Abbas wirbt für zwei Staaten, doch 46 Prozent bestreiten Israels Existenzrecht
Verhandlungen gewinnen unter Palästinensern in Judäa und Samaria an Zustimmung. Doch die entscheidende Voraussetzung für friedliche Koexistenz fehlt weiterhin: Nur 41 Prozent erkennen Israels Existenzrecht an.

Mahmoud Abbas wirbt gegenüber Europa, den USA und arabischen Staaten weiterhin für eine Zwei-Staaten-Lösung. Noch am 10. September erklärte der Präsident der Palästinensischen Autonomiebehörde, seine Führung werde daran arbeiten, diese politische Option zu erhalten. Am Mittwoch bekräftigte er bei Gesprächen in Kairo erneut das Ziel eines unabhängigen palästinensischen Staates.
Eine neue Umfrage unter Palästinensern in Judäa und Samaria zeigt jedoch, wie groß die Lücke zwischen dieser diplomatischen Formel und den Einstellungen innerhalb der Bevölkerung weiterhin ist.
46 Prozent der Befragten erklären, Israel habe kein Recht zu existieren. Nur 41 Prozent erkennen dieses Recht an. Weitere 13 Prozent legen sich nicht fest.
Noch schwerer wiegt ein zweiter Wert: 42 Prozent halten es für möglich, Israels Existenz künftig zu beenden. Nur 32 Prozent erklären, dies sei nicht möglich. 26 Prozent äußern dazu keine Meinung.
Damit betrifft die Umfrage eine Frage, die für Israel grundlegender ist als Grenzverläufe, Siedlungen oder die zukünftige Verwaltung Jerusalems: Kann ein Friedensmodell funktionieren, wenn ein erheblicher Teil der Bevölkerung den Staat, mit dem Frieden geschlossen werden soll, nicht als dauerhaft legitim anerkennt?
Verhandlungen ja – aber welches Ziel sollen sie erreichen?
Auf den ersten Blick enthält die Untersuchung des Institute for National Security Studies, INSS, durchaus Veränderungen, die auf eine Abkehr von bewaffneter Gewalt hindeuten.
52 Prozent nennen Verhandlungen als bevorzugten Weg zur Beendigung des Konflikts. Nur zwölf Prozent bevorzugen bewaffneten Widerstand. 57 Prozent stimmen der Aussage zu, der gewaltsame Kampf sei gescheitert und internationale diplomatische Bemühungen seien erfolgversprechender.
Das ist eine relevante Verschiebung.
Aber sie beantwortet nicht die entscheidende Frage: Was soll nach erfolgreichen Verhandlungen entstehen?
Nur 27 Prozent nennen zwei nebeneinander bestehende Staaten als ihr bevorzugtes politisches Endmodell.
Fast genauso viele, 26 Prozent, wollen einen palästinensischen Staat über das gesamte Gebiet vom Jordan bis zum Mittelmeer und ausdrücklich ohne dauerhafte jüdische Präsenz. Weitere 17 Prozent wollen ebenfalls einen palästinensischen Staat im gesamten Gebiet, würden Juden dort allerdings als Einwohner oder Bürger zulassen. 22 Prozent bevorzugen einen binationalen Staat mit gleichen Rechten.
Damit bevorzugen 65 Prozent eines von drei Modellen, in denen Israel als eigenständiger jüdischer Staat nicht fortbestehen würde.
Diese Zahl ist für die politische Einordnung mindestens ebenso wichtig wie die 52 Prozent, die Verhandlungen befürworten.
Denn Verhandlungen sind ein Instrument. Sie sagen zunächst nichts darüber aus, welches endgültige politische Ziel derjenige verfolgt, der sie befürwortet.
Die Umfrage erlaubt nicht zu behaupten, sämtliche Befürworter von Verhandlungen betrachteten Diplomatie lediglich als taktischen Zwischenschritt. Dafür fehlen die Daten. Umgekehrt lässt sich aus dem Wunsch nach Verhandlungen aber ebenso wenig ableiten, dass eine Mehrheit einen dauerhaften Frieden zwischen einem jüdischen Staat Israel und einem palästinensischen Nachbarstaat akzeptiert.
Genau dieser Unterschied ist für Israel entscheidend.
Eine Zwei-Staaten-Lösung bedeutet ihrem Kern nach nicht einfach die Errichtung eines palästinensischen Staates. Sie setzt voraus, dass beide Staaten anschließend dauerhaft bestehen bleiben.
Wer Israel dieses Recht abspricht, unterstützt deshalb nicht dasselbe politische Endmodell, das westliche Regierungen gewöhnlich meinen, wenn sie von „zwei Staaten für zwei Völker“ sprechen.
Der Widerspruch bestand schon 2025
Noch deutlicher wird das Problem im Vergleich mit der vorherigen INSS-Erhebung.
Im September 2025 bezeichneten 52 Prozent der befragten Palästinenser in Judäa und Samaria eine Zwei-Staaten-Lösung als bevorzugte Alternative. Gleichzeitig erklärten 56 Prozent, Israel habe kein Existenzrecht. 70 Prozent glaubten damals, Israel werde langfristig nicht bestehen, und 50 Prozent hielten seine Zerstörung nach dem 7. Oktober grundsätzlich für möglich.
Das war kein nebensächlicher statistischer Widerspruch.
Es bedeutete, dass ein Teil der Befragten gleichzeitig eine Zwei-Staaten-Regelung unterstützte und dennoch Israels dauerhaftes Existenzrecht bestritt.
Die aktuellen Zahlen sind in dieser Hinsicht weniger extrem als 2025: Der Anteil, der Israel das Existenzrecht abspricht, ist von 56 auf 46 Prozent gefallen. Gleichzeitig ist aber auch die Zwei-Staaten-Lösung als bevorzugtes Endmodell von 52 auf lediglich 27 Prozent zurückgegangen.
Von einer gesellschaftlich verankerten Akzeptanz Israels kann deshalb weiterhin keine Rede sein.
Das ist gerade aus israelischer Sicht keine theoretische Frage.
Israel hat erlebt, dass territoriale Räumung allein keinen Frieden garantiert. Nach dem vollständigen Rückzug aus Gaza 2005 übernahm Hamas schließlich die Kontrolle des Gebietes; es folgten jahrelanger Raketenbeschuss, mehrere Kriege und schließlich das Massaker vom 7. Oktober 2023. Auch israelische Sicherheitsexperten führen diese Erfahrung als einen wesentlichen Grund dafür an, weshalb das Vertrauen in einseitige territoriale Trennung massiv beschädigt wurde.
Ein zukünftiger palästinensischer Staat in unmittelbarer Nähe Jerusalems, Tel Avivs und des internationalen Flughafens Ben Gurion wäre deshalb für Israel nicht allein eine diplomatische Konstruktion. Seine politische Ausrichtung, Entwaffnung terroristischer Organisationen, Sicherheitsstrukturen und vor allem die Anerkennung des dauerhaften Existenzrechts Israels wären zentrale Sicherheitsfragen.
Die jüngste INSS-Umfrage zeigt, dass gerade bei diesem letzten Punkt weiterhin ein fundamentales Problem besteht.
Auch eine andere aktuelle Untersuchung unterstreicht das gegenseitige Misstrauen. Pew stellte im Frühjahr fest, dass lediglich 21 Prozent der befragten Palästinenser in Judäa, Samaria und Ostjerusalem glauben, Israel und ein unabhängiger palästinensischer Staat könnten friedlich nebeneinander bestehen. 68 Prozent halten dies nicht für möglich. Unter jüdischen Israelis glauben nur 16 Prozent an eine solche friedliche Koexistenz, während 64 Prozent sie für nicht möglich halten.
Die Skepsis existiert damit auf beiden Seiten. Doch die neue INSS-Erhebung beleuchtet einen spezifischen Punkt, der für Israels Sicherheit von unmittelbarer Bedeutung ist: Ein erheblicher Anteil der palästinensischen Bevölkerung bezweifelt nicht lediglich die Erfolgsaussichten eines Friedensprozesses, sondern die Legitimität der Existenz Israels selbst.
Abbas' Friedensformel und die gesellschaftliche Realität
Mahmoud Abbas vertritt international eine deutlich andere Linie.
Er bekennt sich öffentlich zur Zwei-Staaten-Lösung und erklärte zuletzt erneut, man wolle den politischen und diplomatischen Weg fortsetzen.
Diese Position der PA-Führung ist als solche festzuhalten.
Die Umfrage zeigt jedoch ebenso deutlich, dass Abbas dafür in entscheidenden Punkten keine gesellschaftliche Mehrheit hinter sich hat.
Wenn nur 41 Prozent Israels Existenzrecht anerkennen, kann eine Regierungserklärung aus Ramallah allein das grundlegende Problem nicht lösen.
Hinzu kommt ein weiterer aktueller Befund. Das Palestinian Center for Policy and Survey Research stellte im August ebenfalls einen starken Anstieg der Unterstützung für Verhandlungen fest. Doch gleichzeitig lehnten 72 Prozent der Palästinenser eine Entwaffnung der Hamas vor einem vollständigen israelischen Rückzug aus Gaza ab.
haOlam hatte bereits darauf hingewiesen, dass deshalb zwischen einer Abkehr von einem derzeit als erfolglos wahrgenommenen bewaffneten Kampf und einer grundsätzlichen Akzeptanz israelischer Sicherheitsforderungen unterschieden werden muss.
Genau das bestätigt die neue INSS-Erhebung noch deutlicher.
Die gute Nachricht lautet: Der bewaffnete Kampf verliert an Attraktivität und Verhandlungen gewinnen.
Die schwierigere Nachricht für Israel lautet: Das politische Ziel vieler Befragter hat sich damit noch lange nicht in Richtung dauerhafter Koexistenz zweier Nationalstaaten verschoben.
46 Prozent bestreiten Israels Existenzrecht.
42 Prozent halten sein Ende weiterhin für möglich.
Nur 27 Prozent nennen zwei Staaten als bevorzugten endgültigen Zustand.
26 Prozent wollen einen palästinensischen Staat über das gesamte Gebiet ohne dauerhafte jüdische Präsenz.
Diese Zahlen erklären, warum Israel Sicherheitsgarantien, Entwaffnung terroristischer Organisationen und die tatsächliche Anerkennung des jüdischen Staates nicht als nebensächliche Details eines Friedensprozesses behandeln kann.
Ein palästinensischer Staat kann Teil eines Friedensmodells sein. Ein dauerhafter Frieden zwischen zwei Staaten setzt aber voraus, dass beide Seiten akzeptieren, dass auch der andere Staat am Tag danach noch existiert.
Genau diese Voraussetzung ist nach der jüngsten Umfrage in Judäa und Samaria weiterhin nicht mehrheitsfähig.
Autor: Redaktion
Bild Quelle: KI-generierte Illustration / haOlam.de
Artikel veröffentlicht am: Donnerstag, 17. September 2026