Irans Hardliner führten Krieg am Präsidenten vorbei
Pezeshkian soll erst während eines Besuchs im Irak erfahren haben, dass iranische Kräfte Schiffe in der Straße von Hormus angegriffen hatten. Selbst die reguläre Führung der Revolutionsgarden wusste laut einem Bericht nichts von dem Befehl.

Wie viel Kontrolle besitzt Irans politische Führung noch über den eigenen Krieg? Ein Bericht der „New York Times“, den N12 am Samstag aufgriff, zeichnet ein bemerkenswertes Bild: Als Präsident Masoud Pezeshkian im Juli im Irak war, erfuhr er demnach praktisch aus den Nachrichten, dass iranische Kräfte Tanker und andere Schiffe in der Straße von Hormus angegriffen hatten. Pezeshkian soll daraufhin wütend den Kommandeur der Islamischen Revolutionsgarden, Ahmad Vahidi, angerufen und wissen wollen haben, wer den Angriff angeordnet habe. Er bezeichnete das Vorgehen laut Bericht als „rücksichtslos“. Vahidi soll geantwortet haben, auch er habe den Einsatz weder genehmigt noch vorher davon gewusst. Selbst der Oberste Nationale Sicherheitsrat sei nicht informiert gewesen.
Sollte diese Darstellung stimmen, wäre das weit mehr als ein gewöhnlicher Machtkampf zwischen sogenannten Pragmatikern und Hardlinern. Dann hätte eine Fraktion innerhalb des iranischen Sicherheitsapparates Angriffe ausgeführt, die einen Krieg mit den Vereinigten Staaten erneut massiv verschärfen konnten, ohne dass der Präsident, der Chef der Revolutionsgarden oder das höchste nationale Sicherheitsgremium zuvor eingebunden waren.
Die Angriffe waren keineswegs symbolisch. Anfang Juli wurden mehrere Handelsschiffe in der Straße von Hormus getroffen. Washington reagierte mit neuen Angriffen auf iranische Militärziele. Reuters berichtete am 7. Juli von mehr als 80 angegriffenen Zielen, nachdem zuvor drei kommerzielle Tanker attackiert worden waren. Wenige Tage später erklärte die Marine der Revolutionsgarden die Meerenge erneut für geschlossen und griff weitere Schiffe an. Damit war die erst kurz zuvor vereinbarte Waffenruhe faktisch wieder zusammengebrochen.
Spur führt zu Hossein Taeb
Nach dem NYT-Bericht führte die interne Untersuchung schließlich zu Hossein Taeb. Der frühere Chef des Geheimdienstes der Revolutionsgarden und heutige Kommandeur der Basij-Miliz soll erheblichen Einfluss auf die Entscheidung zur Eskalation genommen haben. Danach seien innerhalb der iranischen Führung heftige Auseinandersetzungen ausgebrochen. Zwei ranghohe Generäle hätten mit Rücktritt gedroht, während sich Funktionäre gegenseitig Verrat und Unterwanderung vorgeworfen hätten.
Taeb ist dabei kein unbedeutender Funktionär. Der langjährige Geheimdienstchef gehört zum engsten Umfeld des neuen Obersten Führers Mojtaba Khamenei. Im August wurde er erneut an die Spitze der Basij berufen. Das Institute for the Study of War beschreibt Taeb als langjährigen Vertrauten Khameneis, der bereits bei der Niederschlagung der Proteste von 2009 eine zentrale Rolle spielte.
Damit erhält der Vorgang eine zusätzliche politische Dimension. Taeb ist nicht irgendein Offizier, der eigenmächtig einen Angriff befohlen haben soll. Er gehört zu jenem Machtzirkel, der nach den schweren Verlusten der iranischen Führung durch israelische und amerikanische Angriffe immer größeren Einfluss gewonnen hat.
Schon Monate vor dem jetzt bekannt gewordenen Bericht gab es Hinweise auf genau diesen Konflikt. Im April berichtete Iran International unter Berufung auf Quellen aus dem Umfeld des Präsidenten, Pezeshkian habe Vahidi und andere hochrangige Kommandeure beschuldigt, durch eigenmächtige Angriffe auf Nachbarstaaten die Chancen auf eine Waffenruhe zu zerstören. Auch damals fiel der Name Hossein Taeb.
Im Juli beschrieben das Critical Threats Project und das Institute for the Study of War mindestens drei konkurrierende Lager innerhalb der iranischen Führung. Pezeshkian, Außenminister Abbas Araghchi und Parlamentspräsident Mohammad Bagher Ghalibaf wurden einem Lager zugerechnet, das zu Zugeständnissen bereit war, um den wirtschaftlichen Druck zu verringern. Dem gegenüber stand eine wesentlich härtere Fraktion innerhalb der Revolutionsgarden.
haOlam hatte bereits im Juli über diese zunehmenden Machtkämpfe berichtet. Damals zeigte sich, dass selbst iranische Unterhändler von Hardlinern angegriffen wurden und die Führung keineswegs mit einer Stimme sprach. Im August wurde mit Taeb ausgerechnet ein Mann an die Spitze der Basij gestellt, der für Härte nach innen und enge Verbindungen zum neuen Obersten Führer steht.
Ein Bericht, der auch Teherans Interessen dienen kann
Bei aller Brisanz ist allerdings Vorsicht notwendig. Die Darstellung der „New York Times“ beruht nach Angaben von N12 auf Aussagen hochrangiger iranischer Funktionäre und eines Angehörigen der Revolutionsgarden. Eine unabhängige Bestätigung der internen Entscheidungsabläufe gibt es bislang nicht.
Auch N12 weist ausdrücklich auf ein mögliches Eigeninteresse der Quellen hin. Es könne für Teile des iranischen Apparates attraktiv sein, das Bild einer außer Kontrolle geratenen Hardliner-Fraktion zu zeichnen und damit andere Teile der Führung von der Verantwortung für die Angriffe zu entlasten. Besonders auffällig ist, dass ausgerechnet Taeb als treibende Kraft dargestellt wird. Er gilt als enger Vertrauter Mojtaba Khameneis. Die Vorstellung, er habe eine derart weitreichende Entscheidung völlig losgelöst vom Umfeld des Obersten Führers getroffen, ist zumindest erklärungsbedürftig.
Die grundsätzliche Spaltung lässt sich dagegen unabhängig belegen. Schon im Frühjahr wurde über Konflikte zwischen Pezeshkian und den Revolutionsgarden berichtet. Im Juli dokumentierten Analysten erneut mehrere miteinander konkurrierende Machtgruppen. Im August stärkte Mojtaba Khamenei schließlich gerade jene alten Sicherheitsfunktionäre, die für eine härtere Linie stehen.
Für Israel und die Vereinigten Staaten ist das keineswegs beruhigend. Selbst wenn Pezeshkian tatsächlich nichts von einzelnen Angriffen wusste, macht dies das iranische System nicht ungefährlicher. Im Gegenteil: Wenn diejenigen, die Raketen, Drohnen, Schnellboote und Minen kontrollieren, politische Entscheidungen durch militärische Eskalation erzwingen können, verliert ein Versprechen der zivilen Regierung erheblich an Wert.
Genau das ist das Problem jeder Vereinbarung mit Teheran. Entscheidend ist nicht nur, was Pezeshkian oder ein iranischer Diplomat unterschreibt. Entscheidend ist, ob diejenigen, die in der Straße von Hormus tatsächlich die Waffen kontrollieren, sich daran halten.
Der aktuelle Bericht könnte deshalb zwei Wahrheiten gleichzeitig enthalten: Im iranischen Regime tobt ein realer Machtkampf. Und einzelne Fraktionen haben ein erhebliches Interesse daran, die Verantwortung für einen Krieg, den sie gemeinsam führen, jeweils den anderen zuzuschieben.
Autor: Redaktion
Bild Quelle: KI-generierte Illustration / haOlam.de
Artikel veröffentlicht am: Montag, 14. September 2026