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Hamas verliert massiv an Rückhalt, doch 72 Prozent lehnen Entwaffnung vor Israels Abzug ab


Eine neue Umfrage von Khalil Shikaki zeigt deutliche Verschiebungen in der palästinensischen Gesellschaft. Die Unterstützung für Hamas fällt von 35 auf 24 Prozent, der bewaffnete Kampf verliert stark an Zustimmung. Doch beim entscheidenden Thema Waffen bleibt die Haltung hart: 72 Prozent wollen keine Entwaffnung der Hamas vor einem vollständigen israelischen Rückzug aus Gaza.

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Die politische Stimmung unter den Palästinensern verändert sich deutlich. Hamas verliert erheblich an Unterstützung, Verhandlungen gewinnen gegenüber dem bewaffneten Kampf an Zustimmung, und immer mehr Befragte halten weder Hamas noch Fatah für geeignet, die Palästinenser zu führen.

Von einer grundsätzlichen Abkehr vom bewaffneten Widerstand oder einer breiten Bereitschaft zur Entwaffnung der Hamas kann dennoch keine Rede sein.

Das zeigt eine neue Umfrage des palästinensischen Meinungsforschers Khalil Shikaki, über deren Ergebnisse N12 berichtet. Befragt wurden zwischen dem 5. und 8. August 2026 insgesamt 1.270 Palästinenser persönlich, 830 im Westjordanland, also in Judäa und Samaria, sowie 440 im Gazastreifen.

Die Zahlen sind besonders interessant, weil viele Fragen bereits rund zehn Monate zuvor gestellt worden waren. Dadurch lässt sich erkennen, wie stark sich die Stimmung seit dem Herbst 2025 verändert hat.

Hamas verliert elf Prozentpunkte

Auf die Frage, welche politische Partei oder Strömung sie unterstützen, nennen nur noch 24 Prozent Hamas.

Vor zehn Monaten waren es noch 35 Prozent.

Der Rückgang betrifft beide palästinensischen Gebiete, ist aber in Judäa und Samaria besonders deutlich. Dort fällt Hamas von 32 auf nur noch 18 Prozent. Im Gazastreifen sinkt die Unterstützung von 41 auf 33 Prozent.

Fatah profitiert davon kaum. Auch sie kommt insgesamt auf lediglich 24 Prozent. Im Westjordanland steigt sie leicht von 20 auf 23 Prozent, in Gaza fällt sie dagegen von 29 auf 26 Prozent.

Der eigentliche Gewinner ist damit keine andere Partei.

38 Prozent unterstützen überhaupt keine der genannten politischen Kräfte oder wissen nicht, wen sie unterstützen sollen.

Noch deutlicher wird die Krise der etablierten palästinensischen Organisationen bei der Frage, wer überhaupt würdig sei, das palästinensische Volk zu vertreten und zu führen.

Nur noch 28 Prozent nennen Hamas. Vor zehn Monaten waren es 41 Prozent. Fatah unter Mahmoud Abbas kommt lediglich auf 21 Prozent, praktisch unverändert gegenüber 22 Prozent im Oktober 2025.

Dagegen sagen inzwischen 44 Prozent, dass weder Hamas noch Fatah geeignet seien. Vor zehn Monaten waren es erst 31 Prozent.

Die offiziellen Ergebnisse der PCPSR-Umfrage vom Oktober 2025 bestätigen genau diese damaligen Ausgangswerte. Damals unterstützten 35 Prozent Hamas und 24 Prozent Fatah. Bei der Frage nach der geeignetsten Führung lagen Hamas bei 41 Prozent, Fatah bei 22 Prozent und "keine von beiden" bei 31 Prozent.

Damit handelt es sich nicht um eine kleine statistische Bewegung.

Hamas hat innerhalb von zehn Monaten einen erheblichen Teil ihres politischen Rückhalts verloren.

Bewaffneter Kampf fällt von 41 auf 27 Prozent

Noch bemerkenswerter ist die Entwicklung bei der Frage, wie das von den Befragten angestrebte Ende der israelischen Kontrolle und die Errichtung eines palästinensischen Staates erreicht werden sollten.

44 Prozent nennen inzwischen Verhandlungen als wirksamsten Weg.

Vor zehn Monaten waren es lediglich 36 Prozent.

Der bewaffnete Kampf fällt dagegen von 41 auf 27 Prozent. Die gewaltfreie Volksbewegung steigt von 14 auf 19 Prozent.

Damit haben sich die beiden wichtigsten Positionen innerhalb von weniger als einem Jahr praktisch umgedreht.

Im Oktober 2025 galt der bewaffnete Kampf mit 41 Prozent noch als wirksamste Strategie, Verhandlungen kamen auf 36 Prozent. Die damalige PCPSR-Erhebung dokumentiert diese Werte ausdrücklich.

Für Israel ist dieser Wandel nicht bedeutungslos.

Ein Rückgang des bewaffneten Kampfes um 14 Prozentpunkte und ein gleichzeitiger Anstieg der Unterstützung für Verhandlungen um acht Punkte zeigen, dass die Erfahrungen des Krieges offensichtlich politische Spuren hinterlassen haben.

Allerdings wäre es falsch, daraus bereits eine grundsätzliche Entwaffnungsbereitschaft abzuleiten.

Denn genau dort liefert die Umfrage ein völlig anderes Bild.

72 Prozent lehnen es ab, dass Hamas ihre Waffen abgibt, bevor Israel seine Streitkräfte vollständig aus Gaza zurückgezogen hat.

Nur 20 Prozent befürworten eine vorherige Entwaffnung.

Und die Ablehnung ist gegenüber Oktober 2025 sogar leicht gestiegen.

Damals waren 69 Prozent gegen die Entwaffnung. Heute sind es 72 Prozent. In Judäa und Samaria steigt die Ablehnung von 78 auf 79 Prozent. Im Gazastreifen fällt die Veränderung erheblich stärker aus: von 55 auf 62 Prozent.

Die Oktober-Umfrage des PCPSR hatte bereits eine klare rote Linie beim Thema Entwaffnung gezeigt. Damals lehnten 69 Prozent die Abgabe der Hamas-Waffen selbst dann ab, wenn sie als Bedingung zur Verhinderung einer Wiederaufnahme des Krieges dargestellt wurde.

Diese Zahlen müssen allerdings genau gelesen werden.

Sie bedeuten nicht, dass 72 Prozent eine Entwaffnung der Hamas unter allen Umständen ablehnen.

Gefragt wurde, ob Hamas vor einem vollständigen israelischen Rückzug aus Gaza entwaffnet werden sollte.

Die Reihenfolge ist damit entscheidend.

Das passt unmittelbar zu der derzeitigen Auseinandersetzung über die Umsetzung des Gaza-Plans. Hamas hat sich auf Verhandlungen über ihre Waffen eingelassen, während Israel darauf besteht, dass eine vollständige Entwaffnung Voraussetzung für einen weiteren Rückzug sein muss.

Genau an diesem Punkt steht die große Mehrheit der palästinensischen Befragten offenbar auf der Gegenseite: erst vollständiger israelischer Rückzug, dann Entwaffnung.

Marwan Barghouti bleibt Favorit

Auch die Suche nach einem Nachfolger für Mahmoud Abbas liefert ein klares Ergebnis.

Marwan Barghouti liegt mit 39 Prozent deutlich vorn.

Dahinter folgen Hamas-Funktionär Khalil al-Hayya mit 16 Prozent und Mohammed Dahlan mit 15 Prozent. Mustafa Barghouti erreicht sechs Prozent. Rund ein Viertel nennt einen anderen Kandidaten oder weiß es nicht.

Interessant ist auch hier der Vergleich mit Oktober 2025. Schon damals nannten 39 Prozent Marwan Barghouti als bevorzugten Abbas-Nachfolger. Damals lag allerdings Khaled Mashal mit 25 Prozent auf Platz zwei.

Barghoutis Wert hat sich somit praktisch nicht verändert, während sich das Feld seiner Konkurrenten verschoben hat.

Die Schwäche von Hamas als Partei bedeutet gleichzeitig nicht, dass mit ihr verbundene oder gegen Israel gerichtete regionale Akteure plötzlich unpopulär geworden wären.

Bei der Frage nach regionalen Akteuren erzielen die Houthis im Jemen mit 61 Prozent die höchste Zustimmung. Katar folgt mit 51 Prozent. Hisbollah und Iran erreichen jeweils 50 Prozent.

Auch hier zeigt sich die Widersprüchlichkeit der Entwicklung.

Die Palästinenser wenden sich deutlich von Hamas als politischer Organisation ab. Der bewaffnete Kampf verliert erheblich an Attraktivität. Verhandlungen werden erstmals mit deutlichem Abstand als wirksamster Weg angesehen.

Gleichzeitig erfreuen sich Iran, Hisbollah und insbesondere die Houthis weiterhin hoher Zustimmung.

Das legt nahe, dass der Rückgang der Hamas-Unterstützung nicht mit einer grundsätzlichen politischen Annäherung an Israel verwechselt werden darf.

Ein ähnlich deutlicher Unterschied zeigt sich zwischen Gaza und Judäa und Samaria beim Vertrauen in die neue Nachkriegsordnung.

Dem sogenannten Board of Peace vertrauen insgesamt nur 24 Prozent. Im Gazastreifen sind es jedoch 56 Prozent, im Westjordanland lediglich 13 Prozent.

Bei der vorgesehenen nationalen Kommission zur Verwaltung Gazas sieht es ähnlich aus. Insgesamt vertrauen ihr 32 Prozent, in Gaza 56 Prozent, im Westjordanland nur 16 Prozent.

Die Menschen, die unmittelbar mit dem Wiederaufbau Gazas leben müssen, zeigen damit wesentlich mehr Bereitschaft, sich auf neue Verwaltungsstrukturen einzulassen als die Bevölkerung im Westjordanland.

Das Gesamtbild ist deshalb komplizierter als die einfache Aussage, die Palästinenser würden "moderater".

Hamas verliert. Der bewaffnete Kampf verliert. Verhandlungen gewinnen.

Aber daraus folgt bislang weder eine Mehrheit für die Entwaffnung der Hamas vor einem israelischen Rückzug noch eine Abkehr von Iran, Hisbollah oder Houthis.

Genau dieser Unterschied ist für jede zukünftige Gaza-Regelung entscheidend.

Die neue Umfrage zeigt erstmals eine deutlich größere gesellschaftliche Basis für Verhandlungen.

Sie zeigt aber ebenso deutlich, wo die rote Linie dieser Gesellschaft derzeit verläuft:

Hamas darf für eine große Mehrheit ihre Waffen nicht abgeben, solange israelische Soldaten noch in Gaza stehen.

Für jede politische Vereinbarung, die Entwaffnung und israelischen Rückzug miteinander verbinden soll, dürfte genau diese Reihenfolge eine der schwierigsten Fragen bleiben.

Autor: Redaktion
Bild Quelle: KI-generierte Illustration / haOlam.de

Artikel veröffentlicht am: Dienstag, 18. August 2026

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