Huthis bauen ihre Macht am Bab al-Mandab aus: Aden und Marib rücken in den Fokus
Nach der Einnahme strategischer Küstenabschnitte und Inseln besitzen die Huthis eine deutlich stärkere Position am Roten Meer. Doch ihr Vormarsch ist nicht beendet und die Gegenseite versucht, sich neu zu formieren.

Die Landkarte des Jemen hat sich innerhalb weniger Tage erheblich verändert. Die vom Iran unterstützten Huthis haben ihren Einfluss entlang der westlichen Küste weit nach Süden ausgedehnt und dabei Positionen erobert, die ihnen wesentlich bessere Möglichkeiten am Bab al-Mandab eröffnen. Zu den jüngsten Geländegewinnen gehören Mocha, Mayun, auch Perim genannt, sowie die Inseln Groß-Hanisch und Klein-Hanisch. Damit stehen die Huthis heute militärisch erheblich günstiger als noch vor wenigen Wochen.
N12 zeichnet nun gemeinsam mit der Jemen-Expertin Inbal Nissim-Lovton von der Open University und dem Moshe Dayan Center der Universität Tel Aviv ein umfassenderes Bild der Fronten. Demnach geht es längst nicht mehr nur um die Frage, wer einzelne Küstenorte kontrolliert. Entscheidend ist, ob die Huthis ihre neuen Positionen konsolidieren und den militärischen Druck anschließend auf Aden oder erneut auf Marib verlagern können.
Besonders schnell war der Vormarsch an der Westküste. Nach N12-Angaben nahmen die Huthis Hays und Al-Khokha, rückten nach Mocha und Dhubab vor und erreichten anschließend Mayun im Bab al-Mandab sowie weitere Inseln im Roten Meer. Die Associated Press bestätigte inzwischen die Einnahme der Hanisch-Inseln nach dem Rückzug regierungsnaher Kräfte.
Die Entwicklung ist für Israel, Saudi-Arabien und den internationalen Schiffsverkehr von erheblicher Bedeutung. Der Bab al-Mandab verbindet den Golf von Aden mit dem Roten Meer und damit über den Suezkanal Europa mit dem Indischen Ozean. Die Huthis kontrollieren damit nicht die gesamte Meerenge, denn die afrikanische Seite liegt außerhalb ihres Herrschaftsbereichs. Ihre neuen Stellungen auf der jemenitischen Küste und auf vorgelagerten Inseln verbessern jedoch ihre Möglichkeiten, Schiffe zu beobachten, zu bedrohen oder anzugreifen. Auch Chatham House bezeichnet den Vormarsch als eine der bedeutendsten territorialen Veränderungen im Jemen seit Jahren.
Aden wäre ein politischer und militärischer Preis
Nach Einschätzung Nissim-Lovtons könnte Aden zu einem der nächsten Schwerpunkte werden. Die Hafenstadt besitzt weit mehr als nur militärischen Wert. Sie ist die historische Hauptstadt des Südjemen und eines der wichtigsten politischen Zentren des international anerkannten Regierungslagers. Bereits 2015 hatten die Huthis Aden zeitweise erreicht, bevor sie wieder zurückgedrängt wurden.
Eine erneute Einnahme wäre deshalb nach Einschätzung der Forscherin nicht nur ein militärischer Erfolg, sondern könnte auch erhebliche politische und psychologische Folgen haben. Sie verweist zudem auf die strategische Lage der Stadt am Golf von Aden und den damit verbundenen Zugang Richtung Arabisches Meer und Indischer Ozean. N12 bezeichnet dieses Szenario ausdrücklich als Möglichkeit und nicht als bereits beschlossene oder unmittelbar bevorstehende Offensive.
Parallel bleibt Marib entscheidend. Die Provinz verfügt über bedeutende Öl- und Gasvorkommen und gehört zu den wirtschaftlich wichtigsten Gebieten, die nicht von den Huthis kontrolliert werden. Ein Durchbruch dort würde der Organisation deshalb nicht nur zusätzliches Territorium verschaffen, sondern ihre wirtschaftliche Grundlage erheblich stärken. In der nordöstlichen Provinz Al-Jawf treffen die Huthis dagegen weiterhin auf Widerstand; dort konnten regierungsnahe und von Saudi-Arabien unterstützte Kräfte nach N12-Angaben Positionen halten und unter anderem eine Nachschubroute unterbrechen.
Dass die Westküste bereits endgültig verloren wäre, lässt sich ebenfalls nicht sagen. Nach Angaben von Arab News haben jemenitische Regierungstruppen ihre Angriffe auf Huthi-Stellungen bei Mocha, Dhubab und Al-Khokha verstärkt. Militärvertreter beschrieben die Luftangriffe als Vorbereitung auf einen möglichen Bodenangriff zur Rückeroberung von Gebieten rund um den Bab al-Mandab.
Damit bleibt die Front in Bewegung. Die neuen Huthi-Stellungen sind ein erheblicher strategischer Gewinn, aber noch kein Beweis dafür, dass die Organisation ihre Positionen dauerhaft halten oder von dort ungehindert weiter nach Süden marschieren kann.
Der Gegner der Huthis ist zersplittert
Ein wesentlicher Grund für den schnellen Vormarsch liegt offenbar nicht allein in der Stärke der Huthis. Ebenso wichtig ist die Schwäche ihrer Gegner.
Nissim-Lovton beschreibt das gegen die Huthis gerichtete Lager als fragmentiert. Verschiedene lokale Kräfte, Einheiten des international anerkannten Regierungslagers, Anhänger Tariq Salehs sowie früher stark von den Vereinigten Arabischen Emiraten unterstützte Formationen verfolgen nicht überall dieselben politischen Ziele. Nach ihrer Einschätzung haben die Umstrukturierungen der von Saudi-Arabien unterstützten Kräfte Anfang 2026 die Kampffähigkeit zusätzlich beeinträchtigt. Sie verweist dabei auch auf Korruption und sogenannte Geistersoldaten, die zwar auf Personalstärken geführt würden, tatsächlich aber nicht im Einsatz seien.
Diese Schwäche deckt sich mit der Einschätzung von Chatham House. Das Institut sieht in der Zersplitterung des Anti-Huthi-Lagers einen wesentlichen Faktor für die jüngsten Erfolge der Organisation.
Hinzu kommt die iranische Unterstützung. Reuters berichtete unter Berufung auf jemenitische, iranische und weitere regionale Quellen, dass Berater der Islamischen Revolutionsgarden den jüngsten Vorstoß entlang der Küste direkt unterstützt hätten. Teheran bestreitet traditionell, die Huthis zu kontrollieren, doch die militärischen und materiellen Verbindungen zwischen beiden Seiten sind seit Jahren dokumentiert.
Die Vereinigten Staaten führen Ansar Allah seit März 2025 offiziell als ausländische Terrororganisation. Das US-Finanzministerium bestätigte die Einstufung und die daraus resultierenden Sanktionen.
Für Israel bedeutet die neue Lage trotzdem nicht automatisch, dass eine direkte Intervention im Jemen die richtige Antwort wäre. Nissim-Lovton warnt ausdrücklich davor, vorschnell in einen weiteren Kriegsschauplatz einzusteigen. Selbst israelische Aufklärung oder Technologie könne Saudi-Arabiens grundlegendes Huthi-Problem nicht lösen.
Das ändert nichts an der israelischen Sicherheitsdimension. Die Huthis haben Israel wiederholt mit Raketen und Drohnen angegriffen und den Schiffsverkehr im Roten Meer bereits als Druckmittel eingesetzt. haOlam hatte erst vor wenigen Tagen darauf hingewiesen, dass ihre neuen Stellungen am Bab al-Mandab Israels südliche maritime Verbindung nach Asien zusätzlich gefährden und zugleich Irans strategischen Einfluss erweitern.
Die entscheidende Entwicklung spielt sich deshalb derzeit nicht nur auf einer jemenitischen Landkarte ab. Gelingt es den Huthis, Mocha, Mayun und die Hanisch-Inseln dauerhaft zu sichern und anschließend weiteren Druck auf Aden oder Marib auszuüben, verändert sich das Kräfteverhältnis im Jemen nachhaltig.
Scheitert die saudisch unterstützte Gegenseite dagegen schon an ihrer eigenen Zersplitterung, könnte aus einem schnellen Huthi-Vormarsch eine dauerhafte strategische Verschiebung werden.
Und dann läge eine der wichtigsten Schifffahrtsrouten der Welt noch stärker im militärischen Wirkungsbereich einer vom Iran unterstützten Terrororganisation.
Autor: Redaktion
Bild Quelle: KI-generierte Illustration / haOlam.de
Artikel veröffentlicht am: Freitag, 18. September 2026