Israels neue Gefahr heißt Türkei und ausgerechnet Syrien könnte zum Gesprächspartner werden
Der Mossad-Chef telefoniert mit Syriens Außenminister, während Israel türkische Militärpläne in Syrien fürchtet. Was vor kurzem noch absurd geklungen hätte, wird zur neuen Realität: Gegen Erdogans wachsenden Einfluss reichen Bomben allein nicht.

Vier Tage vor dem israelischen Angriff auf den Militärflugplatz Abu al-Duhur geschah etwas, das fast bemerkenswerter ist als der Angriff selbst: Mossad-Chef Roman Gofman telefonierte mit dem syrischen Außenminister Asaad al-Shaibani.
Israel und Syrien haben keinen Friedensvertrag. Formal befinden sich beide Staaten weiterhin im Konflikt. Trotzdem sprechen der Chef des israelischen Auslandsgeheimdienstes und der Außenminister der neuen syrischen Regierung direkt miteinander.
Der Grund dafür heißt Türkei.
Nach Berichten über das Gespräch ging es am 14. August um den wachsenden türkischen Einfluss auf Syriens Streitkräfte, mögliche Truppenstationierungen, Waffenlieferungen und Drohnen. Vier Tage später griff Israel Abu al-Duhur an. Jerusalem erklärte anschließend, Damaskus habe kurz davor gestanden, einen vereinbarten sicherheitspolitischen Status quo zu verletzen und türkische Kräfte auf dem Flugplatz zu stationieren.
Syrien bestreitet, dass dort eine dauerhafte türkische Basis geplant gewesen sei. Ankara weist die israelischen Vorwürfe zurück. Doch selbst wenn einzelne Details umstritten bleiben, lässt sich die größere Entwicklung kaum übersehen: Die Türkei baut ihren militärischen Einfluss im neuen Syrien systematisch aus.
Ankara und Damaskus haben bereits 2025 eine militärische Zusammenarbeit vereinbart. Dazu gehören Ausbildung und Beratung syrischer Soldaten sowie türkische Unterstützung mit militärischer Ausrüstung und Logistik. Türkisches Personal hat syrische Militäranlagen untersucht, türkische Offiziere waren kurz vor dem israelischen Angriff auch in Abu al-Duhur.
Damit bekommt die jahrelange Verschlechterung der israelisch-türkischen Beziehungen plötzlich eine geografische Dimension.
Erdogan sitzt nicht mehr nur in Ankara und beschimpft Israel.
Sein militärischer Einfluss rückt näher.
Für Israel ist das ein grundlegender Unterschied. Eine türkische Präsenz mit Radarsystemen, Flugabwehr, Drohnen oder Kampfflugzeugen in Syrien könnte die Bewegungsfreiheit der israelischen Luftwaffe einschränken. Aus politischen Spannungen zwischen Jerusalem und Ankara könnte dann innerhalb weniger Minuten eine militärische Krise zwischen Israel und einem NATO-Staat werden.
Genau deshalb war der Angriff auf Abu al-Duhur so gefährlich.
Nicht weil Israel zum ersten Mal einen syrischen Militärflugplatz bombardiert hätte. Sondern weil dort türkisches Personal hätte sein können. Der amerikanische Syrien-Gesandte Tom Barrack warnte anschließend ausdrücklich vor der Gefahr einer direkten Eskalation und erklärte, Washington arbeite an einem Mechanismus zwischen Israel, Syrien und der Türkei, der solche Zusammenstöße verhindern soll.
Das klingt zunächst nach diplomatischer Technik. Tatsächlich geht es um etwas sehr Einfaches: Niemand soll einen Krieg beginnen, weil einer nicht weiß, wo die Soldaten des anderen stehen.
Erdogan verändert Israels Blick auf Syrien
Vor dem 7. Oktober 2023 hatten Israel und die Türkei ihre Beziehungen gerade wieder normalisiert. Botschafter waren zurückgekehrt, Benjamin Netanjahu und Recep Tayyip Erdogan trafen sich noch wenige Wochen vor dem Hamas-Massaker persönlich.
Davon ist wenig übrig.
Erdogan weigert sich bis heute, Hamas als Terrororganisation zu behandeln, bezeichnete sie stattdessen als Befreiungsbewegung, verglich Netanjahu mit Hitler und brachte sogar eine türkische Intervention gegen Israel ins Gespräch. Ankara stoppte den direkten Handel mit Israel.
Gleichzeitig wuchs der türkische Einfluss in Syrien.
Genau diese Kombination macht Ankara für Israel inzwischen so problematisch. Ein Staat mit einer großen und modernen Armee, NATO-Mitgliedschaft und einer leistungsfähigen Rüstungsindustrie behandelt Israel politisch zunehmend wie einen Gegner und baut gleichzeitig militärischen Einfluss in einem unmittelbaren Nachbarland Israels auf.
Israel kann darauf mit roten Linien reagieren. Abu al-Duhur zeigt, dass Jerusalem dazu bereit ist.
Aber jede rote Linie, die nur aus Bomben besteht, birgt ein Risiko.
Denn anders als Iran oder Hisbollah ist die Türkei keine isolierte feindliche Macht. Sie ist NATO-Mitglied, eng mit Washington verbunden, wirtschaftlich bedeutend und militärisch stark. Ein direkter Zusammenstoß hätte Folgen weit über Syrien hinaus.
Deshalb ist das Gespräch zwischen Gofman und al-Shaibani so wichtig.
Ausgerechnet die neue Regierung in Damaskus könnte für Israel zu einem notwendigen Ansprechpartner werden, wenn es darum geht, türkische Aktivitäten in Syrien einzuhegen.
Das bedeutet nicht, Ahmed al-Sharaa plötzlich zu vertrauen. Dafür gibt es keinen Anlass. Israel hat gute Gründe, die neue syrische Führung mit äußerster Vorsicht zu behandeln.
Aber al-Sharaa erklärte erst im Juli öffentlich, Syrien arbeite an einem Sicherheitsabkommen mit Israel. Außenminister al-Shaibani sagte selbst nach dem Angriff auf Abu al-Duhur, Damaskus bleibe für Gespräche offen.
Das sollte Israel testen.
Bereits im Januar hatten Israel und Syrien unter amerikanischer Vermittlung einen gemeinsamen Kommunikationsmechanismus vereinbart. Er sollte gerade dabei helfen, militärische Missverständnisse zu verhindern und Informationen auszutauschen.
Abu al-Duhur zeigt allerdings auch, dass dieser Mechanismus bislang nicht ausreicht.
Die Antwort darauf kann nicht sein, weniger miteinander zu sprechen.
Israel braucht beides: die glaubwürdige Bereitschaft, türkischer Militärmacht in Syrien Grenzen zu setzen, und direkte Kanäle nach Damaskus, Ankara und Washington, bevor aus einem Angriff auf einen leeren Flugplatz irgendwann ein Angriff mit türkischen Toten wird.
Diplomatie ist in dieser Situation kein Gegenstück zu militärischer Stärke.
Sie ist ein Teil davon.
Denn Israels strategisches Umfeld verändert sich gerade. Iran bleibt gefährlich, die Hisbollah bleibt ein Gegner und die Hamas verschwindet nicht. Doch gleichzeitig entsteht im Norden eine neue Herausforderung, die sich mit den bisherigen Kategorien nur schwer erfassen lässt.
Die Türkei ist kein Iran.
Und genau deshalb wäre ein Krieg mit ihr so viel komplizierter.
Autor: Redaktion
Artikel veröffentlicht am: Freitag, 21. August 2026