Wasser als Waffe: Iran im Verdacht nach Angriffen in sieben US-Staaten
In amerikanischen Wasserwerken wurden Steuerungen manipuliert, Anlagen mussten in den Handbetrieb wechseln. Israel kennt diese Front: Iranische Hacker greifen seine lebenswichtige Infrastruktur seit Jahren nahezu täglich an.

In der Kleinstadt Braham im US-Bundesstaat Minnesota bemerkten Mitarbeiter am Montag, dass der Brunnen und die Steuerung des Wasserwerks plötzlich nicht mehr funktionierten. Unbekannte waren in die digitale Betriebsanlage eingedrungen und hatten die Systeme abgeschaltet. Für rund 90 Minuten konnte die Stadt nur noch auf das Wasser zurückgreifen, das im örtlichen Wasserturm gespeichert war. Die Einwohner bemerkten davon kaum etwas, weil Beschäftigte die angegriffene Technik vom Netz trennten, eine Ersatzsteuerung aktivierten und die Anlage wieder in Betrieb nahmen. Doch der Vorfall zeigt, wie nahe ein Angriff aus der digitalen Welt an den Alltag jedes Menschen herankommen kann: Ein Hacker muss keine Bombe an einem Wasserwerk anbringen. Er kann versuchen, Pumpen und Ventile von einem Computer am anderen Ende der Welt zu steuern.
Braham war kein Einzelfall. Mehr als 30 kommunale Wasserversorger in Minnesota wurden am 26. und 27. Juli angegriffen. Am Samstag bestätigte Michigan entsprechende Vorfälle bei neun Anlagen. Das FBI spricht inzwischen von Meldungen aus mindestens sieben Bundesstaaten, nennt die übrigen Staaten jedoch nicht öffentlich. In South St. Paul mussten Beschäftigte vorübergehend auf Handbetrieb umstellen. In Plymouth waren die Steuerungen von zwei Wassertürmen und 14 Abwasserpumpstationen betroffen. Die Kommunikation zwischen den Geräten fiel aus, bis die Anlagen vom Mobilfunknetz getrennt und schrittweise wiederhergestellt wurden.
Bislang gibt es keine Hinweise darauf, dass Trinkwasser vergiftet oder dauerhaft unbrauchbar gemacht wurde. Auch eine Unterbrechung der Versorgung größeren Ausmaßes blieb aus. Das ist wichtig, weil zwischen einem Eindringen in eine Anlage und einer tatsächlichen Gefährdung der Bevölkerung unterschieden werden muss. Dennoch waren die Angriffe nicht harmlos. Bundesbehörden berichten, dass Täter bei vergleichbaren Vorfällen Kennwörter veränderten, Betreiber aus ihren eigenen Systemen aussperrten und die digitale Überwachung lahmlegten. In einigen Fällen kam es zu Druckverlusten, Überschwemmungen und längerem Handbetrieb. Die amerikanische Cybersicherheitsbehörde CISA fordert Wasserbetriebe deshalb auf, frei über das Internet erreichbare Steuergeräte umgehend vom Netz zu nehmen.
Der Verdacht führt nach Iran, bewiesen ist er noch nicht
Amerikanische Ermittler prüfen, ob iranische oder mit Iran verbundene Hacker hinter der Angriffswelle stehen. Die technischen Merkmale und die Auswahl der Ziele ähneln bekannten iranischen Operationen gegen industrielle Steueranlagen. Eine endgültige Zuordnung gibt es jedoch noch nicht. FBI und andere Behörden schließen auch die Möglichkeit nicht aus, dass Täter absichtlich iranische Spuren gelegt haben könnten, um während des Krieges zwischen den Vereinigten Staaten und Iran eine weitere Verschärfung herbeizuführen. US-Präsident Donald Trump bestritt eine iranische Verantwortung öffentlich und machte stattdessen ohne Belege die Behörden Minnesotas verantwortlich. Seine eigene Regierung untersucht Iran dennoch weiterhin als möglichen Urheber.
Diese Vorsicht ist notwendig. Bei Cyberangriffen können Server, Schadprogramme und Internetadressen bewusst über mehrere Staaten geleitet werden. Eine schnelle politische Beschuldigung lässt sich später nur schwer zurücknehmen. Gleichzeitig wäre es ebenso fahrlässig, die iranische Spur aus politischen Gründen kleinzureden. Sicherheitsbehörden in den Vereinigten Staaten warnten bereits im April vor iranisch verbundenen Akteuren, die speicherprogrammierbare Steuerungen angreifen. Diese Geräte, international als PLC bezeichnet, regeln Pumpen, Ventile, Druck und zahlreiche weitere Abläufe in Wasserwerken, Fabriken und Energieanlagen. Die Warnung wurde am 22. Juli noch einmal erweitert, wenige Tage bevor die Angriffe in Minnesota entdeckt wurden.
Iranische Hacker haben amerikanische Wasseranlagen bereits früher ins Visier genommen. 2013 drang ein iranischer Angreifer in die Steuerung eines kleinen Staudamms im Bundesstaat New York ein. Weil ein Schleusentor zu dieser Zeit wegen Wartungsarbeiten vom System getrennt war, konnte es nicht aus der Ferne bewegt werden. 2023 griffen mit der Revolutionsgarde verbundene Hacker kommunale Wasserbetriebe an, deren Steuertechnik aus Israel stammte. Dabei nutzten sie unter anderem Geräte, deren voreingestellte Kennwörter nicht geändert worden waren. Das Muster ist eindeutig: Angegriffen werden nicht immer die größten Anlagen, sondern häufig kleinere Betriebe mit wenig Personal, veralteter Technik und direkt mit dem Internet verbundenen Steuerungen.
Für Teheran ist diese Form der Kriegsführung verlockend. Ein Angriff auf ein Wasserwerk verursacht schon dann Angst, wenn kein Tropfen verunreinigt wurde. Die Nachricht allein reicht, damit Menschen ihre Wasserhähne misstrauisch betrachten, Flaschen kaufen und an der Handlungsfähigkeit ihres Staates zweifeln. Gleichzeitig kann das Regime seine Beteiligung bestreiten und darauf verweisen, dass die Täter nicht zweifelsfrei identifiziert seien. Cyberangriffe ermöglichen Iran damit etwas, das Raketen und Drohnen nicht leisten: Die Führung kann tief in das zivile Leben eines Gegners eingreifen, ohne offen die Verantwortung für einen militärischen Angriff übernehmen zu müssen.
Israel kämpft seit Jahren an derselben unsichtbaren Front
Der israelische Nationale Cyberdirektorat reagierte auf die amerikanischen Vorfälle mit einer klaren Warnung. Die Behörde stehe wegen des Angriffs auf die Wasserinfrastruktur in ständigem Austausch mit ihren Partnern in den Vereinigten Staaten. Israel erlebe täglich Angriffe in sämtlichen Bereichen und habe in den vergangenen Jahren zahlreiche iranische Versuche gegen die eigene Wasserversorgung abgewehrt. Gemeinsam mit Wasserbehörden und Versorgungsunternehmen würden nun die amerikanischen Erkenntnisse ausgewertet, Schutzmaßnahmen überprüft und mögliche Schwachstellen geschlossen.
Israel weiß, was ein erfolgreicher Angriff bedeuten könnte. Im April 2020 versuchten iranische Hacker, in die Steuerungen israelischer Wasser- und Abwasseranlagen einzudringen. Nach damaligen Berichten sollte nicht nur der Betrieb gestört werden. Die Angreifer wollten möglicherweise auch Dosierungen bei der Wasserbehandlung verändern. Die Systeme hielten stand, und die Bevölkerung bemerkte keine Beeinträchtigung. Der Vorgang machte jedoch deutlich, dass Teheran bereit war, eine zivile Infrastruktur anzugreifen, deren Fehlsteuerung Menschen gefährden könnte.
Seitdem wurde die digitale Front erheblich breiter. Iranische Gruppen greifen israelische Behörden, Krankenhäuser, Unternehmen, Hochschulen, Verkehrsunternehmen und Kommunikationsnetze an. Einige Operationen dienen der Spionage und dem Diebstahl von Daten. Andere sollen Systeme blockieren, Informationen veröffentlichen, Erpressung ermöglichen oder durch gefälschte Nachrichten Angst erzeugen. Der israelische Staat zählt inzwischen zu den weltweit am häufigsten angegriffenen Ländern. Bei Beratungen über das neue nationale Cyberschutzgesetz wurde im Juni erklärt, seit Anfang 2025 seien 3.285 Vorfälle mit mindestens niedrigem bis mittlerem Schadenspotenzial registriert worden. Der wirtschaftliche Schaden durch Cyberangriffe werde jährlich auf etwa ein halbes Prozent der israelischen Wirtschaftsleistung geschätzt.
Diese Zahlen bedeuten nicht, dass jeder Angriff aus Iran stammt. Israel wird auch von kriminellen Erpressern, anderen Staaten und ideologisch motivierten Gruppen angegriffen. Doch das iranische Regime hat den Cyberraum längst zu einem festen Teil seiner Auseinandersetzung mit Israel gemacht. Während Raketenabwehrsysteme sichtbare Geschosse am Himmel verfolgen, müssen Fachleute gleichzeitig Tausende digitale Zugänge schützen, von denen viele zu kleinen Kommunen, privaten Unternehmen oder älteren technischen Anlagen gehören.
Gerade dort liegt die größte Gefahr. Große nationale Wasserwerke und militärische Anlagen verfügen gewöhnlich über eigene Sicherheitsabteilungen, getrennte Netze und Notfallpläne. Kleine Betriebe besitzen dagegen häufig nur wenige Fachkräfte. Manche nutzen alte Steuerungen, die ursprünglich für einen Betrieb ohne Verbindung zum öffentlichen Internet entwickelt wurden. Werden solche Geräte nachträglich vernetzt und mit voreingestellten Kennwörtern betrieben, entsteht ein Zugang, den Angreifer ohne besonders ausgefeilte Schadprogramme ausnutzen können. Die amerikanischen Vorfälle zeigen deshalb nicht nur die Fähigkeiten möglicher iranischer Hacker, sondern auch schwere Versäumnisse bei den Betreibern.
Israel darf sich auf seinen bisherigen Abwehrerfolgen nicht ausruhen. Der staatliche Rechnungshof warnte erst im Mai vor erheblichen Lücken in Behörden und Einrichtungen, die in einem Notfall weiterarbeiten müssen. Nach dem 7. Oktober erstellte Sicherheitshinweise seien nicht an alle betroffenen Stellen weitergegeben worden. In mehreren Ministerien wurden veraltete oder unzureichend geschützte Systeme gefunden. Ein Gegner benötigt nicht überall Zugang. Eine einzige schwache Stelle kann genügen, um Daten zu stehlen, einen Dienst zu unterbrechen oder eine ganze Bevölkerung zu verunsichern.
Die Angriffe auf amerikanische Wasserwerke sind deshalb auch für Israel mehr als eine Nachricht aus einem befreundeten Land. Sie sind eine praktische Warnung. Die Geräte, mit denen Pumpen und Ventile in Minnesota gesteuert werden, unterscheiden sich in ihrer grundlegenden Aufgabe kaum von Technik, die in vielen anderen Staaten eingesetzt wird. Erkenntnisse über verwendete Zugänge, Schadprogramme und Befehle müssen schnell geteilt werden, bevor dieselben Angreifer ihre Methoden an einem anderen Ort wiederholen.
Noch ist nicht bewiesen, dass Teheran die aktuelle Angriffswelle angeordnet hat. Aber Iran hat über Jahre gezeigt, dass es Wasser, Energie und medizinische Versorgung nicht als geschützte zivile Bereiche betrachtet, sondern als mögliche Ziele. Die Vereinigten Staaten müssen nun den Urheber zweifelsfrei feststellen. Israel muss gleichzeitig davon ausgehen, dass der nächste Versuch längst vorbereitet wird.
Ein Cyberangriff erzeugt keinen Rauch und keinen Einschlagkrater. Er kann trotzdem dazu führen, dass eine Pumpe schweigt, der Druck fällt oder eine Stadt plötzlich nur noch von den Vorräten ihres Wasserturms lebt. Genau deshalb gehört diese Front zum Krieg. Und genau deshalb darf sie weder verharmlost noch erst dann ernst genommen werden, wenn aus einem digitalen Eindringen eine wirkliche Gefahr für Menschen wird.
Autor: Redaktion
Artikel veröffentlicht am: Montag, 3. August 2026