Hamas rekrutiert junge Männer und jagt Kritiker in Gaza
Bewohner aus dem Gazastreifen berichten N12 von neuen bewaffneten Hamas Kräften, Einschüchterung und Zwangsabgaben. Die erhoffte Entwaffnung wirkt aus ihrer Sicht immer unrealistischer.

Kaum eine Woche nach dem weitgehenden Ende der israelischen Angriffe zeichnet sich im Gazastreifen ein Bild ab, das den Vorstellungen von einer entwaffneten Hamas grundlegend widerspricht. Bewohner des Küstengebiets berichten dem israelischen Sender N12, dass die Terrororganisation ihre Präsenz auf den Straßen wieder ausbaut, junge Männer gegen Bezahlung rekrutiert, Gegner verfolgt und ihre finanziellen Strukturen wieder festigt.
Die Aussagen stammen von Menschen, die weiterhin im Gazastreifen leben und wegen möglicher Vergeltung nur teilweise identifiziert werden. Sie lassen sich deshalb nicht in jedem Einzelpunkt unabhängig überprüfen. Gerade diese Einschränkung ist wichtig. Gleichzeitig passen wesentliche Teile der Berichte zu der seit Monaten von israelischen Sicherheitsstellen beschriebenen Entwicklung: Hamas versucht, ihre Herrschaft und ihre militärischen Fähigkeiten trotz der schweren Verluste des Krieges wiederherzustellen. Israel hat deshalb wiederholt erklärt, eine bloße Übergabe ziviler Verwaltungsaufgaben reiche nicht aus. Hamas müsse tatsächlich entwaffnet und Gaza vollständig entmilitarisiert werden.
Eine Bewohnerin, die N12 lediglich als A. bezeichnet, beschreibt junge Männer im Alter von etwa 18 bis 20 Jahren, die nach Beginn der neuen Feuerpause wieder sichtbar geworden seien. Sie seien bewaffnet, teilweise maskiert, trügen Zivilkleidung und stünden an Straßenkreuzungen. Nach ihrer Darstellung wirbt Hamas junge Männer an, die dringend Geld benötigen. Als Bezahlung nennt sie Beträge zwischen 600 und 700 Schekel.
Es geht also nicht nur um alte Hamas Einheiten, die aus ihren Verstecken zurückkehren. Nach diesen Aussagen versucht die Organisation, neue Kräfte aufzubauen und wirtschaftliche Not gezielt für die eigene Rekrutierung zu nutzen.
Dass dieses Verfahren nicht völlig neu ist, zeigt ein früherer N12 Bericht vom Dezember 2025. Schon damals berichteten Quellen aus Gaza, Hamas rekrutiere junge Männer gegen Bezahlung und baue gleichzeitig ihre Kontrollmechanismen wieder auf.
Wer widerspricht, soll Angst bekommen
Noch schwerer wiegen die Aussagen über den Umgang mit Gegnern.
A. beschreibt eine Atmosphäre, in der offene Kritik an Hamas wieder gefährlich geworden sei. Wer die Organisation beschimpfe, Beiträge gegen sie in sozialen Netzwerken veröffentliche, auf der Straße protestiere oder auch nur versuche, Widerstand zu organisieren, müsse nach ihrer Darstellung damit rechnen, dass maskierte Bewaffnete auftauchten.
Ihr Eindruck ist eindeutig: Hamas wolle verhindern, dass aus der Unzufriedenheit der Bevölkerung eine organisierte Erhebung entsteht.
Ein weiterer Bewohner, bei N12 als M. bezeichnet, berichtet von bewaffneten Kräften in Zivilkleidung, Vernehmungsstellen und Hamas Personal, das sich weiterhin in Kontrollzentren innerhalb von Krankenhauskomplexen aufhalte. Andere Kräfte bewegten sich auf den Straßen und beobachteten die Bevölkerung.
Solche Aussagen müssen gerade beim Vorwurf militärischer Strukturen in Krankenhäusern sorgfältig als Zeugenaussagen gekennzeichnet werden. N12 präsentiert hierfür in dem vorliegenden Bericht keine unabhängig überprüfbaren Beweise. Der Vorwurf ist dennoch erheblich, weil Israel Hamas seit Jahren beschuldigt, zivile Einrichtungen für militärische Zwecke zu nutzen.
Entscheidend ist jedoch noch etwas anderes: Die Bewohner schildern Hamas nicht als Organisation auf dem Weg zur Auflösung, sondern als Machtapparat, der wieder versucht, Kontrolle über den Alltag zu gewinnen.
Das steht im direkten Gegensatz zum politischen Ziel, auf das Israel inzwischen seine gesamte weitere Gaza Strategie ausrichtet.
Generalstabschef Eyal Zamir erklärte bereits Ende 2025, die Entschlossenheit zur Entwaffnung der Hamas sei absolut. Israel werde nicht zulassen, dass die Terrororganisation ihre Fähigkeiten wiederaufbaue. Im Februar 2026 bekräftigte er, dass die vollständige Entmilitarisierung des Gazastreifens und die Entwaffnung der Hamas weiterhin zu den israelischen Kriegszielen gehören.
Genau deshalb sind die Aussagen aus Gaza politisch so brisant.
Wenn die Feuerpause dazu führt, dass Hamas neue Männer bezahlt, bewaffnete Kräfte auf die Straßen zurückbringt und Kritiker einschüchtert, läuft die Entwicklung in die entgegengesetzte Richtung.
„Hamas wird seine Waffen nicht abgeben“
Besonders deutlich äußert sich Hussam al Astal, der eine bewaffnete Anti-Hamas-Gruppe im Raum Khan Yunis führt. Seine Aussagen sind nicht neutral, denn er steht selbst im offenen Machtkampf mit Hamas. Dennoch zeigen sie, wie gering das Vertrauen in eine freiwillige Entwaffnung innerhalb des Gazastreifens ist.
Al Astal erklärte gegenüber N12, er sei überzeugt, dass Hamas ihre Waffen nicht abgeben werde. Seine Begründung ist bemerkenswert: Ohne Waffen könne sich die Organisation nicht mehr gegen diejenigen schützen, deren Angehörige sie getötet oder verfolgt habe. In seiner Darstellung fürchtet Hamas nicht allein Israel oder konkurrierende Milizen, sondern auch die eigene Bevölkerung.
Auch M. aus Gaza glaubt nicht an eine echte Entwaffnung. Nach seiner Einschätzung könnte Hamas zwar öffentlich einen kleinen Teil ihres Arsenals übergeben, während der überwiegende Bestand verborgen bliebe. Er spricht von einer möglichen Inszenierung, bei der einige hundert Kalaschnikows abgegeben würden, während Zehntausende Waffen erhalten blieben.
Die konkrete Zahl lässt sich nicht unabhängig bestätigen. Der Kern seiner Aussage ist aber eindeutig: Eine symbolische Waffenübergabe wäre für viele Gazaner keine Entwaffnung.
Genau vor einem solchen Szenario warnt auch Israels Außenminister Gideon Sa'ar. Er erklärte im Juli, Hamas versuche ein Modell nach dem Vorbild der Hisbollah aufzubauen. Eine andere Verwaltung könne Müllabfuhr, kommunale Dienstleistungen und zivile Aufgaben übernehmen, während Hamas im Hintergrund die wichtigste bewaffnete Macht bleibe. Israel lehne genau dieses Modell ab.
Die Berichte aus Gaza legen nahe, dass diese Gefahr keineswegs theoretisch ist.
Neben der militärischen Macht geht es um Geld.
Al Astal behauptet, Hamas erhebe von Händlern Abgaben, die je nach Ware zwischen 18 und 40 Prozent liegen könnten. Besonders lukrativ seien Zigaretten. Waren könnten unter dem Vorwurf des Schmuggels beschlagnahmt und anschließend wirtschaftlich verwertet werden.
Auch A. beschreibt Händler als eine der wichtigsten derzeitigen Einnahmequellen von Hamas. Nach ihrer Aussage könne sich kaum jemand einer Zahlung verweigern. Wer nicht zahle, riskiere Gefängnis, Erniedrigung und Misshandlung.
Auch diese konkreten Angaben sind Aussagen von Beteiligten und keine überprüfte Bilanz der Hamas Finanzen. Sie zeigen aber, wie Herrschaft in Gaza nach ihrer Wahrnehmung funktioniert: Waffen sichern Macht, Macht ermöglicht Abgaben, und Geld finanziert wiederum neue bewaffnete Kräfte.
Genau deshalb ist die Entwaffnung der Hamas nicht nur eine militärische Frage.
Solange die Organisation Menschen bedrohen, Händler besteuern, neue Kämpfer bezahlen und Gegner verfolgen kann, besitzt sie weiterhin staatliche Macht, selbst wenn auf einem Ministerium irgendwann ein anderer Name steht.
Israel hat diese Gefahr inzwischen ausdrücklich zum Kern seiner Politik gemacht. Netanjahu erklärte, ein Rückzug der Armee könne erst erfolgen, wenn die Entwaffnung tatsächlich erfolgt sei. Auch der amerikanische Friedensplan beruht grundsätzlich auf der Vorstellung eines Gazastreifens ohne bewaffnete Hamas. Die israelische Armee hält deshalb weiterhin die Gelbe Linie und beseitigt in ihrem Bereich terroristische Infrastruktur.
Die Zeugenaussagen aus Gaza sind deshalb mehr als Berichte über einige Bewaffnete an Straßenkreuzungen.
Sie beschreiben einen Machtkampf um die Frage, wer nach dem Krieg tatsächlich über Gaza herrscht.
Auf dem Papier wird über technokratische Verwaltungen, internationale Kontrolle und Wiederaufbau gesprochen.
Auf den Straßen entscheidet aber weiterhin, wer Waffen trägt, wer Geld eintreibt und wer Menschen zum Schweigen bringen kann.
Wenn die Aussagen der Bewohner zutreffen, beantwortet Hamas diese Frage gerade selbst.
Und ihre Antwort lautet nicht Entwaffnung.
Sie lautet Wiederaufbau der eigenen Herrschaft.
Autor: Redaktion
Bild Quelle: KI-generierte Illustration / haOlam.de
Artikel veröffentlicht am: Montag, 10. August 2026