Der Mann, der den 7. Oktober feierte, führt jetzt die Hamas
Khalil al-Hayya führte die Geiselverhandlungen und verherrlichte zugleich das Massaker als Quelle des Stolzes. Nun übernimmt er offiziell die Spitze der Terrororganisation.

Die Hamas hat Khalil al-Hayya zum neuen Vorsitzenden ihres Politbüros gewählt. Damit übernimmt einer der bekanntesten Vertreter der Terrororganisation ihr höchstes politisches Amt. Al-Hayya folgt auf Yahya Sinwar, einen der maßgeblichen Planer des Massakers vom 7. Oktober 2023, der im Oktober 2024 von israelischen Soldaten im Gazastreifen getötet wurde. Seit Sinwars Tod war die Hamas durch ein Übergangsgremium unter Führung von Mohammed Darwish geleitet worden.
Die Organisation verkündete die Entscheidung am Montag über Telegram. In ihrer Mitteilung bezeichnete sie al-Hayya als „Bruder und Kämpfer“ und Sinwar weiterhin als Märtyrer. Schon diese Wortwahl lässt keinen Zweifel daran, welchen Weg die Hamas einschlagen will: Sie distanziert sich nicht vom Terror des 7. Oktober, sondern erhebt einen Mann an ihre Spitze, der das Massaker öffentlich verherrlichte.
Die Hamas ist in Deutschland verboten und wird vom Bundesamt für Verfassungsschutz ausdrücklich als islamistische Terrororganisation bezeichnet. Auch die Europäische Union führt sie im Rahmen ihrer Maßnahmen gegen terroristische Organisationen.
Ein Verhandler, der das Massaker zum Stolz erklärte
Khalil al-Hayya wurde in den vergangenen Jahren vor allem als Chefunterhändler der Hamas bekannt. Er führte indirekte Gespräche über Waffenruhen, den Austausch palästinensischer Häftlinge und die Freilassung israelischer Geiseln. Dabei trat er häufig aus Katar oder bei Gesprächen in Ägypten auf. Seine Rolle als Unterhändler hat in Teilen der internationalen Öffentlichkeit den Eindruck entstehen lassen, al-Hayya gehöre zum politischen oder vermeintlich gemäßigteren Teil der Organisation.
Dieser Eindruck ist falsch.
Al-Hayya verhandelte nicht als Gegner des Terrors, sondern als Vertreter der Organisation, die israelische Familien am 7. Oktober überfiel, Menschen in ihren Häusern ermordete und 251 Personen als Geiseln in den Gazastreifen verschleppte. Im Januar 2025 bezeichnete er das Massaker in einer Fernsehansprache als militärischen Erfolg und als eine Quelle des Stolzes, die an kommende Generationen weitergegeben werden solle. Zugleich machte er deutlich, dass die Hamas ihren Kampf gegen Israel fortsetzen werde.
Damit sprach al-Hayya nicht über den 7. Oktober als tragischen Fehler oder als Entwicklung, die außer Kontrolle geraten sei. Er stellte den größten Massenmord an Juden seit der Schoah als Vorbild für die Zukunft dar.
Dass derselbe Mann später über Geiseln verhandelte, machte ihn nicht zum Friedenspolitiker. Es machte ihn zum Verwalter jener Menschen, die seine Organisation als Druckmittel festhielt. Die Hamas führte Gespräche nicht, weil sie das Leid der Entführten anerkannte, sondern weil jeder lebende oder tote Israeli in ihrer Gewalt politischen, militärischen und propagandistischen Wert besaß.
Al-Hayya verstand diese Macht. Er konnte nach außen als Gesprächspartner auftreten und zugleich im Inneren das Terrorverständnis der Hamas verteidigen. Diese Verbindung aus ideologischer Härte und taktischer Beweglichkeit dürfte entscheidend für seinen Aufstieg gewesen sein.
Der inzwischen 65-Jährige gehört seit Jahrzehnten zur Führung der Hamas. Er stammt aus dem Gazastreifen, wurde 2006 für die Organisation in den Palästinensischen Legislativrat gewählt und übernahm später leitende Aufgaben im regionalen Politbüro. In den vergangenen Jahren lebte und arbeitete er vor allem in Katar, von wo aus er die Beziehungen der Hamas zu arabischen Staaten, Vermittlern und internationalen Gesprächspartnern pflegte.
Zugleich gilt er als Vertreter mit engen Verbindungen zu Iran, das die Hamas über Jahre mit Geld, Waffenwissen und politischer Unterstützung versorgte. Al-Hayya war dabei nie lediglich ein Sprecher oder Diplomat. Er gehörte zu den Personen, die die politische Führung der Hamas mit ihrer militärischen und regionalen Strategie verbanden.
Sein Aufstieg wurde durch den Tod zahlreicher ranghoher Terrorführer beschleunigt. Ismail Haniyeh wurde im Juli 2024 in Teheran getötet, Sinwar wenige Monate später im Gazastreifen. Weitere Mitglieder der politischen und militärischen Führung starben bei israelischen Angriffen. Al-Hayya überlebte dagegen mehrere Versuche, ihn zu töten, darunter den israelischen Angriff auf die Hamas-Führung in Doha im September 2025.
Die Hamas entscheidet sich gegen jeden Neuanfang
Die Wahl al-Hayyas war offenbar keineswegs selbstverständlich. Monatelang rang die Hamas um eine neue Führung. In einem frühen Wahlgang erhielt zunächst keiner der Bewerber die notwendige Mehrheit. Berichte über leere Stimmzettel und verschobene Abstimmungen zeigten, wie tief die inneren Spannungen nach den israelischen Schlägen und dem Ende Sinwars waren. Zuletzt lief die Entscheidung im Wesentlichen auf ein Duell zwischen al-Hayya und dem früheren Politbürochef Khaled Mashal hinaus.
Mashal stand stärker für die Auslandsstrukturen der Hamas. Al-Hayya verkörperte dagegen die Verbindung zur Führung im Gazastreifen, zum militärischen Flügel und zu den Verhandlungen über die Geiseln. Mit seiner Wahl stärkt die Hamas jene Kräfte, die am Erbe Sinwars festhalten, sich aber zugleich taktisch beweglicher zeigen wollen.
Genau darin liegt die Gefahr.
Al-Hayya wird wahrscheinlich weniger abgeschottet auftreten als Sinwar, der sich während des Krieges in Tunneln und Verstecken aufhielt. Er verfügt über Kontakte nach Katar, Ägypten, in die Türkei und zu Vertretern anderer palästinensischer Gruppen. Er kennt die Sprache internationaler Vermittlung und weiß, welche Forderungen gegenüber westlichen Regierungen anschlussfähig erscheinen.
Doch diese Fähigkeit darf nicht mit einem politischen Wandel verwechselt werden. Ein Terrorführer wird nicht gemäßigt, weil er an einem Verhandlungstisch sitzt. Entscheidend ist, wofür er dort verhandelt und welche Ziele seine Organisation weiterhin verfolgt.
Die Hamas hat mit der Wahl al-Hayyas keinen Mann bestimmt, der den 7. Oktober überwinden will. Sie hat einen Mann gewählt, der das Massaker als historischen Erfolg bezeichnete. Seine Aufgabe wird darin bestehen, die geschwächte Organisation zusammenzuhalten, ihre internationalen Beziehungen zu sichern und die politische Bedeutung der Hamas trotz ihrer militärischen Verluste zu bewahren.
Dabei dürfte al-Hayya versuchen, zwei Bilder gleichzeitig zu verbreiten. Gegenüber Unterstützern der Hamas wird er sich als Bewahrer des sogenannten Widerstands und als Nachfolger Sinwars darstellen. Gegenüber Vermittlern und westlichen Regierungen wird er den erfahrenen Unterhändler geben, der angeblich pragmatische Lösungen ermögliche.
Israel darf sich von dieser doppelten Darstellung nicht täuschen lassen.
Der politische Kopf einer Terrororganisation ist nicht deshalb ungefährlicher, weil er persönlich keine Rakete abfeuert. Er sorgt dafür, dass Geld, Anerkennung, Rückzugsräume und politische Unterstützung erhalten bleiben. Er rechtfertigt die Taten der bewaffneten Einheiten und verwandelt Mord und Entführung in eine politische Erzählung.
Auch für Katar wird die Ernennung unangenehme Fragen aufwerfen. Al-Hayya konnte seine Stellung über Jahre von Doha aus aufbauen. Von dort führte er Verhandlungen, gab Interviews und nahm Einfluss auf die politische Linie der Hamas. Das Emirat bezeichnet seine Beziehungen zur Organisation als Teil einer Vermittlerrolle. Doch der neue Chef der Hamas ist nicht nur ein Gesprächspartner, sondern ein führender Vertreter einer Terrororganisation, die Israels Vernichtung anstrebt.
Die Wahl al-Hayyas zeigt zugleich, dass die Hamas trotz schwerer Verluste weiter über funktionsfähige internationale Strukturen verfügt. Israel konnte zahlreiche führende Köpfe ausschalten und die militärischen Fähigkeiten der Organisation schwer treffen. Die politische und finanzielle Infrastruktur im Ausland blieb jedoch widerstandsfähiger.
Deshalb entscheidet sich die Zukunft der Hamas nicht allein in den Tunneln des Gazastreifens. Sie entscheidet sich auch in Hotels, Büros und Regierungspalästen jener Länder, die ihren Vertretern Schutz, Öffentlichkeit oder politische Bedeutung verschaffen.
Khalil al-Hayya trägt heute Anzug statt Kampfanzug. Er spricht mit Vermittlern statt über Funk mit Terrorzellen. Doch seine eigenen Worte lassen keinen Raum für Verharmlosung: Er betrachtet das Massaker vom 7. Oktober nicht als Belastung, sondern als Vermächtnis.
Die Hamas hat ihren neuen Anführer gewählt. Sie hat sich damit nicht für Veränderung entschieden, sondern für die Fortsetzung ihres Terrors mit einem vertrauteren Gesicht.
Autor: Redaktion
Artikel veröffentlicht am: Montag, 20. Juli 2026