Nach dem 7. Oktober: Israel ersetzt palästinensische Arbeitskräfte und stößt beim Wohnraum an Grenzen
Israel setzt nach dem 7. Oktober immer stärker auf Arbeitskräfte aus Asien und anderen Ländern. Rund 250.000 sind bereits im Land, bis zu 335.874 sind für 2026 vorgesehen. Doch bei Unterbringung und Kontrolle wächst der Staat nicht im gleichen Tempo mit.

Israels Arbeitsmarkt hat sich seit dem 7. Oktober 2023 grundlegend verändert. Vor dem Krieg kamen täglich Zehntausende Palästinenser aus Judäa und Samaria zur Arbeit nach Israel, besonders auf Baustellen. Nach dem Massaker schloss Israel die Übergänge weitgehend für palästinensische Arbeitnehmer. Seitdem versucht das Land, die entstandene Lücke mit ausländischen Arbeitskräften zu schließen.
Das geschieht inzwischen in einem Ausmaß, das Israel noch nicht erlebt hat.
Nach Angaben der israelischen Bevölkerungs- und Einwanderungsbehörde, die Globes ausgewertet hat, leben inzwischen rund 250.000 legale und illegale ausländische Arbeitnehmer im Land. Eine Knesset-Anhörung im Juni nannte 246.023 ausländische Beschäftigte, von denen 44.782 keinen legalen Status für ihre Beschäftigung hatten.
Und die Zahl kann weiter steigen. Die Regierung hatte 2024 erstmals eine Obergrenze eingeführt, die sich an der Gesamtbevölkerung orientiert. Für 2026 wurde diese Quote offiziell auf 335.874 ausländische Arbeitnehmer festgesetzt, entsprechend 3,3 Prozent der israelischen Bevölkerung.
Damit löst Israel ein sicherheitspolitisches und wirtschaftliches Problem, schafft sich aber gleichzeitig ein neues.
Denn anders als viele palästinensische Arbeitnehmer, die morgens nach Israel kamen und abends nach Hause zurückkehrten, leben Arbeitnehmer aus Indien, Thailand, China, Sri Lanka, den Philippinen, Usbekistan oder Moldau dauerhaft im Land. Sie benötigen Wohnungen, medizinische Versorgung und eine funktionierende Infrastruktur.
Gerade beim Wohnraum beginnt es zu knirschen.
15 Menschen in einer Wohnung, Unterkünfte auf Baustellen
Israels Regeln sind eigentlich eindeutig. Arbeitgeber müssen für ausländische Arbeitnehmer eine geeignete Unterkunft bereitstellen. Vorgeschrieben sind unter anderem mindestens vier Quadratmeter Schlafraum pro Person, ein eigenes Bett, Möglichkeiten zur Aufbewahrung persönlicher Gegenstände, sanitäre Anlagen, Küche, Strom, Wasser, Belüftung und Brandschutz. Die Unterkunft muss während der gesamten Beschäftigungszeit und noch sieben Tage danach zur Verfügung stehen.
Das israelische Handbuch über die Rechte ausländischer Arbeitnehmer bestätigt die grundsätzliche Verpflichtung der Arbeitgeber zur angemessenen Unterbringung. Auch die Knesset hat sich wiederholt mit den Kosten und Mindeststandards dieser Unterkünfte beschäftigt.
Die Realität sieht allerdings nicht überall so aus.
Shimon Zigzag, ein leitender Mitarbeiter der Ermittlungs- und Nachrichteneinheit der Bevölkerungs- und Einwanderungsbehörde, sagte gegenüber Globes, bei Kontrollen würden Verstöße in sämtlichen Branchen gefunden. Zu den extremen Fällen gehörten Arbeitnehmer, die in Kühlräumen, auf Müllplätzen oder ohne Genehmigung direkt auf Baustellen untergebracht wurden. In einigen Unterkünften hätten Bewohner Feuer entzündet, weil Strom oder Gas fehlten.
Auch Arbeitnehmer selbst schildern problematische Zustände.
Ein Beschäftigter aus Indien berichtete, zwischen den Versprechungen vor seiner Einreise und der tatsächlichen Situation bestehe eine große Lücke. Das Badezimmer seiner Unterkunft habe nicht einmal eine Tür, vier Menschen lebten in einem schlecht belüfteten, schlauchartigen Raum. Ein anderer Arbeiter berichtete von zwölf bis 15 Personen in einer Wohnung mit lediglich zwei Badezimmern.
Dabei darf allerdings nicht der Eindruck entstehen, solche Zustände seien überall der Normalfall. Zigzag betont selbst, dass die meisten Arbeitgeber die Vorschriften einhalten. Private Unternehmen mieten inzwischen ganze Wohngebäude, ehemalige Seniorenheime oder mehrere Wohnungen gleichzeitig an, um größere Gruppen unterzubringen.
Das Problem ist vielmehr die Geschwindigkeit.
Israel hat innerhalb kurzer Zeit einen völlig neuen Arbeitsmarkt geschaffen, während Behörden, Wohnungen und Kontrolle nicht im gleichen Tempo gewachsen sind.
Die Einwanderungsbehörde beklagt beispielsweise, dass die Zahl der Mitarbeiter in den zuständigen Bereichen trotz des enormen Anstiegs der ausländischen Beschäftigten kaum erhöht worden sei. Zigzag spricht von lediglich etwa 160 bis 170 Stellen und davon, dass die seit Jahren diskutierte Verstärkung weiterhin nicht umgesetzt worden sei.
Die Abhängigkeit hat sich verlagert
Hinter dem Boom steckt eine bewusste politische Entscheidung.
Vor dem 7. Oktober kamen nach der von Globes veröffentlichten Schätzung regelmäßig etwa 150.000 palästinensische Arbeitnehmer nach Israel, davon 92.000 legal. Besonders die Bauwirtschaft war von ihnen abhängig. Heute sind es dem Bericht zufolge nur noch etwa 20.000, vor allem in besonders genehmigten Betrieben und in israelischen Gemeinden jenseits der Grünen Linie.
Die israelische Regierung zeigt bislang keine Absicht, zu den früheren Größenordnungen zurückzukehren. Stattdessen setzt sie zunehmend auf Arbeitnehmer aus Staaten, bei denen das individuelle Sicherheitsrisiko anders bewertet wird und deren Einreise über bilaterale Abkommen oder zugelassene Vermittlungswege gesteuert werden kann.
Für Israel ist das nach dem 7. Oktober nachvollziehbar.
Die jahrelange wirtschaftliche Abhängigkeit von täglich einreisenden palästinensischen Arbeitskräften wurde plötzlich auch als Sicherheitsproblem sichtbar. Gleichzeitig konnte das Land auf Zehntausende Arbeiter nicht einfach verzichten, ohne Baustellen, Landwirtschaft, Industrie und Dienstleistungen massiv zu treffen.
Die Bank of Israel bezeichnet die massive Ausweitung der ausländischen Beschäftigung inzwischen ausdrücklich als politische Neuausrichtung. Sie lindere den Arbeitskräftemangel, könne langfristig aber auch neue wirtschaftliche Kosten verursachen.
Genau diese Kosten werden jetzt sichtbar.
Die Regierung diskutiert bereits über große Wohnanlagen ausschließlich für ausländische Arbeitnehmer. Ein Pilotprojekt im Industriegebiet Ne'ot Hovav soll Platz für 5.000 Menschen schaffen. Doch nach dem vorliegenden Bericht gab es bis zuletzt keine wesentlichen Fortschritte. Andere staatliche Stellen prüfen erst noch Flächen und Planungsmodelle für temporäre Unterkünfte.
Das ist der Schwachpunkt der bisherigen Strategie.
Israel hat schnell entschieden, woher die fehlenden Arbeitskräfte kommen sollen. Viel langsamer wurde darüber entschieden, wo Hunderttausende Menschen wohnen sollen, wer ihre Unterkünfte kontrolliert und welche Infrastruktur zusätzlich benötigt wird.
Dabei ist die grundsätzliche Entscheidung längst gefallen.
Israel wird seine Wirtschaft voraussichtlich nicht wieder in demselben Maße wie vor dem 7. Oktober von täglich einreisenden palästinensischen Arbeitnehmern abhängig machen.
Doch wenn stattdessen Hunderttausende Menschen aus Indien, Thailand, China und anderen Staaten kommen, reicht es nicht, ihnen ein Arbeitsvisum auszustellen.
Wer Arbeitskräfte ins Land holt, muss auch dafür sorgen, dass aus dem Ersatz einer alten Abhängigkeit nicht das nächste ungelöste Problem entsteht.
Autor: Redaktion
Bild Quelle: KI-generierte Illustration / haOlam.de
Artikel veröffentlicht am: Montag, 24. August 2026