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„Habibi City“: New York Magazine feiert SWANA und macht Zionismus zum Problem


Arabische, iranische und palästinensische Kultur erobert New York, und das New York Magazine widmet ihr eine große Titelgeschichte. Doch aus einem spannenden Porträt wird zunehmend ein politisches Manifest: Gaza wird zum verbindenden Identitätsthema, Zionismus neben Islamfeindlichkeit gestellt und die jüdische Geschichte der Region bleibt auffällig blass.

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New York lebt davon, dass niemand die Stadt für sich allein beanspruchen kann. Arabische Restaurants stehen neben jüdischen Bäckereien, iranische Künstler treffen auf syrische Musiker, Einwanderergeschichten überlagern sich seit Generationen. Eine große Titelgeschichte über Menschen aus Südwestasien und Nordafrika passt deshalb hervorragend zu dieser Stadt.

Das New York Magazine nennt diese neue Szene „Habibi City“.

Auf mehr als dreißig Seiten geht es um Restaurants, Literatur, Musik, Partys, Kunst und um eine Generation, die ihre Herkunft offensiver zeigt als ihre Eltern. Der Sammelbegriff dafür lautet SWANA, „Southwest Asian and North African“. Er soll das ältere MENA ersetzen und eine Region beschreiben, die von Nordafrika über den Nahen Osten bis nach Iran reicht.

Das könnte eine großartige Geschichte sein.

Doch je länger man liest, desto deutlicher wird: Hier wird nicht nur eine Kultur beschrieben. Es wird auch festgelegt, welche politischen Überzeugungen offenbar dazugehören sollen.

Autorin Zaina Arafat schreibt, SWANA-Gemeinschaft bedeute für sie unter anderem die Überzeugung, dass Palästinenser Menschenrechte verdienen, soziale Gerechtigkeit Vorrang haben müsse und das Geschehen in Gaza nach dem 7. Oktober einen Genozid darstelle.

Der erste Punkt ist selbstverständlich. Der zweite ist eine politische Haltung. Der dritte ist eine schwerwiegende juristische und politische Behauptung, über die bis heute gestritten und vor internationalen Gerichten verhandelt wird.

Im New York Magazine erscheinen diese Dinge jedoch nahezu auf derselben Ebene: als gemeinsamer Wertekern einer kulturellen Gemeinschaft.

Damit verändert sich der Charakter der Geschichte.

Aus der Frage „Wer gehört zu SWANA?“ wird zunehmend die Frage: „Was muss man glauben, um dazuzugehören?“

Noch deutlicher wird das am Ende des Textes. Dort beschreibt Arafat, womit SWANA-New-Yorker ihrer Ansicht nach weiterhin konfrontiert seien:

„Xenophobia, Islamophobia, and Zionism.“

Fremdenfeindlichkeit. Islamfeindlichkeit. Zionismus.

Die Wortwahl ist bemerkenswert. Zwei Begriffe bezeichnen Feindseligkeit gegenüber Menschengruppen. Der dritte bezeichnet im Kern die politische Idee jüdischer Selbstbestimmung und die Existenz eines jüdischen Staates.

Man kann Zionismus kritisieren. Man kann seine verschiedenen Strömungen diskutieren und israelische Politik scharf angreifen. Aber wer Zionismus sprachlich neben Fremdenfeindlichkeit und Islamfeindlichkeit stellt, beschreibt ihn nicht mehr einfach als politische Position. Er ordnet ihn in eine Reihe von Übeln ein.

Und ausgerechnet hier wird die viel beschworene Vielfalt plötzlich erstaunlich eng.

Wo sind die Juden aus dieser Region?

Denn SWANA umfasst geografisch auch jene Länder, in denen über Jahrhunderte große jüdische Gemeinschaften lebten.

Irakische Juden gehören zur Geschichte Bagdads. Jemenitische Juden zur Geschichte des Jemen. Persische Juden zur Geschichte Irans. Jüdisches Leben in Marokko, Tunesien, Algerien, Libyen, Ägypten und Syrien reicht teilweise Jahrtausende zurück.

Hunderttausende ihrer Nachfahren leben heute in Israel, viele weitere in New York und anderen amerikanischen Städten.

Sie sind nicht weniger „Southwest Asian and North African“ als ihre muslimischen oder christlichen ehemaligen Nachbarn.

Und doch spielt diese Geschichte in „Habibi City“ kaum eine Rolle.

Genau daran entzündet sich auch die Kritik der Jerusalem Post. Das Magazin erzähle von einer SWANA-Welt, die zahlreiche Herkunftsländer einschließe, während die jüdischen Gemeinschaften, deren Familien genau aus diesen Ländern stammen, weitgehend aus dem Bild verschwänden.

Völlig unsichtbar sind Juden allerdings nicht. Und auch das gehört zur Wahrheit.

Im Artikel kommen jüdische Künstler und Begegnungsprojekte vor. Beschrieben wird etwa eine Zusammenarbeit zwischen einem palästinensischen und einem israelischen Sänger. Das New York Magazine bezeichnet das Projekt Feel Beit dabei als „anti-zionistisches, dialogorientiertes Kunstprojekt“.

Nur ist selbst diese Beschreibung fragwürdig. Die Jerusalem Post weist darauf hin, dass Feel Beit zwar ausdrücklich auf Dialog setzt, unter anderem aber von der klar zionistischen Jerusalem Foundation unterstützt wird. Die Einstufung als „anti-zionistisch“ ist deshalb zumindest erklärungsbedürftig.

Das Muster zieht sich weiter.

Jüdische Stimmen kommen vor, doch besonders bequem passen offenbar jene ins Bild, die mit der politischen Grundrichtung der Geschichte nicht kollidieren.

Das ist etwas anderes, als jüdisches Leben vollständig auszublenden. Aber es ist auch etwas anderes als eine wirklich offene Darstellung der Region.

Selbst Falafel wird zur politischen Frage

Wie tief diese politische Sortierung inzwischen reicht, zeigt der begleitende Gastronomieartikel.

Dort kommt der jüdische Koch Loren Abramovich zu Wort. Er erzählt, dass er keine Falafel mehr anbietet, obwohl er selbst sagt, eigentlich jedes Recht zu haben, sie zuzubereiten.

Warum?

Weil er keine Debatte darüber auslösen möchte, ob Israelis palästinensische Küche „aneignen“.

Das klingt zunächst fast komisch. Tatsächlich zeigt es aber, wie absurd eine Identitätspolitik werden kann, die jahrhundertealte regionale Küche nach heutigen nationalen Grenzen sortieren möchte.

Falafel wurden nicht 1948 erfunden. Hummus auch nicht. Die Küchen des Nahen Ostens entstanden über Jahrhunderte durch Handel, Migration, Herrschaftswechsel und Nachbarschaft. Juden, Muslime und Christen haben dieselben Gewürze benutzt, ähnliche Gerichte gekocht und Rezepte über Grenzen hinweg verändert.

Gerade jüdische Familien aus Irak, Syrien, Ägypten, Jemen oder Nordafrika brachten ihre Küchen nach Israel.

Wer daraus heute eine Eigentumsfrage macht, bei der ein israelischer Koch überlegen muss, ob er moralisch überhaupt noch Falafel servieren darf, erklärt nicht die Geschichte dieser Region.

Er reduziert sie.

Der 7. Oktober erscheint vor allem als Problem für SWANA

Noch auffälliger ist der Umgang mit dem 7. Oktober.

Im großen SWANA-Porträt erscheint das Massaker der Hamas weniger als historisches Ereignis mit mehr als tausend Ermordeten, Verschleppten und Verletzten, sondern vor allem als Ausgangspunkt eines Klimas, in dem sich arabische und muslimische New Yorker stärker angegriffen fühlten.

Auch diese Erfahrungen können real sein und verdienen journalistische Aufmerksamkeit.

Nur entsteht ein merkwürdiges Ungleichgewicht, wenn der 7. Oktober ausführlich als Beginn eines gesellschaftlichen Gegenwinds für SWANA beschrieben wird, während das Massaker selbst fast aus dem Zentrum der Erzählung verschwindet.

Die Jerusalem Post kritisiert genau diese Verschiebung: Gaza werde selbstverständlich als Genozid bezeichnet, Zionismus mit Unterdrückung verbunden, während der 7. Oktober vor allem als Chiffre für ein feindliches gesellschaftliches Klima gegenüber der SWANA-Szene erscheine.

Das Problem ist nicht, dass über antimuslimischen Hass nach dem 7. Oktober gesprochen wird.

Das Problem ist, dass eine Geschichte über die Region ihre Perspektiven derart ungleich verteilt.

Iran ohne das iranische Regime

Besonders deutlich wird das bei Iran.

Iran gehört selbstverständlich zu SWANA. Persische Kunst, Musik und Küche spielen deshalb auch in New York eine wichtige Rolle.

Aber wer über iranische Identität spricht, kommt eigentlich kaum an jener Realität vorbei, die Millionen Iraner seit Jahrzehnten prägt: der Islamischen Republik, politischer Verfolgung, Hinrichtungen, Zwangsverschleierung und der gewaltsamen Unterdrückung von Frauen und Regimegegnern.

In „Habibi City“ bleibt davon erstaunlich wenig übrig.

Die Jerusalem Post wirft dem Text deshalb vor, iranische Dissidenten und insbesondere jene Frauen weitgehend zu übergehen, die sich gegen das Regime und den Schleierzwang stellen.

Auch hier gilt: Ein Kulturartikel muss nicht zu einer Abhandlung über sämtliche Diktaturen der Region werden.

Aber wenn Gaza zum politischen Kern einer gemeinsamen SWANA-Identität erhoben wird, fällt umso stärker auf, welche anderen Konflikte derselben Region kaum vorkommen.

Palästinensisches Leid wird zum identitätsstiftenden Thema.

Iranische Unterdrückung bleibt Kulisse.

Das ist eine redaktionelle Entscheidung.

Eine großartige Geschichte lag eigentlich direkt vor ihnen

Dabei hätte gerade die Widersprüchlichkeit dieser Gemeinschaft die interessantere Geschichte ergeben.

Was passiert, wenn eine iranische Regimegegnerin auf einen überzeugten Anhänger der Islamischen Republik trifft?

Wie definiert sich ein irakischer Jude innerhalb einer SWANA-Szene, in der Zionismus teilweise als Unterdrückung verstanden wird?

Was verbindet einen syrischen Christen, einen palästinensischen Aktivisten, eine kurdische Frau und einen israelischen Mizrahi-Juden?

Und wo liegen die Grenzen dieser Gemeinsamkeit?

Das wäre die Geschichte einer wirklich vielfältigen Region gewesen.

Stattdessen wirkt „Habibi City“ stellenweise wie die Beschreibung einer bereits politisch vorsortierten Gemeinschaft: kulturell bunt, solange die entscheidenden politischen Überzeugungen nicht zu sehr voneinander abweichen.

Genau dadurch wird die Geschichte kleiner, nicht größer.

Für Kritik braucht es keine Katar-Theorie

Die Jerusalem Post geht in ihrem Kommentar noch einen Schritt weiter und stellt einen Zusammenhang zwischen der Entwicklung des Magazins, Eigentümer James Murdoch und Investitionen aus Katar her. Sie verweist darauf, dass Murdochs Lupa Systems gemeinsam mit Partnern ein Investmentvehikel gründete, für das die Qatar Investment Authority Investitionen von bis zu 1,5 Milliarden Dollar zugesagt hatte.

Das ist als wirtschaftliche Verbindung dokumentiert.

Was daraus nicht belegt ist: dass Katar Einfluss auf „Habibi City“ genommen oder die redaktionelle Linie des New York Magazine bestimmt hätte.

Diese Spekulation braucht es auch gar nicht.

Die Texte können für sich selbst stehen.

Wenn Zionismus neben Fremdenfeindlichkeit und Islamfeindlichkeit genannt wird, braucht man keine Theorie über Eigentümer.

Wenn der Genozidvorwurf zu einer gemeinsamen politischen Überzeugung einer kulturellen Gemeinschaft erklärt wird, braucht man keinen Blick hinter die Kulissen.

Wenn die jüdische Geschichte von Irak, Iran, Syrien, Jemen und Nordafrika in einer großen Erzählung über genau diese Region kaum vorkommt, muss man keine geheime Absicht unterstellen.

Man kann einfach lesen, was geschrieben wurde.

Und genau darin liegt das eigentliche Problem von „Habibi City“.

Das New York Magazine wollte zeigen, wie eine bisher oft übersehene Gemeinschaft sichtbar wird.

Am Ende zeigt die Ausgabe unbeabsichtigt noch etwas anderes:

Wie schnell eine neue Definition von Zugehörigkeit selbst wieder Menschen aus dem Bild drängen kann.

Die arabische, iranische und palästinensische Kultur New Yorks verdient ihren Platz auf dem Titel.

Die jüdische Geschichte derselben Region aber ebenfalls.

Und Zionismus wird nicht zu Fremdenfeindlichkeit, nur weil man die drei Wörter in dieselbe Zeile schreibt.

Autor: Redaktion

Artikel veröffentlicht am: Samstag, 22. August 2026

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