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Warum Ramallah und Hamas UNRWA nicht loslassen wollen


Trumps Board of Peace will UNRWA aus dem „neuen Gaza“ heraushalten. Die empörte Reaktion aus Ramallah und von Hamas zeigt: Es geht nicht nur um Hilfsgüter, sondern um das politische Herz des palästinensischen Flüchtlingsnarrativs.

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Die Reaktion kam schnell und heftig. Palästinensische Vertreter fordern Donald Trump auf, die angekündigte Entscheidung seines Board of Peace zu revidieren, UNRWA im „neuen Gaza“ keine Rolle mehr zu geben. Hamas verurteilt den Schritt ebenso scharf. Die Palästinensische Autonomiebehörde spricht von einem Angriff auf internationale Rechte, von israelischem Einfluss und von dem Versuch, die palästinensische Frage auszuhöhlen. Genau diese Empörung zeigt, warum die Debatte über UNRWA seit Jahrzehnten so aufgeladen ist.

Denn UNRWA ist nie nur ein Hilfswerk gewesen. Natürlich versorgt die Organisation Menschen mit Nahrung, Bildung, medizinischer Hilfe und sozialen Diensten. Niemand kann ernsthaft bestreiten, dass in Gaza humanitäre Versorgung gebraucht wird. Doch UNRWA steht politisch für weit mehr. Die Organisation ist für Palästinenser, Hamas und die Palästinensische Autonomiebehörde ein internationaler Anker der Flüchtlingsfrage, des Rückkehranspruchs und der Erzählung, dass der Konflikt erst endet, wenn Israel in seiner heutigen Gestalt politisch zur Disposition gestellt wird.

Genau deshalb ist der Satz des Board of Peace so brisant: UNRWA habe keinen Platz im neuen Gaza. Dahinter steht die Idee, Gaza nicht länger in einem System dauerhafter Abhängigkeit, politischer Opferverwaltung und international finanzierter Konfliktverlängerung zu halten. Die Menschen in Gaza brauchen Hilfe. Aber Hilfe muss nicht automatisch über eine Organisation laufen, deren Name seit Jahrzehnten mit einem ungelösten politischen Anspruch verknüpft ist.

Ramallah weiß das. Hamas weiß es noch besser. Darum wird die Debatte sofort von der humanitären Ebene auf die politische Ebene gezogen. Ein Vertreter der Palästinensischen Befreiungsorganisation sagte der Jerusalem Post, UNRWA und die Frage der palästinensischen Flüchtlinge lägen im Zentrum der palästinensischen Sache. Er wies ausdrücklich zurück, dies auf eine humanitäre Frage zu reduzieren. Genau das ist der entscheidende Satz. Wer UNRWA reformieren oder ersetzen will, berührt nicht nur Schulbücher, Hilfslieferungen und Arztpraxen. Er berührt das politische Fundament, auf dem seit 1949 eine ganze Konfliktlogik aufgebaut wurde.

Das Hilfswerk als politisches Erbe

UNRWA wurde 1949 gegründet, um palästinensische Flüchtlinge nach dem arabisch-israelischen Krieg zu unterstützen. Heute betreut die Organisation Millionen registrierte Palästina-Flüchtlinge und deren Nachkommen in Gaza, Judäa und Samaria, Jordanien, Libanon und Syrien. UNRWA selbst erklärt, dass auch Nachkommen männlicher Palästina-Flüchtlinge für die Registrierung berechtigt sind. Das macht die Organisation im palästinensischen Kontext zu einer Institution, die das Flüchtlingsthema von Generation zu Generation weiterträgt.

Genau hier liegt der politische Kern. Andere Flüchtlingssysteme arbeiten grundsätzlich auf dauerhafte Lösungen hin: freiwillige Rückkehr, Integration vor Ort oder Neuansiedlung in einem Drittstaat. UNHCR beschreibt solche Lösungen ausdrücklich als Ziel seiner Arbeit. Bei UNRWA dagegen bleibt die politische Frage der Palästina-Flüchtlinge seit Jahrzehnten offen und wird von Jahr zu Jahr institutionell fortgeschrieben.

Für Israel ist das kein technisches Problem. Es ist eine Existenzfrage. Der sogenannte Rückkehranspruch von Millionen Nachkommen in das heutige Israel würde den jüdischen Staat demografisch und politisch aufheben. Wer UNRWA als unantastbar behandelt, hält damit auch eine Formel lebendig, die nicht auf einen palästinensischen Staat neben Israel hinausläuft, sondern auf eine spätere Rückabwicklung Israels von innen. Genau deshalb sehen viele Israelis UNRWA nicht als neutrale humanitäre Einrichtung, sondern als Teil der politischen Infrastruktur des Konflikts.

Die palästinensischen Reaktionen bestätigen diese Sicht beinahe unfreiwillig. Wenn PA-Vertreter sagen, Israel wolle mit dem Ende von UNRWA die palästinensische Sache zerstören, dann sagen sie im Kern: Ohne UNRWA fehlt ein zentrales Instrument, um die Flüchtlingsfrage offen zu halten. Wenn Hamas erklärt, UNRWA sei ein internationaler Zeuge der Nakba und verkörpere die Verantwortung der Welt gegenüber den Flüchtlingen, dann geht es nicht um Mehl, Medikamente oder Zelte. Es geht um Symbolik, Rechtsanspruch und politische Mobilisierung.

Humanitäre Hilfe darf aber nicht mit politischer Endlosschleife verwechselt werden. Gaza braucht Krankenhäuser, Schulen, Lebensmittel, Wasser, Abwasserinfrastruktur und Wiederaufbau. Doch warum sollte all das zwingend über eine Organisation laufen, die nach dem 7. Oktober in eine der schwersten Vertrauenskrisen ihrer Geschichte geraten ist?

Nach dem 7. Oktober ist Vertrauen kein Detail mehr

Israel wirft UNRWA seit Jahren vor, in Gaza zu eng mit Hamas-Strukturen verwoben zu sein. Nach dem Massaker vom 7. Oktober 2023 wurden diese Vorwürfe noch schwerer. Israelische Geheimdienstinformationen belasteten einzelne UNRWA-Mitarbeiter. Die Vereinten Nationen bestätigten später, dass nach internen Untersuchungen neun UNRWA-Mitarbeiter möglicherweise an den Angriffen beteiligt gewesen sein könnten; diese Mitarbeiter wurden entlassen. UNRWA weist den Vorwurf zurück, es gebe eine breite oder systematische Unterstützung für Hamas, und spricht von Einzelfällen.

Aber schon „Einzelfälle“ reichen hier nicht als Entwarnung. Der 7. Oktober war kein normaler Konflikttag. Es war ein Massaker an israelischen Zivilisten, Familien, Kindern, Alten, Soldaten und Feiernden. Wenn auch nur einzelne Mitarbeiter einer UN-Organisation daran beteiligt gewesen sein könnten, muss die Frage nach Kontrolle, Personalprüfung, politischer Kultur und institutioneller Nähe zu Hamas mit voller Härte gestellt werden.

Dazu kommen israelische Berichte über Hamas-Infrastruktur unter oder nahe UNRWA-Einrichtungen, darunter Schulen und andere Gebäude. UNRWA bestreitet, bewusst terroristische Nutzung seiner Anlagen geduldet zu haben, und verweist auf seine humanitäre Aufgabe. Doch für Israel bleibt die Erfahrung: In Gaza verschwimmen zivile Infrastruktur, Hamas-Herrschaft, UN-Strukturen und internationale Hilfslogistik auf gefährliche Weise. Wer nach dem Krieg einen neuen Gazastreifen aufbauen will, kann diese Erfahrung nicht einfach beiseitelegen.

Ende 2024 zog Israel Konsequenzen. Die Knesset verabschiedete Gesetze, die UNRWA-Aktivitäten auf israelischem Gebiet untersagen und Kontakte zwischen israelischen Stellen und UNRWA beenden. Für die UNO und viele europäische Staaten war das ein harter Schlag gegen eine zentrale Hilfsorganisation. Für Israel war es ein Schritt gegen eine Institution, die nach israelischer Sicht nicht mehr als verlässlicher Partner gelten kann.

Nun geht Trump mit seinem Board of Peace weiter. Wenn UNRWA keinen Platz im „neuen Gaza“ haben soll, dann steht damit eine viel größere Frage im Raum: Kann es einen Wiederaufbau Gazas geben, der nicht die alten Abhängigkeiten, die alte Hamas-Nähe, die alten Flüchtlingsformeln und die alte internationale Selbsttäuschung fortsetzt?

Die Antwort muss ja lauten. Nicht, weil die Menschen in Gaza weniger Hilfe bekommen sollen. Sondern weil sie endlich andere Hilfe brauchen: transparent, kontrolliert, entpolitisiert, ohne Hamas-Zugriff, ohne Flüchtlingsmythos als Dauergeschäft und ohne internationale Organisationen, die aus der eigenen Unantastbarkeit ein politisches Schutzschild machen.

Palästinensische Funktionäre nennen das einen Angriff auf Rechte. Tatsächlich ist es ein Angriff auf ein System, das den Konflikt zu lange verwaltet hat, statt ihn zu lösen. Wer Gaza wirklich neu aufbauen will, darf nicht dieselben Strukturen wieder einsetzen, die Gaza mitgeprägt haben. Wer Schulen baut, muss sicherstellen, dass dort nicht Hass gelehrt wird. Wer Hilfsgüter verteilt, muss verhindern, dass Terrororganisationen davon profitieren. Wer Flüchtlinge unterstützt, muss auf Zukunft hinarbeiten, nicht auf die ewige Wiederholung von 1948.

Die Empörung aus Ramallah und von Hamas ist deshalb aufschlussreicher als jede diplomatische Erklärung. Beide Seiten, die sonst erbittert gegeneinanderstehen, verteidigen UNRWA fast im gleichen Ton. Die PA nennt die Organisation unverzichtbar. Hamas nennt sie Zeugen der Nakba. Das sagt alles. UNRWA ist der gemeinsame Nenner einer palästinensischen Politik, die den Konflikt nicht abschließen will, solange die Flüchtlingsfrage als Hebel gegen Israel bestehen bleibt.

Israel wird dafür wieder beschuldigt werden. Es werde Rechte beseitigen, den Konflikt „entkernen“, die Palästinenser spalten, Gaza isolieren. Doch die eigentliche Frage lautet anders: Warum soll ein neues Gaza auf einer Organisation beruhen, die genau jene politische Vergangenheit verkörpert, aus der die nächste Gewalt immer wieder gespeist wird?

Hilfe für Gaza ja. Schulen, Kliniken, Lebensmittel, Wasser, Wiederaufbau und Schutz für Zivilisten ja. Aber nicht über ein System, das den Flüchtlingsstatus vererbt, Hamas nicht zuverlässig aus seinen Strukturen heraushalten konnte und die palästinensische Sache über Generationen in einer Endlosschleife hält.

Trumps Board of Peace hat mit einem Satz eine alte Wahrheit freigelegt: Wer UNRWA in Frage stellt, stellt nicht die Hilfe für Palästinenser in Frage. Er stellt die politische Maschine in Frage, die aus Hilfe eine Waffe gegen jede endgültige Lösung gemacht hat.

Autor: Redaktion

Artikel veröffentlicht am: Sonntag, 5. Juli 2026

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