Liebe Leserinnen und Leser,
haOlam.de wird privat betrieben – ohne Verlag, ohne Unterstützung durch Institutionen. Damit wir unsere Arbeit auch 2026 fortführen können, möchten wir bis Jahresende mindestens 6.000 Euro erreichen, ideal wären 10.000 Euro. Jeder Beitrag hilft – auch kleine Beträge machen einen Unterschied.

Neue Zweifel an VAE Warnung vor dem 7. Oktober: Bidens Regierung wusste von nichts


Ein VAE Informant bestätigt die Warnung an Netanyahu. Zwei frühere US Regierungsquellen sagen dagegen: Washington wusste weder vorher noch nachher davon.

haOlam-News.de - Nachrichten aus Israel, Deutschland und der Welt.

Die Geschichte über eine angebliche persönliche Warnung der Vereinigten Arabischen Emirate an Benjamin Netanyahu kurz vor dem Hamas Massaker vom 7. Oktober bekommt eine neue, entscheidende Wendung. Zwei mit den Vorgängen vertraute Quellen aus der damaligen Biden Regierung erklärten der Jerusalem Post, Washington habe von einer solchen konkreten Warnung nichts gewusst. Das gelte nicht nur für die Tage vor dem Massaker. Auch danach sei innerhalb der amerikanischen Regierung keine Information bekannt geworden, wonach VAE Präsident Mohammed bin Zayed Netanyahu persönlich vor einem bevorstehenden großen Hamas Angriff gewarnt habe.

Das widerlegt die ursprüngliche Geschichte nicht. Aber es verschärft den Widerspruch erheblich.

Grundlage war eine Haaretz Recherche, die sich wiederum auf das neue Buch „Kidnapped: 843 Days of Abandonment“ von Shlomi Eldar und Ruth Yuval stützt. Demnach soll ein rund 45 Minuten dauerndes Gespräch zwischen bin Zayed und Netanyahu stattgefunden haben. Der VAE Präsident habe dabei gewarnt, Sinwar plane einen großen Schritt, der Blutvergießen auslösen, die Region destabilisieren und sogar die Abraham Abkommen gefährden könne.

Netanyahus Büro wies die Darstellung scharf zurück. Der Bericht sei falsch. Netanyahu habe in dem fraglichen Zeitraum kein entsprechendes Gespräch geführt und keine Warnung aus den Emiraten erhalten. Relevante Informationen würden über die etablierten Nachrichtendienstkanäle zwischen beiden Staaten weitergegeben.

Ein Emirati bestätigt, Washington widerspricht

Die Sache schien am Dienstag zunächst deutlich belastender für Netanyahu zu werden. Ein emiratischer Informant bestätigte gegenüber der Times of Israel ausdrücklich den Kern des Haaretz Berichts. Demnach habe Mohammed bin Zayed Netanyahu tatsächlich vor einem geplanten großen Hamas Angriff gewarnt.

Auch Naftali Bennett erklärte öffentlich, der Bericht sei wahr. Er sagte allerdings nicht, woher sein Wissen stammt oder auf welche Dokumente oder Gesprächsprotokolle er sich stützt. Oppositionspolitiker forderten daraufhin eine umfassende Untersuchung darüber, was Netanyahu vor dem 7. Oktober wusste und wann er es wusste.

Jetzt kommt die neue Information aus Washington hinzu.

Zwei Quellen, die mit den Vorgängen in der Biden Regierung vertraut waren, erklärten der Jerusalem Post, ihnen sei keine spezifische VAE Warnung vor einem bevorstehenden Hamas Großangriff bekannt gewesen. Auch nach dem Massaker hätten amerikanische Regierungsvertreter nichts davon gehört.

Die Jerusalem Post zieht daraus eine vorsichtige, aber wichtige Schlussfolgerung: Dass Washington nichts wusste, beweist nicht, dass Abu Dhabi Netanyahu keine Nachricht übermittelt hat. Bei einer wirklich bedeutenden Warnung wäre jedoch zu erwarten gewesen, dass die Vereinigten Staaten entweder vor dem Angriff oder spätestens danach davon erfahren hätten.

Gerade die enge Zusammenarbeit zwischen Washington, Abu Dhabi und Jerusalem macht diese Lücke bemerkenswert.

Wenn die VAE tatsächlich wussten, dass Sinwar einen großen Angriff plante, wenn bin Zayed deswegen persönlich Netanyahu kontaktierte und wenn die Warnung als so ernst verstanden wurde, wie es der Haaretz Bericht beschreibt, stellt sich die Frage, warum davon offenbar keinerlei Spur in der damaligen US Regierung bekannt war.

Umgekehrt gibt es inzwischen eben nicht nur die anonyme Quellenlage aus dem Buch. Die Times of Israel berichtet von einem emiratischen Informanten, der die Warnung bestätigt.

Damit stehen derzeit zwei Quellenstränge gegeneinander.

Auf der einen Seite Haaretz, ein emiratischer Informant und Bennett.

Auf der anderen Seite Netanyahus kategorisches Dementi und nun zwei Quellen aus der damaligen amerikanischen Regierung, denen eine solche Warnung unbekannt war.

Die VAE bestätigen nicht, dementieren aber auch nicht

Besonders auffällig bleibt die offizielle Reaktion Abu Dhabis.

Das Außenministerium der Vereinigten Arabischen Emirate hätte die Geschichte problemlos dementieren können. Genau das tat es nicht.

Stattdessen erklärte das Ministerium am Dienstag, die Regierung kommentiere keine Medienberichte oder Spekulationen über Gespräche zwischen Staatschefs. Zugleich betonte Abu Dhabi, dass zwischen israelischen und emiratischen Stellen seit Aufnahme der Beziehungen offene und direkte Kommunikationskanäle bestünden. Wenn erforderlich, würden alle relevanten Geheimdienstinformationen zwischen den zuständigen Stellen ausgetauscht.

Diese Erklärung bestätigt das angebliche Gespräch nicht.

Sie dementiert es aber ebenso wenig.

Das ist deshalb bemerkenswert, weil die VAE durchaus bereit sind, Berichte über Netanyahu ausdrücklich zurückzuweisen, wenn sie diese für falsch halten. Im Mai dementierte das Außenministerium beispielsweise Berichte über einen angeblichen geheimen Besuch Netanyahus und bezeichnete Behauptungen über nicht angekündigte Absprachen als unbegründet.

Beim Bericht über die Warnung vor dem 7. Oktober wählte Abu Dhabi bewusst eine andere Formulierung.

Gleichzeitig darf eine weitere Tatsache nicht mit der angeblichen konkreten Sinwar Warnung vermischt werden. Die VAE hatten Israel und die USA bereits Monate vor dem Massaker deutlich vor einer Verschlechterung der regionalen Lage gewarnt. Im März 2023 übermittelte Khaldoon al Mubarak, ein enger Berater bin Zayeds, israelischen Regierungsvertretern die Sorge, politische Entscheidungen und Äußerungen aus Israel könnten die Abraham Abkommen beschädigen und die Stabilität der Region gefährden.

Das war eine ernste politische Warnung.

Es war aber keine nachgewiesene Geheimdienstwarnung vor dem Hamas Angriff vom 7. Oktober.

Diese Trennung ist entscheidend.

Die neue Aussage aus Washington macht deshalb weder Netanyahu automatisch unschuldig noch die ursprüngliche Geschichte falsch. Sie zeigt vielmehr, wie viele offene Fragen inzwischen in dieser Affäre stecken.

Hat das Gespräch zwischen bin Zayed und Netanyahu tatsächlich stattgefunden?

Wie konkret war die angebliche Warnung?

Wussten israelische Nachrichtendienste bereits auf anderen Wegen von Sinwars Drohungen?

Warum erreichte eine angeblich so bedeutende emiratische Warnung offenbar nicht die amerikanische Regierung?

Und warum dementieren die VAE die Geschichte bis heute nicht ausdrücklich?

Fast drei Jahre nach dem 7. Oktober geht es längst nicht mehr darum, möglichst schnell einen Schuldigen zu präsentieren. Israel braucht eine belastbare Rekonstruktion der letzten Wochen und Tage vor dem größten Sicherheitsversagen seiner Geschichte.

Der neue Bericht aus Washington macht diese Untersuchung nicht weniger notwendig.

Er macht sie noch notwendiger.

Denn inzwischen existieren Aussagen, die sich nicht gleichzeitig widerspruchsfrei erklären lassen.



Autor: Redaktion

Artikel veröffentlicht am: Mittwoch, 9. September 2026

Unterstütze unser Projekt


Newsletter