Herzogs letzte zwei Jahre: Diplomatie gegen Isolation, Dialog gegen Spaltung
Isaac Herzog hat für den Rest seiner Amtszeit drei Schwerpunkte gesetzt: Israels internationale Beziehungen stärken, jüdische Gemeinschaften weltweit enger an Israel binden und die gefährliche Polarisierung im eigenen Land eindämmen.

Israels Staatspräsident Isaac Herzog geht in die letzten knapp zwei Jahre seiner siebenjährigen Amtszeit. Seit Juli 2021 steht er an der Spitze des Staates, im Sommer 2028 endet regulär sein Mandat. Für die verbleibende Zeit hat Herzog drei Prioritäten formuliert, die auffällig genau jene Konfliktlinien widerspiegeln, mit denen Israel nach dem 7. Oktober und den folgenden Kriegen konfrontiert ist: Diplomatie, die Verbindung zwischen Israel und der jüdischen Diaspora sowie die Überwindung gesellschaftlicher Spaltungen.
Das erste Ziel ist zugleich das sichtbarste. Herzog will Israels diplomatische Beziehungen weiter ausbauen und insbesondere die Abraham-Abkommen stärken. Seit seinem Amtsantritt hat er zahlreiche Staats- und Arbeitsbesuche absolviert. Gerade nach dem Massaker vom 7. Oktober 2023 sieht er seine Rolle darin, Israels Position international zu vertreten und der Delegitimierung des jüdischen Staates entgegenzutreten.
Die Notwendigkeit dafür ist zuletzt wieder deutlich geworden. Großbritannien verhängte Anfang September neue Sanktionen gegen Israel und verschärfte seine Politik gegenüber Jerusalem erheblich. Herzog bezeichnete diesen Schritt als schwere Fehlentscheidung und Einmischung unmittelbar vor der israelischen Wahl. Gleichzeitig baut Israel seine Beziehungen dort aus, wo politische Partnerschaften belastbarer sind. Erst im Frühjahr würdigte Herzog Kasachstans Beitritt zum Kreis der Abraham-Abkommen und warb für eine deutliche Vertiefung der wirtschaftlichen und strategischen Zusammenarbeit.
Für Herzog gehört dazu ausdrücklich auch die Erweiterung dieses Friedenskreises. Die Abraham-Abkommen seien nicht nur diplomatische Dokumente, sondern ein Modell dafür, wie Israel stärker in die Region eingebunden werden könne. In den vergangenen Monaten äußerte Herzog mehrfach die Hoffnung auf weitere Friedensschritte, darunter mit dem Libanon und langfristig auch mit anderen arabischen Staaten.
Israel und die Diaspora sollen wieder enger zusammenrücken
Herzogs zweiter Schwerpunkt betrifft die jüdischen Gemeinschaften außerhalb Israels. Seit dem 7. Oktober hat der Antisemitismus in zahlreichen Ländern deutlich zugenommen. Herzog will deshalb verstärkt jüdische Gemeinden besuchen, die mit Bedrohungen, Einschüchterungen und offenem Judenhass konfrontiert sind.
Bei einer Gedenkveranstaltung in Rumänien warnte er im Juni vor einer neuen antisemitischen Welle in Europa. Bereits zum israelischen Holocaust-Gedenktag hatte er erklärt, Israel und die Diaspora seien eine Familie mit gemeinsamem Schicksal. Worte allein reichten im Kampf gegen Antisemitismus nicht aus, Regierungen müssten handeln.
Ein wichtiges Instrument dafür ist Herzogs Initiative „Voice of the People“. Sie bringt Juden aus Israel, Nordamerika und anderen Teilen der Diaspora zusammen, um gemeinsame Herausforderungen zu diskutieren und konkrete Projekte zu entwickeln. Für die zweite Runde werden 150 Teilnehmer gesucht, jeweils 50 aus Israel, den USA und Kanada sowie aus anderen jüdischen Gemeinschaften weltweit. Die Bewerbungsphase wurde in dieser Woche eröffnet.
Die Initiative ist nicht zufällig zu einem zentralen Projekt des Präsidenten geworden. Gerade nach dem 7. Oktober sind die Verbindungen zwischen Israel und Teilen der Diaspora komplizierter geworden. Während jüdische Gemeinden in Europa, Nordamerika und Australien mit wachsendem Antisemitismus kämpfen, erleben sie gleichzeitig politische Debatten, in denen Israel zunehmend zum Gegenstand von Boykottforderungen, Sanktionen und Delegitimierung wird.
Herzog kennt diese Welt aus eigener Erfahrung. Er verbrachte einen Teil seiner Jugend in New York, während sein Vater Chaim Herzog Israels Botschafter bei den Vereinten Nationen war. Später leitete Isaac Herzog vor seiner Wahl zum Präsidenten die Jewish Agency. Seine Nähe zu jüdischen Gemeinden außerhalb Israels ist deshalb kein neues Element seiner Präsidentschaft, sondern zieht sich durch seine politische Biografie.
Die schwierigste Aufgabe wartet im eigenen Land
Der dritte Schwerpunkt dürfte politisch der heikelste werden. Herzog will die tiefe gesellschaftliche Polarisierung innerhalb Israels zumindest abmildern.
Mit „Time to Talk“ versucht das Präsidentenamt, Gesprächsräume für Gruppen zu schaffen, die politisch, religiös oder gesellschaftlich weit auseinanderliegen. Herzog beschreibt die zunehmende Unfähigkeit, überhaupt noch miteinander zu diskutieren, als Gefahr für den inneren Zusammenhalt. Das Projekt soll deshalb nicht lediglich symbolische Begegnungen organisieren, sondern dauerhaft Strukturen für Gespräche und Verständigung schaffen.
Der Zeitpunkt ist bewusst gewählt. Am 27. Oktober wählt Israel die 26. Knesset. Die Wahl findet nach Jahren statt, die von der Justizreformdebatte, dem Massaker vom 7. Oktober, mehreren Kriegen, innenpolitischen Auseinandersetzungen und schweren gesellschaftlichen Belastungen geprägt waren. Die israelische Wahlbehörde bestätigt den Termin und hat die Vorbereitungen bereits aufgenommen.
Herzog sieht gerade diese Wahlperiode als Belastungstest für den Umgang miteinander. Als Präsident besitzt er nur begrenzte politische Macht und muss sich weitgehend außerhalb der Parteipolitik bewegen. Genau darin liegt aber auch seine besondere Rolle. Er kann keine Koalition bilden oder Gesetzgebung erzwingen, wohl aber versuchen, rote Linien im öffentlichen Umgang zu markieren.
Das tut er zunehmend deutlich. Gewalt durch Israelis gegen unschuldige Palästinenser in Judäa und Samaria hat Herzog ebenso verurteilt wie Angriffe auf religiöse Einrichtungen und andere Formen von Selbstjustiz. Im Mai warnte er ausdrücklich vor einer gewalttätigen Minderheit, die moralische, rechtliche und jüdische Grenzen überschreite.
Diese Position ist nicht immer bequem. In einem Land, in dem nahezu jede öffentliche Äußerung sofort parteipolitisch interpretiert wird, bewegt sich ein Staatspräsident ständig auf schmalem Grat. Herzog versucht dennoch, die Institution des Präsidenten als verbindendes Element zu erhalten.
Seine drei Prioritäten hängen deshalb enger zusammen, als es zunächst erscheint.
Ein Israel, das international unter Druck steht, braucht belastbare Partner. Ein jüdischer Staat, dessen Gemeinden außerhalb seiner Grenzen mit Antisemitismus konfrontiert sind, darf die Diaspora nicht als Randthema behandeln. Und ein Land, das gleichzeitig äußere Feinde abwehren muss, kann es sich kaum leisten, innenpolitische Gegner gegenseitig zu Feinden zu erklären.
Herzog wird die tiefen Konflikte Israels in zwei Jahren nicht lösen können. Das ist auch nicht die Aufgabe eines Präsidenten.
Aber er hat sich für die Schlussphase seiner Amtszeit genau jene Bereiche vorgenommen, in denen Israel derzeit besonders verwundbar ist: seine Stellung in der Welt, die Einheit des jüdischen Volkes und den Zusammenhalt der israelischen Gesellschaft.
Autor: Redaktion
Artikel veröffentlicht am: Samstag, 12. September 2026