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Israels Schweigen vor Gericht: Wie Innenpolitik die internationale Verteidigung lähmt


Während Israel militärisch kämpfte und sich verteidigte, blieb eine andere Front erstaunlich still. Die juristische. Kritiker dominierten internationale Gerichte, Medien und Debatten. Israels eigene rechtliche Aufarbeitung blieb weitgehend hinter verschlossenen Türen. Das war kein Zufall, sondern das Ergebnis politischer Blockaden und strategischer Angst.

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Seit dem 7. Oktober 2023 sieht sich Israel mit einem beispiellosen juristischen und medialen Angriff konfrontiert. Der Vorwurf lautet nicht nur auf Kriegsverbrechen, sondern zunehmend auf Völkermord. Internationale Medien analysieren einzelne Luftschläge Bild für Bild, während internationale Gerichte Verfahren gegen israelische Entscheidungsträger vorantreiben. Wer Israel verteidigen will, steht dabei oft mit leeren Händen da. Nicht, weil es keine Argumente gäbe, sondern weil sie nicht öffentlich gemacht werden.

Israel hat seine grundsätzliche Position klar formuliert. Die Hamas beging ein Massaker an Zivilisten, verschleppte Menschen, nutzte systematisch menschliche Schutzschilde und verwandelte zivile Infrastruktur in militärische Stützpunkte. Ein erheblicher Teil der Todesopfer in Gaza waren bewaffnete Kämpfer oder starben durch Handlungen der Hamas selbst. Doch diese allgemeinen Fakten helfen wenig, wenn internationale Medien konkrete Angriffe isoliert betrachten und als Beweise für gezielte Tötungen darstellen.

Das juristische Schlachtfeld bleibt halb leer

Fast zweieinhalb Jahre nach Beginn des Krieges hat Israel zwar mehr als hundert strafrechtliche Ermittlungen gegen eigene Soldaten eingeleitet, doch detaillierte Ergebnisse wurden kaum veröffentlicht. Das ist ein radikaler Bruch mit früherer Praxis. Nach früheren Gaza Konflikten informierte Israel regelmäßig über Fortschritte, Anklagen und Einstellungen. Diesmal herrscht weitgehend Schweigen.

Dabei war Israel juristisch keineswegs untätig. Vor dem Internationaler Gerichtshof gelang es israelischen Juristen, einen sofortigen Stopp der Kampfhandlungen abzuwehren. Vor dem Internationaler Strafgerichtshof kämpft Israel seit Monaten gegen Haftbefehle gegen Premierminister Benjamin Netanjahu und den ehemaligen Verteidigungsminister Yoav Gallant. Mehrfach wurden Verfahren verzögert, Zuständigkeitsfragen neu aufgerollt und Teilerfolge erzielt.

Doch all das geschah weitgehend im Verborgenen. Große Schriftsätze bleiben geheim, Beweisdarstellungen unter Verschluss. Selbst geplante umfassende Verteidigungsschriften sollen frühestens ein Jahr nach Einreichung öffentlich werden. Damit überlässt Israel die öffentliche Bühne seinen Gegnern.

Angst vor Missbrauch und Angst vor der eigenen Politik

Warum dieses Schweigen? Die Gründe sind vielfältig. Zu Beginn war es Überlastung. Die Dimension dieses Krieges sprengte alle bisherigen juristischen Maßstäbe. Tausende Vorwürfe, tausende Akten, zu wenige spezialisierte Juristen. Doch später trat ein anderes Motiv in den Vordergrund: Angst.

Angst davor, dass jedes veröffentlichte Detail von internationalen Institutionen gegen Israel verwendet wird. Angst davor, dass Transparenz nicht belohnt, sondern bestraft wird. Und nicht zuletzt Angst vor innenpolitischen Reaktionen. Ermittlungen gegen Soldaten wurden von Teilen der israelischen Politik und Öffentlichkeit als Verrat gebrandmarkt. Juristische Aufarbeitung wurde politisiert.

Ein besonders prägendes Beispiel war der Fall des Haftzentrums Sde Teiman. In einem Fall gestand ein Soldat schwere Misshandlungen von Gefangenen und wurde verurteilt. International blieb dies nahezu unbeachtet. In einem anderen Fall eskalierte die politische Reaktion derart, dass Aktivisten und Abgeordnete versuchten, Festnahmen zu verhindern. Das Signal war eindeutig: Rechtliche Selbstkontrolle ist innenpolitisch riskant.

Ein strategischer Fehler mit Langzeitfolgen

So verständlich die Vorsicht sein mag, strategisch ist sie fatal. Der entscheidende Kampf findet nicht nur in Den Haag statt, sondern in der öffentlichen Meinung westlicher Demokratien. Wer dort nicht präsent ist, verliert. Transparenz ist kein Geschenk an Israels Feinde, sondern eine Voraussetzung, um glaubwürdig zu bleiben.

Der Vorwurf des Völkermords ist juristisch absurd. Er setzt einen systematischen Vernichtungswillen voraus, den selbst Israels schärfste Kritiker nicht belegen können. Doch Narrative wirken auch ohne Beweise. Wenn Israel seine eigene detaillierte Darstellung nicht liefert, wird die Lücke von anderen gefüllt.

Gerade jetzt, nach dem Ende der Kampfhandlungen, wäre der Moment gewesen, offensiv aufzutreten. Fehler dort benennen, wo sie passiert sind. Entscheidungen erklären, Abläufe offenlegen, Verantwortung differenzieren. Nicht aus Schwäche, sondern aus Stärke.

Israel ist ein Rechtsstaat im Krieg. Doch wer das nicht zeigt, läuft Gefahr, international wie ein Staat behandelt zu werden, der etwas zu verbergen hat. Das Schweigen mag taktisch motiviert sein. Politisch und moralisch ist es ein Risiko, das sich langfristig rächen kann.

Autor: Redaktion
Bild Quelle: By Tony Webster - International Criminal Court at The Hague (ICC), CC BY 2.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=156601057

Artikel veröffentlicht am: Freitag, 30. Januar 2026

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