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Israels nüchterne Analyse: Abkommen zwischen USA und Iran in Oman kaum realistisch


Kurz vor den Gesprächen in Maskat wächst in Jerusalem die Skepsis. Israels Regierung geht davon aus, dass die Verhandlungen zwischen Washington und Teheran mehr Theater als Durchbruch sein werden.

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Einen Tag bevor hochrangige Vertreter der Vereinigten Staaten und des Iran in der omanischen Hauptstadt Maskat zusammenkommen, herrscht in Israel eine bemerkenswerte Ruhe. Keine hektischen Krisensitzungen, keine dramatischen Warnungen, keine überstürzten Appelle. Stattdessen eine nüchterne, fast ernüchternde Einschätzung: Die Chancen auf ein echtes Abkommen zwischen beiden Seiten sind äußerst gering.

Am Freitag sollen der iranische Außenminister Abbas Araghchi und die Sondergesandten von Präsident Donald Trump, Steve Witkoff und Jared Kushner, in Oman zusammenkommen. Offiziell geht es um Möglichkeiten, den jahrelangen Konflikt zu entschärfen und einen neuen Rahmen für die Beziehungen zwischen Washington und Teheran zu finden. Inoffiziell jedoch stehen die Gespräche unter einem enormen Druck, denn die Erwartungen sind gewaltig und die Differenzen fundamental.

Präsident Trump erklärte in dieser Woche unverblümt, warum der Iran überhaupt bereit ist, an den Tisch zu kommen. Teheran rede mit den Vereinigten Staaten, weil es einen militärischen Schlag fürchte. Diese Aussage spiegelt die gegenwärtige Machtbalance wider. Der Iran ist geschwächt, politisch isoliert und wirtschaftlich angeschlagen. Doch genau diese Schwäche macht ihn zugleich stur und misstrauisch.

Nach Berichten aus arabischen Medien fordert Washington von Teheran eine ganze Liste weitreichender Zugeständnisse. Der Iran soll sein Atomprogramm vollständig zurückbauen, die Reichweite seiner ballistischen Raketen drastisch reduzieren, politische Gefangene freilassen, Waffenlieferungen an regionale Stellvertreter einstellen und sogar seine Ölverkäufe nach China begrenzen. Aus iranischer Sicht ist das kein Verhandlungsangebot, sondern eine Kapitulationsforderung.

Parallel dazu versuchen Katar, die Türkei und Ägypten, eine Art Kompromissformel zu entwickeln. Demnach könnte der Iran die Urananreicherung zunächst auf drei Prozent einfrieren und später sogar auf 1,5 Prozent reduzieren. Bereits produziertes hochangereichertes Uran müsste in ein Drittland ausgelagert werden. Im Gegenzug stünden wirtschaftliche Erleichterungen in Aussicht. Doch auch dieser Plan ist in Israel kaum mehr als eine diplomatische Fußnote.

In Jerusalem herrscht die Überzeugung, dass die grundsätzlichen Interessen beider Seiten unvereinbar bleiben. Der Iran will vor allem wirtschaftliche Entlastung, internationale Anerkennung und ein Ende der Sanktionen. Die USA hingegen wollen eine grundlegende Veränderung des iranischen Verhaltens. Zwischen diesen beiden Polen klafft ein Abgrund.

Besonders deutlich wird dies bei der Frage, welche Themen überhaupt verhandelt werden sollen. Teheran beharrt darauf, ausschließlich über das Atomprogramm zu sprechen. Die Regierung in Washington verlangt jedoch, dass auch die ballistischen Raketen und die Unterstützung terroristischer Stellvertretergruppen auf den Tisch kommen. Genau hier sieht Israel die größte Hürde.

Experten in Tel Aviv weisen darauf hin, dass der Iran kaum Spielraum für echte Zugeständnisse besitzt. Ballistische Raketen sind inzwischen das zentrale Element seiner Abschreckungsstrategie. Nachdem die islamische Republik im vergangenen Jahr militärisch empfindliche Rückschläge hinnehmen musste, stellen diese Raketen das letzte Instrument dar, mit dem Teheran Israel und die Region bedrohen kann. Auf dieses Druckmittel freiwillig zu verzichten, wäre aus Sicht der Mullahs politischer Selbstmord.

Hinzu kommt das tiefe Misstrauen gegenüber den Vereinigten Staaten. In Teheran ist die Erinnerung an den Ausstieg aus dem früheren Atomabkommen noch immer lebendig. Viele Entscheidungsträger glauben, dass jede Zusage Washingtons nur so lange gilt, bis der nächste Präsident sie wieder aufkündigt. Diese Erfahrung macht den Iran vorsichtig, zögerlich und defensiv.

Israels politische Führung verfolgt die Entwicklungen aufmerksam, aber ohne Illusionen. Ministerpräsident Benjamin Netanjahu erklärte vor Abgeordneten der Knesset, er wisse nicht, welche Entscheidungen Trump letztlich treffen werde. Man stehe in engem Kontakt mit der amerikanischen Regierung, doch der Ausgang der Gespräche bleibe völlig offen.

Gleichzeitig machte Netanjahu unmissverständlich klar, dass Israel sich nicht von diplomatischen Experimenten abhängig machen werde. Sollte der Iran erneut versuchen, Israel anzugreifen, werde die Antwort härter ausfallen als jemals zuvor. Diese Botschaft ist sowohl an Teheran als auch an Washington gerichtet. Jerusalem will verhindern, dass ein schwaches Abkommen seine eigene Sicherheit gefährdet.

In israelischen Sicherheitskreisen wächst die Sorge, dass die USA aus innenpolitischen Gründen einen schnellen diplomatischen Erfolg suchen könnten. Präsident Trump will Ergebnisse präsentieren, bevor der nächste Wahlkampf beginnt. Genau darin liegt aus israelischer Sicht die Gefahr. Ein fauler Kompromiss könnte dem Iran Zeit verschaffen, seine militärischen Fähigkeiten weiter auszubauen.

Besonders kritisch wird die Frage gesehen, welche Gegenleistungen der Iran für mögliche Zugeständnisse erhalten würde. Eine Aufhebung der Sanktionen oder die Freigabe eingefrorener Milliardenbeträge könnte das Regime stabilisieren und ihm neue Mittel zur Finanzierung regionaler Gewalt verschaffen. Für Israel wäre das ein strategischer Albtraum.

Auch in Washington selbst sind die Meinungen gespalten. Vizepräsident JD Vance betonte, Trump werde zunächst alle nicht-militärischen Möglichkeiten ausschöpfen. Doch sollte sich zeigen, dass der Iran nicht ernsthaft verhandeln wolle, bleibe die militärische Option auf dem Tisch. Diese Drohung schwebt wie ein Schatten über den Gesprächen in Oman.

Israels Armee bereitet sich derweil auf alle Szenarien vor. Generalstabschef Eyal Zamir machte deutlich, dass man im Falle eines iranischen Angriffs Ziele treffen werde, mit denen Teheran nicht rechne. Hinter diesen Worten steht die Erfahrung der letzten Jahre: Israel verlässt sich nicht auf Versprechen, sondern auf eigene Stärke.

Am Ende bleibt eine ernüchternde Erkenntnis. Die Gespräche in Maskat sind weniger ein echter Friedensprozess als ein diplomatisches Schaulaufen. Beide Seiten testen die Entschlossenheit des anderen, ohne wirklich bereit zu sein, den eigenen Kurs zu ändern. Für Israel bedeutet das, wachsam zu bleiben und sich nicht von Hoffnungen blenden zu lassen.

Die nüchterne Analyse in Jerusalem lautet daher: Ein umfassendes Abkommen ist möglich. Aber nur auf dem Papier. In der Realität stehen sich zwei unversöhnliche Systeme gegenüber, die sich gegenseitig misstrauen und deren Interessen kaum vereinbar sind. Genau deshalb rechnet in Israel kaum jemand mit einem Durchbruch. Und genau deshalb bleibt die Region weiterhin ein Pulverfass.

Autor: David Goldberg
Bild Quelle: By Tasnim News Agency, CC BY 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=181410935

Artikel veröffentlicht am: Donnerstag, 5. Februar 2026

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