Milliarden für US-Waffen – und im Ernstfall allein: Der Golf verliert das Vertrauen in Washington
Saudi-Arabien, Katar und die Emirate verlangen neue Abfangraketen und verbindliche Schutzgarantien. Denn Iran droht bereits mit Präventivschlägen, während Trumps Regierung kein klares Ziel für den Krieg erkennen lässt.

Jahrzehntelang beruhte die Sicherheitsordnung am Persischen Golf auf einem einfachen Versprechen: Die arabischen Staaten kaufen amerikanische Waffen, beherbergen amerikanische Soldaten und stellen Washington strategisch wichtige Stützpunkte zur Verfügung. Im Gegenzug schützt die militärische Übermacht der Vereinigten Staaten ihre Städte, Häfen und Energieanlagen. Nach fünf Monaten Krieg gegen Iran ist dieses Versprechen brüchig geworden. Hinter verschlossenen Türen fragen Regierungen, die Milliarden für Patriot, THAAD, Kampfjets und amerikanische Radarsysteme ausgegeben haben, ob Washington sie im nächsten iranischen Raketenhagel tatsächlich verteidigen wird.
Nach Informationen des „Wall Street Journal“ haben mehrere amerikanische Verbündete am Golf in den vergangenen Wochen zusätzliche Abfangraketen und ausdrückliche Zusicherungen verlangt, dass das US-Militär bei einer erneuten iranischen Angriffswelle eingreift. Der jüngste Verzicht Donald Trumps auf einen vorbereiteten Großangriff hat diese Sorge nicht ausgelöst, aber verschärft. Die Golfstaaten sehen eine amerikanische Regierung, die große Militäraktionen ankündigt, kurzfristig absagt und weiterhin nicht erkennen lässt, welchen Zustand sie am Ende erreichen will. Soll Iran nur die Straße von Hormus öffnen? Soll sein Atomprogramm beendet werden? Sollen Raketenarsenal und Revolutionsgarde dauerhaft geschwächt werden? Oder genügt Washington erneut eine zeitweilige Beruhigung? Auf diese Fragen gibt es bislang keine einheitliche Antwort.
Dabei wünschen die arabischen Nachbarn Irans keineswegs alle einen amerikanischen Angriff. Der saudische Kronprinz Mohammed bin Salman drängte Trump telefonisch, der Diplomatie noch einmal Vorrang zu geben. Auch Katar und Oman bemühen sich um eine Vereinbarung zur Wiederöffnung der Straße von Hormus. Die Vereinigten Arabischen Emirate sollen dagegen für stärkeren amerikanischen Druck eingetreten sein, weil sie bezweifeln, dass die Revolutionsgarde ohne spürbare militärische Kosten nachgibt. Hinter diesen unterschiedlichen Auffassungen steht jedoch dieselbe Furcht: Ein großer amerikanischer Angriff könnte sofort iranische Vergeltung auslösen, ein erneuter amerikanischer Rückzug könnte Teheran jedoch zu noch größeren Drohungen ermutigen.
Teure Abwehrsysteme, aber nicht genügend Raketen
Der Ruf nach neuen Abfangraketen zeigt, wie ernst die Lage ist. Moderne Luftabwehr besteht nicht nur aus Startrampen, Radaranlagen und Kommandozentralen. Entscheidend ist die Zahl der verfügbaren Flugkörper. Jede iranische ballistische Rakete kann den Einsatz mehrerer Abfangraketen notwendig machen. Diese Geschosse kosten Millionen, ihre Herstellung dauert lange, und selbst reiche Staaten können ihre Bestände nicht innerhalb weniger Wochen auffüllen.
Auch die Vereinigten Staaten verfügen nicht mehr über unbegrenzte Reserven. Eine vom Zentrum für strategische und internationale Studien ausgewertete Schätzung geht davon aus, dass der amerikanische Bestand an Patriot-Abfangraketen seit Beginn des Iran-Krieges um mindestens 65 Prozent gesunken ist. Bei THAAD liegt der Rückgang demnach bei mindestens 38 Prozent. Die tatsächlichen Zahlen sind geheim; die Schätzung beruht auf Haushaltsunterlagen und öffentlich zugänglichen Angaben. Sie zeigt dennoch das Problem: Washington soll Israel, seine eigenen Stützpunkte und mehrere arabische Verbündete gleichzeitig schützen, während die benötigte Munition schneller verbraucht als nachproduziert wird.
Das amerikanische Militär könnte deshalb gezwungen sein, bei der Abwehr größere Risiken einzugehen. Statt mehrere Abfangraketen auf ein iranisches Geschoss zu feuern, könnte die Zahl verringert werden. Raketen, deren berechnete Flugbahn in unbewohntes Gelände führt, könnten möglicherweise überhaupt nicht mehr bekämpft werden. Das spart wertvolle Munition, erhöht aber die Gefahr von Fehleinschätzungen und Schäden. Das Pentagon weist Zweifel an seiner Einsatzfähigkeit zurück und erklärt, die Streitkräfte verfügten weiterhin über alle notwendigen Mittel. Gleichzeitig fordert es vom Kongress 67 Milliarden Dollar zur Wiederauffüllung der Bestände. Die bisherige Kriegsführung gegen Iran soll nach Angaben des Verteidigungsministeriums bereits rund 37,5 Milliarden Dollar gekostet haben.
Für die Golfstaaten ist das keine abstrakte amerikanische Haushaltsfrage. Ihre eigenen Luftabwehrsysteme sind von amerikanischer Munition, Ersatzteilen, Software und technischer Unterstützung abhängig. Eine Patriot-Batterie kann noch so modern sein: Sind ihre Magazine leer und neue Flugkörper nicht rechtzeitig verfügbar, verliert sie ihren Wert. Die Regierungen am Golf fürchten deshalb nicht nur, dass Washington politisch zögert. Sie fürchten, dass die Vereinigten Staaten irgendwann zwischen dem Schutz amerikanischer Soldaten, Israels und arabischer Städte wählen müssen.
Der Krieg hat zudem eine bittere Erkenntnis gebracht. Amerikanische Stützpunkte, die jahrzehntelang als Schutzschild galten, machen ihre Gastgeber zugleich zu iranischen Zielen. Teheran betrachtet Einrichtungen in Katar, Bahrain, Kuwait, Saudi-Arabien und den Emiraten als Teil der amerikanischen Kriegsführung, selbst wenn die jeweiligen Regierungen ihre Gebiete nicht für Angriffe freigeben. Aus der Sicht der Golfmonarchien entsteht dadurch ein gefährliches Missverhältnis: Sie tragen das Risiko iranischer Vergeltung, besitzen aber nur begrenzten Einfluss auf die Entscheidungen im Weißen Haus.
Gerade deshalb ist die jüngste iranische Drohung so beunruhigend. Ein iranischer Diplomat soll nach dem Bericht des „Wall Street Journal“ erklärt haben, Teheran beobachte Trumps politische Verwundbarkeit und könne sie ausnutzen. Sollten die Gespräche scheitern, erwäge die Revolutionsgarde möglicherweise Präventivschläge, auch ohne einen vorausgehenden amerikanischen Angriff. Dies ist keine offizielle iranische Kriegserklärung, sondern eine unter Berufung auf eine Quelle wiedergegebene Einschätzung. Sie bedeutet dennoch, dass die Absage der amerikanischen Operation den nächsten Angriff nicht zwangsläufig verhindert. Iran könnte selbst entscheiden, wann es zuschlägt.
Washington muss sagen, was es verteidigen will
Die Gespräche über die Straße von Hormus verstärken das Misstrauen. Außenminister Abbas Araghchi soll einem Vorschlag zugestimmt haben, nach dem Schiffe über iranische Gewässer in den Persischen Golf einfahren und über omanische Gewässer wieder hinausfahren. Aus Teheran kamen jedoch umgehend widersprüchliche Aussagen. Ein dem Verhandlungsteam nahestehender Ansprechpartner bestritt eine Einigung, während militärische Stimmen weiterhin mit einer Blockade drohten. Oman verlangt deshalb die Bestätigung, dass Araghchis Zustimmung auch für die Revolutionsgarde gilt. Solange genau jene bewaffnete Organisation, die Schiffe stoppt und die Meerenge kontrollieren will, nicht eindeutig gebunden ist, gibt es keinen belastbaren Vertrag.
Für die Golfstaaten ist Hormus nicht irgendein Gegenstand diplomatischer Verhandlungen. Vor dem Krieg passierte rund ein Fünftel der weltweiten Öl- und Flüssiggaslieferungen diese Meerenge. Saudi-Arabien und die Emirate besitzen alternative Leitungen und Häfen, können darüber aber nur einen Teil ihrer Ausfuhren abwickeln. Katar ist für den Export seines Flüssigerdgases besonders stark auf die Passage angewiesen. Eine dauerhafte Sperrung bedroht daher nicht nur den Weltmarkt, sondern die wirtschaftliche Grundlage der Staaten, die Washington seit Jahrzehnten als wichtigste Partner in der Region bezeichnet.
Genau hier liegt der Unterschied zwischen ihren Interessen und der bisherigen amerikanischen Politik. Trump betrachtet die hohen Energiepreise vor allem als innenpolitisches Problem vor den Zwischenwahlen. Die Golfstaaten sehen darin eine Gefahr für ihre gesamte Wirtschaftsordnung. Sie bauen neue Städte, Häfen, Fluggesellschaften, Rechenzentren und Tourismusprojekte auf der Voraussetzung, dass die Region berechenbar bleibt. Iran muss kein Land vollständig zerstören, um diese Pläne zu beschädigen. Wiederkehrende Raketenalarme, geschlossene Lufträume, brennende Tanker und unsichere Handelsrouten reichen aus, um Investoren und Besucher abzuschrecken.
Deshalb verlangen die Golfstaaten mehr als den nächsten amerikanischen Angriffsplan. Sie wollen wissen, welche iranischen Fähigkeiten am Ende des Konflikts noch bestehen dürfen. Ein Abkommen, das lediglich Hormus vorübergehend öffnet, aber Raketen, Drohnen und die Revolutionsgarde unangetastet lässt, schützt sie nicht. Eine Vereinbarung, die nur das Atomprogramm behandelt, während Teheran weiterhin ihre Energieanlagen bedroht, genügt ebenfalls nicht. Bereits frühere Gespräche lösten diese grundlegende Frage nicht. Nach einer Feuerpause blieben die arabischen Staaten der Gefahr ausgesetzt, dass Iran seine Auseinandersetzung mit Washington und Israel auf ihrem Gebiet fortsetzt.
Diese Sorge deckt sich in einem entscheidenden Punkt mit Israels Warnungen. Jerusalem fordert seit Langem, dass eine Vereinbarung mit Iran nicht nur aus allgemeinen Versprechen besteht. Atomprogramm, ballistische Raketen, Drohnenproduktion, Terrorverbündete und die Macht der Revolutionsgarde lassen sich nicht voneinander trennen. Der Golf und Israel verfolgen nicht in jeder Frage dieselbe Politik, doch beide tragen die Folgen, wenn Washington einen schnellen Vertrag als Erfolg präsentiert und die militärischen Grundlagen der iranischen Bedrohung bestehen bleiben.
Gleichzeitig können die arabischen Staaten ihre Sicherheit nicht dauerhaft vollständig an die Vereinigten Staaten auslagern. Der Krieg zeigt ihnen, dass selbst die mächtigste Schutzmacht begrenzte Munitionsvorräte, wechselnde politische Ziele und eigene innenpolitische Interessen besitzt. Die wahrscheinliche Folge ist eine stärkere eigene Rüstungsproduktion, eine breitere Auswahl internationaler Partner und der Versuch, iranische Angriffe durch zusätzliche regionale Zusammenarbeit abzuwehren. Das bedeutet nicht zwingend eine Abkehr von Washington. Es bedeutet aber, dass Amerika künftig nicht mehr als einziger und bedingungslos verlässlicher Garant behandelt wird.
Trump kann einen Angriff auf Iran aus guten Gründen verschieben. Ein Krieg darf nicht begonnen werden, nur um Entschlossenheit zu beweisen. Doch wer auf Gewalt verzichtet, muss eine glaubwürdige politische Alternative besitzen. Vage iranische Erklärungen, widersprüchliche Zusagen zur Straße von Hormus und die Hoffnung auf spätere Einzelheiten reichen dafür nicht. Die Verbündeten am Golf verlangen zu Recht eine Strategie, die erklärt, welche roten Linien gelten, wer sie durchsetzt und was geschieht, wenn Iran sie erneut überschreitet.
Die Regierungen in Riad, Doha und Abu Dhabi wollen keinen unkontrollierten Krieg. Sie wollen aber ebenso wenig die Rechnung für eine amerikanische Politik bezahlen, die zwischen Drohung und Verhandlung wechselt, ohne ein erkennbares Ende zu definieren. Ihre Forderung nach Abfangraketen und Schutzgarantien ist deshalb ein Warnsignal. Die jahrzehntelange Sicherheitsordnung am Golf beginnt nicht zu zerbrechen, weil die Staaten Iran plötzlich vertrauen. Sie zerbricht, weil sie Washington nicht mehr sicher vertrauen können.
Autor: Redaktion
Bild Quelle: KI-generierte Illustration / haOlam.de
Artikel veröffentlicht am: Montag, 3. August 2026