Sally Rooney bringt Roman auf Hebräisch bei BDS-konformem Verlag heraus
Die irische Bestsellerautorin Sally Rooney lässt ihren Roman „Intermezzo“ nun doch auf Hebräisch erscheinen. Doch die Entscheidung zeigt weniger Offenheit gegenüber israelischen Lesern als die neue Härte des kulturellen Boykotts.

Die irische Schriftstellerin Sally Rooney wird ihren Roman „Intermezzo“ auf Hebräisch veröffentlichen lassen. Was auf den ersten Blick wie eine Korrektur früherer Boykottentscheidungen wirken könnte, ist bei genauerem Hinsehen etwas anderes: kein Ende des Boykotts, sondern seine Verfeinerung. Die Übersetzung erscheint bei November Books, einem kleinen israelischen Verlag, der nach Darstellung der Beteiligten die Kriterien der BDS Bewegung erfüllt. Das Projekt wird in Zusammenarbeit mit +972 Magazine und Local Call umgesetzt. Rooney erklärte, sie habe nie die hebräische Sprache boykottieren wollen, sondern israelische Institutionen, die sie als mit staatlicher Politik verbunden betrachtet. Die Veröffentlichung wurde am 19. Mai 2026 öffentlich gemacht.
Damit wird ein bemerkenswerter Widerspruch sichtbar. Rooney will hebräische Leser erreichen, aber nur durch ein politisches Filtersystem, das zuvor festlegt, welcher israelische Verlag als moralisch zulässig gilt. Der Roman darf auf Hebräisch erscheinen, aber nur, wenn die israelische Seite sich öffentlich von Israel distanziert, keine staatliche Förderung annimmt und nicht in israelischen Orten jenseits der Waffenstillstandslinie von 1949 tätig ist. Nach Angaben der beteiligten BDS nahen Akteure erfüllte von 98 geprüften israelischen Verlagen nur November Books diese Bedingungen.
Rooney war bereits 2021 international in die Schlagzeilen geraten, als sie die hebräischen Übersetzungsrechte für „Beautiful World, Where Are You“ nicht an jenen israelischen Verlag verkaufen wollte, der zuvor ihre Bücher auf Hebräisch herausgebracht hatte. Damals begründete sie den Schritt mit ihrer Unterstützung für BDS. Kritiker warfen ihr vor, israelische Leser unter Generalverdacht zu stellen. Rooney hielt dagegen, sie boykottiere nicht die Sprache, sondern Institutionen, die nach ihrer Ansicht an israelischer Politik beteiligt seien. Diese Linie führt sie nun fort. Sie öffnet die Tür zur hebräischen Ausgabe, aber nur durch einen Korridor, den BDS zuvor abgesteckt hat.
Genau darin liegt die politische Brisanz. Rooney stellt ihre Entscheidung als differenziert dar. Sie sagt, sie wolle nicht Hebräisch ausschließen. Doch die Botschaft an Israels Kulturwelt bleibt hart: Wer nicht die Sprache der Boykottbewegung übernimmt, gilt als nicht veröffentlichungswürdig. Damit wird Literatur nicht mehr zuerst als Begegnung zwischen Autorin, Übersetzerin, Verlag und Lesern verstanden, sondern als politischer Eignungstest. Ein israelischer Verlag ist nicht mehr einfach ein Verlag. Er muss sich zertifizieren lassen, öffentlich die richtigen Formeln erfüllen und sich von Teilen des eigenen Landes distanzieren, um nicht als belastet zu gelten.
Das ist kein nebensächliches Detail. BDS behauptet seit Jahren, der Boykott richte sich nicht gegen Juden und nicht gegen Israelis als Menschen, sondern gegen Institutionen. Doch in der Praxis trifft der kulturelle Boykott gerade jene Räume, in denen Austausch, Streit, Kritik und Selbstkorrektur möglich wären. Er trifft Bücher, Veranstaltungen, Übersetzungen, Hochschulen, Lesungen, Preisverleihungen und Debatten. Wer entscheidet, welche israelische Stimme noch sprechen darf, übt Macht über Kultur aus. Und wer diese Macht an politische Boykottgremien bindet, macht Literatur abhängig von Gesinnungsprüfung.
Rooney ist nicht irgendeine Autorin. Ihre Bücher sind internationale Bestseller, wurden in viele Sprachen übersetzt und durch Fernsehproduktionen einem Millionenpublikum bekannt. Ihre Entscheidung hat deshalb Gewicht weit über den Buchmarkt hinaus. Wenn eine weltweit bekannte Schriftstellerin öffentlich erklärt, sie habe mit PACBI, einem Gründungsarm der BDS Bewegung, Kontakt gehalten, um die Buchveröffentlichung mit den Regeln des institutionellen Boykotts in Einklang zu bringen, dann ist das mehr als ein verlegerischer Vorgang. Es ist ein kulturpolitisches Signal.
BDS als Türsteher der Kultur
Die beteiligten Akteure versuchen, das Projekt als Gegenbeweis gegen den Vorwurf zu präsentieren, BDS richte sich grundsätzlich gegen Israelis. Haggai Matar von +972 argumentierte sinngemäß, der Fall zeige, dass Israelis keine Ausgestoßenen seien, solange sie nicht an aus seiner Sicht problematischen staatlichen Strukturen beteiligt seien. Doch genau diese Argumentation offenbart das Problem. Israelis werden nicht als gleichberechtigte Kulturpartner behandelt, sondern als Menschen, die sich erst politisch freisprechen müssen.
Das ist besonders heikel, weil BDS nicht nur eine Kritik an konkreten Regierungsentscheidungen formuliert. Die Bewegung stellt Forderungen, die aus israelischer Sicht tief in die Existenzfrage des jüdischen Staates hineinreichen. Dazu gehört auch der sogenannte Rückkehranspruch palästinensischer Flüchtlinge und ihrer Nachkommen nach Israel. Für viele Israelis, auch für viele, die ihre Regierung scharf kritisieren, würde eine uneingeschränkte Umsetzung dieses Anspruchs das Ende Israels als jüdischer und demokratischer Staat bedeuten. Wenn diese Forderung zum Kriterium kultureller Anerkennung gemacht wird, geht es nicht mehr nur um die Frage, ob ein Verlag staatliche Förderung erhält. Es geht um die politische Grundordnung Israels.
Rooney und ihre Unterstützer sprechen von „minimalen“ Anforderungen. Für israelische Verlage sind sie jedoch keineswegs minimal. Sie bedeuten, dass Kulturinstitutionen sich einem politischen Programm unterwerfen sollen, das von außen definiert, welche israelischen Partner moralisch akzeptabel sind. Wer sich weigert, bleibt draußen. Wer zustimmt, wird vorgeführt als Beleg dafür, dass der Boykott angeblich nicht gegen Israelis gerichtet sei. In Wahrheit entsteht ein System, in dem Israelis nur dann willkommen sind, wenn sie die Prämissen ihrer Boykotteure bestätigen.
Diese Entwicklung fällt in eine Zeit, in der jüdische Autoren und israelbezogene Kulturprojekte seit dem 7. Oktober 2023 in vielen westlichen Ländern unter Druck geraten sind. Jüdische Schriftsteller berichten von Ausladungen, abgesagten Veranstaltungen, Verdächtigungen und der Erwartung, sich zu Israel zu positionieren, selbst wenn ihre Bücher mit dem Nahostkonflikt nichts zu tun haben. In Teilen des Literaturbetriebs reicht die Zuschreibung „zionistisch“ inzwischen aus, um Menschen zu markieren. Das ist kein offener Dialog. Das ist kulturelle Einschüchterung.
Rooneys Fall zeigt deshalb exemplarisch, wie sich der Ton verschoben hat. Es geht nicht nur darum, ob eine Autorin einen Verlag frei wählen darf. Natürlich darf sie das. Es geht darum, welche politische Symbolik sie aus dieser Wahl macht. Rooney hat sich nicht still für einen kleinen israelischen Verlag entschieden. Die Veröffentlichung wurde ausdrücklich als BDS konformes Projekt präsentiert. +972 schrieb selbst, die Übersetzung solle die BDS Leitlinien klarer machen und die Bewegung stärken. Damit ist der Roman nicht nur ein Buch. Er wird Teil einer Kampagne.
Hebräisch ja, Israel nur unter Vorbehalt
Die Behauptung, man boykottiere nicht Hebräisch, sondern nur bestimmte Institutionen, klingt auf den ersten Blick entlastend. Doch sie verschiebt das Problem nur. Hebräisch ist nicht irgendeine Sprache in diesem Zusammenhang. Es ist die Sprache vieler Juden in Israel, eine Alltagssprache, eine Literatursprache, eine Sprache der Trauer, der Erinnerung, der Moderne, der religiösen Überlieferung und der politischen Gegenwart. Wer den Zugang zu dieser Sprache an BDS Bedingungen knüpft, berührt mehr als nur Verträge.
Rooney will nicht als Gegnerin hebräischer Leser erscheinen. Das ist verständlich. Aber die neue Lösung führt zu einer seltsamen Botschaft: Ihr dürft mein Buch lesen, wenn es durch jene israelischen Partner kommt, die von Boykottaktivisten als ausreichend rein betrachtet werden. Für viele Israelis dürfte das nicht wie Offenheit wirken, sondern wie Herablassung. Man spricht zu ihnen, aber nicht mit ihnen auf Augenhöhe.
Dabei wäre gerade Literatur ein Raum, in dem politische Gewissheiten herausgefordert werden könnten. Gute Literatur muss nicht die Regierung eines Landes bestätigen. Sie muss nicht national sein, nicht staatstragend, nicht bequem. Sie darf unbequem, links, rechts, religiös, säkular, zornig, verletzlich, widersprüchlich sein. Doch wenn der Zugang zu Literatur durch Boykottregeln geregelt wird, verengt sich dieser Raum. Dann entscheidet nicht allein die Qualität eines Verlages, einer Übersetzung oder eines literarischen Projekts, sondern seine politische Brauchbarkeit für eine Bewegung.
Israel ist ein Land mit heftigen inneren Debatten. Seine Schriftsteller, Journalisten, Verlage, Filmemacher und Intellektuellen streiten offen, oft scharf, oft öffentlich. Gerade wer glaubt, israelische Politik kritisieren zu müssen, müsste ein Interesse daran haben, diese inneren Räume nicht zu schwächen. Der Boykott tut das Gegenteil. Er trennt, sortiert, sanktioniert und belohnt Anpassung an externe Kriterien.
Rooney hat nun einen Weg gefunden, auf Hebräisch zu erscheinen, ohne ihre BDS Unterstützung aufzugeben. Das mag für sie persönlich konsequent wirken. Für die israelische Kulturwelt aber bleibt der Vorgang ein bitteres Zeichen. Eine der bekanntesten Autorinnen Europas erklärt nicht einfach: Ich möchte, dass auch hebräische Leser mein Buch lesen können. Sie sagt: Ich möchte es nur unter Bedingungen, die von einer Bewegung geprüft werden, die Israel international isolieren will.
Genau deshalb ist diese Veröffentlichung kein Ende des Boykotts. Sie ist sein neues Gesicht. Weicher im Ton, geschickter in der Verpackung, aber im Kern unverändert: Israelische Kultur soll nicht frei begegnen, sondern sich rechtfertigen. Hebräisch wird zugelassen, Israel aber bleibt unter Vorbehalt.
Autor: David Goldberg
Artikel veröffentlicht am: Donnerstag, 21. Mai 2026