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Irakische Terror-Miliz will Raketen anderer Gruppen übernehmen


Kataib Hisbollah gibt vor, Entwaffnung zu unterstützen, will aber Drohnen, Marschflugkörper und Panzerabwehrwaffen selbst übernehmen. Für die Region ist das ein Warnsignal.

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Im Irak zeigt sich erneut, wie schwach staatliche Kontrolle werden kann, wenn bewaffnete Milizen längst eigene Machtzentren gebildet haben. Die vom Iran gestützte Kataib Hisbollah, eine der gefährlichsten schiitischen Milizen des Landes, hat ein Angebot gemacht, das auf den ersten Blick wie Unterstützung für Entwaffnung klingt, tatsächlich aber das Gegenteil bedeuten könnte. Die Gruppe erklärte, sie sei bereit, Waffen anderer Milizen zu übernehmen, die ihre bewaffnete Tätigkeit einstellen wollen. Besonders brisant: Es geht nicht nur um Gewehre oder Munition, sondern ausdrücklich um Drohnen, Selbstmorddrohnen, Marschflugkörper und Panzerabwehrwaffen.

Kataib Hisbollah ist kein gewöhnlicher Akteur. Die Miliz ist Teil der sogenannten Volksmobilisierungskräfte, die im Irak formal in staatliche Strukturen eingebunden sind. Gleichzeitig operieren Teile dieser Milizen seit Jahren außerhalb wirksamer staatlicher Kontrolle und folgen in zentralen Fragen der Linie Teherans. Genau darin liegt der gefährliche Widerspruch: Eine vom Staat mitfinanzierte Struktur kann zugleich als bewaffneter Arm iranischer Interessen auftreten. Kataib Hisbollah steht auf der US-Liste ausländischer Terrororganisationen. Führende Vertreter der Gruppe wurden von Washington sanktioniert. Dennoch tritt sie im Irak offen als Machtfaktor auf und versucht nun offenbar, aus einer möglichen Entwaffnung anderer Gruppen eigenen Vorteil zu ziehen.

Der Sicherheitsverantwortliche der Miliz, Abu Mujahid al-Assaf, stellte den Vorgang als Beitrag zu Stabilität, Ordnung und Übergabe von Waffen an den Staat dar. Doch seine eigene Formulierung macht deutlich, worum es tatsächlich geht. Kataib Hisbollah wolle helfen, Waffen zu erfassen, zu transportieren und zu lagern. Zugleich erklärte die Gruppe, sie sei bereit, bestimmte Spezialwaffen zu übernehmen, für die staatliche Stellen angeblich keine Fachleute hätten. Darunter nannte er Drohnen, loitering munitions, also kreisende Sprengdrohnen, Marschflugkörper, Panzerabwehrwaffen und weitere Systeme. Außerdem sei man bereit, dafür zu zahlen.

Das ist keine Entwaffnung. Das ist eine Umverteilung gefährlicher Waffen von schwächeren oder aussteigenden Gruppen hin zu einer besonders radikalen und erfahrenen Miliz. Der Staat würde dabei nicht gestärkt, sondern weiter ausgehöhlt. Denn wenn Kataib Hisbollah Spezialwaffen anderer bewaffneter Gruppen aufnimmt, wächst nicht das Gewaltmonopol Bagdads, sondern die Schlagkraft eines iranischen Stellvertreters. Die Sprache der Miliz ist geschickt gewählt. Sie spricht von Ordnung, Unterstützung und Verantwortung. In der Sache geht es um Konzentration militärischer Fähigkeiten.

Besonders auffällig ist die Unterscheidung zwischen Gruppen, die zur sogenannten „islamischen Resistance“ gehören, und jenen, die sich offenbar aus bewaffneten Strukturen zurückziehen wollen. Kataib Hisbollah lobt diejenigen, die angeblich ihre Waffen an den Staat übergeben wollen, macht aber zugleich klar, dass die eigentliche „Pflicht“ des bewaffneten Kampfes von ihr selbst fortgeführt werde. Wer den Kampf verlasse, dürfe das tun. Die Waffen aber, vor allem die hochwertigen, sollten offenbar nicht im staatlichen Arsenal verschwinden, sondern bei jenen landen, die weiter kämpfen wollen.

Für Israel, die Vereinigten Staaten und die gesamte Region ist das ein alarmierendes Signal. Kataib Hisbollah ist seit Jahren Teil des iranischen Netzwerks bewaffneter Stellvertreter. Die Gruppe wurde mit Angriffen auf US-Ziele, Entführungen und Drohnenoperationen in Verbindung gebracht. Ihr früherer Anführer Abu Mahdi al-Muhandis wurde im Januar 2020 gemeinsam mit dem iranischen Quds-Force-Kommandeur Qasem Soleimani bei einem US-Drohnenangriff getötet. Diese Verbindung war kein Zufall. Sie zeigte, wie eng irakische Milizen und die iranischen Revolutionsgarden miteinander verflochten sind.

Auch in jüngerer Zeit blieb die Gruppe im Fokus. Der Fall der entführten Forscherin Elizabeth Tsurkov machte international deutlich, welche Macht solche Milizen im Irak ausüben können. Hinzu kamen Angriffe auf amerikanische Kräfte, darunter der tödliche Drohnenangriff auf drei US-Soldaten in Jordanien. Wenn nun ausgerechnet eine solche Organisation anbietet, Drohnen und Raketen anderer Milizen zu übernehmen, muss man das als strategische Warnung verstehen. Die Waffen verschwinden nicht. Sie könnten nur in professionellere, ideologisch härtere und besser vernetzte Hände gelangen.

Der Irak steht damit vor einem Grundproblem seiner Staatlichkeit. Die Volksmobilisierungskräfte wurden im Kampf gegen den Islamischen Staat zu einem entscheidenden militärischen Faktor. Doch viele ihrer Bestandteile blieben Milizen mit eigener Loyalität, eigener Führung, eigenen Geldströmen und eigener politischer Agenda. Einige sind stärker in staatliche Strukturen eingebunden, andere agieren offener als iranische Stellvertreter. Das Ergebnis ist ein System, in dem der Staat Waffen nicht vollständig kontrolliert, sondern mit bewaffneten Machtblöcken leben muss, die sich selbst als unverzichtbar darstellen.

Kataib Hisbollah nutzt genau diese Lage. Die Miliz präsentiert sich als verantwortungsvoller Ordnungsfaktor, während sie in Wahrheit versucht, den militärischen Kuchen neu zu verteilen. Sie will nicht, dass alle Waffen verschwinden. Sie will, dass die falschen Gruppen geschwächt und die eigenen Strukturen gestärkt werden. Das ist klassische Machtpolitik unter dem Deckmantel der Entwaffnung.

Für Iran wäre eine solche Entwicklung vorteilhaft. Teheran muss nicht jede Miliz gleichermaßen stark halten. Entscheidend ist, dass zuverlässige, ideologisch gefestigte und militärisch brauchbare Gruppen über die wichtigsten Fähigkeiten verfügen. Drohnen, Marschflugkörper und Panzerabwehrsysteme sind keine bloßen Symbole. Sie sind Werkzeuge regionaler Erpressung. Sie können amerikanische Basen treffen, israelische Interessen bedrohen, Golfstaaten einschüchtern und die irakische Regierung unter Druck setzen. Wenn diese Systeme bei Kataib Hisbollah konzentriert werden, wächst der Einfluss der iranischen Achse im Irak weiter.

Auch der Zeitpunkt ist bedeutsam. Die Region befindet sich nach dem jüngsten Iran-Konflikt in einer angespannten Phase. Washington versucht, Druck und Diplomatie gegenüber Teheran auszubalancieren. Israel kämpft gegen iranische Stellvertreter an mehreren Fronten. Im Irak ringen Regierung, Milizen und ausländische Mächte um die Frage, wer tatsächlich über Krieg und Frieden entscheidet. In dieser Lage ist jede Verschiebung von Drohnen und Raketen innerhalb des Milizensystems sicherheitspolitisch relevant.

Die Formulierung, staatliche Stellen hätten für bestimmte Spezialwaffen keine Fachleute, ist besonders entlarvend. Sie klingt wie technische Fürsorge, bedeutet aber politisch: Die Miliz erklärt sich selbst kompetenter als der Staat. Damit beansprucht sie nicht nur Besitz an Waffen, sondern auch Deutungshoheit über Sicherheit. Der Staat soll zusehen, während eine bewaffnete Organisation entscheidet, welche Waffen wohin gehören und wer sie bedienen kann.

Genau das ist der Kern des Problems. Im Irak existiert ein offizieller Staat, aber daneben bestehen bewaffnete Strukturen, die sich wie eigene Souveräne verhalten. Sie sprechen von „Widerstand“, von „Märtyrern“, von „Pflicht“ und von „Jihad“, während sie reale militärische Fähigkeiten sammeln. Diese Sprache soll Legitimität erzeugen. Tatsächlich untergräbt sie die Möglichkeit eines normalen Staates.

Für die Bevölkerung des Irak ist diese Lage gefährlich. Jede Stärkung einer Miliz schwächt langfristig zivile Politik, Rechtsstaatlichkeit und nationale Unabhängigkeit. Ein Land, in dem Terrorgruppen Drohnen und Raketen anderer bewaffneter Formationen „kaufen“ können, ist kein Land, in dem Bürger wirklich sicher sind. Es ist ein Land, in dem die nächste Krise bereits vorbereitet wird.

Für Israel bestätigt der Vorgang einmal mehr, dass die iranische Bedrohung nicht an den Grenzen Irans endet. Teherans Macht liegt gerade in diesem Netzwerk: Hisbollah im Libanon, Milizen im Irak und in Syrien, Huthi im Jemen, dazu Raketen, Drohnen, Geld, Ausbildung und ideologische Bindung. Wer nur auf diplomatische Erklärungen aus Teheran schaut, übersieht die operative Realität. Diese Realität besteht aus Gruppen wie Kataib Hisbollah, die Waffen nicht abgeben, sondern einsammeln wollen.

Die internationale Gemeinschaft sollte diesen Vorgang deshalb nicht als innerirakische Merkwürdigkeit abtun. Es geht um die Frage, ob gefährliche Waffen aus dem Milizensystem verschwinden oder ob sie bei besonders radikalen Akteuren gebündelt werden. Wenn der Irak seine Souveränität ernst nehmen will, darf nicht Kataib Hisbollah entscheiden, wer Drohnen, Marschflugkörper und Panzerabwehrwaffen lagert. Das muss der Staat tun. Und wenn er es nicht kann, bleibt der Irak ein Schauplatz fremder Machtpolitik.

Kataib Hisbollahs Angebot ist deshalb kein Beitrag zur Stabilität. Es ist ein Versuch, unter dem Etikett der Entwaffnung die eigene Schlagkraft zu erhöhen. Genau darin liegt die Gefahr: Die Miliz spricht von Ordnung, meint aber Macht. Sie spricht vom Staat, meint aber sich selbst. Und sie spricht von Sicherheit, während sie die Waffen sammelt, mit denen die nächste Eskalation möglich wird.

Autor: Redaktion

Artikel veröffentlicht am: Donnerstag, 4. Juni 2026

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