Ärzte ohne Grenzen und die Grenze zur Israelfeindschaft
Ein neuer Bericht wirft Ärzte ohne Grenzen eine tief verwurzelte Kultur der Israel-Feindseligkeit und des Antisemitismus vor. Wenn jüdische Mitarbeiter in einer Hilfsorganisation Angst haben, ist nicht nur die Neutralität beschädigt.

Ärzte ohne Grenzen gehört zu den bekanntesten humanitären Organisationen der Welt. Der Name klingt nach Mut, Notfallmedizin, Krisengebieten, Schutz der Schwächsten. Genau deshalb wiegen die neuen Vorwürfe so schwer. NGO Monitor wirft Médecins Sans Frontières, international bekannt als MSF, in einem neuen Bericht eine tief verwurzelte Kultur aus Antisemitismus, Anti-Zionismus und Feindseligkeit gegenüber Israel vor. Der Bericht stützt sich auf interne Aussagen, persönliche Erfahrungen jüdischer Mitarbeiter, frühere Funktionäre und Beiträge aus geschlossenen Mitarbeiterforen.
Das ist kein kleiner Vorwurf. Es geht nicht um eine missglückte Pressemitteilung, nicht um einen einzelnen Aktivisten, nicht um eine zugespitzte Formulierung in einem Gaza-Statement. NGO Monitor beschreibt ein organisatorisches Klima, in dem Israel nicht wie ein Staat unter schwierigen Sicherheitsbedingungen behandelt werde, sondern als grundsätzlich illegitimer Feind. Besonders brisant: Jüdische Mitarbeiter berichten demnach, dass ihre Sorgen über Antisemitismus abgetan, umgedeutet oder ihnen selbst als „Propaganda“ angelastet worden seien.
Man muss bei solchen Berichten sauber bleiben. NGO Monitor ist eine Organisation mit klar pro-israelischem Profil. MSF weist Vorwürfe israelischer Stellen zurück und betont seine medizinische Arbeit in Gaza. Die Organisation verweist auf Hunderttausende Behandlungen, Operationen, Impfungen, Geburten, psychologische Hilfe und die Versorgung mit Wasser. Humanitäre Arbeit in Kriegsgebieten ist real, schwer und oft lebensrettend. Wer das ausblendet, macht es sich zu einfach.
Aber gerade weil MSF einen so hohen moralischen Anspruch erhebt, darf es sich vor den Vorwürfen nicht hinter dem eigenen Ruf verstecken. Eine Hilfsorganisation, die Neutralität, Unparteilichkeit und Unabhängigkeit beansprucht, muss sich fragen lassen, ob diese Worte noch tragen, wenn jüdische Mitarbeiter das Gefühl haben, dass ihr Schmerz nach dem 7. Oktober weniger zählt als die politische Erzählung über Israel.
Der Bericht enthält Aussagen, die alarmieren. Der frühere MSF-Generalsekretär Richard Rossin erklärte bereits 2024 gegenüber der kanadischen „National Post“, eine ideologische Schlagseite gegen Israel sei seit den frühen achtziger Jahren wahrnehmbar gewesen. Er beschrieb, wie Antisemitismus unter dem Deckmantel des Anti-Zionismus gewachsen sei. In einem Fall aus Uganda 2010 soll eine MSF-Gruppe aus den Niederlanden sich geweigert haben, mit einem israelischen medizinischen Hilfsteam zusammenzuarbeiten. Rossin sprach von einer Empathie, die nur in eine Richtung funktioniere.
Auch Alain Destexhe, früherer Arzt bei MSF und später Generalsekretär der Organisation, wird mit scharfer Kritik zitiert. Nach seiner Einschätzung habe MSF in Gaza die Seite von Hamas gegen Israel eingenommen und sei nicht mehr die Organisation, die sie vor 15 oder 20 Jahren gewesen sei. Solche Worte kommen nicht von außenstehenden Gegnern, sondern von Menschen, die MSF aus der eigenen Geschichte kennen. Genau deshalb kann man sie nicht einfach als israelische Abwehrpropaganda abtun.
Besonders schwer wiegen die Aussagen jüdischer Mitarbeiter. Michael Goldfarb, der 15 Jahre für MSF USA arbeitete, berichtete dem „Jewish Chronicle“, europäische Kollegen hätten ihm offen gesagt, Israel habe kein Existenzrecht. Er beschrieb ein Klima, in dem Israel als Nazi-Staat, Juden als weiße Unterdrücker und Zionismus als Nazismus dargestellt worden seien. Dr. Estrella Lasry, die über Jahre mit der medizinischen Abteilung von MSF in Genf verbunden war, sprach von einem erschütternden Mangel an Empathie gegenüber den Opfern in Israel. Als sie die Kommunikation der Organisation als einseitig kritisierte, sei ihr vorgeworfen worden, Teil der „israelischen Propagandamaschine“ zu sein.
Wenn solche Aussagen stimmen, geht es nicht mehr um politische Meinungsverschiedenheiten. Dann geht es um ein Arbeitsumfeld, in dem jüdische Mitarbeiter nicht als Betroffene gehört werden, sondern als verdächtige Träger einer falschen Loyalität. Genau das ist ein altes antisemitisches Muster: Juden dürfen sprechen, solange sie nicht widersprechen. Sobald sie Israel verteidigen, Geiseln erwähnen oder Hamas nicht aus der Verantwortung entlassen, gelten sie als Teil einer fremden Maschine.
Auch die im Bericht erwähnten internen Forumsbeiträge sind verstörend. Dort sollen Aussagen gefallen sein, die von einer Befreiung der Welt vom Zionismus sprechen, Israel als jahrzehntealten Tatort bezeichnen oder die Vergewaltigungsvorwürfe gegen palästinensische Kämpfer als Propaganda abtun. Sollte das in einer geschlossenen Kommunikationsstruktur einer weltweit tätigen Hilfsorganisation ohne klare Konsequenzen stehen bleiben, dann ist das kein Nebengeräusch. Dann ist es ein Symptom.
Der entscheidende Punkt ist nicht, dass MSF Israel kritisiert. Natürlich dürfen Hilfsorganisationen Missstände benennen, ziviles Leid dokumentieren und Regierungen auch hart widersprechen. Auch Israel muss Kritik an militärischen Entscheidungen, humanitären Folgen und Behördenpraxis aushalten. Aber Kritik ist nicht dasselbe wie Dämonisierung. Wer Hamas-Verbrechen ausblendet, israelische Opfer aus der Erzählung löscht, jüdische Mitarbeiter misstrauisch behandelt und Israel in Bildern beschreibt, die an klassische Entmenschlichung erinnern, verlässt die Sprache der Menschenrechte.
Gerade nach dem 7. Oktober ist diese Unterscheidung entscheidend. Hamas ermordete, verschleppte, vergewaltigte und misshandelte Menschen. Die Geiseln wurden nicht zu einem Randdetail, weil der Krieg danach schwer und grausam wurde. Eine humanitäre Organisation, die wirklich unparteilich sein will, muss die Würde aller Opfer sehen. Sie darf palästinensisches Leid nicht instrumentalisieren, um israelisches Leid unsichtbar zu machen. Und sie darf die Tatsache nicht unterschlagen, dass Hamas zivile Räume, Krankenhäuser, Hilfsstrukturen und die eigene Bevölkerung für ihren Krieg ausnutzt.
MSF selbst betont, in Gaza lebenswichtige medizinische Hilfe zu leisten. Das kann stimmen und dennoch nicht die ganze Wahrheit sein. Gute Ärzte, mutige Helfer und wichtige Behandlungen heben politische Einseitigkeit nicht automatisch auf. Eine Organisation kann wertvolle Arbeit leisten und zugleich in ihrer öffentlichen Sprache, internen Kultur oder politischen Haltung schwer versagen. Genau deshalb braucht es unabhängige Prüfung statt moralischer Selbstimmunisierung.
Die besondere Gefahr liegt im Ruf solcher Organisationen. Wenn Ärzte ohne Grenzen spricht, hören Medien, Regierungen und internationale Institutionen zu. MSF-Berichte prägen Nachrichten, Debatten, UN-Gremien, Spendenkampagnen und politische Urteile. Wenn eine solche Organisation systematisch einseitig über Israel spricht, wirkt das weit über ihre eigenen Büros hinaus. Dann wird aus angeblicher Neutralität ein Verstärker politischer Anklage.
Für Israel ist das nicht harmlos. Internationale Hilfsorganisationen sind im Krieg nicht nur medizinische Akteure. Sie sind auch Quellen, Zeugen, Bilderlieferanten, moralische Autoritäten. Wenn diese Autorität verzerrt ist, entsteht ein gefährliches Ungleichgewicht: Hamas kann sich in zivile Räume einbetten, Israel wird für die Folgen des Kampfes verantwortlich gemacht, und die Organisationen, die beides erklären müssten, liefern im schlimmsten Fall nur die Anklage gegen Jerusalem.
Die Antwort auf diesen Bericht darf nicht lauten, MSF pauschal zu verdammen. Viele Mitarbeiter riskieren ihr Leben, um Menschen zu versorgen. Aber gerade diese Arbeit verdient eine Organisation, die frei von Judenhass, frei von ideologischer Verblendung und frei von Hamas-Verharmlosung ist. Wer medizinische Neutralität beansprucht, muss auch jüdische Patienten, jüdische Mitarbeiter und israelische Opfer in dieser Neutralität einschließen.
NGO Monitor fordert grundlegende Veränderungen in Struktur, Führung und Kontrolle von MSF. Das ist eine harte Forderung. Aber nach den dokumentierten Aussagen ist zumindest eines unausweichlich: MSF muss offenlegen, wie mit antisemitischen Aussagen, mit Hamas-Verharmlosung und mit Beschwerden jüdischer Mitarbeiter umgegangen wurde. Es braucht unabhängige Aufarbeitung, klare Regeln und echte Konsequenzen. Nicht irgendwann. Jetzt.
Denn der Schaden reicht weiter als bis zu MSF. Wenn große Menschenrechts- und Hilfsorganisationen Antisemitismus als bloße Meinungsverschiedenheit behandeln, verlieren sie ihre moralische Glaubwürdigkeit. Dann lernen jüdische Mitarbeiter, dass ihre Angst nicht zählt. Dann lernen Täter, dass „Zionismus“ als Ersatzwort genügt, um alte Feindbilder neu auszusprechen. Und dann lernen Terrororganisationen, dass sie sich hinter humanitären Bildern verstecken können, während Israel international auf der Anklagebank sitzt.
Ärzte ohne Grenzen hat sich einen Namen gemacht, weil es dort helfen wollte, wo andere wegsehen. Jetzt muss die Organisation beweisen, dass sie auch bei sich selbst nicht wegschaut.
Autor: Redaktion
Artikel veröffentlicht am: Sonntag, 5. Juli 2026