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University of Michigan feiert Aktivisten, die jüdische Studenten eingeschüchtert haben sollen


Eine Abschlussfeier wurde für jüdische Studenten zum bitteren Signal: Die Universität lobte Aktivisten, die viele Betroffene mit Angst und Ausgrenzung verbinden.

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Ein Universitätsabschluss sollte ein Moment des Stolzes sein. Familien reisen an, Eltern sitzen auf den Rängen, Studenten tragen Talare, Namen werden aufgerufen, Jahre der Arbeit und des Verzichts finden ihren sichtbaren Abschluss. Für jüdische Studenten an der University of Michigan muss dieser Tag jedoch eine andere, bittere Bedeutung bekommen haben. Nicht weil sie keine politische Debatte aushalten würden. Nicht weil Kritik an Israel unmöglich sein soll. Sondern weil ausgerechnet bei ihrer eigenen Abschlussfeier jene Aktivisten öffentlich gelobt wurden, die jüdische Gruppen und viele Betroffene mit einem feindseligen Campusklima verbinden.

Der scheidende Vorsitzende des Faculty Senate, Professor Derek R. Peterson, nutzte seine Rede bei der universitätsweiten Abschlussfeier am 2. Mai für eine Würdigung pro-palästinensischer studentischer Aktivisten. Nach Angaben der AP sagte er sinngemäß, diese hätten in den vergangenen zwei Jahren die Herzen für die Ungerechtigkeit und Unmenschlichkeit von Israels Krieg in Gaza geöffnet. Für einen Teil des Publikums mag das wie ein moralischer Appell geklungen haben. Für jüdische Studenten, die seit Monaten von Einschüchterung, Ausgrenzung und einem wachsenden Gefühl der Unsicherheit auf amerikanischen Campus berichten, musste es wie eine öffentliche Demütigung wirken.

Genau hier liegt der Kern dieses Vorgangs. Es geht nicht um empfindliche Studenten, die eine andere Meinung nicht hören wollen. Es geht um die Frage, was eine Universität tut, wenn eine Minderheit sagt: Wir fühlen uns auf diesem Campus nicht mehr sicher, wir werden markiert, bedrängt und mit einer politischen Verantwortung beladen, nur weil wir jüdisch sind. Wenn dann auf der offiziellen Bühne einer Abschlussfeier jene Aktivisten gefeiert werden, die mit diesem Klima in Verbindung gebracht werden, ist das kein normaler Meinungsaustausch mehr. Es ist ein institutionelles Signal.

Dieses Signal lautet: Eure Erfahrung zählt weniger als die moralische Erzählung, in die andere sich selbst einordnen.

Seit dem 7. Oktober 2023 erleben jüdische Studenten an vielen amerikanischen Universitäten eine Entwicklung, die weit über harte politische Debatten hinausgeht. Kritik an Israel ist legitim. Protest ist legitim. Auch scharfe Worte gehören zu einer freien Universität. Doch dort, wo jüdische Studenten als Stellvertreter Israels behandelt werden, wo sie sich erklären sollen, wo jüdische Symbole zum Risiko werden und wo aus Protest ein Klima der Einschüchterung entsteht, endet die einfache Formel von der freien Rede. Dann geht es um Diskriminierung, um Schutzpflichten und um die Frage, ob jüdische Studenten an ihrer Universität noch denselben Anspruch auf Würde und Sicherheit haben wie andere Minderheiten.

Die University of Michigan hätte diesen Unterschied klar benennen müssen. Sie hätte sagen können: Politische Rede bleibt geschützt, aber eine Abschlussfeier darf nicht zum Ort werden, an dem jüdische Absolventen erleben müssen, dass ihre Ausgrenzer moralisch geehrt werden. Stattdessen entstand ein anderes Bild. Der Präsident der Universität entschuldigte sich zwar und bezeichnete die Äußerungen als verletzend und unsensibel. Doch unmittelbar danach formierte sich breite Unterstützung für Peterson. Mehr als 2.000 Studenten, Mitarbeiter und Alumni stellten sich Berichten zufolge hinter ihn und forderten, die Kritik zurückzunehmen beziehungsweise freie Rede und institutionelle Neutralität zu schützen.

Natürlich ist freie Rede an Universitäten unverzichtbar. Aber sie darf nicht als Schutzschild dienen, wenn eine Institution die Betroffenen aus dem Blick verliert. Es gibt einen Unterschied zwischen dem Recht eines Professors, politische Positionen zu vertreten, und der Entscheidung einer Universität, einer solchen Position im feierlichsten Moment eines Jahrgangs eine Bühne zu geben. Eine Abschlussfeier ist kein Proseminar, keine Kundgebung und keine spontane Debatte auf dem Campus. Sie ist ein offizieller Akt. Wer dort spricht, spricht in einem Rahmen, dem die Universität Autorität verleiht.

Man muss nur ein einfaches Gedankenexperiment wagen. Wären schwarze Studenten, asiatische Studenten, muslimische Studenten, Latino Studenten oder queere Studenten über längere Zeit einem feindseligen Campusklima ausgesetzt gewesen, und ein Professor hätte bei ihrer Abschlussfeier jene Aktivisten gelobt, die mit dieser Einschüchterung verbunden werden, wäre die Reaktion wohl ungleich härter. Kaum jemand würde den Vorgang auf verletzte Gefühle reduzieren. Kaum jemand würde sagen, die Betroffenen müssten das eben aushalten. Man würde fragen, warum eine Universität eine Minderheit im Moment ihrer Anerkennung bloßstellt.

Bei jüdischen Studenten aber gelten an vielen Hochschulen plötzlich andere Maßstäbe. Ihre Angst wird geprüft. Ihre Berichte werden relativiert. Ihre Verletzung wird politisch eingeordnet. Ihre Identität wird mit Israel vermischt, bis aus jungen Menschen im Talar Projektionsflächen eines Weltkonflikts werden. Genau so funktioniert moderner Campus-Antisemitismus häufig: nicht immer durch offene Beschimpfung, sondern durch eine Atmosphäre, in der Juden nur noch unter Vorbehalt dazugehören.

Das ist der eigentliche Skandal von Michigan. Nicht, dass jemand über Gaza gesprochen hat. Nicht, dass eine Universität politische Spannungen aushalten muss. Sondern dass jüdische Studenten offenbar erleben mussten, wie ihre Angst und ihre Ausgrenzung im eigenen Abschlussmoment von einer großen moralischen Pose überdeckt wurden. Die Aktivisten wurden gewürdigt. Die Betroffenen blieben mit dem Eindruck zurück, dass ihre Universität sie nicht wirklich sieht.

Eine Hochschule muss kein Ort politischer Bequemlichkeit sein. Aber sie muss ein Ort sein, an dem Minderheiten nicht allein gelassen werden. Jüdische Studenten verlangen keine Sonderrechte. Sie verlangen, dass die Maßstäbe, die sonst für Diskriminierung und Einschüchterung gelten, auch für sie gelten. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Wenn Universitäten ihre Glaubwürdigkeit behalten wollen, müssen sie aufhören, jüdisches Leid durch die Brille politischer Sympathien zu betrachten. Antisemitismus wird nicht harmloser, nur weil er im Gewand des Aktivismus auftritt. Ausgrenzung wird nicht akzeptabler, nur weil sie mit großen Worten begründet wird. Und eine Abschlussfeier wird nicht würdiger, wenn jüdische Studenten im Talar sitzen und der Applaus jenen gilt, die sie mit Einschüchterung verbinden.

Die University of Michigan hätte ihren jüdischen Absolventen einen Tag der Anerkennung geben müssen. Stattdessen wurde dieser Tag zum Symbol einer gefährlichen Doppelmoral: An amerikanischen Eliteuniversitäten wird viel über Schutz, Würde und Minderheiten gesprochen. Doch wenn jüdische Studenten betroffen sind, wird aus klarer Haltung plötzlich eine komplizierte Debatte.

Genau daran misst sich die moralische Substanz einer Universität. Nicht daran, wie laut sie Gerechtigkeit sagt. Sondern daran, ob sie jüdische Studenten schützt, wenn der Schutz unbequem wird.

Autor: Redaktion
Bild Quelle: Symbolbild KI generiert

Artikel veröffentlicht am: Samstag, 23. Mai 2026

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