Er suchte gezielt ein jüdisches Opfer: Mordanklage im Fall Ido Zoldan
Fast 19 Jahre nach dem tödlichen Anschlag bei Funduk muss sich Schadi Dschumaa vor einem israelischen Militärgericht verantworten. Der frühere palästinensische Polizist wurde unmittelbar nach seiner Freilassung aus dem Gewahrsam der Palästinensischen Autonomiebehörde in Kalkilya festgenommen.

Die israelische Militärstaatsanwaltschaft hat Anklage gegen Schadi Dschumaa erhoben, der an dem tödlichen Terroranschlag auf Ido Zoldan im November 2007 beteiligt gewesen sein soll. Dem Angeklagten wird vorsätzliche Tötung im gemeinschaftlichen Handeln vorgeworfen. Dieser Straftatbestand entspricht vor dem zuständigen Militärgericht einer Mordanklage. Die Anklage ist noch kein rechtskräftiges Urteil.
Dschumaa war am 26. Mai 2026 bei einer gemeinsamen Operation der israelischen Armee, des Inlandsgeheimdienstes Shin Bet und einer Spezialeinheit der Polizei im Zentrum von Kalkilya festgenommen worden. Kurz zuvor war er nach fast 19 Jahren aus dem Gewahrsam der Palästinensischen Autonomiebehörde entlassen worden. Anschließend wurde er dem Shin Bet zur Vernehmung übergeben.
Der Fall zeigt, dass Israel auch nach beinahe zwei Jahrzehnten nicht darauf verzichtet, mutmaßliche Beteiligte an tödlichen Terroranschlägen vor ein eigenes Gericht zu bringen. Die langjährige Inhaftierung durch die Palästinensische Autonomiebehörde ersetzte aus israelischer Sicht keine strafrechtliche Aufarbeitung des Mordes an einem israelischen Zivilisten.
Die Täter suchten ausdrücklich nach Juden
Nach der nun eingereichten Anklageschrift plante Dschumaa den Anschlag gemeinsam mit zwei weiteren Männern. Die Gruppe beschaffte eine Waffe, bereitete ein Fahrzeug vor und fuhr am 19. November 2007 auf eine Hauptstraße in Samaria, um ein israelisches Fahrzeug als Ziel auszuwählen.
Dabei soll es nicht genügt haben, irgendein Auto mit israelischem Kennzeichen zu entdecken. Die Mitglieder der Zelle vereinbarten laut Militärstaatsanwaltschaft, vor dem Angriff zu überprüfen, dass es sich bei dem Fahrer tatsächlich um einen Juden handelte. Damit war nicht eine militärische Stellung und auch kein Soldat das Ziel, sondern ein Mensch, der allein aufgrund seiner jüdischen Identität getötet werden sollte.
Nachdem die Terroristen das Fahrzeug Ido Zoldans entdeckt hatten, näherten sie sich mit ihrem eigenen Wagen. Einer der Männer eröffnete aus kurzer Entfernung das Feuer. Zoldan wurde tödlich getroffen.
Bereits die Anklageschrift gegen zwei andere Mitglieder der Zelle aus dem Jahr 2008 beschrieb, dass die Männer auf der Straße nach israelischen Fahrzeugen suchten. Zunächst verfolgten sie ein anderes Auto, konnten den Angriff jedoch wegen eines falsch eingesetzten Magazins nicht ausführen. Danach kehrten sie zum Hinterhalt zurück und warteten auf ein weiteres Ziel. Als Zoldans Wagen erschien, wurde er überholt und beschossen.
Zwei mutmaßliche Komplizen wurden bereits 2008 vor einem Militärgericht angeklagt. Dschumaa befand sich dagegen im Gewahrsam der Palästinensischen Autonomiebehörde, bis er im Mai 2026 freikam und unmittelbar danach von israelischen Kräften festgenommen wurde.
Drei Mitglieder der Zelle waren palästinensische Polizisten
Besonders schwer wiegt, dass Dschumaa nach übereinstimmenden israelischen Berichten einer von drei palästinensischen Polizisten war, die an dem Anschlag beteiligt gewesen sein sollen. Damit ging die mutmaßliche Gefahr nicht von einer unbekannten Untergrundzelle ohne staatlichen Bezug aus, sondern von Angehörigen eines Sicherheitsapparats, der eigentlich für Ordnung und die Verhinderung von Terror verantwortlich sein sollte.
Der Anschlag macht damit ein grundsätzliches Sicherheitsproblem sichtbar. Israel soll sich auf die Zusammenarbeit mit palästinensischen Sicherheitsorganen verlassen, während Angehörige derselben Strukturen in der Vergangenheit selbst an tödlichen Angriffen beteiligt waren.
Das bedeutet nicht, dass jeder palästinensische Polizist ein Terrorist ist. Es bedeutet aber, dass Uniform, Amtsbezeichnung und eine Inhaftierung durch die Palästinensische Autonomiebehörde für Israel keine ausreichende Garantie darstellen können, dass ein Mord an einem israelischen Bürger rechtsstaatlich und dauerhaft geahndet wird.
Die Festnahme in Kalkilya erfolgte deshalb nicht zufällig. Armee, Shin Bet und Polizei hatten nach eigenen Angaben über längere Zeit nachrichtendienstlich und operativ auf den Moment hingearbeitet, in dem Dschumaa wieder erreichbar sein würde. Als er das palästinensische Gefängnis verließ, griffen die israelischen Kräfte zu.
Ido Zoldan hinterließ eine Frau und zwei kleine Kinder
Ido Zoldan war 29 Jahre alt und lebte mit seiner Familie in Schavei Schomron. Am Abend des 19. November 2007 war er auf dem Weg nach Hause, als die Terroristen seinen Wagen bei Funduk überholten und aus kurzer Entfernung auf ihn schossen.
Zoldan hinterließ seine Frau Tehila sowie zwei kleine Kinder. Sein Sohn Aharon war damals drei Jahre alt, seine Tochter Rachel erst ein Jahr. Zoldan hatte als Offizier in einer israelischen Infanterieeinheit gedient und arbeitete später im Baugewerbe.
Diese persönlichen Angaben sind für die Einordnung entscheidend. Hinter der juristischen Formulierung „vorsätzliche Tötung im gemeinschaftlichen Handeln“ steht ein Familienvater, der nachts auf dem Weg nach Hause aus seinem Auto heraus erschossen wurde.
Die Täter kannten ihn nicht. Sie hatten keinen persönlichen Konflikt mit ihm. Nach der Anklage reichte ihnen die Gewissheit, dass der Fahrer Jude war.
Keine Verjährung der Verantwortung
Fast 19 Jahre zwischen einem Terroranschlag und einer Anklage sind eine außergewöhnlich lange Zeit. Für Zoldans Familie kann kein Verfahren die verlorenen Jahre zurückbringen. Seine Kinder wuchsen ohne ihren Vater auf, während einer der mutmaßlich Beteiligten in palästinensischem Gewahrsam blieb und schließlich freigelassen wurde.
Die israelische Anklage setzt dennoch ein wichtiges Zeichen. Zeit allein beseitigt keine Verantwortung für einen gezielten Mord. Auch ein mutmaßlicher Täter, der sich über viele Jahre außerhalb israelischer Haft befindet, kann nicht darauf vertrauen, dass der Fall irgendwann vergessen wird.
Die Militärstaatsanwaltschaft muss nun vor Gericht belegen, welche konkrete Rolle Dschumaa bei Planung und Ausführung des Anschlags spielte. Nach dem Grundsatz gemeinschaftlichen Handelns muss er nicht selbst derjenige gewesen sein, der die tödlichen Schüsse abgab. Entscheidend ist, ob er nach Überzeugung des Gerichts bewusst an dem gemeinsamen Mordplan mitwirkte.
Sollte das Gericht die Vorwürfe bestätigen, wäre die Anklage der späte Abschluss einer offenen strafrechtlichen Lücke. Zwei Mitglieder der Zelle wurden bereits vor vielen Jahren vor israelische Richter gebracht. Nun steht auch der dritte mutmaßliche Beteiligte vor einem israelischen Militärgericht.
Der Fall erinnert daran, dass Terror nicht mit dem Ende eines Anschlags endet. Er bleibt in den Familien der Opfer, in den Akten der Sicherheitsbehörden und in der Verantwortung jener bestehen, die ihn geplant und ausgeführt haben.
Autor: Redaktion
Artikel veröffentlicht am: Freitag, 17. Juli 2026