Fünf Mordanschläge, weil er Frieden mit Israel fordert
Ghaith al-Tamimi kennt das Umfeld Khameneis und der Hisbollah aus eigener Erfahrung. Heute nennt er Israels Krieg einen Kampf gegen dieselben Kräfte, die auch den Irak zerstört haben. Dafür wird er geächtet und bedroht.

Ghaith al-Tamimi weiß, was seine Worte auslösen können. Im Irak steht auf eine Annäherung an Israel im schlimmsten Fall die Todesstrafe. Der mächtige schiitische Führer Muqtada al-Sadr bezeichnet ihn als Diener der Feinde Gottes und fordert irakische Fernsehsender auf, ihn nicht mehr einzuladen. Sein eigener Stamm hat ihn bereits verstoßen. Nach eigenen Angaben überlebte er fünf Anschläge. Trotzdem sagt der frühere schiitische Geistliche weiter öffentlich, was im Irak kaum jemand auszusprechen wagt: Frieden mit Israel liegt im Interesse seines Landes.
Al-Tamimi lebte lange in Bagdad und bewegte sich nach eigener Darstellung mitten in jener religiösen und politischen Welt, die heute von Iran beherrscht wird. Er berichtet von Begegnungen mit dem früheren iranischen Machthaber Ali Khamenei und mit Männern aus dem Umfeld des Hisbollah-Führers Hassan Nasrallah. Er sei unter Saddam Hussein und später während der amerikanischen Besatzung inhaftiert gewesen und habe unter Terroristen und Ideologen gelebt.
Sein Urteil über diese Kreise ist vernichtend. Er habe die Männer kennengelernt, die sich als Verteidiger des Islam und der arabischen Welt darstellen, tatsächlich aber Gewalt, Unterwerfung und Tod verbreiteten. Seine Nähe zu diesem Milieu habe ihn nicht zu dessen Anhänger gemacht, sondern zu einem entschiedenen Gegner.
Heute sieht al-Tamimi Israel nicht als Feind des Irak. Er sieht im iranischen Regime, seinen Revolutionsgarden und den von Teheran aufgebauten Milizen jene Kräfte, die beide Länder bedrohen. Israel kämpfe seit dem Massaker vom 7. Oktober an mehreren Fronten. Einige dieser Fronten lägen im Irak. Die dortigen bewaffneten Gruppen hätten nicht nur Israel angegriffen, sondern seit Jahrzehnten den irakischen Staat geschwächt, Menschen ermordet und das Land zerstört.
Seine Schlussfolgerung ist deshalb eindeutig: Israels Kampf gegen die iranische Terrorachse entspricht auch dem Interesse des Irak. Al-Tamimi nennt ihn einen Kampf des Lichts gegen die Dunkelheit.
Der 7. Oktober erinnerte ihn an die Verbrechen des IS
Für al-Tamimi war der 7. Oktober kein palästinensischer Aufstand und kein politisch erklärbarer Gewaltausbruch. Er spricht von Mord, Vergewaltigung, Kindstötungen, Grausamkeit und Verrat. Die Verbrechen der Hamas erinnern ihn an den sogenannten Islamischen Staat, der im Irak Jesiden versklavte, Christen vertrieb und Schiiten, Sunniten, Turkmenen sowie andere Minderheiten ermordete.
Damit trifft er einen Punkt, den viele westliche Israelkritiker nicht sehen wollen. Islamistische Terrororganisationen unterscheiden ihre Opfer nach Gelegenheit, nicht nach Menschlichkeit. In Israel ermordeten sie Juden, in Syrien und im Irak töteten sie Muslime, Christen und Jesiden. Ihre Parolen wechseln, ihre Herrschaftsmethode bleibt dieselbe: Angst, religiöser Fanatismus und die Vernichtung jedes Menschen, der sich ihnen widersetzt.
Al-Tamimi hat deshalb kein Verständnis für die Vorstellung, der Hass auf Israel könne dem Irak Freiheit bringen. Die Milizen, die Raketen und Drohnen gegen Israel einsetzen, seien dieselben Kräfte, die sich dem irakischen Staat widersetzen. Nach seinen Angaben unterhalten die iranischen Revolutionsgarden, die Hisbollah und die Houthis Zellen sowie logistische Strukturen auf irakischem Boden. Zwischen diesen Gruppen und staatlichen Sicherheitskräften finde ein Machtkampf statt.
Diese Aussagen lassen sich nicht in jedem Einzelpunkt unabhängig überprüfen. Unbestreitbar ist jedoch, dass Iran über zahlreiche bewaffnete Gruppen im Irak erheblichen Einfluss ausübt und dass irakische Milizen wiederholt Angriffe gegen Israel und amerikanische Einrichtungen für sich beansprucht haben.
Der frühere Geistliche verbindet seine Haltung zu Israel auch mit der Geschichte der irakischen Juden. Jüdische Kaufleute, Ärzte und Rechtsanwälte hätten im Irak über Generationen Vertrauen und Ansehen genossen. Hunderttausende Juden mit irakischen Wurzeln leben heute in Israel und anderen Ländern. Für al-Tamimi sind sie keine Fremden, sondern ein Teil der irakischen Geschichte, dem frühere Regierungen Staatsangehörigkeit, Besitz und Heimat genommen haben.
Ein Frieden zwischen Israel und Irak wäre für ihn deshalb keine künstliche Verbindung. Er wäre die Wiederherstellung einer Beziehung, die durch Antisemitismus, Diktatur und iranischen Einfluss zerstört wurde. Al-Tamimi fordert, irakischen Juden ihre Staatsangehörigkeit und die ihnen entzogenen Dokumente zurückzugeben. Bagdad müsse Teil eines neuen Nahen Ostens und der durch die Abraham-Abkommen begonnenen Zusammenarbeit werden.
Al-Sadr verlangt seine gesellschaftliche Vernichtung
Gerade diese Forderungen machen al-Tamimi zur Zielscheibe. Muqtada al-Sadr, einer der mächtigsten schiitischen Führer des Irak, bezeichnete ihn als fehlgeleitet und warf ihm vor, den Feinden Gottes, des Propheten und des Heimatlandes zu dienen. Irakische Fernsehsender sollten ihn nicht mehr auftreten lassen. Niemand solle mit ihm sprechen oder zusammenarbeiten. Sein Stamm wurde aufgefordert, sich öffentlich von ihm loszusagen.
Al-Tamimi wertet diese Worte als unmittelbare Gefahr für sein Leben. Er weist darauf hin, dass al-Sadr eine strafrechtliche Verfolgung nach dem irakischen Gesetz verlangen könnte. Stattdessen werde er religiös verdammt und öffentlich als Feind gebrandmarkt. In einem Land, in dem bewaffnete Milizen und Stammesverbände erheblichen Einfluss besitzen, kann eine solche Ächtung weit gefährlicher sein als eine formelle Anklage.
Eine ausdrückliche Aufforderung al-Sadrs, al-Tamimi zu töten, ist durch die bislang vorliegenden Berichte nicht belegt. Belegt sind jedoch die Forderung nach einem vollständigen Ausschluss aus den irakischen Medien und der Aufruf an seinen Stamm, ihn öffentlich zu verstoßen. Bereits im Oktober 2024 hatte der Stamm der Bani Tamim erklärt, al-Tamimi aus seinen Reihen auszuschließen, weil er angeblich zum Zionisten geworden sei.
Al-Tamimi berichtet zugleich von fünf Versuchen, ihn zu ermorden. Beim letzten Anschlag hätten Täter ihn und seinen Sohn in seinem Fahrzeug in Bagdad in die Luft sprengen wollen, nahe einem Gebäude des irakischen Nachrichtendienstes. Diese Angaben stammen von ihm selbst und sind bislang nicht unabhängig bestätigt.
Seine Antwort auf die Gefahr ist bemerkenswert. Als man ihn habe töten wollen, obwohl er noch gar nichts getan habe, sei ihm klar geworden, dass Schweigen ihn nicht schützen werde. Deshalb habe er beschlossen, die Regeln zu ändern und offen zu sprechen. Der Kampf sei ihm aufgezwungen worden.
Hinzu kommt ein Gesetz, das jede offene Verständigung mit Israel kriminalisiert. Das irakische Parlament verabschiedete es im Mai 2022 auf Initiative des damaligen politischen Lagers al-Sadrs. Es richtet sich gegen Kontakte, Beziehungen und öffentliche Werbung für eine Normalisierung. Betroffen sind auch Iraker, die im Ausland leben. Als Strafen sieht das Gesetz lebenslange Haft und bei bestimmten Verstößen die Todesstrafe vor.
Damit wird der eigentliche Skandal sichtbar. Al-Tamimi ruft weder zu Gewalt noch zu einem Staatsstreich auf. Er fordert Frieden, die Anerkennung jüdischer Geschichte und ein Ende der iranischen Herrschaft über den Irak. Doch genau diese Forderungen machen ihn in seiner Heimat zum Verbrecher und Verräter.
Seine Gegner müssen den Hass auf Israel mit Gesetzen, Drohungen und gesellschaftlicher Ächtung schützen. Denn ein Frieden zwischen Israel und Irak würde nicht nur eine jahrzehntelange Feindschaft beenden. Er würde auch das wichtigste Machtmittel Teherans angreifen: die Behauptung, jeder Araber und jeder Muslim müsse Israel als ewigen Feind betrachten.
Ghaith al-Tamimi beweist das Gegenteil. Er kennt die Männer Khameneis, die Leute Nasrallahs und die irakischen Milizen. Gerade deshalb hat er sich für Israel und gegen die iranische Achse entschieden.
Für diesen Satz riskierte er nach eigenen Angaben bereits fünfmal sein Leben: Das Interesse des Irak liegt nicht bei Iran. Es liegt im Frieden mit Israel.
Autor: Redaktion
Artikel veröffentlicht am: Mittwoch, 29. Juli 2026