Hormus-Krise verschärft sich: Immer weniger Schiffe passieren die Meerenge
Nur neun Frachtschiffe passierten am Donnerstag die Straße von Hormus, deutlich weniger als im bisherigen August-Durchschnitt. Iran erklärt die strategische Meerenge zu seinem Einflussgebiet, während Washington mit einer zeitlich unbegrenzten Seeblockade droht.

Die Straße von Hormus entwickelt sich immer stärker zum sichtbarsten Schauplatz des Machtkampfes zwischen Iran und den Vereinigten Staaten. Während beide Seiten behaupten, die strategisch entscheidende Wasserstraße kontrollieren zu können, reagieren Reedereien mit Zurückhaltung. Der Schiffsverkehr bleibt deutlich unter dem Niveau, das selbst in diesem bereits von Krieg und Unsicherheit geprägten August erreicht wurde.
Nach Daten des Analyseunternehmens Kpler passierten am Donnerstag neun Frachtschiffe die Meerenge. Am Mittwoch waren es lediglich fünf gewesen. Der bisherige August-Durchschnitt liegt bei zwölf Schiffen pro Tag. Von den neun registrierten Passagen führten fünf in den Persischen Golf und vier hinaus in den Golf von Oman. Die meisten Schiffe nutzten dabei die Route auf der iranischen Seite.
Diese Zahlen erfassen allerdings nur Schiffe, deren automatische Ortungssysteme eingeschaltet waren. Seit Beginn der Auseinandersetzungen fahren immer wieder Schiffe mit abgeschaltetem AIS-Transponder durch die Region. Die tatsächliche Zahl der Passagen kann deshalb höher liegen.
Entscheidend ist dennoch die Entwicklung: Reedereien behandeln die Straße von Hormus weiterhin als Hochrisikogebiet.
Und dafür gibt es Gründe.
Iran erklärt Hormus zu seinem Einflussgebiet
Der neu ernannte Chef der iranischen Basij-Miliz erklärte am Donnerstag, die Meerenge befinde sich unter iranischer „Kontrolle und Verwaltung“.
Washington behauptet praktisch das Gegenteil.
US-Verteidigungsminister Pete Hegseth erklärte, die amerikanische Marine sei in der Lage, die Blockade iranischer Häfen unbegrenzt aufrechtzuerhalten. Schiffe könnten rotiert und die Operation damit über einen langen Zeitraum fortgesetzt werden. Gleichzeitig wolle Washington den wirtschaftlichen Druck auf Teheran erhöhen, nachdem die Gespräche über eine neue Vereinbarung bislang keine Fortschritte gebracht haben.
Damit stehen sich zwei Machtansprüche unmittelbar gegenüber.
Iran versucht zu demonstrieren, dass keine stabile Schifffahrt durch Hormus ohne Zustimmung Teherans möglich ist. Die Vereinigten Staaten wollen dagegen zeigen, dass sie iranischen Seeverkehr blockieren und gleichzeitig die Passage nichtiranischer Handelsschiffe ermöglichen können.
Für Reedereien zählt allerdings weniger, wer die stärkere Presseerklärung veröffentlicht.
Sie müssen entscheiden, ob ein mehrere hundert Millionen Dollar teures Schiff samt Ladung und Besatzung sicher durch die Meerenge kommt.
Die Antwort darauf fällt gegenwärtig offensichtlich zurückhaltend aus.
Noch gefährlicher wurde die Lage am Donnerstagabend. Die Vereinigten Arabischen Emirate werfen Iran vor, zwei Schiffe der staatlichen Abu Dhabi National Oil Company, ADNOC, während ihrer Fahrt durch Hormus angegriffen zu haben.
Verletzte gab es nach Angaben des Unternehmens nicht. ADNOC erklärte, die Situation sei unter Kontrolle gebracht worden. Die Regierung der Emirate machte jedoch Iran für die Angriffe verantwortlich und sprach von einer schweren Bedrohung für die regionale Sicherheit und den internationalen Energiehandel. Iran hatte auf diese konkrete Anschuldigung zunächst nicht reagiert.
Es handelt sich damit bislang um einen Vorwurf der Vereinigten Arabischen Emirate, nicht um unabhängig bestätigte Erkenntnisse über den Urheber der Angriffe.
Für die Schifffahrt macht diese Unterscheidung das Risiko allerdings kaum geringer.
Bereits seit Wochen werden Schiffe angegriffen, gestoppt oder zu Kursänderungen gezwungen. Die USA wiederum setzen selbst militärische Gewalt ein, um ihre Blockade iranischer Häfen durchzusetzen. Reuters berichtete zuletzt über mehrere Schiffe, die wegen angeblicher Verstöße gegen die amerikanische Blockade gestoppt oder außer Gefecht gesetzt wurden.
Hormus wird zum iranischen Druckmittel
Genau darin liegt Teherans strategischer Vorteil.
Iran muss die Straße von Hormus nicht vollständig schließen, um wirtschaftlichen Schaden zu verursachen.
Es reicht bereits, wenn Reedereien nicht mehr sicher wissen, ob ihre Schiffe passieren können.
Jeder Angriff erhöht Versicherungsprämien. Jede Warnung zwingt Reedereien zu neuen Risikoabwägungen. Jeder Tanker, der nicht fährt, verzögert Lieferungen. Und jedes Schiff, das seinen Transponder abschaltet, zeigt, wie ungewöhnlich die Sicherheitslage inzwischen geworden ist.
Schon im Juli war der sichtbare Tankerverkehr zeitweise auf Mehrwochentiefs gefallen. Damals passierten an einzelnen Tagen lediglich sechs oder sieben registrierte Schiffe die Meerenge. Viele Tanker schalteten beim Durchqueren ihre Transponder aus.
Damit erhält Iran ein Druckmittel, das weit über seine militärische Stärke hinausgeht.
Teheran verbindet die Frage der freien Schifffahrt inzwischen mit seinen politischen Forderungen an Washington. Gleichzeitig versucht die amerikanische Regierung, genau diesen Hebel zu brechen, indem sie iranische Häfen blockiert und die eigene Marinepräsenz ausweitet.
Das Problem ist offensichtlich: Beide Strategien erhöhen zunächst das Risiko, bevor sie es senken.
Auch ein zweiter strategischer Seeweg bleibt gefährdet.
Am Bab al-Mandab wurden am Donnerstag laut Kpler 19 Frachtschiffe mit eingeschalteten Transpondern registriert. Am Vortag waren es 20. Dort bedrohen die vom Iran unterstützten Houthis weiterhin die Schifffahrt. Erst wenige Tage zuvor waren bei einem Angriff auf ein Frachtschiff mehrere Besatzungsmitglieder und Rettungskräfte getötet worden.
Damit stehen gleichzeitig zwei der wichtigsten maritimen Engpässe des Nahen Ostens unter erheblichem Druck.
Für Israel ist diese Entwicklung ebenfalls von strategischer Bedeutung. Iran hat trotz der schweren militärischen Schläge der vergangenen Monate einen Weg gefunden, den Konflikt auf eine Ebene zu verlagern, auf der nicht nur militärische Fähigkeiten zählen. Jede Störung in Hormus betrifft Energiepreise, internationale Lieferketten, amerikanische Verbündete am Golf und damit auch Washingtons Bereitschaft, den Konflikt fortzusetzen.
Genau deshalb ist die Frage der Meerenge inzwischen ein zentraler Bestandteil der Verhandlungen zwischen Washington und Teheran.
Iran behauptet, Hormus zu kontrollieren.
Die USA behaupten, diese Kontrolle verhindern und gleichzeitig Iran selbst vom Seehandel abschneiden zu können.
Die Schiffsbewegungen erzählen derzeit eine nüchternere Geschichte:
Keine Seite hat die Lage wirklich unter Kontrolle.
Solange Handelsschiffe ihre Fahrten reduzieren, Transponder abschalten und selbst Tanker aus den Vereinigten Arabischen Emiraten angegriffen werden, bleibt Hormus kein freier Seeweg.
Es bleibt ein militärisches Druckmittel.
Autor: Redaktion
Artikel veröffentlicht am: Freitag, 14. August 2026