Huthi greifen Yanbu an: Griechen schützen Saudi-Arabiens Ölraffinerien
Zwei ballistische Raketen aus Jemen zielten am Samstag auf Raffinerien an der saudischen Rotmeerküste. Eine von griechischen Soldaten bediente Patriot-Batterie fing sie ab, bevor aus dem Angriff eine globale Energiekrise werden konnte.

Für die Menschen in Yanbu begann der Samstag mit einer Warnung auf ihren Mobiltelefonen. Der saudische Zivilschutz meldete eine mögliche Gefahr und forderte die Bevölkerung der Hafen- und Industriestadt auf, Schutzmaßnahmen zu ergreifen. Kurz darauf näherten sich zwei ballistische Raketen aus Jemen.
Ihr Ziel waren nach Angaben griechischer Sicherheitskreise die Ölraffinerien der Stadt.
Die Raketen erreichten ihr Ziel nicht. Eine amerikanische Patriot-Batterie, die von griechischen Soldaten bedient wird, fing beide Geschosse ab. Offizielle Berichte über Schäden oder Verletzte lagen zunächst nicht vor. Das griechische Militär bestätigte nach Angaben der Zeitung „Kathimerini“, dass die Flugkörper zerstört worden seien.
Der Angriff galt nicht irgendeiner Industrieanlage. Yanbu ist zu einem der wichtigsten Orte für die saudische und internationale Energieversorgung geworden. Über eine quer durch Saudi-Arabien verlaufende Leitung kann Rohöl aus dem Osten des Landes an die Küste des Roten Meeres gebracht werden. Damit lässt sich die Straße von Hormus umgehen, die durch den Krieg mit Iran nahezu unpassierbar geworden ist.
Nach Angaben des Energiedienstleisters Kpler exportierte Saudi-Arabien zuletzt fast 4,9 Millionen Barrel Rohöl täglich über Yanbu. Wer diese Stadt angreift, greift deshalb nicht nur Saudi-Arabien an. Er versucht, eine der letzten großen Ausweichrouten für den weltweiten Ölhandel zu treffen.
Teherans Stellvertreter zielen auf die zweite Meerenge
Die Huthi haben in den vergangenen Tagen eine angebliche Seeblockade gegen Saudi-Arabien ausgerufen und bereits Angriffe auf saudische Öltanker gemeldet. Nun flogen ballistische Raketen auf die Raffinerien von Yanbu.
Damit wird das Muster sichtbar: Während das iranische Regime die Straße von Hormus bedroht, soll sein bewaffneter Partner in Jemen offenbar die Ausweichroute am Roten Meer unter Druck setzen. Zwischen beiden Gebieten liegen Hunderte Kilometer. Strategisch gehören sie jedoch zusammen. Schiffe, die dem iranischen Zugriff am Persischen Golf entkommen, müssen anschließend durch das Rote Meer und die Meerenge Bab al-Mandab fahren.
Auch dort warten die Huthi.
Reuters berichtete bereits am 16. Juli unter Berufung auf drei Quellen, Teheran habe die Huthi angewiesen, sich auf eine Sperrung dieser Wasserstraße vorzubereiten, falls die Vereinigten Staaten iranische Energieanlagen angreifen. Raketen und Drohnen seien demnach in Stellungen nahe Hodeidah und am Golf von Aden gebracht worden.
Wenige Tage später wurde bekannt, dass Iran offenbar nicht nur Anweisungen geschickt hatte. Zwischen zehn und 21 Angehörige der Revolutionsgarden, darunter ranghohe Kommandeure und militärische Berater, sollen am 13. Juli mit einer Maschine von Mahan Air nach Jemen gebracht worden sein. Zur Fracht gehörten nach Angaben mehrerer Quellen auch Bauteile für Raketen und Drohnen sowie Gold zur Finanzierung der Huthi. Iran und die Huthi bestreiten diese Darstellung.
Der Angriff auf Yanbu erhält vor diesem Hintergrund eine neue Bedeutung. Er wirkt nicht wie ein isolierter Vergeltungsschlag einer jemenitischen Miliz. Er passt zu einer größeren iranischen Strategie, die wirtschaftliche Lebensadern der Region an mehreren Stellen gleichzeitig zu bedrohen.
Iran muss dafür nicht überall selbst schießen. Das Regime liefert Geld, Bauteile, Ausbildung und militärische Beratung. Die Huthi übernehmen den Angriff und behaupten anschließend, allein für Jemen zu handeln. Doch Raketen, die auf eine der wichtigsten Ölraffinerien der Welt zufliegen, sind keine jemenitische Innenpolitik.
Sie sind ein Angriff auf die Energieversorgung von Millionen Menschen.
Die Folgen eines erfolgreichen Treffers wären nicht auf Yanbu beschränkt geblieben. Raffinerien hätten ausfallen, Exporte unterbrochen und Versicherungsprämien für Schiffe erneut steigen können. Unternehmen müssten längere Fahrten einplanen, und Verbraucher würden den politischen Machtkampf Teherans spätestens an Tankstellen, Heizkosten und Warenpreisen spüren.
Die Huthi haben bereits gezeigt, wie viel Schaden selbst die Androhung von Angriffen anrichten kann. Wegen ihrer früheren Angriffe auf Schiffe sank der Verkehr durch den Suezkanal seit 2023 um mehr als die Hälfte. Müssen Tanker dem Bab al-Mandab ausweichen, kann sich eine Fahrt nach Asien um rund 30 Tage verlängern.
Die Raketen von Samstag wurden abgefangen. Die wirtschaftliche Drohung bleibt.
Griechenland verteidigt, was die Huthi zerstören wollen
Dass ausgerechnet griechische Soldaten die saudischen Raffinerien schützten, ist kein Zufall. Griechenland entsandte seine Patriot-Batterie im September 2021 nach Saudi-Arabien. Die Mission sollte von Beginn an kritische Energieanlagen gegen Raketen- und Drohnenangriffe schützen.
Das griechische Verteidigungsministerium erklärte damals ausdrücklich, diese Infrastruktur sei nicht nur für Saudi-Arabien, sondern für die weltweite Energieversorgung von großer Bedeutung. Die Soldaten verteidigen damit nicht allein ein befreundetes Königreich. Sie schützen eine Anlage, von deren Betrieb auch Europa abhängig ist.
Am Samstag wurde aus diesem lange bestehenden Auftrag bitterer Ernst. Nach Reuters-Angaben war es erst das zweite Mal, dass das griechische Personal das System im Einsatz bediente. Zwei Raketen wurden gestartet, erkannt und vernichtet, bevor sie ihre Sprengköpfe über einem dicht bebauten Industriegebiet entfalten konnten.
Die Huthi stellen ihre Angriffe als Verteidigung Jemens dar. Ihr Sprecher Mohammed Abdul Salam warf Saudi-Arabien vor, das Land zu belagern, und bezeichnete das Königreich als offenen Feind. Doch eine Rakete auf eine Raffinerie verteidigt keine jemenitische Familie. Sie gefährdet Arbeiter, Anwohner, Seeleute und die wirtschaftliche Versorgung weit über die Region hinaus.
Auch der Hinweis auf saudische Luftangriffe ändert daran nichts. Die saudisch geführte Koalition hatte am Freitag militärische Huthi-Ziele in der Provinz Hodeidah angegriffen. Nach eigener Darstellung wurden Einrichtungen getroffen, die zur Bedrohung der Handelsschifffahrt dienten. Den Hafen von Hodeidah habe man nicht angegriffen, die jemenitischen Häfen seien weiterhin für zivile Schiffe geöffnet. Die Huthi behaupteten dagegen, unter anderem Telekommunikationseinrichtungen seien getroffen worden.
Welche einzelnen Ziele in Hodeidah getroffen wurden, lässt sich bislang nicht vollständig unabhängig überprüfen. Der Angriff auf Yanbu ist dagegen in seinem Zweck deutlich: Zwei ballistische Raketen flogen auf Ölraffinerien.
In derselben Nacht blieb es in Iran auffällig ruhig. Das amerikanische Zentralkommando meldete zunächst keine neue Angriffswelle, nachdem US-Streitkräfte zuvor 13 Nächte in Folge iranische Militärziele bombardiert hatten. Auch aus Bahrain, Jordanien und Kuwait wurden zunächst keine neuen iranischen Angriffe oder Luftalarme gemeldet.
Ob Washington damit bewusst Raum für Gespräche ließ, seine nächste Angriffswelle vorbereitete oder lediglich keine unmittelbare Operation plante, ist nicht bekannt. Präsident Donald Trump hatte am Freitag erklärt, die Vereinigten Staaten seien bereit, die Angriffe erheblich auszuweiten, zugleich aber weiterhin im Gespräch mit Teheran.
Die Ruhe über Iran bedeutete jedoch keine Ruhe in der Region. Während amerikanische Flugzeuge am Boden blieben, schossen die Huthi auf Saudi-Arabiens wichtigste westliche Ölstadt. Teherans Stellvertreter sorgten dafür, dass der Druck bestehen blieb.
Für Israel ist diese Entwicklung seit Jahren vertraut. Das iranische Regime verteilt seinen Krieg auf mehrere Fronten und mehrere Organisationen. Die Hisbollah bedroht Israel aus dem Libanon, schiitische Milizen greifen amerikanische Stützpunkte an, und die Huthi schießen aus Jemen auf Eilat, Handelsschiffe und nun erneut auf Saudi-Arabien.
Der Angriff auf Yanbu zeigt, wie weit dieses Netz inzwischen reicht. Eine Miliz in Jemen kann Raketen auf eine saudische Raffinerie abfeuern. Griechische Soldaten bedienen ein amerikanisches Abwehrsystem. Der Angriff bedroht europäische Energiepreise, asiatische Lieferketten und die Schifffahrt durch das Rote Meer.
Zwei Patriot-Abfangraketen haben am Samstag Schlimmeres verhindert.
Doch solange Iran seine Stellvertreter ausrüstet und die Huthi zivile Infrastruktur als Druckmittel benutzen, bleibt Yanbu ein Ziel. Und mit Yanbu bleibt eine der wichtigsten Öladern der Welt in Reichweite einer Terrororganisation.
Autor: Redaktion
Artikel veröffentlicht am: Samstag, 25. Juli 2026