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Kanada wendet sich Europa zu: Carney plant Bündnis als Gegengewicht zu Trump


Kanada will nicht der EU beitreten, aber deutlich näher an sie heranrücken. Hinter Mark Carneys Plan steht ein strategischer Bruch mit jahrzehntelanger Abhängigkeit von den USA ausgelöst durch den Handelskrieg mit Donald Trump

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Kanada bereitet einen der weitreichendsten außen- und wirtschaftspolitischen Kurswechsel seiner jüngeren Geschichte vor. Premierminister Mark Carney verhandelt mit europäischen Regierungen und der Europäischen Union über eine neue Form der Partnerschaft, die weit über das bestehende Freihandelsabkommen hinausgehen könnte.

Von einem tatsächlichen EU-Beitritt kann allerdings keine Rede sein. Carney stellte am Wochenende ausdrücklich klar, Kanada wolle nicht Mitglied der Europäischen Union werden. Stattdessen spricht er von einer „einzigartigen Allianz“, die Handel, Verteidigung, Energie, Technologie, Forschung und möglicherweise sogar die Mobilität von Arbeitnehmern enger miteinander verzahnen soll.

Der Unterschied ist entscheidend. Die spektakuläre Vorstellung eines nordamerikanischen Staates als 28. EU-Mitglied gehört vorerst ins Reich politischer Schlagzeilen. Was tatsächlich verhandelt wird, könnte geopolitisch trotzdem erheblich sein: Kanada sucht einen Weg, sich wirtschaftlich und strategisch stärker an Europa anzubinden, ohne formell Teil der Europäischen Union oder ihres Binnenmarktes zu werden.

Reuters bestätigt, dass Carney die Gespräche über eine besondere Form der Partnerschaft vorantreibt. Der Premier wird vom 15. bis 17. September nach Europa reisen und im Europäischen Parlament in Straßburg sprechen. Seine eigene Regierung begründet die Reise ausdrücklich mit dem Ziel, Kanadas Partnerschaften zu diversifizieren und die Beziehungen zu Europa bei Handel, Investitionen und Sicherheit auszubauen.

Trump treibt Kanada Richtung Europa

Der Zeitpunkt ist kein Zufall.

Die Beziehungen zwischen Washington und Ottawa haben sich unter Donald Trump erheblich verschlechtert. Der Handelsstreit zwischen den beiden Nachbarn eskalierte 2026 mit neuen amerikanischen Zöllen, kanadischen Gegenmaßnahmen und zuletzt sogar amerikanischen Importbeschränkungen gegen bestimmte kanadische Produkte.

Für Kanada ist dieser Konflikt besonders gefährlich, weil kaum eine andere entwickelte Volkswirtschaft so eng mit einem einzelnen Nachbarstaat verflochten ist.

Nach Statistics Canada gingen 2025 noch 71,7 Prozent aller kanadischen Warenexporte in die Vereinigten Staaten. Ein Jahr zuvor waren es sogar 75,9 Prozent. Gleichzeitig sank der amerikanische Anteil an Kanadas Importen von 62,3 auf 58,8 Prozent.

Carneys Strategie ist deshalb leicht nachvollziehbar: Kanada will die USA nicht ersetzen – das wäre kurzfristig wirtschaftlich unmöglich. Es will aber verhindern, dass Washington seine enorme Marktmacht jederzeit als politisches Druckmittel einsetzen kann.

Der derzeitige Handelskrieg liefert dafür das stärkste Argument.

Trump setzt gegenüber Verbündeten zunehmend auf dieselbe Methode, die haOlam bereits im Verhältnis zur Europäischen Union beschrieben hat: Zugang zum amerikanischen Markt wird mit politischen und wirtschaftlichen Forderungen verknüpft. Wer nicht mitzieht, muss mit Zöllen, Beschränkungen oder anderen Maßnahmen rechnen.

Für Kanada ist das besonders unangenehm. Jahrzehntelang galt die wirtschaftliche Integration mit den USA als strategischer Vorteil. Nun wird dieselbe Verflechtung zum Risiko.

Europa soll dieses Risiko zumindest teilweise verringern.

Verteidigung ist bereits weiter als der Handel

Ein Teil dieses Kurswechsels ist längst Realität.

Kanada und die Europäische Union unterzeichneten bereits 2025 eine neue Sicherheits- und Verteidigungspartnerschaft. Im Februar 2026 trat Kanada als erstes nichteuropäisches Land dem EU-Instrument SAFE bei, das gemeinsame Investitionen und Beschaffung im Verteidigungsbereich fördern soll.

Der EU-Rat bezeichnet Kanada ausdrücklich als einen der engsten Partner Europas. Kanadische Unternehmen können über SAFE inzwischen an bestimmten gemeinsamen europäischen Rüstungsprojekten teilnehmen.

Damit existiert bereits ein Modell für genau das, was Carney nun auf andere Bereiche übertragen will: tiefe Integration ohne EU-Mitgliedschaft.

Diskutiert werden nach dem Bericht des Wall Street Journal unter anderem Energie, künstliche Intelligenz, kritische Rohstoffe, Verteidigung, Forschung und digitale Infrastruktur. Auch gemeinsame Rechenzentren, Unterseekabel und Satellitennetze sind im Gespräch. Hinzu kommen Überlegungen, hochqualifizierten Arbeitnehmern den Wechsel zwischen Kanada und europäischen Staaten zu erleichtern.

Besonders interessant ist der Energiebereich. Kanada verfügt über enorme Rohstoff- und Gasreserven und sucht neue Exportwege nach Europa. Damit könnten europäische Staaten ihre Abhängigkeit von anderen Lieferanten reduzieren, während Kanada neue Kunden außerhalb der USA gewinnt.

Auch militärisch ergänzen sich die Interessen. Europa will seine Verteidigungsindustrie erheblich ausbauen. Kanada wiederum braucht neue Beschaffungswege und Märkte für seine eigene Rüstungsindustrie.

Das ist keine Vision mehr. Im Juni wurde die kanadische Teilnahme an SAFE formell abgeschlossen.

Europa ersetzt Amerika nicht

Trotz aller politischen Dynamik bleiben die Grenzen des Projekts offensichtlich.

Der Handel mit der Europäischen Union wächst stark. 2025 erreichte der gemeinsame Waren- und Dienstleistungshandel nach EU-Angaben rund 130 Milliarden Euro. Seit dem vorläufigen Inkrafttreten des CETA-Abkommens 2017 hat er sich fast verdoppelt.

Doch selbst damit bleibt Europa weit hinter den USA zurück.

Die EU steht für weniger als zehn Prozent des kanadischen Warenhandels. Die amerikanische Wirtschaft ist geographisch unmittelbar erreichbar, Lieferketten sind seit Jahrzehnten integriert und viele kanadische Unternehmen produzieren praktisch für einen gemeinsamen nordamerikanischen Markt.

Kein Abkommen mit Brüssel kann diese Struktur kurzfristig ersetzen.

Hinzu kommen Probleme auf europäischer Seite. Selbst das bereits bestehende CETA-Abkommen ist fast ein Jahrzehnt nach seinem vorläufigen Inkrafttreten noch nicht von allen EU-Mitgliedstaaten vollständig ratifiziert.

Eine wesentlich tiefere Integration Kanadas wäre also politisch und rechtlich kompliziert.

Auch innerhalb der EU gibt es Bedenken. Ein kanadisches Sondermodell darf aus Sicht mancher Regierungen nicht attraktiver werden als eine reguläre Mitgliedschaft. Nach dem Brexit möchte Brüssel vermeiden, dass Staaten umfassenden Binnenmarktzugang erhalten, ohne vergleichbare Pflichten zu übernehmen.

Carney steht zugleich innenpolitisch vor derselben Frage: Wie viel regulatorische Anpassung an Brüssel wäre Kanada bereit zu akzeptieren, um besseren Marktzugang zu erhalten?

Denn Zugang zum europäischen Binnenmarkt ist nicht kostenlos. Norwegen und andere eng angebundene Staaten übernehmen große Teile europäischen Rechts, leisten finanzielle Beiträge und akzeptieren Freizügigkeitsregeln.

Ein kanadisches Sondermodell müsste einen neuen Mittelweg finden.

Auch für Israel ist die neue Achse nicht belanglos

Für Israel ist die Annäherung zwischen Kanada und Europa ebenfalls interessant.

Carneys Regierung hat sich zuletzt außenpolitisch in mehreren Fragen enger mit europäischen Staaten abgestimmt. Kanada kündigte gemeinsam mit Frankreich und Großbritannien Maßnahmen gegen Waren aus israelischen Gemeinden in Judäa und Samaria an. Jerusalem reagierte auf diese Politik scharf und warf den beteiligten Regierungen vor, politischen Druck einseitig gegen Israel zu richten.

Eine tiefere kanadisch-europäische Partnerschaft bedeutet daher nicht nur neue Handelsstrukturen. Sie könnte langfristig auch zu engerer außenpolitischer Abstimmung führen.

Für Israel wäre entscheidend, ob Ottawa dabei eigenständige Positionen bewahrt oder sich stärker an jenen europäischen Regierungen orientiert, die in den vergangenen Monaten ihren Druck auf Jerusalem erhöht haben.

Das ist bislang offen.

Fest steht dagegen, dass Carneys Projekt weit mehr ist als eine neue Handelsinitiative.

Kanada versucht, sich aus einer jahrzehntelang selbstverständlichen Abhängigkeit von den Vereinigten Staaten herauszubewegen. Trump hat diese Entwicklung nicht allein verursacht, aber seine Zollpolitik hat sie massiv beschleunigt.

Carney selbst spricht nicht vom Abschied von Amerika.

Seine Politik bedeutet dennoch etwas Neues: Kanada will künftig genug Alternativen besitzen, um Washington auch einmal Nein sagen zu können.

Und Europa sieht darin inzwischen nicht mehr nur eine kanadische Fluchtbewegung vor Trump, sondern eine strategische Chance.

Autor: Redaktion
Bild Quelle: KI-generierte Illustration / haOlam.de

Artikel veröffentlicht am: Montag, 14. September 2026

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