Gaza und Libanon verlangen zwei verschiedene Antworten Israels
In Gaza bleibt die Entwaffnung der Hamas das zentrale Ziel. Im Libanon ist die vollständige Zerschlagung der Hisbollah militärisch kaum realistisch, doch Israel darf ihre Drohnen und Infrastruktur nicht hinnehmen.

Israel steht nach dem Krieg gegen Iran weiterhin vor zwei offenen Fronten, die auf den ersten Blick ähnlich wirken, strategisch aber sehr unterschiedlich behandelt werden müssen: Gaza und Libanon. In beiden Gebieten stehen Israel bewaffnete, vom Iran gestützte Terrororganisationen gegenüber. In beiden Fällen geht es um Raketen, Drohnen, Kommandoeinheiten, unterirdische Infrastruktur und die Frage, wie lange Israel eine militärische Bedrohung direkt an seinen Grenzen dulden kann. Doch die richtige Antwort in Gaza wäre im Libanon nicht automatisch richtig. Genau darin liegt die schwierige strategische Aufgabe.
In Gaza ist das Ziel klarer. Die Hamas hat den 7. Oktober 2023 geplant, ausgeführt und damit endgültig bewiesen, dass ihre militärische Macht nicht neben Israel bestehen darf. Ein wirklicher Abschluss des Krieges kann nur erreicht werden, wenn Hamas ihre Waffen verliert, ihre militärische Struktur zerbricht und eine andere Verwaltung im Gazastreifen entsteht. Solange die Terrororganisation bewaffnet bleibt, bleibt auch jede Wiederaufbauformel gefährlich. Dann fließen Material, Geld und internationale Hilfe immer wieder in ein System, das zivile Not politisch nutzt und militärische Fähigkeiten neu aufbaut.
Nach der Analyse von Dr. Harel Chorev auf N12 haben sich die Bedingungen für Israel in Gaza zuletzt verbessert. Internationale Akteure wie Nikolai Mladenov machen inzwischen deutlicher, dass der Wiederaufbau des Gazastreifens an der Weigerung der Hamas scheitert, sich zu entwaffnen. Für Israel ist das wichtig, weil damit ein Teil des internationalen Drucks nicht mehr nur auf Jerusalem liegt. Zugleich hat die IDF ihre direkte und indirekte Kontrolle durch Feuer über große Teile des Gazastreifens ausgeweitet. In dem N12-Beitrag ist von rund 63 Prozent des Gebiets die Rede. Auch gezielte Angriffe gegen verbliebene Hamas-Kommandeure zeigen, dass Israel versucht, der Terrororganisation keine stabile militärische Führung mehr zu lassen.
Das ist keine Nebensache. Hamas überlebte zwar, aber sie wird funktional unter Druck gesetzt. Wenn Kommandeure nicht lange genug im Amt bleiben, um Befehlswege, Nachschub und Planung zu stabilisieren, verliert die Organisation an Handlungsfähigkeit. Israel sendet damit die Botschaft: Auch nach einer Feuerpause gibt es keine Immunität für eine Terrorführung, die sich weigert, ihre militärische Macht aufzugeben.
Dennoch bleibt Gaza ungelöst. Die Auslandsführung der Hamas könnte taktisch beweglicher sein als die frühere Führung im Gazastreifen, doch ihre Grundziele ändern sich dadurch nicht. Auch Akteure wie Khaled Mashal denken nicht an eine echte Aufgabe des Machtanspruchs der Hamas. Möglich sind taktische Zugeständnisse, nicht aber eine freiwillige Entwaffnung. Deshalb bleibt die Wahrscheinlichkeit hoch, dass Israel in Gaza erneut militärisch handeln muss, falls Hamas weiter jeden echten politischen Übergang blockiert.
Entscheidend wäre dann, zwei Aufgaben gleichzeitig zu erfüllen. Erstens muss Israel international sehr klar erklären, dass eine neue Operation nicht nur israelischen Sicherheitsinteressen dient, sondern auch der Voraussetzung für einen echten Wiederaufbau in Gaza. Zweitens muss jede militärische Planung darauf ausgerichtet sein, Zivilisten so weit wie möglich aus Kampfgebieten herauszuhalten. Das ist nicht nur eine rechtliche und moralische Pflicht. Es ist auch politisch notwendig, weil Hamas jeden zivilen Schaden sofort in internationale Anklage gegen Israel verwandeln wird.
Im Libanon ist die Lage anders. Hisbollah ist nicht nur eine bewaffnete Organisation, sondern tief in der schiitischen Gemeinschaft verwurzelt. Sie ist Miliz, Partei, Sozialapparat, iranischer Stellvertreter und Machtzentrum zugleich. Wer fordert, Israel solle Hisbollah vollständig auslöschen, benennt zwar verständlich die Gefahr, aber keine realistische militärische Strategie. Selbst eine vollständige Eroberung des Libanon würde nicht garantieren, dass Hisbollah als Bewegung verschwindet. Der Preis an Soldatenleben, internationaler Legitimität und langfristiger Besatzungslast wäre gewaltig.
Das bedeutet nicht, dass Israel im Norden zurückweichen darf. Im Gegenteil. Hisbollah hat über Jahre eine Angriffsarchitektur gegen Galiläa aufgebaut. Israel hat diese Pläne durch harte militärische Schläge beschädigt und im Süden Libanons eine breite Zone geschaffen, in der die Organisation nicht mehr so frei agieren kann wie zuvor. Doch Hisbollah ist nicht passiv. Sie kämpft weiter, nutzt Drohnen, darunter auch schwer abwehrbare Systeme, und versucht Israel in einen langen Verschleißkampf zu ziehen.
Besonders die Drohnenfrage ist brisant. Wenn Israel gegen faseroptisch gesteuerte oder schwer störbare Drohnen keine vollständige technische Lösung besitzt, reicht reine Verteidigung nicht. Dann braucht es eine klare Kostenrechnung für Hisbollah. Wer Drohnen gegen israelische Soldaten oder Zivilisten einsetzt, muss mit einer Antwort rechnen, die nicht symbolisch bleibt. Chorev verweist in seiner Analyse darauf, dass eine asymmetrische Reaktionslogik nötig sein könnte: Nicht jede einzelne Drohne kann technisch abgefangen werden, aber jeder Einsatz muss für Hisbollah spürbare Folgen haben.
Diese Debatte ist in Israel politisch aufgeladen. Forderungen nach der Zerstörung von Hisbollah-Gebäuden als Antwort auf Drohnenangriffe stoßen auf Kritik, doch sie berühren eine reale Frage: Wie schafft Israel Abschreckung, wenn der Gegner mit vergleichsweise billigen Mitteln schmerzhafte Verluste verursachen kann? Nach dem 7. Oktober sollte niemand mehr glauben, Technologie allein könne eine feindliche Strategie neutralisieren. Abwehrsysteme sind notwendig, aber sie ersetzen keine offensive Politik gegen die Ursache der Bedrohung.
Gaza und Libanon verlangen deshalb unterschiedliche Wege. In Gaza muss die Hamas als bewaffnete Macht verschwinden, wenn dort je eine stabile Ordnung entstehen soll. Im Libanon muss Israel Hisbollah dauerhaft schwächen, zurückdrängen, ihre Infrastruktur zerstören und ihre Angriffskosten erhöhen, ohne sich in eine unrealistische Gesamtbesatzung des Landes treiben zu lassen. Beide Fronten erfordern Entschlossenheit. Aber Entschlossenheit ist nicht dasselbe wie Gleichförmigkeit.
Israel darf nicht den Fehler machen, eine Strategie mechanisch auf beide Schauplätze zu übertragen. Hamas herrscht in Gaza über ein zerstörtes Gebiet und blockiert dessen Zukunft durch Waffen. Hisbollah ist im Libanon Teil einer tieferen gesellschaftlichen und politischen Struktur. Wer diesen Unterschied übersieht, plant am Gegner vorbei.
Die zentrale Lehre lautet: In Gaza braucht Israel eine Endordnung ohne Hamas-Militärmacht. Im Libanon braucht Israel eine dauerhafte Abschreckung, die Hisbollah jeden Angriff teuer macht und ihre Fähigkeiten Schritt für Schritt zerstört. Beides ist schwierig. Beides wird Zeit kosten. Aber nur eine Strategie, die die Unterschiede erkennt, kann am Ende mehr schaffen als die nächste Runde Gewalt.
Autor: Bernd Geiger
Artikel veröffentlicht am: Samstag, 30. Mai 2026