„Hisbollah hat den Libanon zerstört“: Schiitischer Geistlicher rechnet mit Irans Miliz ab
Muhammad Ali al-Fouani widerspricht einem Bild, das die Hisbollah seit Jahrzehnten pflegt: Sie spreche für die Schiiten des Libanon. Tatsächlich, sagt der Geistliche, habe Iran Menschen manipuliert, ihre Kinder in Kriege geschickt und ihre Zukunft zerstört.

Die schärfste Kritik an der Hisbollah kommt diesmal nicht aus Israel, Washington oder aus einem christlichen Viertel Beiruts. Sie kommt von einem schiitischen Geistlichen aus dem Libanon.
Scheich Muhammad Ali al-Fouani, ein erklärter Gegner der Hisbollah, lebt im Exil. In einem israelischen Fernsehinterview rechnete er ungewöhnlich offen mit der Terrororganisation und vor allem mit ihrem iranischen Schutzpatron ab.
Die Hisbollah habe „Zerstörung über den Libanon gebracht“ und dafür gesorgt, dass man die Libanesen mit Hass und Abscheu betrachte, sagte al-Fouani. Nach außen gebe sich die Organisation religiös, spreche von Moral und Bescheidenheit. Doch zwischen diesem Anspruch und ihrem tatsächlichen Handeln liege ein tiefer Widerspruch.
Noch deutlicher wurde er bei der Frage, warum Teile der schiitischen Bevölkerung der Hisbollah trotz Krieg, wirtschaftlichem Niedergang und Zehntausenden zerstörten Existenzen weiterhin folgen.
Al-Fouani beschreibt zwei Gruppen.
Die eine bestehe aus Menschen, für die die Hisbollah vor allem ein Geschäft sei. Solange Geld fließe und die Organisation Macht besitze, blieben sie an ihrer Seite. Wenn sich abzeichne, dass dieses System zusammenbreche, würden sie verschwinden.
Die andere Gruppe betrachtet er selbst als Opfer.
Iran habe diesen Menschen über Jahrzehnte eingeredet, sie seien Teil eines großen religiösen Projekts. Sie seien in Kriege geschickt worden, ihre Kinder seien gestorben, ihre wirtschaftliche Existenz sei zerstört und ihre Zukunft geopfert worden. Das Ergebnis, so al-Fouani, sei nicht die versprochene Stärke der Schiiten, sondern eine Bevölkerung, die für iranische Interessen einen enormen Preis bezahlt habe.
Diese Kritik äußert er nicht erst jetzt. Bereits Ende Juli erklärte al-Fouani gegenüber Al-Arabiya, die Hisbollah habe über Jahrzehnte mit Einschüchterung und finanziellen Anreizen versucht, das politische Verhalten der schiitischen Gemeinschaft zu kontrollieren. Dschihad, sagte er damals sinngemäß, dürfe nicht den Interessen Irans oder der Rache für den iranischen Führer dienen.
Das trifft einen empfindlichen Punkt.
Denn die Hisbollah stellt sich gern als natürlicher Vertreter der libanesischen Schiiten dar. Wer die Organisation angreift, soll damit automatisch die schiitische Gemeinschaft angreifen. Al-Fouani widerspricht genau dieser Gleichsetzung.
„Die Schiiten sind nicht Teil der Terrororganisation“, lautet seine Botschaft an die israelische Öffentlichkeit.
Das ist mehr als eine sprachliche Feinheit. Für Israel ist diese Unterscheidung von großer Bedeutung. Der Konflikt besteht nicht mit einer Religionsgemeinschaft und nicht mit den Schiiten als solchen. Er besteht mit einer bewaffneten Organisation, die vom iranischen Regime finanziert, ausgerüstet und über Jahrzehnte zu dessen wichtigstem militärischen Instrument an Israels Nordgrenze aufgebaut wurde.
Al-Fouani geht sogar noch weiter. Zwischen Schiiten und Juden gebe es ursprünglich keine Feindschaft. Israelis sollten ihrer Regierung deutlich machen, dass sie gute Beziehungen zum libanesischen Volk wollten.
Solche Worte wären vor wenigen Jahren kaum vorstellbar gewesen.
Die Hisbollah verliert etwas Gefährlicheres als Waffen
Al-Fouanis Aussagen fallen in eine Zeit, in der die Hisbollah militärisch und politisch unter erheblich größerem Druck steht als noch vor wenigen Jahren.
Die libanesische Regierung hat beschlossen, die Waffen nichtstaatlicher Gruppen unter staatliche Kontrolle zu bringen. Die Hisbollah lehnt ihre Entwaffnung weiterhin ab. Gleichzeitig verhandeln Israel und der Libanon unter amerikanischer Vermittlung direkt über einen schrittweisen israelischen Rückzug und einen Mechanismus, mit dem die Entwaffnung der Hisbollah überprüft werden soll.
Die nächste Gesprächsrunde ist für Anfang September vorgesehen, auch wenn zwischen beiden Seiten weiterhin erhebliche Differenzen bestehen.
Al-Fouani glaubt, dass die Hisbollah am Ende nicht unbesiegbar sein wird. Als Beispiel verweist er auf Syrien. Milizen, die jahrelang als fester Bestandteil einer scheinbar unveränderlichen Machtordnung galten, verschwanden dort innerhalb kurzer Zeit, als das Assad-System zusammenbrach.
Seine Hoffnung: Ähnliches könne auch im Libanon geschehen.
Ob das tatsächlich so schnell möglich wäre, ist offen. Die Hisbollah besitzt weiterhin Waffen, Geld, politische Strukturen und ein tief verwurzeltes Netzwerk. Sie hat über Jahrzehnte nicht nur eine Miliz aufgebaut, sondern einen Staat im Staat.
Doch al-Fouani spricht einen Punkt an, der für die Organisation langfristig gefährlicher sein könnte als der Verlust einzelner Raketenlager.
Menschen ziehen Bilanz.
Familien haben Söhne verloren. Häuser und Geschäfte wurden zerstört. Ganze Regionen haben erlebt, wohin die Entscheidung der Hisbollah führte, den Libanon immer wieder in Irans Kriege hineinzuziehen.
Wenn diese Menschen irgendwann nicht mehr glauben, dass ihre Opfer dem Libanon oder ihrer eigenen Gemeinschaft dienen, verliert die Hisbollah etwas, das sich aus Teheran nicht einfach nachliefern lässt: Loyalität.
Und genau deshalb ist die Stimme eines schiitischen Geistlichen wie al-Fouani so wichtig.
Er sagt nicht, dass Schiiten besiegt werden müssen.
Er sagt, dass sie von einer Organisation befreit werden müssen, die für sich beansprucht, in ihrem Namen zu sprechen.
Autor: Redaktion
Bild Quelle: KI-generierte Illustration / haOlam.de
Artikel veröffentlicht am: Freitag, 21. August 2026