UNESCO soll Israels alte Königsstadt zum palästinensischen Notfall-Welterbe erklären
Die Palästinensische Autonomiebehörde will Sebastia im Eilverfahren als palästinensisches Welterbe eintragen lassen. Ausgerechnet die UNESCO-Unterlagen bestätigen jedoch, was politisch verdrängt werden soll: Der Ort war Samaria, die Hauptstadt des biblischen Königreichs Israel.

Die Palästinensische Autonomiebehörde versucht, eine der bedeutendsten Stätten der jüdischen Geschichte über die UNESCO politisch zu vereinnahmen. Das Welterbekomitee berät bei seiner Sitzung im südkoreanischen Busan über einen Antrag, Sebastia im Eilverfahren als Welterbe des „Staates Palästina“ anzuerkennen und gleichzeitig auf die Liste des gefährdeten Welterbes zu setzen.
Der Antrag betrifft nicht irgendeine Ansammlung alter Steine. Sebastia ist das antike Samaria, die Hauptstadt des nördlichen Königreichs Israel. Hier errichtete König Omri im 9. Jahrhundert vor der heutigen Zeitrechnung sein Machtzentrum. Hier regierten israelitische Könige, darunter Omri und Ahab. Hier wurden ein königlicher Palast, hebräische Inschriften und die berühmten Elfenbeinarbeiten aus Samaria entdeckt.
Selbst die von der Palästinensischen Autonomiebehörde eingereichten UNESCO-Unterlagen können diese Geschichte nicht verbergen. Der internationale Denkmalrat ICOMOS schreibt ausdrücklich, dass die Stätte weithin mit dem antiken Samaria identifiziert werde. Archäologische, topografische und schriftliche Zeugnisse erlaubten eine Verbindung zu den Königen Omri und Ahab. Omri werde in der Bibel als Gründer Samarias und die Stadt als Hauptstadt des nördlichen Königreichs Israel beschrieben.
Damit liegt der politische Widerspruch offen zutage: Die UNESCO soll eine zentrale Königsstadt Israels unter palästinensischer Hoheit zum Welterbe erklären, während die jüdische Geschichte der Stätte in der öffentlichen Kampagne als störendes Hindernis behandelt wird.
Ein Eilverfahren ohne Untersuchung vor Ort
Die Palästinensische Autonomiebehörde reichte den Antrag am 27. April 2026 ein. Sie behauptet, Sebastia sei unmittelbar durch israelische Enteignungspläne, neue archäologische Arbeiten, militärische Aktivitäten und die geplante Entwicklung des Nationalparks Shomron bedroht. Die UNESCO unterstützte die Vorbereitung des Eilantrags zuvor mit 10.000 Dollar.
Der internationale Denkmalrat ICOMOS empfiehlt tatsächlich, Sebastia im Eilverfahren in die Welterbeliste und zugleich in die Liste des gefährdeten Welterbes aufzunehmen. Als Begründung nennt er vor allem israelische Pläne zur Neuordnung und Entwicklung des Geländes sowie vorgesehene Landenteignungen.
Doch diese Empfehlung besitzt einen entscheidenden Makel: Eine technische Untersuchung vor Ort fand nicht statt.
ICOMOS erklärt selbst, eine Bewertungsmission sei wegen der Sicherheitslage nicht möglich gewesen. Die Gutachter stützten sich auf das palästinensische Antragsdossier, zusätzliche Angaben der Palästinensischen Autonomiebehörde, Fotografien, Karten und Stellungnahmen von Fachleuten. Die Behauptungen über Schäden, Gefahren und israelische Maßnahmen konnten nicht durch eine eigene Mission auf dem Gelände überprüft werden.
Noch deutlicher wird der Widerspruch im Gutachten selbst. ICOMOS bezeichnet den Erhaltungszustand der Stätte als stabil, aber gefährdet und uneinheitlich. Gleichzeitig räumt die Organisation ein, dass sie Fragen zur Unversehrtheit, Echtheit und Verwaltung des Geländes ohne eine Untersuchung vor Ort nicht vollständig bewerten konnte. Trotzdem empfiehlt sie die sofortige Eintragung.
Ein solches Verfahren muss politische Zweifel wecken. Eine internationale Organisation sollte archäologische Stätten nach überprüfbaren fachlichen Maßstäben bewerten. Sie darf nicht zum Ersatzgericht für territoriale Ansprüche werden, erst recht nicht auf Grundlage eines Dossiers, das von einer der Konfliktparteien erstellt wurde.
Das israelische Außenministerium wirft der Palästinensischen Autonomiebehörde deshalb vor, das kulturelle Erbe als politische Waffe einzusetzen. Der Antrag diene nicht allein dem Schutz der Ruinen, sondern einer einseitigen Kampagne gegen Israel. Jerusalem warnt insbesondere davor, die gut belegte jüdische und christliche Geschichte Sebastias hinter einer aktuellen politischen Erzählung verschwinden zu lassen.
Die Kritik ist berechtigt. Die Eintragung als Welterbe des „Staates Palästina“ würde zwar nicht formal bestimmen, wem das Land völkerrechtlich gehört. UNESCO-Dokumente enthalten ausdrücklich den Hinweis, dass ihre Veröffentlichung keine Entscheidung über Grenzen, Hoheitsrechte oder den rechtlichen Status eines Gebietes darstellt. Politisch wird eine solche Eintragung dennoch sofort als internationale Anerkennung eines palästinensischen Besitzanspruchs verwendet werden.
Genau das hat die Palästinensische Autonomiebehörde in früheren UNESCO-Verfahren getan. Archäologie wird nicht als gemeinsames Erbe behandelt, sondern als Mittel, um jüdische Geschichte in eine palästinensische Nationalerzählung einzuordnen und israelische Schutzmaßnahmen als Angriff auf „palästinensisches Kulturerbe“ darzustellen.
Wer hat Sebastia tatsächlich geschützt?
Jerusalem begründet sein stärkeres Eingreifen mit jahrelanger Vernachlässigung, Plünderungen und Vandalismus. Israel will rund 1.800 Dunam in die Entwicklung und den Schutz des archäologischen Geländes einbeziehen. Für Restaurierung, Infrastruktur und den Ausbau als Besucherzentrum wurden mehr als 30 Millionen NIS vorgesehen.
Kritiker behaupten, Israel benutze die Archäologie, um seine Kontrolle in Judäa und Samaria auszuweiten. Bewohner des benachbarten palästinensischen Dorfes fürchten um Olivenhaine, Verkehrswege und Einnahmen aus dem Tourismus. Diese Sorgen dürfen nicht einfach übergangen werden. Jede Entwicklung muss Eigentumsrechte beachten und den Zugang für die örtliche Bevölkerung sichern.
Doch auch die Darstellung der Palästinensischen Autonomiebehörde als zuverlässige Beschützerin des Kulturerbes hält einer Prüfung nicht stand.
Die palästinensische Enzyklopädie PalQuest, die vom Institute for Palestine Studies betrieben wird und Israel ausgesprochen kritisch gegenübersteht, räumt selbst ein, dass die Autonomiebehörde den Schutz und die Restaurierung historischer Stätten lange nicht zu einer Priorität gemacht habe. Sie habe nur geringe Mittel für die Bewahrung des kulturellen Erbes bereitgestellt und über Jahre keine ausreichende einheitliche Gesetzgebung geschaffen.
ICOMOS beschreibt ebenfalls erhebliche Mängel. Der westliche Teil Sebastias leide unter fehlender systematischer Pflege, wuchernder Vegetation, Erosion und unzureichender Landschaftsverwaltung. Für den östlichen Bereich nennt das Gutachten zwar örtliche Restaurierungsmaßnahmen, bestätigt aber insgesamt eine zersplitterte und schwache Verwaltung.
Besonders schwer wiegen Berichte aus dem Jahr 2023. Damals ließ die Palästinensische Autonomiebehörde eine Straße durch Teile des archäologischen Geländes bauen. Nach Angaben der israelischen Organisation „Protecting Eternity“ und israelischer Regierungsvertreter wurden dabei Überreste einer herodianischen Mauer beschädigt und Grabhöhlen aus der Zeit des Zweiten Tempels aufgebrochen und geplündert. Diese konkreten Schadensangaben stammen aus israelischen Quellen und wurden nicht durch eine unabhängige internationale Untersuchung abschließend bestätigt. Sie müssten jedoch zwingend Teil jeder ehrlichen UNESCO-Prüfung sein.
Es ist deshalb kaum glaubwürdig, wenn ausgerechnet jene Behörde Sebastia im Namen einer angeblichen Notsituation beansprucht, deren eigene Schutzbilanz erhebliche Lücken aufweist.
Der Schutz einer Stätte beginnt nicht mit einer Resolution in Südkorea. Er beginnt mit Bewachung, Pflege, wissenschaftlicher Arbeit, der Verhinderung von Plünderungen und dem verantwortungsvollen Umgang mit allen historischen Schichten.
Die Steine widersprechen der politischen Erzählung
Sebastia gehört nicht nur zu einer Epoche und nicht nur zu einem Volk. Nach dem israelitischen Königreich wurde die Stadt von Assyrern, Babyloniern, Persern, Griechen und Hasmonäern beherrscht. Herodes der Große baute sie unter dem Namen Sebaste zu einer römischen Stadt aus. Später wurde sie ein christliches Zentrum. Nach christlicher und islamischer Überlieferung wird der Ort mit Johannes dem Täufer verbunden. Byzantinische Kirchen, eine Kreuzfahrerkathedrale und die spätere Nabi-Yahya-Moschee bezeugen diese lange Geschichte.
Gerade diese Vielfalt macht die Stätte bedeutend. Sie rechtfertigt aber nicht, den Anfang ihrer großen politischen Geschichte umzuschreiben.
Samaria war keine palästinensische Hauptstadt. Es war die Hauptstadt des Königreichs Israel.
Diese Feststellung ist weder eine religiöse Meinung noch moderne israelische Propaganda. Sie wird durch archäologische Funde, assyrische Quellen, hebräische Inschriften und selbst durch die UNESCO-Unterlagen bestätigt.
ICOMOS erkennt als entscheidende Welterbeeigenschaft die sichtbare Abfolge der unterschiedlichen Kulturen an. Zugleich beschreibt das Gutachten die eisenzeitliche Stadt als bedeutendes politisches Zentrum und identifiziert sie mit Samaria. Die jüdische Geschichte ist damit kein später Zusatz, der aus politischen Gründen von Israel auf das Gelände gelegt wurde. Sie ist der Ausgangspunkt der weltweiten Bedeutung des Ortes.
Wer Sebastia schützen will, muss diese Wahrheit ohne Einschränkung aussprechen.
Die Palästinensische Autonomiebehörde hätte die Möglichkeit, einen gemeinsamen Schutzplan zu unterstützen, der israelitische, römische, christliche und islamische Geschichte gleichermaßen bewahrt. Stattdessen führt sie einen diplomatischen Kampf um die Bezeichnung und Zuständigkeit. Die UNESCO droht dabei erneut zum Schauplatz eines Konfliktes zu werden, den sie als Kulturorganisation eigentlich überwinden sollte.
Eine Eintragung darf nicht dazu führen, dass Israel aus der Geschichte Samarias herausgeschrieben wird. Sie darf auch nicht Plünderungen, Vernachlässigung oder politische Eingriffe der palästinensischen Seite ausblenden, während ausschließlich israelische Maßnahmen als Notfall dargestellt werden.
Sebastia braucht Schutz. Das ist unbestritten.
Doch ein Welterbetitel, der vor allem der politischen Aufwertung der Palästinensischen Autonomiebehörde dient, schützt die Geschichte nicht. Er verteilt Deutungshoheit.
Die Ruinen von Samaria gehören zum Erbe der Menschheit. Ihre erste große Stimme ist jedoch eindeutig hebräisch.
Keine Abstimmung der UNESCO kann das ändern.
Autor: Samuel Benning
Artikel veröffentlicht am: Freitag, 24. Juli 2026