Die Golfstaaten rücken an Teheran heran und zeigen, dass Erpressung wirkt
Nach iranischen Angriffen auf ihre Basen, Häfen und Wirtschaftsadern suchen mehrere Golfstaaten ausgerechnet die Nähe zu Teheran. Nicht weil sie Iran vertrauen, sondern weil sie den nächsten Krieg aus ihren Städten, Ölfeldern und Seewegen heraushalten wollen.

Die neue Bewegung am Golf ist gefährlicher, als sie auf den ersten Blick wirkt. Nach Wochen schwerer Angriffe durch Iran und seine Revolutionsgarden versuchen mehrere Staaten der Region, ihre Beziehungen zu Teheran neu zu ordnen. Nicht aus Liebe zur Islamischen Republik. Nicht aus politischer Nähe. Sondern aus Angst. Genau das ist die bittere Lehre nach dem Iran-Krieg: Teheran hat Gewalt eingesetzt, Stützpunkte getroffen, die Straße von Hormus als Druckmittel genutzt, Märkte erschüttert – und wird nun wieder als unvermeidbarer Gesprächspartner behandelt.
Das ist der Moment, in dem Erpressung zur regionalen Ordnung wird.
Die Golfstaaten haben verstanden, dass Iran bleibt. Sie haben aber offenbar auch verstanden, dass amerikanischer Schutz nicht mehr so selbstverständlich wirkt wie früher. US-Basen wurden getroffen, der Handel am Golf wurde erschüttert, die Straße von Hormus wurde zum politischen Hebel Teherans. Washington versucht nun, mit einer brüchigen amerikanisch-iranischen Absichtserklärung Ruhe zu schaffen. Außenminister Marco Rubio reiste durch die Vereinigten Arabischen Emirate, Kuwait und Bahrain, um Verbündete zu beruhigen. Allein diese Reise zeigt, wie groß das Misstrauen geworden ist.
Die Botschaft aus den Golfhauptstädten lautet: Wir wollen nicht noch einmal zum Schlachtfeld eines Krieges zwischen Iran, Israel und den USA werden.
Das ist verständlich. Aber es ist auch gefährlich. Denn wenn die Reaktion auf iranische Angriffe darin besteht, Iran stärker in eine regionale Sicherheitsordnung einzubinden, dann lernt Teheran: Druck lohnt sich. Raketen lohnen sich. Drohnen lohnen sich. Die Kontrolle über Hormus lohnt sich. Wer genug Schaden anrichtet, wird am Ende nicht isoliert, sondern eingeladen.
Iran nutzt genau diese Lage. Außenminister Abbas Araghchi sprach in Bagdad von einer neuen regionalen Sicherheitsordnung ohne ausländische Militärmächte. Gemeint sind vor allem die USA. Teheran will nicht einfach weniger Spannung. Teheran will eine Ordnung, in der amerikanische Macht zurückgedrängt wird, während Iran selbst als natürlicher Machtfaktor am Golf anerkannt wird. Dass ausgerechnet das Regime, das die Region in Brand gesetzt hat, nun an einem neuen Sicherheitsrahmen mitarbeiten soll, ist keine Ironie. Es ist die Logik einer Region, in der Schwäche sofort ausgenutzt wird.
Irak bietet sich als Gastgeber solcher Gespräche an. Katar signalisiert Offenheit für neue Sicherheitsvereinbarungen mit Iran. Oman steht zwischen Teherans Druck an der Straße von Hormus und amerikanischen Erwartungen. Die Emirate versuchen, gleichzeitig ihre Sicherheitskooperation mit Israel zu vertiefen und den direkten Bruch mit Iran zu vermeiden. Saudi-Arabien bleibt vorsichtig, weil jede offene Nähe zu Israel innen- und außenpolitisch teurer geworden ist. Kuwait und Bahrain müssen die Verwundbarkeit amerikanischer Präsenz auf ihrem Boden neu bewerten.
Das alles ist keine feste Allianz mit Iran. Aber es ist ein gefährliches Ausweichen vor der Kernfrage: Wer bedroht eigentlich die Region?
Nicht Israel hat Hormus geschlossen. Nicht Israel hat die Golfwirtschaft als Geisel genommen. Nicht Israel hat US-Stützpunkte am Golf angegriffen. Nicht Israel stützt Huthi, Hisbollah, Hamas und den Islamischen Dschihad. Die Instabilität kommt nicht aus Jerusalem. Sie kommt aus Teheran.
Trotzdem wächst in Teilen der arabischen Diplomatie die Neigung, Israel als politischen Kostenfaktor zu behandeln und Iran als Macht, mit der man eben leben müsse. Das ist bequem, aber kurzsichtig. Israel mag unbequem sein, weil es sich verteidigt und militärisch handelt, wenn es bedroht wird. Iran ist gefährlich, weil es die Bedrohung selbst organisiert. Wer beides verwechselt, schafft keine Stabilität. Er belohnt den Aggressor und bittet den Angegriffenen um Zurückhaltung.
Der Abstand zu den Abraham-Abkommen wird damit sichtbarer. Damals stand die Idee im Raum, dass Israel und pragmatische arabische Staaten gemeinsam eine regionale Front gegen iranische Expansion bilden könnten. Heute versuchen einige Golfstaaten eher, zwischen Teheran, Washington und Jerusalem zu balancieren. Das ist aus ihrer Sicht rational: Sie wollen Öl exportieren, LNG liefern, Häfen offenhalten, Investoren beruhigen und verhindern, dass der nächste Raketenkrieg wieder ihre Infrastruktur trifft.
Doch politische Vorsicht kann zur Selbstfesselung werden. Wenn die Golfstaaten Iran zu sehr entgegenkommen, ohne dessen Raketenprogramm, Drohnenarsenale, Stellvertreter und Erpressung der Seewege klar zu begrenzen, entsteht kein Sicherheitsrahmen. Dann entsteht ein Schutzgeldsystem: Teheran droht weniger, wenn alle anderen seine Rolle akzeptieren.
Genau davor muss Israel warnen. Eine regionale Ordnung, die Iran einbindet, ohne Iran einzudämmen, wird nicht stabiler. Sie wird nur ehrlicher in ihrer Schwäche. Sie sagt dann offen: Wir haben den Störer nicht gestoppt, also machen wir ihn zum Mitverwalter der Störung.
Für Washington ist diese Entwicklung ebenfalls ein Alarmsignal. Wenn die USA ihren Verbündeten am Golf nicht glaubhaft zeigen, dass iranische Angriffe Folgen haben, werden diese Verbündeten eigene Wege suchen. Manche führen nach Teheran. Andere nach Peking. Wieder andere zu komplizierten Zwischenlösungen, bei denen jeder mit jedem spricht und niemand mehr weiß, wer im Ernstfall auf wessen Seite steht.
Für Israel bedeutet das: Normalisierung bleibt möglich, aber sie ist nicht mehr selbstverständlich. Die Golfstaaten werden noch stärker nach Kosten, Risiken und Schutzgarantien rechnen. Sie werden fragen, ob Nähe zu Israel ihnen Sicherheit bringt oder neue iranische Angriffe provoziert. Und Teheran wird alles tun, um genau diese Rechnung zu beeinflussen.
Das ist der eigentliche Erfolg iranischer Gewalt. Nicht ein einzelner Treffer. Nicht ein einzelner Angriff. Sondern die Veränderung der politischen Psychologie am Golf.
Die Region steht nun vor einer gefährlichen Wahl. Entweder entsteht eine Ordnung, in der Iran für seine Angriffe einen Preis zahlt. Oder eine Ordnung, in der Iran nach seinen Angriffen an den Tisch gebeten wird, um die Regeln neu zu schreiben.
Letzteres wäre kein Frieden. Es wäre die diplomatische Verwaltung einer Erpressung.
Autor: Redaktion
Artikel veröffentlicht am: Dienstag, 30. Juni 2026