Aoun fordert Israels Abzug, setzt aber auf Verhandlungen statt Krieg
Libanons Präsident Joseph Aoun fordert den vollständigen israelischen Rückzug. Gleichzeitig erklärt er Diplomatie zum besseren Weg und stellt damit auch die jahrzehntelange Strategie der Hisbollah infrage.

Libanons Präsident Joseph Aoun setzt im Konflikt mit Israel zunehmend auf Verhandlungen statt auf militärische Konfrontation. Nach seinen Angaben machen die Gespräche mit Jerusalem Fortschritte. Sein Ziel bleibt dennoch eindeutig: Israel soll sich vollständig aus libanesischem Gebiet zurückziehen.
Vor einer Delegation der Maronitischen Stiftung erklärte Aoun, kein israelischer Soldat dürfe dauerhaft im Libanon bleiben. Gleichzeitig widersprach er einer im Land jahrzehntelang verbreiteten Parole, wonach mit Gewalt verlorenes Gebiet nur mit Gewalt zurückgewonnen werden könne.
Damit richtet sich seine Botschaft nicht nur an Israel.
Die Hisbollah hat ihre umfangreiche Bewaffnung über Jahrzehnte damit gerechtfertigt, dass ausschließlich militärischer Widerstand Israel abschrecken könne. Aoun setzt nun auf einen anderen Weg. Die Bevölkerung im Süden müsse endlich auf ihrem Land leben können, ohne immer wieder in Kriege hineingezogen zu werden, die nach seinen Worten nichtlibanesischen Zielen dienten.
Iran oder die Hisbollah nannte der Präsident dabei nicht ausdrücklich. Die politische Bedeutung ist dennoch offensichtlich. Die Hisbollah ist eng mit Teheran verbunden und lehnt ihre vollständige Entwaffnung weiterhin ab.
Der Schlüssel liegt bei der Hisbollah
Israel und der Libanon verfolgen bei den laufenden Gesprächen unterschiedliche, aber miteinander verbundene Ziele.
Beirut verlangt den vollständigen israelischen Rückzug. Jerusalem erklärt dagegen, dass dieser Rückzug nur erfolgen könne, wenn die Hisbollah tatsächlich entwaffnet wird und die libanesische Armee die Kontrolle über das Gebiet übernimmt.
Genau dieses Prinzip bildet die Grundlage des unter amerikanischer Vermittlung vereinbarten Rahmens. Ein israelischer Rückzug soll schrittweise erfolgen und mit überprüfbaren Fortschritten bei der Entwaffnung der Hisbollah verbunden werden.
Die jüngste Gesprächsrunde fand Anfang August in Rom statt. Dort wurde unter anderem über Staaten gesprochen, die künftig kontrollieren könnten, ob die Hisbollah ihre Waffen tatsächlich abgibt. Außerdem geht es um Pilotgebiete, in denen zunächst der libanesische Staat die Kontrolle übernimmt und anschließend israelische Soldaten abziehen könnten.
Für Israel ist diese Reihenfolge entscheidend. Ein Rückzug ohne Entwaffnung würde das Risiko schaffen, dass die Hisbollah unmittelbar wieder an die Grenze zurückkehrt und dort erneut ihre militärische Infrastruktur aufbaut.
Für Aoun wiederum ist ein dauerhafter israelischer Verbleib politisch nicht akzeptabel.
Der Ausweg kann deshalb nur darin bestehen, dass der libanesische Staat seine eigene Souveränität tatsächlich durchsetzt.
Das wäre zugleich eine historische Niederlage für das politische Modell der Hisbollah. Jahrzehntelang konnte die Organisation behaupten, sie allein entscheide über Krieg und Frieden im Süden. Wenn Beirut nun durch direkte Verhandlungen mit Israel einen Rückzug erreicht, während gleichzeitig die staatliche Armee die Kontrolle übernimmt, verliert dieses Argument erheblich an Kraft.
Aoun hat die Richtung inzwischen klar formuliert.
Er will Israel aus dem Libanon herausbekommen, aber nicht durch einen weiteren zerstörerischen Krieg. Er will einen Staat wiederherstellen, der selbst über sein Territorium, seine Waffen und seine Außenpolitik entscheidet.
Für Israel wäre ein solcher Libanon ebenfalls von Vorteil.
Jerusalem hat kein strategisches Interesse daran, dauerhaft libanesisches Gebiet zu kontrollieren. Entscheidend ist vielmehr, dass südlich der Grenze keine iranisch unterstützte Terrorarmee erneut Raketen, Stellungen und Angriffsmöglichkeiten aufbaut.
Wenn Beirut genau das verhindern kann, entsteht erstmals seit langer Zeit eine reale Grundlage für einen vollständigen israelischen Rückzug.
Die nächste Verhandlungsrunde soll Anfang September stattfinden.
Dann wird sich zeigen, ob aus Aouns Worten konkrete Schritte werden.
Denn Frieden zwischen Israel und dem Libanon hängt inzwischen weniger an großen Erklärungen als an einer sehr konkreten Frage:
Wer besitzt am Ende die Waffen im Süden?
Wenn die Antwort tatsächlich der libanesische Staat lautet, könnte aus den gegenwärtigen Gesprächen mehr entstehen als nur eine weitere Waffenruhe.
Autor: Redaktion
Artikel veröffentlicht am: Mittwoch, 12. August 2026