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Israel will ans europäische Stromnetz und die Türkei droht mit Konfrontation


Ein 1.200 Kilometer langes Unterseekabel soll Israel, Zypern und Griechenland mit Europas Stromnetz verbinden. Doch Ankara verschärft den Konflikt im Mittelmeer und könnte das Projekt zur Machtprobe machen.

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Das ehrgeizige Stromprojekt zwischen Israel, Zypern und Griechenland nähert sich einem entscheidenden Punkt. Geplant ist ein rund 1.200 Kilometer langes Unterseekabel, das Israel über Zypern und Griechenland mit dem europäischen Stromnetz verbinden soll. Für Jerusalem wäre dieses Projekt weit mehr als eine technische Modernisierung. Es wäre ein strategischer Schritt aus der energiepolitischen Isolation, eine Absicherung kritischer Infrastruktur und ein neues Band zwischen Israel und Europa. Doch genau diese Entwicklung ruft die Türkei auf den Plan.

Während Israel, Zypern und Griechenland auf eine neue Kosten-Nutzen-Analyse für den rund 330 Kilometer langen Abschnitt zwischen Israel und Zypern warten, verschärft Ankara seine Gangart im östlichen Mittelmeer. Die Regierung von Präsident Recep Tayyip Erdogan treibt nach Angaben des Berichts ein Gesetz zur sogenannten „Blauen Heimat“ voran. Dieser Begriff steht in der türkischen Politik für einen weitreichenden Anspruch auf Seegebiete im östlichen Mittelmeer, in der Ägäis und im Schwarzen Meer. In der Praxis geht es um Macht, Einfluss, Energierouten und die Frage, wer in einer der sensibelsten Regionen Europas und des Nahen Ostens Infrastruktur bauen darf.

Das Problem liegt nicht nur in unterschiedlichen Karten. Die Türkei erkennt die Seegrenzen im östlichen Mittelmeer nicht so an, wie sie nach internationalem Verständnis aus den Rechten von Inseln, Küsten und ausschließlichen Wirtschaftszonen abgeleitet werden. Ankara ist nicht Vertragspartei des UN-Seerechtsübereinkommens UNCLOS und folgt einer eigenen Lesart, nach der griechische Inseln im Kern als Verlängerung Anatoliens betrachtet werden sollen. Damit stellt die Türkei Ansprüche infrage, die für Griechenland, Zypern und die internationale Ordnung im Mittelmeer von zentraler Bedeutung sind.

Für Israel ist das keine juristische Nebensache. Das Unterseekabel soll Israel erstmals dauerhaft an das Stromnetz Europas anbinden. Heute ist das israelische Stromsystem weitgehend auf sich gestellt. In normalen Zeiten ist das eine strukturelle Schwäche, in Krisenzeiten kann es zur Gefahr werden. Der Krieg gegen die iranische Bedrohung hat noch einmal gezeigt, wie sehr moderne Staaten von gesicherten Energieanlagen abhängen. Kraftwerke, Leitungen, Umspannwerke und Steuerzentren sind im Ernstfall keine bloßen Wirtschaftsgüter, sondern Ziele, deren Ausfall das zivile Leben, die Sicherheit und die Handlungsfähigkeit eines Landes empfindlich treffen kann.

Ein Anschluss an Zypern und Europa würde Israel in kritischen Situationen zusätzliche Möglichkeiten geben. Wenn Kraftwerke ausfallen, wenn es technische Störungen gibt oder wenn extreme Verbrauchsspitzen auftreten, könnte Israel Strom aus Nachbarländern beziehen. Umgekehrt könnte Israel künftig auch Teil eines größeren regionalen Energieraums werden. Es geht also nicht nur um Kabel auf dem Meeresgrund. Es geht um Resilienz, Abschreckung, Versorgungssicherheit und politische Verankerung Israels in einem europäischen Infrastrukturraum.

Genau diese Annäherung zwischen Israel, Griechenland und Zypern betrachtet Ankara mit Misstrauen. Aus türkischer Sicht bildet sich im östlichen Mittelmeer ein Bündnis, das die eigenen Ansprüche einengt. Es geht um Gas, Strom, Seewege, militärische Reichweite und politische Anerkennung. Die Türkei sieht sich nicht als Zuschauer, sondern als Machtzentrum, das bei jeder größeren Entscheidung in dieser Region berücksichtigt werden will. Wenn das neue Gesetz zur „Blauen Heimat“ kommt, könnte Ankara seine Ansprüche noch stärker in nationales Recht kleiden und daraus eine Grundlage für politische oder sogar militärische Drohungen ableiten.

Wie real diese Gefahr ist, zeigte sich bereits im vergangenen Jahr. Griechenland wollte im Bereich der Inseln Kasos und Karpathos einen Seeabschnitt sperren, um Arbeiten für das Projekt vorzubereiten. Das italienische Spezialschiff „NG Worker“ erreichte den Einsatzort, doch die Arbeiten wurden nach türkischen Drohungen immer wieder verschoben. Ankara soll nach dem Bericht gedroht haben, Kabel zu beschädigen oder zu durchtrennen. Athen entschied sich, keinen einseitigen Schritt zu gehen, um eine direkte militärische Konfrontation zu vermeiden.

Das ist der Kern der neuen Lage. Die Türkei muss ein Projekt nicht offiziell verhindern, um es zu blockieren. Schon die Androhung von Gewalt, die Entsendung von Kriegsschiffen oder die Behauptung eigener Hoheitsrechte kann ausreichen, um Investoren zu verunsichern, Regierungen zu bremsen und Bauunternehmen zur Vorsicht zu zwingen. Infrastruktur im Meer ist teuer, technisch anspruchsvoll und politisch verletzlich. Wer den Zugang zum Arbeitsgebiet bedroht, bedroht am Ende das gesamte Projekt.

Besonders heikel ist der Abschnitt zwischen Kreta und Zypern. Dort trifft die technische Herausforderung eines tiefen und langen Unterseekabels auf die geopolitische Auseinandersetzung mit Ankara. Griechenland, Zypern und Israel wollen vorankommen. Doch die Türkei macht deutlich, dass sie im östlichen Mittelmeer nicht einfach übergangen werden will. Ein griechischer Regierungsvertreter wird mit der Einschätzung wiedergegeben, alles, was im östlichen Mittelmeer geschehe, brauche die Unterstützung der Vereinigten Staaten. Die USA gelten grundsätzlich als Unterstützer des Projekts, doch die persönliche Nähe zwischen Donald Trump und Erdogan sorgt in Athen offenbar für zusätzliche Vorsicht.

Auch die Finanzierung bleibt anspruchsvoll. Der Abschnitt zwischen Griechenland und Zypern wird auf rund 1,9 Milliarden Euro geschätzt. Davon sollen etwa 657 Millionen Euro aus EU-Mitteln kommen. Der Rest wird nach bisheriger Planung zwischen Zypern und Griechenland aufgeteilt, wobei Zypern den größeren Anteil tragen soll. Für den Abschnitt zwischen Israel und Zypern sieht die Lage schwieriger aus, weil die Europäische Union nach den vorliegenden Angaben nicht beabsichtigt, diesen Teil direkt mitzufinanzieren. Deshalb dürften Bankkredite, private Investoren, internationale Fonds und Energieunternehmen eine größere Rolle spielen.

Für Zypern ist das Projekt ebenfalls von hoher Bedeutung. Das Land ist als einziges EU-Mitglied nicht mit dem europäischen Stromnetz verbunden und leidet unter hohen Stromkosten. Ein Anschluss an Griechenland und später an Israel könnte die Insel wirtschaftlich entlasten und strategisch stärken. Deshalb ist Nikosia trotz türkischer Drohungen bereit, das Projekt weiter voranzutreiben. Die zyprische Motivation ist damit doppelt: wirtschaftliche Entlastung und geopolitische Absicherung.

Doch auch hier steht der türkisch-zyprische Konflikt im Hintergrund. Seit der türkischen Invasion von 1974 ist die Insel geteilt. Die sogenannte Türkische Republik Nordzypern wird international nur von der Türkei anerkannt. Ankara beruft sich dennoch auf Rechte dieses Gebildes und nutzt dessen Schutz als politische Begründung für eigene Ansprüche. Jede Infrastruktur, die Zypern ohne türkische Zustimmung im östlichen Mittelmeer vorantreibt, kann deshalb aus türkischer Sicht als Provokation dargestellt werden.

Für Israel entsteht daraus ein schwieriges, aber unvermeidbares Spannungsfeld. Einerseits braucht das Land den Anschluss an regionale und europäische Infrastruktur. Andererseits liegt ein wichtiger Teil dieses Weges in einem Raum, in dem die Türkei seit Jahren versucht, eigene Ansprüche mit politischem Druck, militärischer Präsenz und rechtlichen Sonderdeutungen durchzusetzen. Jerusalem kann das Projekt nicht einfach aufgeben, ohne einen wichtigen strategischen Vorteil preiszugeben. Gleichzeitig kann es nicht ignorieren, dass Ankara bereit ist, wirtschaftliche Infrastruktur als Teil eines größeren Machtkampfs zu behandeln.

Der Streit um das Unterseekabel zeigt damit eine größere Wahrheit über den östlichen Mittelmeerraum. Diese Region ist längst nicht mehr nur Randgebiet europäischer Energiepolitik. Sie ist ein strategischer Raum, in dem Israel, Griechenland, Zypern, die Türkei, die USA und die Europäische Union um Einfluss, Sicherheit und Zukunftswege ringen. Leitungen, Kabel und Seegrenzen sind dabei keine technischen Details. Sie entscheiden darüber, wer verbunden ist, wer abhängig bleibt und wer im Krisenfall Handlungsspielraum besitzt.

Israel hat jedes Interesse daran, dieses Projekt voranzubringen. Nicht aus Prestige, sondern aus nüchterner Sicherheitslogik. Ein Land, das von Iran, Terrororganisationen und regionalen Instabilitäten bedroht wird, darf bei der Energieversorgung nicht alleinstehen. Die Verbindung nach Europa wäre ein Stück strategische Tiefe. Sie könnte im Ernstfall helfen, die Zivilbevölkerung zu schützen, die Wirtschaft zu stabilisieren und den Gegnern Israels einen Teil ihrer Erpressungsmöglichkeiten zu nehmen.

Erdogans Türkei versucht dagegen, den östlichen Mittelmeerraum als Zone eigener Vorherrschaft zu behandeln. Das neue Gesetz zur „Blauen Heimat“ könnte diese Politik noch weiter verhärten. Wenn Ankara künftig jede Unterwasserleitung, jedes Stromkabel und jede maritime Infrastruktur durch seine eigenen Seeansprüche betrachtet, dann wird aus einem Energieprojekt eine gefährliche Machtprobe.

Autor: Redaktion

Artikel veröffentlicht am: Donnerstag, 28. Mai 2026

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