzen es gab und warum jüdische Familien offenbar über längere Zeit das Gefühl hatten, nicht ausreichend geschützt zu sein.

Kanada erlebt seit dem Hamas-Massaker vom 7. Oktober 2023 einen massiven Anstieg antisemitischer Vorfälle. Jüdische Schulen, Synagogen, Gemeindezentren und Geschäfte wurden bedroht oder angegriffen. In diesem Klima sind Schulen keine neutralen Verwaltungsräume. Sie sind Orte, an denen der Staat zeigen muss, ob er jüdische Kinder schützt oder ob er Antisemitismus in politische Rücksichtnahme verpackt.

Die TDSB ist nicht irgendeine lokale Behörde. Sie ist die größte Schulbehörde Kanadas und hat damit Signalwirkung weit über Toronto hinaus. Wenn dort jüdische Schüler, Eltern oder Mitarbeiter den Eindruck gewinnen, ihre Sorgen würden relativiert, politisiert oder bürokratisch verschleppt, beschädigt das Vertrauen in das öffentliche Bildungssystem. Eine Schule, die jüdische Kinder nicht schützt, versagt an ihrem Kernauftrag. Eine Behörde, die jüdische Mitarbeiter nicht ernst nimmt, wenn sie Antisemitismus melden, verliert ihre moralische Autorität.

Kritik an Israel ist erlaubt. Debatten über Gaza, Krieg und Menschenrechte sind erlaubt. Aber jüdische Schüler und Mitarbeiter dürfen nicht für Israel haftbar gemacht werden. Sie dürfen nicht unter Verdacht stehen, weil sie jüdisch sind, Israel nicht verachten oder als Zionisten markiert werden. Wer diese Grenze nicht zieht, lässt Antisemitismus in die Institution hineinwachsen.

Der Fall muss nun vor Gericht geklärt werden. Doch unabhängig vom juristischen Ausgang ist klar: Toronto hat ein Problem, das nicht länger mit Erklärungen, Workshops und Verwaltungsfloskeln überdeckt werden darf. Jüdische Schüler und Mitarbeiter brauchen Schutz, klare Regeln und Konsequenzen. Alles andere ist Wegsehen.

Autor: Redaktion

Artikel veröffentlicht am: Sonntag, 14. Juni 2026

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