Teheran jagt jetzt die Stimmen, die sein Blutbad sichtbar machten
Irans Justiz klagt Reza Pahlavi und Exiljournalisten an, sie hätten die Januar-Proteste „angeheizt“.
In Wahrheit zeigt der Schritt vor allem eines: Das Regime fürchtet nicht nur Demonstranten im Land, sondern auch die Stimmen der Diaspora.

Die Islamische Republik hat nach dem Blutbad an den Januar-Protesten neue Schuldige gefunden: nicht die Schützen, nicht die Revolutionsgarden, nicht die Richter, die Todesurteile vorbereiten, sondern Reza Pahlavi und Journalisten im Exil. Teherans Staatsanwaltschaft wirft dem früheren Kronprinzen und mehreren Personen aus dem Umfeld von Manoto TV und Iran International vor, die Voraussetzungen für die landesweiten Proteste vom 8. und 9. Januar geschaffen zu haben. Der Fall soll nach Angaben des Teheraner Staatsanwalts Ali Salehi in den kommenden Tagen vor Gericht gehen. Beweise oder eine nachvollziehbare juristische Grundlage wurden in den staatlichen Berichten nicht vorgelegt.
Damit setzt Teheran seine vertraute Methode fort: Erst wird Protest niedergeschossen, dann wird die Erinnerung daran kriminalisiert. Die Januar-Proteste gehörten zu den blutigsten Momenten der jüngeren iranischen Geschichte. Die Angaben über die Opferzahlen gehen auseinander, weil das Regime Internetzugänge kappte, Informationen unterdrückte und Angehörige einschüchterte. Westliche und iranische Exilmedien berichteten von zehntausenden Toten; TIME zitierte iranische Gesundheitskreise, wonach bis zu 30.000 Menschen getötet worden sein könnten. Andere Berichte nannten noch höhere Schätzungen. Sicher ist: Die Sicherheitskräfte gingen mit tödlicher Gewalt gegen eine Protestbewegung vor, die aus wirtschaftlicher Verzweiflung entstand und rasch zu einer offenen Revolte gegen das Regime wurde.
Dass Teheran nun ausgerechnet Journalisten und Exil-Iraner ins Visier nimmt, ist kein Zufall. Die Islamische Republik kontrolliert im Inland Presse, Rundfunk, Gerichte und große Teile des Netzes. In Krisenmomenten schaltet sie das Internet ab oder drosselt es so, dass Bilder, Namen und Tatorte nur noch schwer nach außen gelangen. Eine aktuelle technische Studie beschreibt groß angelegte iranische Internetsperren im Januar und März 2026 und zeigt, wie zentralisiert diese Abschaltungen inzwischen organisiert sind.
Genau deshalb sind Exilmedien für Teheran so gefährlich. Sie geben jenen Menschen eine Stimme, die im Iran zum Schweigen gebracht werden sollen. Sie dokumentieren Namen, Orte, Schüsse, Verhaftungen, Todesurteile und die Geschichten der Familien. Sie machen aus den Toten wieder Menschen und aus der Repression ein sichtbares Verbrechen. Für ein Regime, das von Angst lebt, ist diese Sichtbarkeit eine Bedrohung.
Die frühere Manoto-Chefredakteurin Tina Ghazimorad nannte die Anklage gegenüber der Jerusalem Post keinen juristischen Akt, sondern politische Einschüchterung. Sie berichtete zudem, iranische Behörden hätten ihren Namen auf eine Liste zur Vermögensbeschlagnahmung gesetzt. Praktische Folgen habe das für sie nicht, sagte sie, weil sie kein Eigentum in Iran besitze. Doch der Zweck ist klar: Das Regime will nicht nur Gegner im Land bestrafen. Es will auch jene im Ausland einschüchtern, die in demokratischen Staaten leben und über seine Verbrechen berichten.
Auch Reza Pahlavi wird nicht zufällig genannt. Ob man ihn politisch unterstützt oder nicht, ist für diesen Vorgang zweitrangig. Entscheidend ist: Teheran behandelt jede sichtbare Oppositionsfigur als Gefahr, sobald sie Menschen im Land ermutigt, sich nicht mehr mit Armut, Korruption, religiöser Bevormundung und Gewalt abzufinden. Pahlavi rief Anfang Januar zu Protesten, nächtlichen Rufen und Streiks auf; Iran International berichtete über seine Aufrufe und die Angst des Regimes vor erneuten Internetsperren.
Die Anklage ist deshalb ein Geständnis. Sie zeigt, dass das Regime weiß, wie schwach seine eigene Erzählung geworden ist. Wenn Millionen Menschen gegen die Islamische Republik aufbegehren, kann Teheran nicht eingestehen, dass die Ursache im eigenen System liegt. Also muss ein äußerer Feind her: Exiljournalisten, Sender im Ausland, Pahlavi, Amerika, Israel, „Verräter“. So wird aus einer Revolte gegen Unterdrückung angeblich eine gesteuerte Kampagne.
Diese Lüge dient einem Zweck. Sie soll neue Repression rechtfertigen. Wer berichtet, wird zum Anstifter. Wer protestiert, wird zum Werkzeug fremder Mächte. Wer Tote zählt, wird zum Feind der Nation. Das ist die Sprache eines Systems, das nicht mehr überzeugt, sondern nur noch verfolgt.
Nach außen redet Teheran von Menschenrechten und klagt gegen Amerika. Nach innen verfolgt es Journalisten, Oppositionelle und Familien der Opfer. Die Botschaft an die Diaspora lautet: Auch im Ausland seid ihr nicht außerhalb unserer Reichweite. Wir können euch anklagen, euer Eigentum bedrohen, eure Namen markieren und eure Arbeit kriminalisieren.
Doch genau darin liegt die Schwäche der Islamischen Republik. Ein souveräner Staat mit Rückhalt im eigenen Volk müsste keine Journalisten im Ausland fürchten. Ein gerechtes System müsste keine Namen beschlagnahmen. Eine Regierung, die überzeugt, müsste keine Bilder aus Krankenhäusern, Straßen und Friedhöfen verhindern.
Teheran jagt Reza Pahlavi und Exiljournalisten, weil sie nicht geschwiegen haben. Das Regime will nicht nur seine Gegner bestrafen. Es will die Erinnerung an den Januar-Aufstand kontrollieren. Aber die Toten lassen sich nicht aus der Geschichte klagen.
Autor: Redaktion
Artikel veröffentlicht am: Dienstag, 30. Juni 2026