Hamas will die Verwaltung abgeben, aber nicht die Macht
Die Terrororganisation Hamas soll ihr Regierungsgremium im Gazastreifen auflösen wollen. Doch solange ihre Waffen, Kader und Sicherheitsnetze bestehen bleiben, ist das kein Ende der Hamas-Herrschaft, sondern höchstens ihr nächstes Tarnkleid.

Hamas steht offenbar vor einem Schritt, der nach politischer Bewegung klingt: Die Terrororganisation soll die Auflösung jenes Gremiums vorbereiten, das im Gazastreifen faktisch als ihre Regierungsstruktur dient. Nach Berichten der Jerusalem Post unter Berufung auf Asharq Al-Awsat erklärten zwei Hamas-Quellen, die Führung werde voraussichtlich die „Kommission zur Überwachung der Regierungsaktivität“ auflösen. Damit soll der Weg für das National Committee for the Administration of Gaza frei werden, ein technokratisches Übergangsgremium unter Ali Shaath, das Verwaltungsbefugnisse im Gazastreifen übernehmen soll.
Auf dem Papier wirkt das wie ein Einschnitt. Nach fast zwei Jahrzehnten Hamas-Herrschaft könnte die zivile Verwaltung Gazas an ein anderes Gremium übergehen. Genau dieses Bild wird Hamas nutzen wollen: Wir treten zurück, Technokraten übernehmen, Gaza bekommt eine neue Verwaltung, die internationale Gemeinschaft kann wieder Geld, Hilfsgüter und Wiederaufbaupläne bewegen. Doch wer Gaza kennt, darf sich nicht von Verwaltungssprache täuschen lassen. Macht im Gazastreifen liegt nicht dort, wo ein Stempel liegt. Macht liegt dort, wo Waffen, Tunnel, Kader, Einschüchterung und Sicherheitsapparate stehen.
Das ist der Kern der Sache. Wenn Hamas ein Regierungsgremium auflöst, aber ihre bewaffneten Strukturen behält, dann gibt sie nicht die Macht ab. Sie gibt die Verantwortung ab. Sie möchte nicht mehr das Gesicht der zerstörten Verwaltung sein, nicht mehr allein für Hunger, Ruinen, Chaos und das Elend der Bevölkerung verantwortlich gemacht werden. Gleichzeitig will sie das behalten, was ihre Herrschaft tatsächlich ausmacht: die Fähigkeit, Menschen einzuschüchtern, Gegner auszuschalten, Hilfswege zu kontrollieren, Sicherheitsfragen zu beeinflussen und jeden politischen Prozess von innen zu sabotieren.
Die National Committee for the Administration of Gaza wurde als technokratisches, übergangsweise arbeitendes Gremium beschrieben. Ali Shaath soll an der Spitze stehen, mit dem Auftrag, Verwaltung, Wiederaufbau und Dienstleistungen in Gaza zu organisieren. Ein solches Gremium kann für die Menschen im Gazastreifen nur dann etwas bedeuten, wenn es tatsächlich unabhängig arbeiten kann. Wenn es Schulen, Krankenhäuser, Wasser, Strom, Müllentsorgung, Grenzübergänge und Wiederaufbau koordiniert, ohne dass Hamas im Hintergrund entscheidet, wer Zugang bekommt, wer bedroht wird und welche Mittel wohin fließen.
Genau daran entscheidet sich alles.
Eine neue Verwaltung löst das Hamas-Problem nicht
In Cairo sollen innerhalb von etwa 48 Stunden neue Gespräche mit Hamas und weiteren palästinensischen Fraktionen stattfinden. Ziel ist, die Lücken in der zweiten Phase der brüchigen Waffenruhe zu schließen. Vermittler sind nach den Berichten Ägypten, Qatar und die Türkei. Zudem wird über eine mögliche Rolle von Nikolay Mladenov gesprochen, dem Vertreter des Board of Peace für Gaza, auch wenn seine Teilnahme laut Jerusalem Post nicht unabhängig bestätigt werden konnte.
Diese diplomatische Betriebsamkeit klingt vertraut. Es geht um Etappen, Formulierungen, Zuständigkeiten, Übergänge und internationale Absicherung. Doch der entscheidende Punkt bleibt derselbe wie seit Beginn jeder ernsthaften Debatte über ein neues Gaza: Was passiert mit Hamas als bewaffneter Macht?
Die Terrororganisation hat am 7. Oktober 2023 gezeigt, was ihre Ideologie bedeutet. Sie ermordete, verschleppte, folterte und machte Zivilisten zu Werkzeugen ihrer Strategie. Danach führte sie den Gazastreifen in eine Katastrophe, aus der sie sich nun politisch herauswinden will. Sie möchte nicht verschwinden. Sie möchte sich verwandeln. Aus der sichtbaren Regierung könnte ein unsichtbarer Machtfaktor werden. Aus Ministern werden Netzwerke. Aus Behörden werden Schattenstrukturen. Aus offenem Regieren wird Kontrolle hinter den Kulissen.
Für Israel wäre das keine Lösung. Für die Menschen in Gaza ebenfalls nicht. Denn ein Gazastreifen, in dem Hamas formal keine Verwaltung mehr führt, aber bewaffnet bleibt, wäre nur die nächste Version derselben Gefangenschaft. Die Zivilbevölkerung bekäme vielleicht neue Schilder an den Amtsstuben, aber keine Freiheit von Hamas. Internationale Geber bekämen vielleicht ein technokratisches Gegenüber, aber keine Garantie, dass Geld, Material und Wiederaufbau nicht wieder in die falschen Hände geraten.
Die Erfahrung der vergangenen Jahre ist zu bitter, um sie zu ignorieren. Hamas hat zivile Räume militärisch genutzt, Schulen, Krankenhäuser, Wohnviertel und Hilfsstrukturen politisch und strategisch in ihre Herrschaft eingebaut. Wer jetzt glaubt, ein Verwaltungswechsel allein reiche aus, um Gaza zu entmilitarisieren, verwechselt Bürokratie mit Sicherheit.
Der wirkliche Test heißt Entwaffnung
Der Bericht verweist auch auf palästinensische Vorwürfe, Israel habe das mehrstufige Abkommen verletzt, mehr als 1.000 Palästinenser getötet und hochrangige Hamas-Funktionäre ausgeschaltet. Solche Angaben stammen aus dem Kontext der Hamas und palästinensischer Quellen und müssen entsprechend eingeordnet werden. Entscheidend bleibt: Israel wird keinem Arrangement vertrauen können, das Hamas als bewaffnete Kraft bestehen lässt. Kein Staat würde nach einem Massaker an seinen Bürgern akzeptieren, dass die Täterorganisation nur ihr Türschild wechselt.
Das Board of Peace und die internationalen Vermittler stehen deshalb vor einer einfachen, aber unbequemen Wahrheit. Ein neues Gaza kann nicht auf dem alten Gewaltapparat gebaut werden. Es reicht nicht, Hamas die Verwaltung aus der Hand zu nehmen, wenn ihre Kämpfer, Waffenlager, Finanzströme und Einschüchterungsnetzwerke unangetastet bleiben. Wer Wiederaufbau will, braucht Sicherheit. Wer Sicherheit will, braucht Entwaffnung. Wer Entwaffnung vermeidet, verlängert das Problem.
Hamas weiß das. Darum versucht sie, den Schwerpunkt zu verschieben. Sie spricht über Verwaltung, Hilfen, Komitees und Fraktionen. Sie wirft Israel Verstöße vor. Sie verlangt politische Garantien. Sie will am Ende eine Lage schaffen, in der sie nicht mehr offiziell regiert, aber weiterhin jede echte Alternative bedrohen kann. Das wäre für sie ideal: weniger Verantwortung, mehr Überlebenschance.
Für Gaza wäre es verheerend.
Die Menschen dort brauchen keine neue Fassade. Sie brauchen ein Ende der Hamas-Herrschaft in all ihren Formen. Sie brauchen eine Verwaltung, die nicht unter dem Blick bewaffneter Islamisten arbeitet. Sie brauchen Hilfe, die nicht durch Terrorstrukturen gefiltert wird. Sie brauchen Schulen ohne Indoktrination, Krankenhäuser ohne militärische Zweckentfremdung, Wohngebiete ohne Waffenlager und eine Zukunft, in der sie nicht erneut als Schutzschild einer Ideologie missbraucht werden.
Israel muss deshalb auf dem entscheidenden Punkt bestehen: Kein Wiederaufbau als Belohnung für eine Hamas-Verkleidung. Kein internationaler Druck für einen Rückzug, während die bewaffnete Macht im Hintergrund überlebt. Kein technokratisches Komitee als Feigenblatt für eine Terrororganisation, die ihre politische Niederlage in einen administrativen Trick verwandeln will.
Wenn Hamas ihr Regierungsgremium tatsächlich auflöst, ist das nur ein erster Schritt. Vielleicht nicht einmal das. Es könnte auch ein taktischer Schritt sein, um den Druck der Vermittler zu entschärfen und internationale Gelder wieder in Bewegung zu bringen. Der wahre Maßstab liegt nicht in der Ankündigung. Er liegt in der Frage, ob Hamas ihre Waffen verliert, ihre Sicherheitsnetze aufgelöst werden und ihre Fähigkeit endet, Gaza weiter zu beherrschen.
Bis dahin gilt: Hamas gibt vielleicht ein Büro ab. Aber Macht gibt sie erst ab, wenn sie keine Waffen mehr hat.
Autor: Redaktion
Artikel veröffentlicht am: Montag, 6. Juli 2026