Sinwar rechnete sogar mit einem Atomschlag und schickte Gaza trotzdem in den Krieg
Ein handschriftlicher Plan zeigt, dass der Hamas-Chef mit einer vernichtenden israelischen Antwort rechnete. Trotzdem hielt er am Großangriff fest und erklärte den möglichen Untergang Gazas zum Preis seines religiösen Vernichtungswahns.

Jihia Sinwar wusste, dass der geplante Angriff auf Israel eine gewaltige militärische Antwort auslösen würde. Er hielt sogar einen israelischen Atomschlag gegen den Gazastreifen für möglich. Dennoch gab der damalige Hamas-Chef den Plan nicht auf. Ein nun veröffentlichtes handschriftliches Dokument vom 24. August 2022 zeigt einen Terrorführer, der die mögliche Verwüstung Gazas nicht übersah, sondern bewusst in seine Überlegungen einbezog.
Das Papier wurde nach Angaben des israelischen Meir-Amit-Instituts während des Krieges im Gazastreifen sichergestellt und später von israelischen Nachrichtendienststellen zur Auswertung übergeben. Das Institut schreibt das Dokument Sinwar zu. Eine unabhängige forensische Prüfung der Handschrift wurde bislang nicht veröffentlicht. Der Inhalt passt jedoch zu weiteren Dokumenten aus derselben Zeit, die Israel bereits zugänglich gemacht hat und die ebenfalls Sinwars handschriftliche Überlegungen zum geplanten Einmarsch enthalten.
Sinwar schrieb demnach, Israel werde nach einem Überraschungsangriff nicht zögern, alle verfügbaren Waffen und Mittel einzusetzen. Es könne „sogar eine Atombombe“ benutzen. Dennoch bezeichnete er den geplanten Krieg als einen Kampf „auf Leben und Tod“ und verband ihn mit der Hoffnung auf einen von Gott gewährten Sieg.
Es gibt keinen Hinweis darauf, dass Israel den Einsatz einer Atomwaffe gegen Gaza tatsächlich erwogen hätte. Israel bestätigt oder bestreitet traditionell nicht, über Kernwaffen zu verfügen. Das Dokument belegt daher keine israelische Absicht. Es zeigt Sinwars eigene Vorstellung vom möglichen Preis seines Plans. Und genau darin liegt seine Bedeutung.
Sinwar rechnete nach der vorliegenden Übersetzung nicht nur mit einem begrenzten Gegenschlag, mit zerstörten Hamas-Stellungen oder dem Tod eigener Kämpfer. Er hielt selbst die umfassende Vernichtung des Gazastreifens für ein mögliches Ergebnis und bereitete den Angriff trotzdem weiter vor. Das Amit-Institut bewertet dies als Beleg dafür, dass Sinwar an seinem religiös aufgeladenen Vernichtungsbild festhielt, selbst wenn die Menschen in Gaza dafür einen unermesslichen Preis bezahlen würden.
Gaza war für Sinwar kein Schutzbefohlener, sondern Kriegsmaterial
Über Jahre wurde im Ausland behauptet, die Hamas kämpfe vor allem für das Wohlergehen der Bevölkerung des Gazastreifens. Sinwars eigene Aufzeichnungen zeichnen ein anderes Bild. Die Menschen in Gaza erscheinen darin nicht als Bürger, deren Leben geschützt werden muss. Sie sind Teil einer politischen und militärischen Rechnung, deren Ausgang selbst dann als hinnehmbar gilt, wenn die eigene Heimat zerstört wird.
Das Dokument nennt außerdem eine deutlich größere ursprüngliche Angriffsplanung als jene, die am 7. Oktober 2023 tatsächlich umgesetzt wurde. Sinwar dachte demnach über den Einsatz von bis zu 10.000 Kämpfern gegen mehr als 200 israelische Ortschaften und Militärstützpunkte nach. Bei dem später ausgeführten Angriff drangen nach der Auswertung des Instituts zunächst etwa 2.000 Hamas-Terroristen nach Israel ein. Ihnen folgte eine ähnlich große zweite Welle sowie später rund 1.600 weitere Eindringlinge aus Gaza. Insgesamt waren demnach ungefähr 5.600 Menschen an den verschiedenen Angriffswellen beteiligt.
Ein weiteres Dokument aus dem August 2022 beschreibt ein Zeitfenster von sechs bis zehn Stunden, in dem die israelische Verteidigung gelähmt und der Überraschungseffekt ausgenutzt werden sollte. In dieser Phase wollte die Hamas möglichst viele Grenzübergänge, Ortschaften, Militärstellungen und Verkehrswege unter ihre Kontrolle bringen, bevor Israel seine Kräfte sammeln konnte.
Die Vorstellung, palästinensische Massen sollten anschließend in aufgegebene Ortschaften strömen und diese zumindest symbolisch wiederbesetzen, gehörte ebenfalls zu Sinwars Überlegungen. Der geplante Angriff war damit nicht als begrenzte Geiselnahme oder als militärischer Schlag zur Durchsetzung einzelner Forderungen gedacht. Er sollte die israelische Grenzregion überrennen, die staatliche Ordnung erschüttern und Bilder einer vermeintlichen Rückkehr erzeugen.
Dass Israel schwer reagieren würde, war Sinwar klar. Seine Hoffnung bestand darin, das Land zunächst in Verwirrung zu stürzen, militärische Gegenmaßnahmen zu verzögern und eine solche Zahl von Toten, Geiseln und besetzten Orten zu schaffen, dass der Angriff nicht mehr rückgängig gemacht werden könne, ohne die gesamte Region zu verändern.
Damit zerfällt auch die nachträgliche Behauptung, die Zerstörung Gazas sei eine Entwicklung gewesen, mit der die Hamas nicht gerechnet habe. Über das genaue Ausmaß der israelischen Reaktion konnte Sinwar 2022 nichts wissen. Doch er ging selbst von der härtesten vorstellbaren Antwort aus. Er entschied sich nicht trotz mangelnder Kenntnis für den Angriff, sondern in Kenntnis eines möglichen verheerenden Gegenschlags.
Der 7. Oktober wurde mit Geduld, Täuschung und Opferbereitschaft vorbereitet
Weitere interne Hamas-Unterlagen zeigen, dass der Angriff nicht nur militärisch geplant, sondern durch eine langfristige Täuschung abgesichert wurde. Ein Dokument vom 13. September 2022 trägt den Titel „Aufbau eines strategischen Täuschungsplans als Grundlage für einen Überraschungsangriff der Hamas auf Israel“. Darin wurde eine abgestimmte politische, militärische, wirtschaftliche und mediale Strategie verlangt.
Grenznahe Übungen sollten bewusst zur Routine werden, damit Israel ungewöhnliche Bewegungen später nicht mehr als Warnsignal erkannte. Elitekämpfer sollten wiederholt und auf wechselnde Weise zusammengezogen werden. Gleichzeitig wollte die Hamas den Eindruck vermitteln, sie sei an wirtschaftlichen Erleichterungen, Arbeitsgenehmigungen und Verhandlungen interessiert und durch frühere israelische Operationen abgeschreckt.
Die Organisation hielt sich deshalb zeitweise aus Kämpfen zwischen Israel und dem Palästinensischen Islamischen Dschihad heraus. Was von außen wie Zurückhaltung oder pragmatische Regierungsführung wirkte, diente nach der Analyse der Dokumente dazu, Israel in Sicherheit zu wiegen. Selbst Gespräche über Gefangene, humanitäre Bedingungen und wirtschaftliche Verbesserungen wurden als Bestandteile eines umfassenden Täuschungsplans behandelt.
Diese Unterlagen widerlegen das Bild eines spontan entstandenen Angriffs. Der 7. Oktober war das Ergebnis einer über Jahre entwickelten Strategie. Hamas wollte als geschwächt, berechenbar und an Ruhe interessiert erscheinen, während sie im Inneren einen Einmarsch vorbereitete, der israelische Gemeinden überrennen und den gesamten Nahen Osten verändern sollte.
Sinwars Überlegung zu einem möglichen Atomschlag fügt diesem Bild eine entscheidende Erkenntnis hinzu. Der Hamas-Chef war nicht überzeugt, der Angriff werde ohne schwere Folgen für Gaza bleiben. Er vertraute nicht darauf, Israel werde lediglich einzelne Stellungen bombardieren und anschließend zu Verhandlungen zurückkehren. Er rechnete mit einer Antwort von äußerster Härte und hielt den Angriff dennoch für notwendig.
Das ist keine tragische Fehleinschätzung eines politischen Führers, der die Folgen seines Handelns unterschätzte. Es ist die Entscheidung eines Terrorführers, der den möglichen Tod und die Vertreibung unzähliger Menschen in die eigene Strategie einbaute.
Sinwar opferte die Bevölkerung Gazas nicht erst, als der Krieg begann. Seine Aufzeichnungen legen nahe, dass er bereit war, dieses Opfer bereits während der Planung hinzunehmen. Der Gazastreifen sollte den Angriff ermöglichen, Kämpfer schützen, internationale Empörung erzeugen und später als Beweis israelischer Grausamkeit dienen. Das Leiden der eigenen Bevölkerung war in dieser Logik kein Grund zum Abbruch, sondern ein erwarteter Bestandteil des Krieges.
Genau deshalb ist das Dokument mehr als eine historische Einzelheit. Es zeigt, weshalb die Hamas den Schutz der Bevölkerung niemals zum Maßstab ihrer Entscheidungen machte. Sinwar dachte nicht in Kategorien eines Staates, der Verantwortung für seine Bürger trägt. Er dachte in Bildern von Untergang, Erlösung, Märtyrertod und einem endgültigen Kampf.
Der 7. Oktober war für ihn kein militärisches Mittel zur Verbesserung des Lebens in Gaza. Er war der Beginn eines religiös begründeten Vernichtungskrieges, in dem selbst Gaza untergehen durfte, solange Israel zuvor getroffen und die Region dauerhaft erschüttert würde.
Autor: Redaktion
Artikel veröffentlicht am: Montag, 13. Juli 2026