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Hamas verliert in Gaza die Kontrolle über die Angst


In Khan Yunis stellt sich eine bewaffnete Anti-Hamas-Gruppe offen gegen die Terrororganisation. Hamas reagiert mit Drohungen, Propaganda und psychologischem Druck auf die Bevölkerung.

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In Gaza wächst der Druck auf die Hamas nicht nur durch Israel, sondern zunehmend auch von innen. Besonders im Süden des Gazastreifens, in der Region Khan Yunis, versucht eine bewaffnete Gruppe um Hussam al-Astal, sich als Gegenkraft zur Terrororganisation zu etablieren. Al-Astal weist Behauptungen der Hamas zurück, wonach Mitglieder solcher Milizen ihre Seitenwahl bereuten und zur Hamas zurückkehren wollten. Nach seiner Darstellung handelt es sich dabei um gezielte psychologische Kriegsführung. Die Terrororganisation wolle verhindern, dass weitere Familien und junge Männer aus ihrem Machtbereich herauskämen und sich den antiislamistischen Kräften anschlössen.

Die Lage ist brisant, weil sie einen seltenen Einblick in die inneren Spannungen Gazas ermöglicht. Über viele Jahre stellte sich die Hamas nach außen als unangefochtene Herrscherin dar. Sie kontrollierte Sicherheitsapparate, Waffen, Verwaltung, Hilfsgüter, Medienbilder und den öffentlichen Raum. Wer ihr widersprach, musste mit Verhaftung, Folter, Einschüchterung oder Tod rechnen. Nun aber treten im Gazastreifen Gruppen auf, die behaupten, sich genau gegen diese Herrschaft zu stellen. Sie sehen sich nicht als Randerscheinung, sondern als Ausdruck eines wachsenden gesellschaftlichen Bruchs.

Al-Astal erklärte gegenüber der „Jerusalem Post“, Dutzende, sogar Hunderte Menschen versuchten, in die von seiner Gruppe kontrollierte Zone zu gelangen. Die Hamas habe Angst vor dieser Entwicklung und verbreite deshalb Meldungen über angebliche Rückkehrwünsche von Milizionären. Genau das ist der Kern des Konflikts: Die Hamas kämpft nicht nur militärisch um Gelände, sondern auch um Deutungshoheit. Wer den Menschen in Gaza einredet, alle Gegner der Hamas seien Verräter oder Kollaborateure, will verhindern, dass aus vereinzeltem Widerstand eine politische und soziale Alternative entsteht.

Besonders deutlich wird dies an der Rolle der sogenannten Radea-Einheit. Diese Hamas-Spezialtruppe ist dafür zuständig, tatsächliche oder vermeintliche innere Gegner zu verfolgen. Sie behauptete, innerhalb von nur zwölf Stunden zehn Gesuche von Mitgliedern angeblicher „Kollaborateurbanden“ erhalten zu haben, die ihre Sicherheitsakte bereinigen und zu ihrem Volk zurückkehren wollten. Schon die Wortwahl zeigt, worum es geht. Die Hamas spricht nicht von politischen Gegnern, nicht von abtrünnigen bewaffneten Gruppen, nicht von innerpalästinensischem Widerstand. Sie spricht von Verrat, Unterordnung unter Israel und kriminellen Banden. Das ist die Sprache eines Machtapparats, der Angst erzeugen und jede Abweichung moralisch vernichten will.

Gleichzeitig ist die Lage komplizierter, als es beide Seiten darstellen. Eine palästinensische Quelle sagte der Zeitung, eine kleine Zahl von Familien habe sich tatsächlich an die Hamas gewandt, weil ihre Söhne den Anschluss an Milizen bereuten. Die Gründe sollen vor allem in der wirtschaftlichen Not liegen. Es gehe möglicherweise um etwa zehn Fälle unter Hunderten. Die Hamas dürfte solche Männer verhören, um Informationen über Struktur, Waffen, Arbeitsweise und Schwachstellen der Milizen zu gewinnen. Danach könnte sie einzelne Personen freilassen, um andere zum Seitenwechsel zu bewegen. Das wäre ein klassisches Mittel der Einschüchterung und zugleich ein Instrument, um Vertrauen innerhalb der Anti-Hamas-Gruppen zu zerstören.

Al-Astal weist den Vorwurf der Kollaboration scharf zurück. Er argumentiert, seine Leute versteckten sich nicht. Sie seien keine heimliche Gruppe, sondern eine sichtbare Kraft, die gegen die Hamas kämpfe. Nach seinen Angaben begann seine Aktivität vor etwa einem Jahr mit nur wenigen Männern. Inzwischen spreche er von mehreren Hundert Mitgliedern und Unterstützern. Jeden Tag, so sagt er, meldeten sich Zivilisten, Einzelpersonen und Familien, die der Hamas entkommen wollten. Ob diese Zahlen unabhängig überprüfbar sind, bleibt offen. Doch allein die Tatsache, dass solche Aussagen öffentlich gemacht werden, zeigt, wie stark der Machtanspruch der Hamas inzwischen herausgefordert wird.

Für Israel ist diese Entwicklung sicherheitspolitisch hoch relevant. Seit dem Massaker vom 7. Oktober steht Jerusalem vor der Frage, wie Gaza nach der Zerschlagung der Hamas-Strukturen aussehen kann. Eine Rückkehr der Terrororganisation an die Macht würde bedeuten, dass Raketen, Tunnel, Geiselnahmen und Terrorvorbereitungen früher oder später erneut Teil der Realität werden. Zugleich ist klar, dass Israel Gaza nicht dauerhaft verwalten will. Deshalb gewinnen lokale Kräfte, die sich gegen die Hamas stellen, strategische Bedeutung. Sie könnten, wenn sie tragfähig, kontrollierbar und gesellschaftlich akzeptiert wären, ein Baustein für eine neue Ordnung sein. Doch genau an diesem Punkt beginnen die Schwierigkeiten.

Viele Gazaner lehnen die Hamas zwar ab, vertrauen den neuen Milizen aber ebenfalls nicht. Ein Einwohner von Gaza-Stadt sagte, viele Menschen seien frustriert über die Hamas, hielten die Milizen jedoch nicht für organisiert genug und bezweifelten, dass sie Schutz, Verwaltung und Ordnung gewährleisten könnten. Diese Skepsis ist nachvollziehbar. Nach Jahren der Hamas-Herrschaft ist Vertrauen zerstört. Wer in Gaza lebt, hat gelernt, dass bewaffnete Gruppen oft zuerst ihre eigene Macht sichern. Die Menschen fragen nicht nur, wer gegen Hamas ist. Sie fragen, wer Schulen öffnen, medizinische Versorgung organisieren, Lebensmittel verteilen, Sicherheit gewährleisten und Familien schützen kann.

Al-Astal versucht genau hier anzusetzen. Er spricht von einem „neuen Gaza“, von einer Schule in seinem Gebiet, von der Notwendigkeit, nicht nur junge Männer für militärisches Training zu gewinnen, sondern auch Ärzte, Ingenieure und Fachleute, die der Bevölkerung dienen können. Das ist mehr als militärische Rhetorik. Es ist der Versuch, eine politische Botschaft zu formulieren: Gaza soll nicht länger den bewaffneten Parteien gehören, weder der Hamas noch der Fatah, sondern einer jungen Generation, die leben und sich entwickeln will. Besonders bemerkenswert ist seine Aussage, man könne Seite an Seite mit Israel leben. In Gaza ist ein solcher Satz kein taktisches Detail, sondern eine offene Kampfansage an die Ideologie der Hamas.

Die Terrororganisation hat über Jahre jede Vorstellung eines friedlichen Nebeneinanders mit Israel bekämpft. Ihr Herrschaftssystem lebt davon, Israel als ewigen Feind darzustellen und jede zivile Zukunft Gazas dem Kampf unterzuordnen. Für die Hamas ist ein Gazaner, der nicht mehr im Krieg leben will, eine Gefahr. Ein Vater, der seine Kinder zur Schule statt in Tunnel schicken will, eine Mutter, die medizinische Versorgung wichtiger findet als Raketen, ein junger Mann, der Arbeit statt Märtyrerkult sucht, alle werden zu potenziellen Gegnern. Genau deshalb reagiert Hamas so aggressiv auf Gruppen wie jene in Khan Yunis.

Die psychologische Kriegsführung richtet sich nicht nur gegen die Milizen selbst. Sie richtet sich gegen die Bevölkerung. Menschen, die aus Hamas-kontrollierten Gebieten westlich der gelben Linie herauswollen, fürchten laut al-Astal, überwacht, bedroht oder beschossen zu werden. Manche fragen sich, wie ihre Kinder weiter zur Schule gehen können, ob sie ärztliche Hilfe bekommen, ob ihre Familien überleben. Die Hamas nutzt diese Abhängigkeiten. Wer Versorgung, Angst und Gewalt kontrolliert, kontrolliert Bewegungen. Wer Bewegungen kontrolliert, kontrolliert politische Möglichkeiten.

Gleichzeitig darf man die neuen bewaffneten Gruppen nicht romantisieren. Sie sind keine gewählten Institutionen, keine gefestigten Verwaltungen und keine Garantie für eine demokratische Zukunft. Ihre Nähe zu Israel macht sie für viele Palästinenser verdächtig, auch für jene, die die Hamas ablehnen. Zudem ist unklar, wie stabil ihre Strukturen sind, welche lokalen Interessen sie vertreten und ob sie langfristig mehr sein können als bewaffnete Zweckbündnisse. Gerade deshalb ist entscheidend, ob aus solchen Gruppen zivile Ordnung entstehen kann oder nur eine weitere fragmentierte Machtlandschaft.

Doch die bloße Existenz dieser Gruppen zeigt, dass das Bild einer geschlossen hinter Hamas stehenden Bevölkerung falsch ist. Gaza ist nicht Hamas. Gaza besteht aus Familien, Clans, Jugendlichen, Geschäftsleuten, Lehrern, Ärzten, religiösen Menschen, säkularen Menschen, Verzweifelten, Opportunisten, Mutigen und Eingeschüchterten. Die Hamas hat diese Gesellschaft jahrzehntelang mit Gewalt, Ideologie und Patronage geformt, aber nicht jede Seele gewonnen. Wenn Menschen heute sagen, sie hätten genug von Hamas, dann ist das eine politische Tatsache, die international viel zu selten ernst genommen wird.

Für westliche Beobachter ist diese Entwicklung unbequem. Sie passt weder in das einfache Bild vom hilflosen Gaza ohne innere Machtstrukturen noch in die Propaganda der Hamas, die jede abweichende Stimme als Verrat brandmarkt. Wer Gaza wirklich helfen will, muss den Mut haben, über die Hamas-Herrschaft zu sprechen. Nicht nur über israelische Militärschläge, nicht nur über humanitäre Not, sondern über die Terrororganisation, die diese Not seit Jahren politisch nutzt, zivile Räume militarisiert und jeden inneren Widerstand unterdrückt.

Der Bericht aus Khan Yunis macht deutlich: Der Kampf um Gaza wird auch ein Kampf um Angst, Vertrauen und Zukunft sein. Hamas versucht, mit Gerüchten, Verhören und öffentlicher Beschuldigung ihre Gegner zu zersetzen. Al-Astal und seine Leute versuchen, sich als Keimzelle eines anderen Gaza darzustellen. Dazwischen steht eine erschöpfte Bevölkerung, die Sicherheit sucht und zugleich gelernt hat, bewaffneten Versprechen zu misstrauen.

Israel wird diese Entwicklung genau beobachten müssen. Eine tragfähige Nachkriegsordnung entsteht nicht durch Wunschdenken, sondern durch belastbare lokale Strukturen, internationale Unterstützung, klare Sicherheitsgarantien und die dauerhafte Schwächung der Hamas. Wenn sich in Gaza Kräfte bilden, die offen sagen, dass Hamas gehen muss und ein Leben neben Israel möglich ist, verdient das Aufmerksamkeit. Aber diese Kräfte müssen beweisen, dass sie mehr können als kämpfen. Sie müssen schützen, verwalten und Vertrauen gewinnen.

Am Ende zeigt der Fall Khan Yunis vor allem eines: Die Hamas fürchtet nicht nur israelische Soldaten. Sie fürchtet Gazaner, die ihre Herrschaft nicht mehr hinnehmen wollen. Deshalb führt sie psychologische Kriegsführung gegen die eigenen Leute. Deshalb nennt sie Gegner Kollaborateure. Deshalb versucht sie, Zweifel zu säen, bevor aus Angst Widerstand wird. Für Gaza könnte genau dort der wichtigste Bruch beginnen.

Autor: Redaktion

Artikel veröffentlicht am: Mittwoch, 27. Mai 2026

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