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Israels schwerster Terrorprozess beginnt mit einer bitteren Wahrheit: Gerechtigkeit braucht Zeit


1.000 Tage nach dem Massaker vom 7. Oktober bereitet Israel den größten Terrorprozess seiner Geschichte vor. In Jerusalem entsteht ein Sondergericht für Täter, Beweise, Zeugenaussagen und eine nationale Wunde, die vor Gericht nicht kleiner wird.

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Fast 1.000 Tage nach dem Massaker vom 7. Oktober steht Israel vor einer Aufgabe, für die es in seiner Geschichte kaum ein Vorbild gibt. Der Staat muss Hunderte mutmaßliche Täter vor Gericht bringen, ohne die Opfer zu übergehen, ohne die Familien noch einmal allein zu lassen und ohne ein Verfahren zu bauen, das unter der eigenen Schwere zusammenbricht. Es geht nicht um einen einzelnen Angeklagten, nicht um einen Tatort, nicht um eine klar abgrenzbare Akte. Es geht um ein Massaker, das sich über Kibbuze, Straßen, Häuser, Militärposten und das Nova-Festival zog. Es geht um Mord, Entführung, Vergewaltigung, Plünderung, Folter, verbrannte Familien, verschleppte Kinder, ermordete Alte und um die Frage, wie ein demokratischer Staat auf organisierte Barbarei antwortet, ohne sein eigenes Recht preiszugeben.

Genau darin liegt die Härte dieses Verfahrens. Israel könnte den Ruf nach schneller Vergeltung bedienen. Viele hätten dafür Verständnis. Doch ein Staat, der den Tätern des 7. Oktober einen Prozess macht, tut mehr als Strafen verhängen. Er dokumentiert, was geschehen ist. Er zwingt die Täter, nicht mehr als gesichtslose Masse hinter den Fahnen der Hamas zu verschwinden. Er gibt den Familien einen Ort, an dem ihre Toten nicht nur betrauert, sondern rechtlich benannt werden. Und er sendet eine Botschaft, die stärker ist als jede Parole: Der jüdische Staat wird selbst nach dem schlimmsten Massaker an Juden seit der Schoa nicht zu dem, was seine Feinde aus ihm machen wollen.

Die Vorbereitungen sind gewaltig. Die Knesset hat im Mai ein Gesetz verabschiedet, das einen besonderen militärischen Gerichtshof in Jerusalem schafft. Die Abstimmung fiel mit 93 Stimmen ohne Gegenstimme aus. Das Gesetz erfasst mutmaßliche Taten vom 7. bis 10. Oktober 2023 sowie Verbrechen an Geiseln, die nach diesen Tagen im Gazastreifen festgehalten wurden. Verhandelt werden können unter anderem Verbrechen gegen das jüdische Volk, Verbrechen gegen die Menschlichkeit, Kriegsverbrechen, Mord, Vergewaltigung, Entführung und Plünderung. In bestimmten Fällen eröffnet der rechtliche Rahmen auch die Möglichkeit der Todesstrafe, verbunden mit automatischer Überprüfung durch eine höhere Instanz. Die Verfahren sollen öffentlich sein, Opfer und Familien sollen teilnehmen können.

In Atarot im Norden Jerusalems entsteht dafür ein eigener Gerichtskomplex. Nach Informationen der Jerusalem Post sind dort neun Gerichtssäle und bis zu 15 Spruchkörper vorgesehen. Es geht nicht nur um Mauern, Sicherheitsschleusen und Sitzreihen. Gebaut wird faktisch ein vorübergehendes Justizsystem für ein Verbrechen, das den normalen Rahmen sprengt. Die Anlage muss Hochrisikoangeklagte aufnehmen, parallele Verfahren ermöglichen, digitale Beweismassen verarbeiten, Verteidiger zulassen, Dolmetscher, Sicherheit, medizinische Versorgung, Übertragungstechnik und Schutzräume für Zeugen und Angehörige bereithalten. Die Regierung bewilligte dafür einen Budgetrahmen von mehr als einer Milliarde Schekel (ca. 300 Millionen Euro) für die Jahre 2026 bis 2029.

Dass noch kein Prozess begonnen hat, schmerzt viele Familien. Es ist ein Schmerz, den man nicht kleinreden darf. Wer Angehörige verloren hat, wer gesehen hat, wie Eltern, Kinder, Partner oder Freunde ermordet wurden, kann schwer ertragen, dass Täter seit Jahren in Haft sitzen, aber noch kein Urteil gesprochen wurde. Der Staatskontrolleur kritisierte im Juni, dass weiterhin kein einziger Prozess im Zusammenhang mit dem 7. Oktober begonnen habe. Zugleich spielte die Geiselfrage eine zentrale Rolle. Solange Israelis im Gazastreifen festgehalten wurden, bestand die Sorge, dass festgenommene Terroristen Teil künftiger Austauschverhandlungen werden könnten. Diese Lage hat die juristische Aufarbeitung verzögert. Das erklärt nicht alles, aber es zeigt, wie sehr der 7. Oktober auch nach dem eigentlichen Angriff jede staatliche Entscheidung Israels vergiftet hat.

Der erste Prozess wird frühestens 2028 erwartet. Diese Zahl ist schwer zu ertragen, aber sie ist keine Nebensache. Wer einen Prozess will, der Bestand hat, muss ihn auf Beweise bauen, nicht auf Wut. Die Ermittler und Ankläger müssen Material aus zerstörten Tatorten, Aussagen von Überlebenden, Geständnissen oder Einlassungen von Verdächtigen, Videoaufnahmen der Täter, digitalen Spuren, forensischen Befunden und Unterlagen aus dem Gazastreifen zusammenführen. Daraus muss ein Beweisbild entstehen, das vor Gericht geprüft werden kann. Nicht vor einer Pressekonferenz. Nicht vor einer Regierungserklärung. Vor Richtern, Verteidigern, Öffentlichkeit und später auch vor der Geschichte.

Die größte Gefahr ist nicht, dass es zu wenig Material gibt. Die größere Gefahr ist, dass die Menge des Materials jede Ordnung sprengt. Nach Angaben der Jerusalem Post wird mit rund 12.000 möglichen Zeugen gerechnet. Hinter dieser Zahl stehen Menschen, keine Aktenzeichen. Überlebende, Angehörige, Sanitäter, Soldaten, Ermittler, forensische Experten, Menschen, die ein ganzes Bild sahen, und Menschen, die nur Sekunden sahen, die sie ihr Leben lang nicht mehr loswerden. Manche werden über Mord sprechen müssen. Manche über Entführungen. Manche über sexuelle Gewalt. Manche über das, was übrig blieb, als die Täter verschwunden waren.

Gerade die Verbrechen sexualisierter Gewalt stellen die Justiz vor eine besonders grausame Beweisfrage. Viele Opfer wurden ermordet. Tatorte wurden zerstört, verändert oder im Chaos des Angriffs nicht sofort gesichert. Überlebende Zeugen sahen häufig nur Bruchstücke. Die Civil Commission on October 7th Crimes by Hamas Against Women and Children spricht in ihrem Bericht von einem breiten Beweisbestand aus Zeugenaussagen, Bildmaterial und dokumentierten Mustern. Für Strafverfahren bedeutet das: Die Anklage muss einzelne Angeklagte und konkrete Tatvorwürfe rechtssicher verbinden, darf aber die wiederkehrenden Muster des Angriffs nicht künstlich zerlegen, als sei jedes Verbrechen ein isolierter Zufall gewesen.

Hier beginnt der juristische Kernkampf. Israel muss entscheiden, wie es den 7. Oktober vor Gericht erzählt. Werden die Verfahren vor allem nach Tatorten aufgebaut, etwa nach Kibbutz, Straße, Militärbasis oder Festivalgelände? Oder versucht die Anklage, den Angriff als gemeinsames kriminelles Unternehmen zu fassen, bei dem einzelne Täter über ihren unmittelbaren Tatort hinaus Verantwortung tragen, weil sie Teil eines koordinierten Angriffs waren? Diese Entscheidung wird alles prägen: Zahl der Anklagen, Umfang der Beweise, Belastung der Familien, Länge der Verfahren und die Frage, ob die Koordination der Hamas als das sichtbar wird, was sie war: kein spontaner Ausbruch, sondern ein vorbereiteter Vernichtungsangriff.

Ein nur ortsbezogener Prozess kann für Angehörige klarer sein. Er verbindet Täter, Opfer und Tatort greifbarer. Er kann Beweise leichter strukturieren. Aber er birgt die Gefahr, die strategische Dimension des Massakers zu zerstückeln. Der 7. Oktober war nicht nur eine Reihe einzelner Morde. Er war ein Angriff auf den jüdischen Staat, auf jüdisches Leben, auf Dörfer, Familien und die Vorstellung, dass Juden in Israel sicher sind. Wenn die Verfahren diesen Zusammenhang verlieren, verlieren sie einen Teil der Wahrheit.

Gleichzeitig darf Israel nicht den Fehler machen, aus historischer Wahrheit eine ungenaue Anklage zu bauen. Jeder Angeklagte hat Anspruch auf eine individuelle Verteidigung. Das ist unbequem, aber genau darin liegt die Stärke des Rechtsstaats. Die Täter des 7. Oktober haben ihren Opfern jede Würde genommen. Israel darf ihnen deshalb nicht den Prozess nehmen, sondern muss ihn so führen, dass kein Urteil später wegen Schlamperei, Übermaß oder politischer Eile zerfällt. Das ist keine Milde. Das ist Härte mit Fundament.

Internationale Kritiker werden das Sondergericht trotzdem angreifen. Sie tun es bereits. Der Hohe Kommissar der Vereinten Nationen für Menschenrechte, Volker Türk, forderte im Mai die Rücknahme des Gesetzes. Menschenrechtsorganisationen äußerten Bedenken zur Fairness der Verfahren, zur Todesstrafe und zur militärischen Struktur des Gerichts. Solche Kritik wird lauter werden, je näher die Prozesse rücken. Israel muss ihr nicht ausweichen. Ein demokratischer Staat kann Kritik aushalten. Aber er muss auch klar sagen: Die Alternative zur rechtlichen Aufarbeitung kann nicht darin bestehen, die Täter des größten antisemitischen Massakers seit der Schoa in einem juristischen Schwebezustand zu belassen.

Wer Israel vorwirft, mit diesen Verfahren Geschichte schreiben zu wollen, hat in einem Punkt sogar recht. Natürlich geht es um Geschichte. Der Eichmann-Prozess hat der Welt gezeigt, wie jüdisches Leiden, Täterverwaltung und deutsche Vernichtungspolitik in einem Gerichtssaal sichtbar gemacht werden konnten. Doch der Vergleich trägt nur begrenzt. Eichmann war ein Angeklagter in einem Verfahren. Beim 7. Oktober geht es um Hunderte Beschuldigte, zahlreiche Tatorte, unterschiedliche Täterrollen, unzählige Beweise und Tausende betroffene Menschen. Näher liegen Vergleiche mit den großen internationalen Verfahren nach Ruanda oder den Kriegen im ehemaligen Jugoslawien. Aber auch diese Vergleiche hinken, denn Israel richtet kein externes Tribunal ein. Israel versucht, seine eigenen Bürger, seine eigenen Opfer und seine eigene nationale Wunde durch das eigene Rechtssystem zu führen.

Genau darum ist dieses Verfahren so bedeutsam. Es wird nicht nur über einzelne Hamas-Terroristen richten. Es wird zeigen, ob Israel fähig ist, dem 7. Oktober eine juristische Form zu geben, die weder die Grausamkeit verkleinert noch den Rechtsstaat verbiegt. Es wird zeigen, ob die Opferfamilien einen Platz bekommen, ohne zu Statisten einer staatlichen Inszenierung zu werden. Es wird zeigen, ob Richter und Ankläger den Mut haben, die ganze Schwere der Verbrechen auszusprechen, und zugleich die Disziplin, nur das zu verurteilen, was beweisbar ist.

Das ist schwer. Es wird langsam sein. Es wird Momente geben, in denen Familien den Gerichtssaal verlassen müssen, weil die Details unerträglich sind. Es wird Streit über Beweise geben, über geheimes Material, über Geheimdienstquellen, über Videos, über Zeugenschutz, über Übersetzungen, über die Frage, was öffentlich gezeigt werden darf und was nicht. Es wird Verteidiger geben, die jede Lücke nutzen. Es wird internationale Beobachter geben, die Israel misstrauen, noch bevor der erste Zeuge gesprochen hat. Und es wird eine israelische Öffentlichkeit geben, die nach schnellen Urteilen ruft, weil der Schmerz seit dem 7. Oktober nicht kleiner geworden ist.

Aber gerade deshalb muss Israel diesen Weg gehen. Nicht, weil er einfach ist. Sondern weil er der einzige Weg ist, der den Unterschied zwischen Staat und Terror zeigt. Hamas mordete, filmte, verhöhnte, verschleppte und feierte. Israel baut Gerichtssäle, sammelt Beweise, bereitet Zeugen vor, stellt Richter zusammen und ringt mit der Frage, wie selbst das Unfassbare in rechtsstaatliche Verfahren übersetzt werden kann. Dieser Unterschied ist nicht Schwäche. Er ist der Kern dessen, was Hamas zerstören wollte.

1.000 Tage nach dem Massaker ist noch kein Urteil gesprochen. Das ist für viele kaum auszuhalten. Doch die Antwort darauf darf nicht ein schneller Prozess sein, der später zerbricht. Die Antwort muss ein Verfahren sein, das so belastbar ist, dass es die Jahre übersteht. Für die Familien. Für die Überlebenden. Für die Geiseln, die zurückkamen, und für jene, die nicht zurückkehrten. Für die israelische Gesellschaft. Und für eine Welt, die sich an den 7. Oktober nicht erst dann erinnern darf, wenn die Täter im Gerichtssaal sitzen.

Atarot wird deshalb mehr als ein Gerichtsstandort. Es wird ein Ort, an dem Israel versucht, das Massaker in die Sprache des Rechts zu zwingen. Nicht um den Schmerz zu beenden. Das kann kein Gericht. Aber um festzuhalten, wer getötet, wer entführt, wer geschändet, wer geplündert und wer befohlen hat. Um zu zeigen, dass Gerechtigkeit in Israel nicht aus Rache besteht, sondern aus Beweis, Urteil und Erinnerung.

Die Täter des 7. Oktober wollten Juden wieder zu wehrlosen Opfern machen. Israel antwortet ihnen mit Armee, Erinnerung und Recht. Der militärische Kampf hat die Täter gejagt. Die Gerichte müssen nun ihre Schuld festhalten. Nicht hastig. Nicht schwach. Sondern so, dass niemand später sagen kann, Israel habe nur verurteilt, weil es gelitten hat.

Israel verurteilt, weil Verbrechen bewiesen werden. Genau das unterscheidet den jüdischen Staat von seinen Feinden.

Autor: Redaktion

Artikel veröffentlicht am: Samstag, 4. Juli 2026

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