Hamas raubt Hilfsgüter und lässt Gazaner für verschossene Munition zahlen
Bewaffnete Hamas-Männer sollen Zivilisten in einem Schutzlager festgenommen und erst gegen eine hohe Zahlung freigelassen haben, als Ersatz für verschossene Munition. Zugleich bestätigt die UN Gewalt, Einschüchterung und Schmuggel rund um Hilfslieferungen.

Die Hamas verlangt von der Bevölkerung im Gazastreifen nicht nur Gehorsam. Nach neuen Berichten sollen ihre bewaffneten Männer sogar Geld für jene Munition gefordert haben, die sie beim Vorgehen gegen palästinensische Zivilisten selbst verschossen hatten.
Ein Bewohner des Gazastreifens berichtete dem britischen „Telegraph“ von einem Vorfall an einer Unterkunft für vertriebene Frauen, Kinder und ältere Menschen. Bewaffnete Hamas-Mitglieder hätten sich in unmittelbarer Nähe des Schutzlagers aufgehalten. Mehrere Männer hätten sie aufgefordert, den Ort zu verlassen, weil ihre Anwesenheit das Lager und die dort untergebrachten Familien in Gefahr bringe.
Die Bewaffneten seien zunächst gegangen, später jedoch mit Verstärkung zurückgekehrt. Sie hätten die Unterkunft gestürmt, Schüsse abgegeben und damit unter den Frauen und Kindern Panik ausgelöst. Anschließend seien mehrere Menschen festgenommen worden. Nach Aussage des anonymen Zeugen habe die Hamas ihre Freilassung davon abhängig gemacht, dass ihr die Kosten der verschossenen Munition ersetzt würden. Die verlangte Summe soll bei etwa 24.500 NIS gelegen haben. Nach dem Referenzkurs der Europäischen Zentralbank vom 17. Juli entspricht das rund 7.000 Euro. Die Angaben des Zeugen können unter den gegenwärtigen Bedingungen im Gazastreifen nicht unabhängig überprüft werden.
Der Vorwurf ist dennoch nicht isoliert zu betrachten. Nur wenige Tage zuvor bestätigten die Vereinten Nationen einen gewaltsamen Eingriff bewaffneter Kräfte in die Verteilung von Lebensmitteln im Norden des Gazastreifens. Der Vorgang zeigt, wie eng Terrorherrschaft, Versorgungskrise und die Kontrolle über Hilfsgüter inzwischen miteinander verbunden sind.
Bewaffnete stürmen ein Lager des Welternährungsprogramms
Am 12. Juli mussten humanitäre Helfer die Lebensmittelausgabe am Verteilungspunkt Abu Rashid in Dschabalia einstellen. Nach einer offiziellen Erklärung des stellvertretenden UN-Sonderkoordinators Ramiz Alakbarov drangen bewaffnete Kräfte, die den „De-facto-Behörden“ im Gazastreifen zugerechnet werden, gewaltsam in die Einrichtung ein. Sie betraten außerdem ein Lager des Welternährungsprogramms und sollen zwei Lastwagenfahrer angegriffen haben, die Hilfsgüter anlieferten.
Die UN vermied in ihrer eigenen Erklärung erneut das Wort Hamas. Im Gazastreifen stellen jedoch die Hamas und die von ihr kontrollierten Sicherheitsorgane die De-facto-Herrschaft. Reuters bezeichnete den Vorfall deshalb ausdrücklich als Behinderung der Hilfsverteilung durch die Hamas.
Alakbarov sprach nicht von einem einmaligen Zwischenfall. Er verurteilte ein zunehmend gefährliches Muster aus Einschüchterung, Gewalt, Behinderung, Schmuggelversuchen und dem Missbrauch humanitärer Arbeit. Mitarbeiter würden bedroht, Hilfslieferungen gestört und lebensrettende Maßnahmen gerade in einem Augenblick behindert, in dem die Zivilbevölkerung unter äußerst schweren Bedingungen lebe.
Die Hamas bestritt die Vorwürfe. Ihr Medienbüro erklärte, Sicherheitskräfte hätten lediglich auf Hinweise reagiert, dass Zigaretten und Bauteile für Mobiltelefone in Hilfspaketen versteckt worden seien. Es habe sich weder um einen Überfall noch um eine Behinderung der humanitären Arbeit gehandelt. Diese Darstellung widerspricht allerdings der offiziellen UN-Erklärung, nach der die Lebensmittelausgabe eingestellt werden musste und zwei Fahrer angegriffen wurden.
Bemerkenswert ist, dass selbst die Verteidigung der Hamas den Verdacht auf ein umfassenderes Schmuggelsystem nicht ausräumt. Sie bestätigt vielmehr, dass begehrte Waren in humanitären Lieferungen verborgen werden. Ein Bericht des UN-Nothilfebüros OCHA vom 10. Juli beschreibt ebenfalls, dass externe Akteure Hilfstransporte zur Einfuhr hochwertiger Waren missbrauchten und die De-facto-Behörden anschließend versuchten, diese Güter aufzuspüren und zu beschlagnahmen.
Weitere Bewohner des Gazastreifens berichteten dem „Telegraph“, dass Waren in Lastwagen von Hilfsorganisationen und Handelsunternehmen geschmuggelt würden, um Einnahmen zu erzielen. Wie die Gegenstände in die Lieferungen gelangen, ist nicht abschließend geklärt. Nach Darstellung einer Quelle sollen Händler bereits in den Herkunftsländern Verantwortliche bestechen, damit unerlaubte Waren zwischen regulären Gütern versteckt werden.
Diese Aussagen beruhen auf anonymen Quellen und müssen entsprechend vorsichtig behandelt werden. Sie passen jedoch zu dem Bild, das nun sogar die Vereinten Nationen zeichnen: Hilfsstrukturen werden nicht nur durch den Krieg, zerstörte Straßen und militärische Gefahren beeinträchtigt. Sie geraten auch unter den Druck der bewaffneten Macht, die den Gazastreifen beherrscht.
Hilfe wird zur Währung der Macht
Für die Hamas sind Lebensmittel, Treibstoff, Zigaretten, Ersatzteile und andere knappe Güter nicht bloß Waren. Wer entscheidet, welcher Lastwagen passieren darf, welches Lager geöffnet wird und wer Zugang zu den Vorräten erhält, kontrolliert einen Teil des täglichen Lebens.
In einer verarmten und weitgehend zerstörten Gesellschaft wird diese Kontrolle zur politischen und wirtschaftlichen Macht. Waren können beschlagnahmt, weiterverkauft oder an Unterstützer verteilt werden. Gegner können von der Versorgung ausgeschlossen, Händler zur Zahlung gezwungen und Helfer eingeschüchtert werden. Der Hunger der Bevölkerung wird so nicht nur zum Ergebnis des Krieges, sondern zu einem Werkzeug derjenigen, die aus Knappheit Herrschaft machen.
Genau deshalb ist die Forderung nach einer Zahlung für verschossene Munition so entlarvend. Sollte der Bericht zutreffen, wurden Menschen zunächst von bewaffneten Hamas-Kräften terrorisiert, anschließend festgenommen und schließlich für die Kosten der gegen sie eingesetzten Gewalt verantwortlich gemacht.
Das ist die Logik einer Terrorherrschaft: Der Täter stellt die Rechnung, das Opfer muss zahlen.
Für die internationale Berichterstattung ist der Fall besonders unbequem. Seit Jahren wird nahezu jede Störung der Versorgung im Gazastreifen automatisch Israel zugerechnet. Israel kontrolliert die Zugänge und trägt deshalb Verantwortung dafür, dass zugelassene Hilfe den Gazastreifen erreichen kann. Daraus folgt jedoch nicht, dass alles, was nach dem Grenzübergang geschieht, ebenfalls Israel anzulasten ist.
Wer die Menschen in Gaza ernst nimmt, darf die Hamas nicht aus der Verantwortung schreiben. Hilfe, die ein Grenztor passiert, hat ihren Zweck noch nicht erfüllt. Sie muss Lager und Ausgabestellen erreichen, sie muss ohne Bestechung verteilt werden und sie muss bei Familien ankommen, die sie benötigen.
Wenn bewaffnete Kräfte Lager stürmen, Fahrer schlagen, Waren beschlagnahmen oder Schutzsuchende festnehmen, wird humanitäre Hilfe selbst zum Schauplatz des Terrors. Dass die UN dies nun öffentlich als Muster aus Einschüchterung, Gewalt, Schmuggel und Missbrauch bezeichnet, ist bedeutsam. Umso auffälliger bleibt, dass sie den Namen der verantwortlichen Herrschaft weiterhin vermeidet.
Die Hamas ist keine unsichtbare Macht und keine Naturgewalt. Sie ist eine Terrororganisation, die den Gazastreifen seit Jahren mit Waffen, Gefängnissen und Angst beherrscht. Sie begann den Krieg mit dem Massaker vom 7. Oktober 2023, hält weiterhin Menschen als Geiseln und unterdrückt zugleich jene Palästinenser, in deren Namen sie angeblich kämpft.
Eine Organisation, die selbst für die Kugeln kassiert, mit denen sie die eigene Bevölkerung einschüchtert, verteidigt niemanden. Sie hält ein ganzes Gebiet als Geisel.
Autor: Redaktion
Artikel veröffentlicht am: Montag, 20. Juli 2026