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Zionismus wie Nazi-Rassenideologie? Rutgers-Professorin und Hasan Piker verwischen eine historische Grenze


Noura Erakat bezeichnet Zionismus als „race-making project“. Influencer Hasan Piker zieht daraufhin den Vergleich zur arischen Rassenideologie Nazi-Deutschlands. Erakat widerspricht nicht, sondern führt den Vergleich weiter. Historisch hält diese Gleichsetzung entscheidenden Fakten nicht stand.

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Der amerikanische Influencer Hasan Piker und die Rutgers-Professorin Noura Erakat haben in einem fast zweistündigen Gespräch über „Dekolonisierung Palästinas“ eine bemerkenswerte Verbindung zwischen Zionismus und Nationalsozialismus hergestellt.

Erakat, Professorin für Africana Studies und Criminal Justice an der Rutgers University, bezeichnete Zionismus als ein „race-making project“. Nach ihrer Darstellung habe die Bewegung aus dem angeblich ortlosen „wandernden Juden“ eine nationale Identität geschaffen und diese mit Land verbunden. Rutgers selbst nennt internationales Recht, Menschenrechte, Critical Race Theory und Palestinian Studies als ihre Forschungsschwerpunkte.

Piker griff Erakats Argument unmittelbar auf und verglich dieses angebliche „race-making“ mit dem arischen Rassenprojekt Nazi-Deutschlands.

Erakat wies die Parallele nicht zurück. Im Gegenteil: Sie erklärte, sie verstehe, dass manche Menschen den Vergleich mit Nazis nicht mögen, verwies dann aber auf nationalsozialistische Vorstellungen von Überlegenheit, „Reinigung“ und territorialer Bestimmung. Zionismus sei, so ihre weitere Argumentation, im gleichen europäischen Umfeld wie Nazismus und Antisemitismus entstanden.

Das vollständige Gespräch wurde am 5. September auf Pikers eigenem YouTube-Kanal veröffentlicht.

Ein Vergleich, bei dem Täter und Opfer ineinander geschoben werden

Historisch besteht jedoch ein fundamentaler Unterschied, den diese Argumentation verwischt.

Der moderne politische Zionismus entstand Ende des 19. Jahrhunderts. Nach Darstellung des United States Holocaust Memorial Museum entwickelte er sich unter anderem als Reaktion auf den europäischen Antisemitismus. Theodor Herzl wurde insbesondere durch die antisemitische Dreyfus-Affäre und die Erfahrung geprägt, dass selbst assimilierte Juden vor Judenhass nicht geschützt waren. 1897 formulierte der erste Zionistenkongress das Ziel einer öffentlich-rechtlich gesicherten Heimstätte für das jüdische Volk.

Der Nationalsozialismus dagegen erklärte Juden zu einer angeblich minderwertigen und gefährlichen „Rasse“. Aus dieser Ideologie entstanden Entrechtung, Verfolgung und schließlich die systematische Ermordung von sechs Millionen Juden.

Beides mit dem gemeinsamen Begriff eines „Rassenprojekts“ nebeneinanderzustellen, unterschlägt daher den entscheidenden historischen Gegensatz: Zionismus wollte Juden nach Jahrhunderten von Verfolgung politische Selbstbestimmung und Schutz ermöglichen. Die nationalsozialistische Rassenideologie wollte Juden entrechten, ausgrenzen und schließlich vernichten.

Erakats Behauptung, Zionismus und Nationalsozialismus seien im gleichen „Milieu“ entstanden, kann insofern allenfalls auf sehr allgemeine europäische Debatten über Nationalismus und Identität bezogen werden. Chronologisch liegen die politischen Bewegungen deutlich auseinander: Der erste Zionistenkongress fand 1897 statt; die NSDAP entstand erst nach dem Ersten Weltkrieg.

Gerade die antisemitische Umwelt Europas war also nicht lediglich ein paralleles Begleitphänomen des Zionismus. Sie gehörte zu den Gründen für seine Entstehung.

Auch die IHRA-Arbeitsdefinition von Antisemitismus ist in diesem Zusammenhang relevant. Sie nennt Vergleiche zwischen israelischer Politik und jener der Nationalsozialisten ausdrücklich als mögliches Beispiel antisemitischer Erscheinungsformen, wobei immer der jeweilige Kontext zu berücksichtigen ist. Ebenso wird die Behauptung, bereits die Existenz Israels als jüdischer Staat sei ein rassistisches Unternehmen, als Beispiel genannt.

Damit ist nicht automatisch jede wissenschaftliche Diskussion über Zionismus oder europäische Nationalbewegungen antisemitisch. Auch Zionismus kann historisch, politisch und wissenschaftlich kritisiert werden.

Aber ein Unterschied bleibt entscheidend: Wer Zionismus und nationalsozialistische Rassenideologie strukturell parallelisiert, vergleicht die jüdische Bewegung zur Selbstbestimmung mit jener Ideologie, die Juden als „Rasse“ definierte, entrechtete und schließlich millionenfach ermordete.

Piker ging in demselben Gespräch noch weiter und bezeichnete die Vereinigten Staaten als Siedlerkolonialstaat auf „gestohlenem Land“. Das zeigt den theoretischen Rahmen des Interviews: Israel und die USA werden durch ein koloniales Raster betrachtet, in dem Staatlichkeit, Landbesitz und nationale Identität vor allem als Herrschaftsverhältnisse interpretiert werden.

Eine solche Theorie kann politisch vertreten werden.

Die Geschichte des Zionismus lässt sich dadurch jedoch nicht umschreiben.

Er entstand nicht als jüdische Variante des Nationalsozialismus. Er entstand Jahrzehnte früher und gerade auch deshalb, weil Antisemitismus europäischen Juden immer wieder zeigte, wie unsicher ihre Stellung selbst in Gesellschaften blieb, in denen sie längst Bürger waren.

Ausgerechnet diesen Zusammenhang in einen Nazi-Vergleich umzudrehen, ist keine historische Kleinigkeit.

Es kehrt die Rollen von Verfolgten und Verfolgern bis zur Unkenntlichkeit um.

Autor: Redaktion
Bild Quelle: KI-generierte Illustration / haOlam.de

Artikel veröffentlicht am: Samstag, 19. September 2026

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