Oxfams Gaza Plan ist die Blaupause für eine neue Hamas Herrschaft
Oxfam fordert 71,4 Milliarden US Dollar für den Wiederaufbau Gazas, will palästinensischen Strukturen möglichst früh die Kontrolle übertragen und warnt zugleich vor zu strengen Prüfungen gegen Terrorfinanzierung. Damit droht der Bericht genau jenes System wiederherzustellen, das die Hamas vor dem 7. Oktober für ihre Aufrüstung nutzte.

Der Gazastreifen braucht Wohnungen, Krankenhäuser, Wasserleitungen, Schulen und Arbeitsplätze. Darüber kann es keinen ernsthaften Streit geben. Doch wer nach dem Massaker vom 7. Oktober über Wiederaufbau spricht, muss zuerst beantworten, wie eine erneute Herrschaft der Hamas verhindert werden soll. Ohne diese Antwort ist jeder Milliardenplan nicht nur unvollständig. Er kann lebensgefährlich werden.
Der von Oxfam gemeinsam mit dem Palestine Economic Policy Research Institute und dem Palestine Trade Centre veröffentlichte Bericht liefert diese Antwort nicht. Stattdessen entwirft er ein politisches und wirtschaftliches Modell, in dem Israel zahlen, seine Sicherheitskontrollen zurückfahren und palästinensischen Institutionen möglichst schnell weitreichende Entscheidungsmacht überlassen soll.
Auf dem Papier heißt das Eigenverantwortung. In der Realität könnte es bedeuten, dass alte Netzwerke unter neuen Namen weiterarbeiten, frühere Funktionäre wieder Einfluss erhalten und internationale Milliarden erneut in einem Umfeld verteilt werden, das von der Hamas über viele Jahre durchdrungen wurde.
Der Bericht will Gaza wiederaufbauen, bevor überzeugend geklärt ist, wer dieses neue Gaza tatsächlich kontrollieren wird. Genau darin liegt sein gefährlichster Fehler.
Erst bauen, später auf die Entwaffnung hoffen
Oxfam spricht ausführlich über Häuser, Schulen, Banken, Behörden und wirtschaftliche Entwicklung. Die vollständige Entwaffnung der Hamas wird jedoch nicht als konkrete, überprüfbare Voraussetzung des gesamten Projekts ausgearbeitet.
Es fehlt ein Plan, der erklärt, wer die Waffen einsammelt, wie die verbliebenen Tunnel gefunden werden und welche Stelle überprüft, ob Raketenproduktion und militärische Lager tatsächlich beseitigt wurden. Ebenso bleibt offen, wie verhindert werden soll, dass die Hamas ihre Macht über Familiennetzwerke, lokale Unternehmen, Hilfsorganisationen und frühere Verwaltungsstrukturen weiter ausübt.
Das ist keine technische Frage, die später ergänzt werden kann. Es ist die Grundlage jeder verantwortbaren Wiederaufbaupolitik.
Vor dem 7. Oktober floss bereits umfangreiche internationale Hilfe nach Gaza. Ausländische Geldgeber finanzierten Schulen, medizinische Versorgung, Lebensmittel, Infrastruktur und kommunale Leistungen. Trotzdem gelang es der Hamas, parallel einen gewaltigen militärischen Apparat aufzubauen. Sie verfügte über Tunnel, Raketen, Waffenlager, Kommandostrukturen, Sicherheitskräfte und internationale Finanznetzwerke.
Die Hoffnung, wirtschaftliche Entwicklung werde die Terrororganisation mäßigen, erwies sich als Illusion. Die Hamas nutzte die Entlastung des zivilen Bereichs, um Ressourcen für ihre eigenen Ziele freizuhalten. Sie kontrollierte wirtschaftliche Abläufe, erhob Abgaben und entschied mit darüber, wer Zugang zu Arbeit, Genehmigungen und öffentlichen Leistungen erhielt.
Der neue Oxfam Bericht zieht daraus nicht die notwendige Konsequenz. Er schlägt erneut vor, enorme Summen in zivile und staatliche Strukturen zu investieren, ohne die vollständige Beseitigung der Terrorherrschaft an den Anfang zu stellen.
Damit droht das alte Modell zurückzukehren. Internationale Geldgeber finanzieren das zivile Leben. Die Hamas oder ihre Nachfolgenetzwerke behalten Einfluss auf Personal, Lieferketten, Steuern und politische Entscheidungen. Nach außen entsteht eine neue Verwaltung. Im Inneren überleben dieselben Abhängigkeiten.
Israel wird zum alleinigen Schuldigen erklärt
Die politische Richtung des Berichts ist eindeutig. Israel erscheint als Verursacher der Zerstörung, als Besatzungsmacht, als Hindernis des Wiederaufbaus und als zukünftiger Zahlmeister. Der Vorwurf eines Völkermords wird nicht als juristisch umstrittene Position behandelt, sondern als feststehende Grundlage des gesamten Konzepts.
Ein abschließendes Urteil des Internationalen Gerichtshofs, wonach Israel in Gaza Völkermord begangen habe, existiert jedoch nicht. Das Verfahren läuft. Oxfam darf den Vorwurf vertreten, doch eine seriöse Organisation müsste deutlich zwischen einer politischen Bewertung, den Aussagen einzelner Untersuchungsgremien und einer rechtskräftigen Gerichtsentscheidung unterscheiden.
Diese Vorsicht zeigt der Bericht bei Israel nicht. Bei der Hamas ist die Sprache dagegen auffällig zurückhaltend.
Die Organisation erscheint in dem Papier vor allem als frühere Regierungspartei und weitgehend besiegte politische Kraft. Ihre Einstufung als Terrororganisation wird distanziert behandelt. Der Angriff vom 7. Oktober wird in eine Erzählung über palästinensischen Widerstand und dessen verlorene Legitimität eingeordnet.
Dadurch verschiebt sich der moralische Schwerpunkt. Das Massaker erscheint weniger als Ausdruck einer islamistischen Vernichtungsideologie und stärker als politischer Fehler, der der palästinensischen Sache geschadet habe.
Doch der 7. Oktober war kein missglückter Widerstandsakt. Terroristen drangen in israelische Orte ein, ermordeten Zivilisten und verschleppten Menschen nach Gaza. Die Hamas plante diesen Angriff nicht trotz ihrer Ideologie, sondern aufgrund ihrer Ideologie.
Wer diese Tatsache nicht zum Ausgangspunkt der Zukunftsplanung macht, verharmlost den islamistischen Terror, selbst wenn er ihn an einzelnen Stellen formal verurteilt.
Ein Bericht, der den Wünschen der Hamas erstaunlich nahekommt
Es gibt keinen Beleg dafür, dass die Hamas an dem Bericht mitgewirkt hat. Diese Behauptung wäre nicht abgesichert. Dennoch drängt sich bei der Lektüre der Eindruck auf, dass zentrale Forderungen auffällig gut zu den Interessen der Terrororganisation passen.
Israel soll Reparationen leisten und seine Kontrollen reduzieren. Palästinensische Institutionen sollen weitreichende Macht über Geld, Personal und Planung erhalten. Beschäftigte aus bisherigen Verwaltungsstrukturen sollen möglichst erhalten bleiben. Gleichzeitig fehlt ein hartes Verfahren, mit dem Mitglieder, Helfer und Abhängige der Hamas zuverlässig aus neuen Behörden ausgeschlossen werden.
Für die Terrororganisation wäre das ein günstiges Ergebnis. Sie müsste nicht offen weiterregieren. Ihre Funktionäre und Netzwerke könnten sich in neue Institutionen einfügen, während die internationale Gemeinschaft Gehälter, Gebäude und wirtschaftliche Programme finanziert.
Nicht jeder Arzt, Ingenieur oder Mitarbeiter eines Wasserwerks war Mitglied der Hamas. Niemand kann ernsthaft verlangen, sämtliche Beschäftigte aus der früheren Verwaltung pauschal auszuschließen. Gerade deshalb wäre ein gründliches Prüfverfahren notwendig.
Es müsste klären, wer für den Sicherheitsapparat arbeitete, wer Mitglied der Organisation war, wer militärische Infrastruktur unterstützte und wer an der Umleitung von Material oder Geld beteiligt war. Auch eine Mitwirkung an antisemitischer Indoktrinierung, Geiselbewachung oder Terrorpropaganda müsste untersucht werden.
Oxfam liefert dafür kein ausreichend konkretes System. Stattdessen behandelt der Bericht die Weiterverwendung vorhandener Verwaltungsstrukturen vor allem als praktische Notwendigkeit.
Damit könnte die Hamas ihre Macht verlieren, ohne ihren Einfluss zu verlieren. Sie würde aus den Regierungsgebäuden verschwinden, aber über Menschen, Beziehungen und lokale Abhängigkeiten weiterwirken.
Kontrollen werden zum Problem erklärt
Besonders problematisch ist der Umgang mit Prüfungen gegen Geldwäsche und Terrorfinanzierung. Oxfam erkennt zwar grundsätzlich an, dass Transparenz notwendig ist. Gleichzeitig beschreibt der Bericht solche Vorgaben als mögliche Zwangsbarrieren, die lokale Organisationen überlasten und palästinensische Akteure vom Zugang zu Geld ausschließen könnten.
Der Schwerpunkt liegt damit nicht auf der Frage, wie die Milliarden vor der Hamas geschützt werden. Im Mittelpunkt steht die Sorge, Kontrollen könnten die Empfänger behindern.
Nach dem 7. Oktober ist diese Gewichtung kaum zu rechtfertigen.
Die Hamas und mit ihr verbundene Netzwerke haben Hilfsbereitschaft, Wohltätigkeitsorganisationen und internationale Finanzstrukturen immer wieder als Deckmantel genutzt. Nicht jede Organisation in Gaza gehört zur Hamas. Nicht jede Lieferung wurde gestohlen. Nicht jeder gespendete Euro landete bei Terroristen.
Doch die Prüfung darf nicht bei der Frage enden, ob Geld direkt auf einem Konto der Hamas eingeht. Eine Terrororganisation profitiert auch indirekt. Wenn internationale Geldgeber Krankenhäuser, Schulen, Gehälter und Lebensmittel bezahlen, kann sie eigene Mittel für Waffen freihalten. Wenn sie Händler, Transporte, Genehmigungen oder Behörden beeinflusst, kann sie Abgaben erheben und loyale Strukturen versorgen.
Von jedem unzureichend kontrollierten System kann die Hamas profitieren, selbst wenn kein einzelner Geldschein unmittelbar an ihren bewaffneten Arm überwiesen wird.
Deshalb sind strenge Kontrollen keine Schikane. Sie sind eine Schutzmaßnahme für die Zivilbevölkerung, die Spender und Israel. Wer diese Prüfungen politisch delegitimiert, schwächt eine der wenigen Barrieren gegen den Wiederaufbau terroristischer Macht.
Oxfam muss sich seiner eigenen Verantwortung stellen
Eine strafrechtliche oder direkte finanzielle Beteiligung Oxfams am Massaker vom 7. Oktober ist nicht belegt. Es wäre falsch, eine solche Behauptung als Tatsache aufzustellen.
Trotzdem trägt eine international einflussreiche Organisation Verantwortung für die politischen Vorstellungen, die sie verbreitet. Oxfam hat über Jahre ein Bild geprägt, in dem israelische Sicherheitsmaßnahmen vor allem als Unterdrückung erscheinen und der islamistische Terror häufig als Folge des Konflikts behandelt wird, nicht als eigenständige Ursache.
Diese Sichtweise hatte Folgen. Sie erhöhte den politischen Druck, Kontrollen zu lockern, Einschränkungen aufzuheben und immer neue Mittel in ein Gebiet zu leiten, dessen Herrscher sich offen der Vernichtung Israels verschrieben hatten.
Oxfam hat die Hamas nicht geschaffen. Die Organisation trägt auch nicht die Verantwortung für die Entscheidungen der Terroristen. Doch sie muss sich fragen lassen, ob ihre jahrelange Verharmlosung der Gefahr dazu beigetragen hat, dass Warnungen vor der Hamas weniger ernst genommen und israelische Schutzmaßnahmen pauschal diskreditiert wurden.
Diese politische Mitverantwortung darf nach dem 7. Oktober nicht einfach ausgeblendet werden.
Statt das eigene Denken zu überprüfen, übernimmt der neue Bericht erneut dieselbe Grundannahme. Mehr Geld, mehr palästinensische Kontrolle und weniger äußere Aufsicht sollen diesmal zu einem anderen Ergebnis führen.
Warum das funktionieren sollte, erklärt das Papier nicht.
Ohne Deradikalisierung wird nur die Fassade erneuert
Die Hamas herrschte nicht allein mit Waffen. Ihre Macht beruhte auch auf einer Ideologie, die Judenhass, Märtyrerkult und die Vernichtung Israels verherrlichte. Diese Vorstellungen wurden über politische Organisationen, Medien, religiöse Einrichtungen und Bildungsangebote verbreitet.
Ein wirklicher Wiederaufbau müsste deshalb auch die geistigen Grundlagen des Terrors beseitigen. Lehrpläne müssten überprüft, antisemitische Inhalte entfernt und Verantwortliche für Terrorpropaganda aus öffentlichen Einrichtungen ausgeschlossen werden. Schulen und Medien dürften nicht erneut zu Orten werden, an denen Mord als Widerstand und Geiselnahme als Heldentat dargestellt werden.
Oxfam widmet dem Erhalt palästinensischer Identität und gesellschaftlicher Strukturen viel Aufmerksamkeit. Eine ebenso konkrete Strategie gegen islamistische Radikalisierung fehlt jedoch.
Damit besteht die Gefahr, dass neue Schulen gebaut werden, ohne den Inhalt des Unterrichts zu verändern. Neue Medienstrukturen könnten entstehen, ohne Terrorverherrlichung zu beenden. Neue Behörden könnten eröffnet werden, während frühere Abhängigkeiten bestehen bleiben.
Ein solcher Wiederaufbau verändert das Aussehen Gazas, aber nicht die Bedingungen, die den nächsten Angriff ermöglichen.
Der Wiederaufbau muss eine klare Reihenfolge haben
Gaza braucht Hilfe. Doch Hilfe darf nicht länger von Hoffnung statt von überprüfbaren Bedingungen getragen werden.
Bevor Milliarden fließen, müssen die Geiseln zurückkehren und die Hamas vollständig entwaffnet werden. Ihre Tunnel, Raketenbestände, Waffenlager und Produktionsstätten müssen beseitigt werden. Internationale Kontrolleure müssen freien Zugang erhalten und überprüfen können, ob militärische Strukturen tatsächlich verschwunden sind.
Erst danach darf die politische und wirtschaftliche Macht an neue Institutionen übertragen werden. Beschäftigte aus früheren Behörden müssen einzeln überprüft werden. Finanzströme, Lieferanten und Unterauftragnehmer müssen transparent sein. Kontrollen gegen Terrorfinanzierung dürfen nicht eingeschränkt, sondern müssen konsequenter werden.
Gleichzeitig braucht Gaza eine langfristige Strategie gegen islamistische und antisemitische Radikalisierung. Ohne diesen Schritt entsteht keine friedliche Gesellschaft, sondern nur eine modernisierte Umgebung für dieselbe Ideologie.
Oxfams Bericht kehrt diese Reihenfolge um. Zuerst sollen die Milliarden kommen, anschließend die Institutionen und irgendwann die Hoffnung, dass die Sicherheitsfragen von anderen gelöst werden.
Das ist keine nachhaltige Wiederaufbaustrategie. Es ist die Blaupause dafür, Gaza wirtschaftlich und institutionell wiederherzustellen, ohne die Machtgrundlage der Hamas vollständig zu zerstören.
Der Bericht droht deshalb nicht nur am Terror zu scheitern. Er kann den Terror erneut stärken.
Wer nach dem 7. Oktober noch immer glaubt, weniger Kontrolle und mehr Geld würden aus einer islamistischen Terrorherrschaft von selbst eine friedliche Gesellschaft machen, hat aus dem Massaker nichts gelernt.
Autor: David Goldberg
Artikel veröffentlicht am: Dienstag, 28. Juli 2026