World Vision, Hamas und die offene Wunde eines Gaza-Falls
Mohammed el-Halabi bestreitet weiter jede Verbindung zur Hamas. Doch ein israelisches Gericht verurteilte ihn wegen Terrorfinanzierung. Der Fall zeigt, wie schwer humanitäre Arbeit in einem von Hamas kontrollierten Umfeld von Terrorstrukturen zu trennen ist.

Der Fall Mohammed el-Halabi bleibt auch Jahre nach seiner Verurteilung einer der umstrittensten Vorgänge im Zusammenhang mit internationaler Hilfe im Gazastreifen. Der frühere Gaza-Direktor der christlichen Hilfsorganisation World Vision wurde 2016 von Israel festgenommen, 2022 von einem israelischen Gericht wegen Terrorfinanzierung verurteilt und im Februar 2025 im Rahmen eines Geisel-Gefangenen-Abkommens nach Gaza entlassen. Bis heute weist er jede Verbindung zur Hamas zurück.
In einem ausführlichen Interview mit der Jerusalem Post erklärte Halabi, er habe nie für Hamas gearbeitet und auch keine Hilfsgelder oder Materialien an die Terrororganisation weitergeleitet. Das israelische Gericht kam jedoch zu einem anderen Ergebnis. Es sah es als erwiesen an, dass Halabi große Mengen an Eisen, Kunststoff und Grabungswerkzeugen an Hamas weitergegeben habe, um den Bau von Terrortunneln zu unterstützen. Außerdem soll er laut Urteil bereits 2004 von Hamas angeworben worden sein, bevor er später für World Vision arbeitete.
World Vision selbst hat die Vorwürfe stets zurückgewiesen. Die Organisation erklärte nach einer externen Untersuchung, keine Beweise dafür gefunden zu haben, dass Halabi für Hamas gearbeitet oder Hilfsgelder veruntreut habe. Zugleich verwies NGO Monitor auf Unstimmigkeiten in Finanzunterlagen und auf angebliche Zahlungen an Hamas-nahe Personen. Genau darin liegt der Kern dieses Falls: Zwei vollkommen unterschiedliche Erzählungen stehen bis heute nebeneinander.
Halabi beschreibt sich als Opfer eines Verfahrens, das auf falschen Zahlen, geheimen Beweisen und einem erzwungenen Geständnis beruhe. Besonders bemerkenswert ist seine eigene Darstellung, er habe gegenüber israelischen Stellen bewusst überhöhte Angaben gemacht, um die Anklage später angreifbar zu machen. Er erklärte, er habe falsche Informationen gegeben, damit nachgewiesen werden könne, dass die israelische Darstellung nicht stimme. Für seine Kritiker wirkt genau das kaum entlastend. Wer in einem Terrorfinanzierungsfall bewusst falsche Angaben macht, trägt selbst dazu bei, dass Wahrheit und Taktik kaum noch voneinander zu trennen sind.
Auch die Rolle der Hamas bleibt widersprüchlich. Nach Angaben Halabis soll Hamas seine Frau kontaktiert und Bankauszüge verlangt haben, weil die Terrororganisation geglaubt habe, er habe Geld unterschlagen. Damit wollte Halabi offenbar belegen, dass Hamas ihn selbst nicht als eigenen Mann betrachtete. Zugleich zeigt schon diese Darstellung, wie tief Hamas in das Umfeld humanitärer Organisationen in Gaza hineinwirkte. Wenn eine Terrororganisation Mitarbeiter, Ehefrauen und mögliche Zeugen überprüft, dann ist das kein normales ziviles Umfeld. Es ist ein Klima von Kontrolle, Druck und Angst.
Besonders schwer wiegt der Streit um mögliche Zeugen. Halabi und sein Anwalt sagen, Israel habe Zeugen aus Gaza abgeschreckt oder nicht einreisen lassen. NGO Monitor verweist dagegen auf Dokumente, die nahelegen sollen, dass Hamas selbst versucht habe, Aussagen zu beeinflussen und mögliche Belastungszeugen an der Ausreise zu hindern. Wahrscheinlich zeigt gerade dieser Punkt die ganze Tragik des Falls: In Gaza entscheidet nicht nur ein Gerichtssaal über Wahrheit, sondern auch ein Machtapparat, der Zeugen einschüchtern, Informationen kontrollieren und humanitäre Strukturen für eigene Zwecke nutzen kann.
Für Israel ist der Fall deshalb mehr als eine juristische Akte. Er berührt eine Grundfrage des Krieges gegen Hamas: Wie können Hilfsgelder, Baumaterialien und internationale Projekte in einem Gebiet kontrolliert werden, in dem eine Terrororganisation über Jahre staatliche Funktionen, Sicherheitsapparate und zivile Strukturen durchdrungen hat? Israel steht dabei vor einem Dilemma. Humanitäre Hilfe ist notwendig. Doch jede Lücke im Kontrollsystem kann von Hamas ausgenutzt werden, um Tunnel zu bauen, Kämpfer zu versorgen oder internationale Organisationen als Schutzschild zu missbrauchen.
Das bedeutet nicht, dass jede Hilfsorganisation verdächtig ist. Es bedeutet aber, dass naive Vorstellungen von Gaza gefährlich sind. Wer so tut, als könnten internationale Organisationen dort unabhängig von Hamas arbeiten, blendet die Machtverhältnisse aus. Hamas ist nicht irgendeine Partei im Hintergrund. Sie ist eine Terrororganisation, die Gaza über Jahre kontrollierte, Gegner verfolgte, öffentliche Strukturen beherrschte und zivile Not systematisch für politische und militärische Ziele nutzte.
Halabi versucht heute, seinen Namen reinzuwaschen und in die humanitäre Arbeit zurückzukehren. Er lebt nach eigenen Angaben in Nordgaza und sagt, viele Menschen bäten ihn um Hilfe, obwohl er derzeit nicht für internationale Organisationen tätig sei. Ob er unschuldig ist, wie er behauptet, oder schuldig, wie ein israelisches Gericht entschied, bleibt politisch umkämpft. Juristisch aber steht die israelische Verurteilung im Raum.
Der Fall zeigt vor allem eines: In Gaza kann humanitäre Arbeit nicht losgelöst von Hamas betrachtet werden. Wer helfen will, muss genau prüfen, wohin Material, Geld und Verantwortung fließen. Wer das ignoriert, gefährdet nicht nur Israel, sondern auch jene Menschen in Gaza, für die Hilfe eigentlich bestimmt ist. Denn jeder Sack Zement, jedes Werkzeug und jeder Dollar, der in Terrortunnel statt in zivile Infrastruktur fließt, verlängert am Ende das Leid auf beiden Seiten.
Autor: Redaktion
Artikel veröffentlicht am: Sonntag, 31. Mai 2026