Acht Schläge auf Abu al-Duhur: Damaskus beschuldigt Israel
Acht Luftangriffe haben den Militärflugplatz Abu al-Duhur im Nordwesten Syriens getroffen. Damaskus macht Israel verantwortlich, während Jerusalem schweigt und Berichte über türkische Arbeiten an der Anlage dem Angriff zusätzliche Brisanz geben.

Der Militärflugplatz Abu al-Duhur in der syrischen Provinz Idlib ist am frühen Dienstagmorgen von mehreren Luftangriffen getroffen worden. Während erste Berichte noch von vier Angriffen unbekannter Kampfflugzeuge sprachen, meldete das syrische Staatsfernsehen später acht Schläge und machte Israel dafür verantwortlich. Eine Bestätigung aus Israel gibt es bislang nicht.
Nach Angaben des staatlichen syrischen Senders Ekhbariya trafen die Angriffe die Startbahn und Lagerbereiche der Militäranlage. Reuters berichtete unter Berufung auf eine syrische Militärquelle und einen Anwohner, dass keine Menschen getötet oder verletzt worden seien. Das israelische Militär wollte sich gegenüber Reuters nicht zu den Angriffen äußern. Auch das syrische Verteidigungsministerium gab zunächst keine Stellungnahme ab.
Damit ist die Lage klarer als noch am frühen Morgen, aber keineswegs vollständig geklärt. Syria TV hatte zunächst berichtet, vier Angriffe unbekannter Flugzeuge hätten die Startbahn getroffen. Auch die Jerusalem Post griff diesen frühen Informationsstand auf. Zu diesem Zeitpunkt gab es noch keine offizielle syrische Zuschreibung. Erst später erklärte das syrische Staatsfernsehen, israelische Flugzeuge hätten insgesamt achtmal angegriffen.
Für eine belastbare Einordnung ist dieser zeitliche Ablauf wichtig. Dass Damaskus inzwischen Israel verantwortlich macht, ist eine Nachricht. Es ist jedoch nicht dasselbe wie eine israelische Bestätigung des Einsatzes. Jerusalem verfolgt seit Jahren die Praxis, nicht jeden militärischen Einsatz in Syrien öffentlich zu bestätigen.
Ein Flugplatz mit neuer strategischer Bedeutung
Abu al-Duhur liegt im Osten der Provinz Idlib, ungefähr 70 Kilometer von der türkischen Grenze entfernt. Während des syrischen Bürgerkrieges wechselte die Militäranlage mehrfach den Besitzer. 2015 fiel sie nach einer langen Belagerung an Rebellen. Anfang 2018 eroberten Truppen des Assad-Regimes die Basis zurück. Während der Offensive gegen Baschar al-Assad im November 2024 gelangte sie erneut unter die Kontrolle seiner Gegner.
Der Flugplatz ist deshalb nicht irgendeine verlassene Betonfläche aus den Jahren des Bürgerkrieges. Associated Press berichtet unter Berufung auf die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte, dass die seit Jahren weitgehend außer Betrieb befindliche Anlage zuletzt mit türkischer Unterstützung wiederhergerichtet worden sei. Zuvor hätten sich dort ausländische Kämpfer aufgehalten, die inzwischen aufgefordert worden seien, die Basis zu verlassen.
Gerade diese Information macht den Angriff politisch interessant. Die Türkei ist einer der wichtigsten Unterstützer der neuen syrischen Führung unter Ahmed al-Sharaa. Ankara besitzt erheblichen Einfluss im Norden Syriens und hat nach dem Zusammenbruch des Assad-Regimes ein offensichtliches Interesse daran, seinen militärischen und politischen Einfluss im Land auszubauen.
Israel wiederum hat deutlich gemacht, dass es die militärische Entwicklung Syriens auch nach dem Ende des Assad-Regimes nicht sich selbst überlassen wird. Der Sturz Assads beseitigte zwar einen zentralen Verbündeten Irans, er schuf aber gleichzeitig eine neue und keineswegs berechenbare Lage. Waffenlager, Flugplätze, Luftabwehrsysteme und andere militärische Anlagen verschwinden nicht, nur weil in Damaskus eine andere Regierung sitzt.
Nach dem Fall des Assad-Regimes griff Israel deshalb zahlreiche militärische Einrichtungen in Syrien an. Das Ziel war offensichtlich, strategische Waffen und Fähigkeiten der früheren syrischen Armee nicht unkontrolliert in die Hände neuer Kräfte gelangen zu lassen. Zugleich wuchs die Sorge vor einer immer stärkeren türkischen militärischen Präsenz im Land.
Zwischen Israel und der Türkei wird Syrien zum empfindlichen Raum
Dass ausgerechnet ein Flugplatz angegriffen wird, der nach Angaben der Syrischen Beobachtungsstelle mit türkischer Unterstützung wiederhergerichtet wurde, dürfte deshalb aufmerksam verfolgt werden. Daraus lässt sich allerdings noch nicht ableiten, dass mögliche türkische Aktivitäten der konkrete Grund für die Angriffe waren. Dafür gibt es bislang keine bestätigten Angaben.
Der Vorgang zeigt dennoch, wie stark sich die strategische Lage Syriens verändert hat. Über viele Jahre war für Israel vor allem die iranische Präsenz die entscheidende Gefahr. Die Revolutionsgarden, die Hisbollah und andere vom Iran unterstützte Kräfte nutzten syrisches Gebiet zum Aufbau militärischer Infrastruktur und für den Waffentransport in Richtung Libanon.
Nach Assads Sturz ist dieses Gefüge erheblich geschwächt. An seine Stelle tritt jedoch nicht automatisch Stabilität. Neue Machtzentren entstehen, alte Militäranlagen werden übernommen und regionale Staaten versuchen, ihren Einfluss auszubauen. Für Israel ist deshalb entscheidend, was tatsächlich auf syrischem Boden geschieht und nicht, welche politischen Versprechen aus Damaskus abgegeben werden.
Die Türkei spielt dabei eine besondere Rolle. Sie ist Mitglied der NATO, zugleich aber unter Präsident Recep Tayyip Erdogan seit Jahren ein scharfer politischer Gegner Israels. Eine dauerhafte türkische militärische Infrastruktur in Syrien würde deshalb zwangsläufig auch israelische Sicherheitsinteressen berühren.
Noch ist nicht bekannt, wie schwer der Flugplatz Abu al-Duhur tatsächlich beschädigt wurde. Syrische Angaben sprechen von Sachschäden an der Startbahn und an Lageranlagen. Berichte über Opfer gibt es nicht.
Ebenso offen bleibt, ob Israel irgendwann öffentlich Verantwortung für den Einsatz übernehmen wird. Bis dahin gilt: Syrien beschuldigt Israel, die Angriffe ausgeführt zu haben. Israel bestätigt dies nicht.
Unabhängig davon macht der Angriff deutlich, dass der Kampf um die militärische Ordnung Syriens mit Assads Sturz nicht beendet wurde. Die Namen der Akteure haben sich verändert, das grundlegende israelische Sicherheitsproblem bleibt bestehen. Niemand in Jerusalem kann davon ausgehen, dass eine Militäranlage nur deshalb ungefährlich ist, weil sie heute von anderen Kräften kontrolliert wird als gestern.
Wer syrische Flugplätze wieder in Betrieb nimmt, wer dort Kräfte stationiert und wer am Ende Kontrolle über den syrischen Luftraum gewinnt, betrifft Israel unmittelbar. Abu al-Duhur ist deshalb mehr als ein abgelegener Flugplatz in Idlib. Die acht Schläge zeigen, wie empfindlich die neue Machtordnung in Syrien bereits geworden ist.
Autor: Redaktion
Bild Quelle: KI-generierte Illustration / haOlam.de
Artikel veröffentlicht am: Dienstag, 18. August 2026