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Israel nennt den Völkermord an den Armeniern beim Namen und entlarvt Erdogans Doppelmoral


Die israelische Regierung zieht eine moralische Grenze, die jahrzehntelang aus diplomatischer Rücksicht gemieden wurde. Ausgerechnet Erdogan spricht ständig von „Völkermord“ in Gaza, während die Türkei die Vernichtung der Armenier bis heute bestreitet.

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Israels Regierung hat eine Entscheidung getroffen, die lange überfällig war. Sie erkennt den Völkermord an den Armeniern offiziell an und beendet damit eine jahrzehntelange diplomatische Rücksichtnahme auf die Türkei. Außenminister Gideon Sa’ar brachte die Vorlage ein, die nun der Knesset zur Abstimmung vorgelegt werden soll. Sein Satz nach dem Regierungsbeschluss war knapp und richtig: Es sei nie zu spät, das Richtige zu tun.

Doch dieser Schritt ist mehr als eine späte Geste gegenüber dem armenischen Volk. Er trifft Recep Tayyip Erdogan an einer Stelle, an der seine eigene Rhetorik besonders hohl klingt. Der türkische Präsident spricht seit dem Gaza-Krieg immer wieder von „Völkermord“, wenn er Israel angreift. Er nutzt das schwerste Wort des Völkerrechts als politische Waffe gegen den jüdischen Staat. Zugleich hält die Türkei bis heute daran fest, die Vernichtung der Armenier im Osmanischen Reich nicht als Völkermord anzuerkennen.

Genau darin liegt die Doppelmoral.

Wer das Wort Völkermord gegen andere führt, muss bereit sein, es auch dort auszusprechen, wo es die eigene nationale Erzählung erschüttert. Erdogan tut das nicht. Wenn es um Israel geht, spricht er mit größtmöglicher moralischer Wucht. Wenn es um die Armenier geht, endet diese moralische Schärfe an der Grenze der türkischen Staatsräson.

Die Massaker, Deportationen und Todesmärsche an den Armeniern während des Ersten Weltkriegs gehören zu den großen Vernichtungsverbrechen des 20. Jahrhunderts. Historiker sprechen häufig von bis zu 1,5 Millionen getöteten Armeniern; das United States Holocaust Memorial Museum beschreibt die Ereignisse als physische Vernichtung der armenischen Christen im Osmanischen Reich. Familien wurden auseinandergerissen, Gemeinden ausgelöscht, Menschen in Todesmärsche getrieben, kulturelles Erbe zerstört. Das war keine gewöhnliche Kriegstragödie. Es war eine Vernichtungspolitik gegen ein altes Volk.

Die Türkei bestreitet nicht jedes armenische Leid. Das ist Teil ihrer Verteidigungslinie. Ankara spricht von Kriegsumständen, gegenseitigem Leid, Aufständen, Umsiedlungen und Zusammenbruch des Osmanischen Reiches. Aber genau dieser sprachliche Nebel soll verhindern, dass das Verbrechen beim Namen genannt wird. Die Türkei lehnt den Begriff Völkermord ab, weil seine Anerkennung Verantwortung bedeuten würde. Und Verantwortung ist etwas anderes als Bedauern.

Israel hat zu lange gezögert, diese Wahrheit offiziell auszusprechen. Dafür gab es politische Gründe: Sicherheitsbeziehungen mit Ankara, regionale Interessen, diplomatische Vorsicht. Aber politische Gründe machen moralisches Schweigen nicht besser. Gerade der Staat des jüdischen Volkes weiß, was es bedeutet, wenn Täterstaaten und ihre Nachfolger die Geschichte umdeuten, verkleinern oder aus der Verantwortung herausreden wollen. Die Schoah ist einzigartig. Aber die Pflicht, Vernichtung nicht sprachlich zu vernebeln, ist nicht auf die jüdische Geschichte beschränkt.

Deshalb ist Israels Entscheidung richtig. Sie sagt: Historische Wahrheit darf nicht davon abhängen, ob Ankara wütend wird. Sie sagt: Die Opfer der Armenier verdienen mehr als diplomatische Ausweichformeln. Und sie sagt auch: Erdogan kann nicht glaubwürdig als Richter über angeblichen Völkermord auftreten, solange sein eigener Staat den Völkermord an den Armeniern nicht anerkennt.

Das bedeutet nicht, dass jede türkische Kritik an Israel automatisch falsch wäre. Staaten dürfen kritisieren, auch hart. Aber wer Israel mit dem schwersten Vorwurf überzieht, während er die eigene historische Verantwortung abwehrt, verliert moralische Glaubwürdigkeit. Es ist billig, den jüdischen Staat anzuklagen. Es ist schwerer, vor der eigenen Geschichte nicht davonzulaufen.

Erdogan will Israel vor der Weltöffentlichkeit moralisch isolieren. Er stellt sich als Verteidiger der Unterdrückten dar, als Stimme der Entrechteten, als Ankläger westlicher Doppelmoral. Doch im Fall Armenien steht er selbst auf der Seite der Verweigerung. Sein Staat bekämpft seit Generationen die internationale Anerkennung eines Völkermords, der durch Dokumente, Forschung und das Gedächtnis der Überlebenden tief in die Geschichte eingeschrieben ist.

Genau deshalb ist die israelische Anerkennung so bedeutsam. Sie ist kein billiger Gegenschlag gegen Ankara. Sie ist eine notwendige Korrektur. Aber sie wirkt politisch umso stärker, weil Erdogan Israel seit Jahren mit Worten angreift, deren Gewicht er für die eigene Geschichte nicht zulassen will.

Ein Präsident, der fast täglich über Israels angebliche Schuld spricht, sollte erklären, warum die Türkei bis heute nicht bereit ist, die Schuldgeschichte des Osmanischen Reiches ehrlich zu benennen. Ein Staat, der Israel moralische Lektionen erteilt, sollte nicht gleichzeitig bei den Armeniern auf Ausflüchte setzen. Wer historische Wahrheit nur dann liebt, wenn sie gegen den Gegner verwendet werden kann, liebt nicht die Wahrheit. Er benutzt sie.

Für die Armenier ist Israels Beschluss ein später Akt der Anerkennung. Für Israel ist er ein Schritt zu moralischer Klarheit. Für Erdogan ist er eine unangenehme Erinnerung daran, dass große Worte über Völkermord hohl klingen, wenn man vor dem eigenen historischen Abgrund die Augen verschließt.

Die Knesset muss nun folgen. Erst dann wird aus dem Regierungsbeschluss eine vollständig parlamentarisch bestätigte Linie. Doch der politische und moralische Durchbruch ist erreicht. Israel hat ausgesprochen, was zu lange aus Rücksicht auf Ankara vermieden wurde.

Es war nie zu spät, das Richtige zu tun. Aber es war höchste Zeit.

Autor: Redaktion

Artikel veröffentlicht am: Montag, 29. Juni 2026

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