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Israel braucht mehr als Feuerkraft, aber Trumps Verrat bleibt Trumps Verantwortung


Israel hat zu lange geglaubt, militärische Stärke könne fehlende Diplomatie ersetzen. Doch Trumps Iran-Kurs zeigt auch: Ein unberechenbarer Verbündeter bleibt ein Risiko.

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Manchmal tut eine Kritik weh, weil sie nicht völlig falsch ist. Die Jerusalem-Post-Analyse von Ezra Taylor gehört in diese Kategorie. Seine These ist hart: Israel habe Trumps Iran-Verrat selbst mit vorbereitet, weil es seit Jahrzehnten vor allem Bedrohungen verwalte, statt politische Auswege zu bauen. Man muss diese These nicht in jeder Zuspitzung teilen, um den wahren Kern zu erkennen. Israel hat militärisch oft Großes geleistet, diplomatisch aber viel zu lange geglaubt, der eiserne Wille zum Überleben ersetze eine langfristige Strategie.

Das heißt nicht, dass Donald Trump aus der Verantwortung entlassen wäre. Im Gegenteil. Trumps neuer Iran-Kurs, sein Druck auf Israel im Libanon und seine groteske Idee, Syrien könne die Hisbollah besser in den Griff bekommen, sind keine zwangsläufige Folge israelischer Fehler. Sie sind Entscheidungen eines amerikanischen Präsidenten, der Ruhe, Energiepreise und schnelle Erfolgsmeldungen offenbar höher gewichtet als die Sicherheitsinteressen des engsten demokratischen Partners im Nahen Osten. Verrat wird nicht unvermeidlich, nur weil der Betrogene vorher Fehler gemacht hat.

Aber Israel sollte den unangenehmen Teil der Debatte nicht wegwischen. Seit dem 7. Oktober klingt immer wieder derselbe Satz: den Job beenden. Gemeint ist Hamas zerschlagen, Geiseln zurückholen, die militärische Bedrohung beseitigen. Doch wenn man ehrlich ist, reicht das nicht. Hamas ist nicht nur eine Truppe mit Waffen. Sie ist ein Herrschaftssystem, eine Ideologie, ein soziales Milieu, ein Finanznetz, ein Propagandaapparat und ein iranisch gestützter Teil einer größeren Achse. Dasselbe gilt, mit anderen Mitteln, für Hisbollah, Huthi und die iranische Revolutionsgarde. Man kann solche Kräfte militärisch treffen. Man kann ihre Kommandeure töten, Tunnel zerstören, Raketenlager sprengen. Aber wenn danach keine politische Ordnung entsteht, wächst die Gefahr wieder nach.

Israel kennt diese Erfahrung besser als jedes andere Land. Über Jahre wurde der Gazastreifen nicht gelöst, sondern eingezäunt, überwacht und in Abständen militärisch bearbeitet. Man nannte es nüchtern „mowing the grass“, das Zurückschneiden des Rasens. Es war keine schöne Formel, aber sie beschrieb eine Realität: Die Bedrohung wurde begrenzt, nicht beendet. Das war nicht nur Zynismus. Israel hatte es mit einer Terrororganisation zu tun, mit einer schwachen Palästinensischen Autonomiebehörde, mit internationaler Heuchelei und mit Partnern, die oft schöne Pläne wollten, aber keine Verantwortung. Trotzdem bleibt die Frage: Wurde genug getan, um eine andere Struktur aufzubauen?

Hier wird die Kritik gefährlich berechtigt. Israel hat seinen militärischen Arm über Jahrzehnte gestärkt, seinen diplomatischen Arm aber oft vernachlässigt. Das Außenministerium war zeitweise so ausgezehrt, dass über eingefrorene Aktivitäten und dramatische Budgetprobleme berichtet wurde. Ein Land, das an so vielen Fronten um Verständnis, Bündnisse und strategische Tiefe kämpfen muss, darf Diplomatie nicht wie Dekoration behandeln. Öffentlichkeitsarbeit nach der Katastrophe reicht nicht. Israel braucht vor der nächsten Katastrophe belastbare Partner.

Die Abraham-Abkommen waren ein großer Schritt. Aber sie lösten nicht Gaza, nicht Judäa und Samaria und nicht den iranischen Stellvertreterkrieg. Sie verbanden Israel mit Staaten, die längst erkannt hatten, dass Iran und Islamismus auch ihre eigene Zukunft bedrohen. Das war wichtig. Doch die schwereren Gegner blieben draußen. Genau dort wäre jahrelange, geduldige, manchmal unangenehme Diplomatie nötig gewesen: mit arabischen Staaten, mit afrikanischen Staaten, mit europäischen Regierungen, mit asiatischen Partnern, mit Akteuren, die Israel nicht lieben müssen, aber ein Interesse daran haben, dass Iran seine Terrorachse nicht weiter ausbaut.

Bei Iran gilt das noch stärker. Ein paar Schläge können ein Nuklearprogramm beschädigen. Sie können Zeit kaufen. Sie können ein Regime erschrecken. Aber sie ersetzen keine internationale Front, die Teheran wirtschaftlich, politisch und militärisch so einschnürt, dass Wiederaufbau und Täuschung schwerer werden. Der Iran hat sich über Jahrzehnte Feinde gemacht: in der Region, in Europa, in Südamerika, in Afrika, im internationalen Schiffsverkehr. Daraus hätte viel früher eine breitere Koalition entstehen müssen. Nicht nur eine Koalition der Freunde Israels, sondern eine Koalition der Gegner iranischer Erpressung.

Netanyahu trägt daran Verantwortung, aber nicht allein. Die israelische Grundhaltung, es gebe ohnehin keinen Partner, ist nicht aus dem Nichts entstanden. Sie wurde durch Terror, gebrochene Zusagen, Raketen, Hetze und internationale Doppelmoral genährt. Viele Israelis glauben nicht deshalb an militärische Härte, weil sie blind für Diplomatie wären, sondern weil sie zu oft erlebt haben, dass schöne Formeln am Ende vor brennenden Häusern stehen. Trotzdem bleibt wahr: Partner fallen nicht vom Himmel. Manchmal muss man Bedingungen schaffen, unter denen sie entstehen können.

Trump nutzt nun genau diese Schwäche aus. Weil Israel in vielen Fragen auf amerikanische Rückendeckung angewiesen bleibt, kann Washington plötzlich versuchen, Jerusalem in ein Abkommen hineinzuziehen, das Teheran Luft verschafft und die Hisbollah im Libanon politisch schützt. Reuters berichtet von wachsender Spannung zwischen Trump und Netanyahu und von amerikanischer Kritik an Israels Vorgehen im Libanon. Das ist die bittere Lehre: Wer seine strategischen Alternativen nicht breit genug baut, steht irgendwann vor einem Verbündeten, der den Preis diktiert.

Doch daraus folgt nicht, dass Israel weniger militärische Stärke braucht. Es folgt, dass Israel mehr als militärische Stärke braucht. Ein Staat in Israels Lage kann nicht auf Abschreckung verzichten. Nicht nach dem 7. Oktober. Nicht mit Hisbollah im Norden. Nicht mit Iran im Hintergrund. Aber Abschreckung ohne diplomatische Architektur bleibt teuer, einsam und erschöpfend. Sie hält den Feind zurück, bis der nächste Sturm kommt.

Israel muss deshalb zweigleisig denken. Es muss weiter zuschlagen können, wenn Terrorarmeen drohen. Und es muss zugleich jene politische Ordnung bauen, die verhindert, dass jede militärische Runde zur Vorbereitung der nächsten wird. Das ist schwer. Es verlangt Zugeständnisse, Geduld, Misstrauen und Partner, die selbst nicht immer angenehm sind. Aber die Alternative ist sichtbar: ein amerikanischer Präsident, der gestern Stärke versprach, heute Iran entlastet und morgen Israel erklärt, Syrien könne die Hisbollah übernehmen.

Trump hat Israel nicht verraten, weil Israel Fehler gemacht hat. Trump verrät Israel, weil Trump gerade Trump ist. Aber Israel darf aus diesem Verrat nicht nur Empörung ziehen. Es muss daraus lernen. Ein Land, das sich im Ernstfall selbst verteidigen muss, darf seine Diplomatie nicht länger wie einen Nebenraum der Sicherheit behandeln. Sie ist Teil der Front.

Autor: Redaktion

Artikel veröffentlicht am: Mittwoch, 17. Juni 2026

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