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Neue Aussage zum 7. Oktober: Vermittler warnten vor Sinwars großer Entführungsoperation


Ein früherer Leiter der israelischen Verhandlungseinheit sagt, Israel habe über Jahre Hinweise erhalten, Yahya Sinwar könne mit einer großen Entführungsaktion neue Geiseln als Druckmittel schaffen. Es war keine konkrete Warnung vor dem Massaker vom 7. Oktober. Doch sie fügt sich in ein immer dichteres Bild übersehener Warnzeichen ein.

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Fast drei Jahre nach dem Hamas-Massaker vom 7. Oktober 2023 kommt ein weiteres Puzzleteil über die Zeit davor ans Licht. Oberst a.D. Doron Hadar, früherer Kommandeur der Verhandlungseinheit des israelischen Generalstabs und selbst an Gesprächen über die von der Hamas festgehaltenen Israelis beteiligt, erklärte gegenüber Kan Reshet Bet, Vermittler hätten über Jahre hinweg vor einer möglichen großen Entführungsoperation der Terrororganisation gewarnt.

Hadar beschrieb eine Situation, in der die Gespräche über die von der Hamas festgehaltenen Israelis immer wieder feststeckten. Dabei ging es vor dem 7. Oktober unter anderem um die sterblichen Überreste der 2014 verschleppten Soldaten Hadar Goldin und Oron Shaul sowie um die israelischen Zivilisten Avera Mengistu und Hisham al-Sayed.

Nach Hadars Darstellung war den Beteiligten bewusst, dass Yahya Sinwar irgendwann versuchen könnte, die festgefahrene Situation mit Gewalt zu verändern. Vermittler hätten wiederholt Botschaften übermittelt, wonach Sinwar bei ausbleibenden Fortschritten eine große Entführungsaktion erwäge, um neue Geiseln und damit neue Verhandlungsmasse in seine Gewalt zu bringen.

Genau das geschah am 7. Oktober in einem Ausmaß, das selbst diese Warnungen weit übertraf. Hamas-Terroristen und mit ihnen verbündete Angreifer ermordeten rund 1.200 Menschen und verschleppten 251 Geiseln in den Gazastreifen.

Hadars Aussage enthält allerdings eine entscheidende Einschränkung. Er berichtet nicht von einer Warnung mit Datum, Angriffsort oder einem konkreten Plan für den 7. Oktober. Auch sagt er nicht, welche politischen oder militärischen Entscheidungsträger jede einzelne dieser Botschaften persönlich erhielten. Die Warnung lautete nach seiner Darstellung vielmehr grundsätzlich: Wenn die Hamas durch Verhandlungen keine neuen Druckmittel erhalte, könnte Sinwar versuchen, diese durch eine groß angelegte Entführung selbst zu schaffen.

Das macht die Aussage nicht weniger brisant.

Denn die israelische Sicherheitsführung wusste damit offenbar nicht nur abstrakt, dass Entführungen zum Instrumentarium der Hamas gehörten. Aus den Verhandlungskanälen kamen zusätzlich Hinweise, dass Sinwar genau diesen Weg als strategischen Ausweg aus dem Stillstand erwog.

Aus einem Risiko wurde eine Strategie

Entführungen waren für die Hamas schon lange vor dem 7. Oktober ein bewährtes Mittel. Gilad Schalit wurde 2006 verschleppt und 2011 gegen 1.027 palästinensische Gefangene ausgetauscht. Zu den Freigelassenen gehörte Yahya Sinwar selbst. Drei Jahre später verschleppte die Hamas während des Gaza-Krieges die Leichen von Oron Shaul und Hadar Goldin und hielt sie mehr als ein Jahrzehnt zurück.

Der Konflikt darüber prägte anschließend jahrelang Israels Umgang mit Geiseln.

Ein Teil der israelischen Sicherheits- und Politikführung wollte vermeiden, durch immer größere Gefangenenaustausche einen zusätzlichen Anreiz für neue Entführungen zu schaffen. Für die Hamas entstand daraus die entgegengesetzte Logik: Je wertvoller die Gefangenenfrage für die israelische Gesellschaft war, desto wertvoller wurden Geiseln als strategisches Druckmittel.

Bereits Wochen vor dem Massaker hatte Sinwar nach früheren Berichten über Vermittler Botschaften über eine mögliche Eskalation übermitteln lassen. Damals liefen weiterhin Gespräche über Goldin, Shaul, Mengistu und al-Sayed. Bis heute ist nicht abschließend geklärt, ob Sinwar diese Kontakte als ernsthaften Verhandlungskanal betrieb, als Täuschung nutzte oder beide Ebenen parallel verfolgte.

Die neue Aussage Hadars gewinnt zusätzlich Gewicht, weil die IDF inzwischen selbst deutlich härter über das eigene Versagen vor dem 7. Oktober urteilt.

Ein von Generalstabschef Eyal Zamir eingesetztes Expertenteam kam 2025 zu dem Schluss, dass die Überraschung des 7. Oktober keineswegs aus einem völligen Informationsvakuum entstand. Im Gegenteil. Die Armee habe über hochwertige und ungewöhnliche Informationen verfügt, diese aber nicht richtig eingeordnet. Das Team nannte ausdrücklich ein langjähriges konzeptionelles Versagen, ein Scheitern der Nachrichtendienste und den mangelhaften Umgang mit dem Hamas-Angriffsplan „Jericho Wall“.

Dieser Plan beschrieb bereits lange vor dem Angriff zentrale Elemente einer groß angelegten Hamas-Invasion. Dazu gehörten Angriffe auf Grenzanlagen, Militärstützpunkte und israelische Ortschaften. Die israelische Militärführung bewertete das Szenario lange als zu ambitioniert für die tatsächlichen Fähigkeiten der Hamas.

Auch Warnungen aus der Gaza-Division fügten sich später in dieses Bild. Wochen vor dem Massaker wurde intern vor einer groß angelegten Invasion und der möglichen Entführung von bis zu 250 Menschen gewarnt. Eine Analyse des Combating Terrorism Center in West Point dokumentiert zudem Hinweise aus Übungen der Hamas, bei denen Entführungen ausdrücklich trainiert wurden.

Das Entscheidende ist deshalb nicht eine einzelne Warnung.

Es ist die Summe.

Es gab einen bekannten Hamas-Angriffsplan. Es gab Übungen, die diesem Plan ähnelten. Es gab Beobachtungssoldatinnen und Nachrichtendienstler, die ungewöhnliche Aktivitäten meldeten. Es gab Einschätzungen über eine mögliche Entführung von bis zu 250 Menschen. Und nach Hadars neuer Aussage gab es darüber hinaus über Jahre Botschaften aus Vermittlerkanälen, dass Sinwar eine große Entführungsaktion erwog.

Neue Aussage trifft auf Streit um angebliche Warnung aus Abu Dhabi

Die Veröffentlichung fällt in eine Woche, in der Israel ohnehin erneut über Warnungen vor dem 7. Oktober diskutiert.

Haaretz berichtete, der Präsident der Vereinigten Arabischen Emirate, Mohammed bin Zayed, habe Ministerpräsident Benjamin Netanjahu etwa zehn Tage vor dem Massaker persönlich davor gewarnt, dass Sinwar eine große Operation plane. Ein mit dem angeblichen Gespräch vertrauter emiratischer Vertreter bestätigte gegenüber Times of Israel, dass eine solche Warnung erfolgt sei.

Netanjahu bestreitet den Bericht entschieden.

Sein Büro bezeichnete die Darstellung als vollständig erfunden und erklärte, eine Überprüfung der Gesprächsprotokolle habe keinen solchen Kontakt mit dem Präsidenten der Emirate im betreffenden Zeitraum ergeben. Netanjahu kündigte rechtliche Schritte gegen Haaretz und die beteiligten Journalisten an. Die Vereinigten Arabischen Emirate selbst bestätigten das konkrete Gespräch nicht und erklärten lediglich allgemein, relevante Geheimdienstinformationen seien zwischen beiden Staaten bei Bedarf ausgetauscht worden.

Diese beiden Vorgänge dürfen nicht miteinander vermischt werden.

Hadars Aussage über jahrelange Botschaften aus Verhandlungskanälen ist etwas anderes als die umstrittene Behauptung eines persönlichen Telefonats zwischen bin Zayed und Netanjahu zehn Tage vor dem Massaker.

Doch beide Berichte führen zurück zu derselben zentralen Frage: Wie viele Warnzeichen lagen vor, wie wurden sie bewertet und warum führte ihre Summe nicht zu einer grundlegend anderen israelischen Vorbereitung?

haOlam berichtete bereits Anfang September über die inzwischen veröffentlichten Abläufe am Morgen des 7. Oktober. Die Chronologie aus dem Büro des Ministerpräsidenten widerlegt die Behauptung, Netanjahu habe während der ersten Stunden überhaupt nicht gehandelt. Sie zeigt aber gleichzeitig erhebliche Verzögerungen beim Informationsfluss und bei der gemeinsamen Lagebewertung der politischen und militärischen Führung.

Die neuen Aussagen Hadars verschieben den Blick nun weiter zurück.

Nicht nur auf die Nacht vor dem Angriff.

Nicht nur auf die letzten Tage.

Sondern auf Jahre, in denen Sinwars Interesse an einer großen Entführungsaktion offenbar bekannt war.

Das entlastet niemanden automatisch und belastet auch niemanden allein. Die offiziellen Untersuchungen der IDF sprechen inzwischen selbst von einem systemischen, über Jahre gewachsenen Versagen. Das Problem lag nicht darin, dass Israel keinerlei Informationen über Hamas besaß.

Es lag darin, dass vorhandene Informationen immer wieder in eine Vorstellung eingeordnet wurden, nach der die Terrororganisation zwar drohen und kämpfen konnte, aber keinen Angriff dieser Größenordnung wagen würde.

Sinwar dachte anders.

Er brauchte neue Geiseln als Druckmittel.

Am 7. Oktober ließ die Hamas 251 Menschen verschleppen.

Die Warnung vor einer großen Entführungsoperation war damit nicht die Vorhersage des Massakers.

Aber sie war auch keine theoretische Gefahr.

Sie beschrieb einen zentralen Bestandteil dessen, was schließlich geschah.

Autor: Redaktion
Bild Quelle: KI-generierte Illustration / haOlam.de

Artikel veröffentlicht am: Freitag, 11. September 2026

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